Jakob Jantscher ist nach einem bitteren Ende bei Rizepsor wieder in Österreich. Und vereinslos. Hier spricht er über einen Hals-über-Kopf-Auszug, vermeintliche Fehler in der... Jakob Jantscher: Wer nach China geht will nur die „Marie“

Jakob Jantscher ist nach einem bitteren Ende bei Rizepsor wieder in Österreich. Und vereinslos. Hier spricht er über einen Hals-über-Kopf-Auszug, vermeintliche Fehler in der Karriereplanung, Teamchef Franco Foda – und über Spaß am Kicken. Den er wieder finden will.

Pacta sunt servanda. Verträge sind einzuhalten. Jakob Jantscher kennt diese lateinische Übersetzung. Er hatte Latein in der Schule. Dass Verträge nicht immer eingehalten werden weiß Jakob Jantscher inzwischen, zehn Jahre nach dem erfolgreichen Abschluss der Schule, auch. Sein Vertrag, jener beim türkischen Zweitligisten Rizespor, wurde nicht eingehalten sondern aufgelöst. Beim Treffen mit abseits.at unterscheidet sich Jantschers Kaffee also vom Zustand seines Spielervertrags: der Kaffee ist ein Verlängerter. Über solche Scherze kann der gebürtige Unterpremstättner mittlerweile lachen. Jantscher geht es gut. „Die letzten Monate waren hart. Wir sind froh jetzt wieder daheim zu sein und die Türkei hinter uns zu haben“, sagt er.

Wir, das sind seine Frau Andrada und die kleine Tochter Alma. Seit kurzem wohnen die Jantschers in Grambach bei Graz. Mit Groll blickt „JJ“ auf die Zeit in der Türkei trotz des bitteren Endes nicht zurück. „Rize war wie all meine anderen Stationen eine lehrreiche Zeit. Ich hab leistungstechnisch überzeugt, hab mir relativ schnell einen guten Namen in der ersten Liga gemacht.“ Auch das Drumherum war tadellos. „Viele haben mich gefragt ob ich denn in Zeiten von Terror und politischen Umwälzungen wie dem versuchten Staatsputsch nicht Angst vor dem Leben in der Türkei hab, und ob das Engagement dort nicht auch nachteilig für meine Frau wäre. Stichwort Frauenrechte und so. Aber diese Bedenken hab ich immer zerstreuen können. Wir haben uns immer wohlgefühlt! Die Lage war stets sicher, wir waren viel unterwegs, in Ankara, Istanbul. In Rize selbst bist du als Kicker sowieso der Held. Wenn wir als Familie ins Restaurant essen gingen haben sich die Kellner die Zeit genommen meiner Tochter das Restaurant zu zeigen, damit Andrada und ich ein bisserl für uns sein konnten. Die Menschen sind toll dort. Und die Landschaft…ich hatte hinter meinem Haus wunderschöne Teeplantagen. Es ist paradiesisch schön.“

Das mit der Politik ist eine andere Sache. Jantscher lässt dieses Thema lieber aus. Es gibt ein Foto von ihm da schüttelt ihm der türkische Präsident Recip Erdogan die Hand. „Er war zu Besuch beim Training. Am Dach des Clubheims waren Scharfschützen postiert, Helikopter sind gekreist und im Hafen von Rize haben Kriegsschiffe angelegt. Richtig arg.“ So distanziert zum Thema Politik agierte sein Ex-Kollege und, wie Jantscher, Ex-Sturm-Graz-Kicker Bright Edomwonyi nach dem Erdogan-Besuch nicht: er postete das Foto stolz auf seiner Facebook Seite. Edomwonyi spielt nach wie vor in Rize.

Vertrag aus, Wohnung weg

Politik anderer Art, Vereinspolitik, belastete Jantscher hingegen unmittelbar. Im Sommer stieg Rizespor in letzter Sekunde doch noch ab. Im Verein führt das (in Österreich kennt man sowas) zu einem Domino-Effekt bei dem ein Stein nach dem anderen fällt. Die Steine sind die ausländischen Spieler. „Du darfst in Liga 2 nur mehr mit fünf Ausländern im Kader spielen. Die Vereinsbosse meinten, der Aufstieg müsse auch mit diesem Sparprogramm möglich sein und haben aussortiert. Leider hat’s mich auch getroffen.“ Dazu kam aber dass Jantscher schon zuvor monatelang kein Gehalt sah. „So wollen sie dir zeigen: wir wollen dich loswerden.“ In der Türkei seien solche Methoden normal. Das offene Entgegenkommen von Vereinsseite am Beginn eines Engagements schlägt um. „Als klar war, dass wir den Vertrag einvernehmlich auflösen hat es geheißen: ‚Übrigens, in zwei Tagen musst du aus der Wohnung raus sein und das Auto abgeben.“ Die Jantschers kamen bei einem Freund unter.

Dabei hätte das Abenteuer Türkei schon im Sommer positiv beendet werden können, mit einem Wechsel. Panathinaikos und Nikosia hatten Interesse. Mit dem Zyprioten waren die Verhandlungen schon weit gediegen. Um sich dann zu zerschlagen. Also: Nix tun statt Champions League mit Nikosia. Bis zur endgültigen Vertragsauflösung mit Rizespor. Und einem Gehalts-Verfahren, das inzwischen als Akt bei der FIFA liegt. Entscheidung: offen.

Abstieg auf der Karriereleiter?

Dynamo Moskau, NEC Neijmegen, Luzern, Rizepsor. Von außen betrachtet schaut das nach karriere-technischem Abstieg aus. „Das muss man relativieren“, wendet Jantscher ein. „Überall wo ich gespielt hab war ich erfolgreich, war Stammspieler und auf mich aufmerksam machen können.“ Also nix falsch gemacht? Falsch beraten, vielleicht? Ich hatte immer gute Berater, daran lag’s bei meinen Auslandsstation nicht. Vielleicht hat mir manchmal mein Vater als Ratschlagen-Geber gefehlt, das mag sein (Anm. Jantschers Vater starb vor ein paar Jahren viel zu früh). Was ich mit relativieren meine ist, dass die Fans ja nicht wissen was bei den Klubs intern läuft. Da kommen dann neue Entscheider ans Ruder, setzen ihre Pläne um – und unter Umständen bist du halt nicht in diesen vorgesehen.“ So wie in Rize. Und einfach weg aus Europa? Der arabische Raum war kurz Thema. „Aber da denkst du in erster Linie an deine Familie und die Menschrechtssituation in diversen Staaten.“ Solche Themen bespricht Jantscher sowieso immer mit der ganzen Familie. Auch mit seinem Mutter und seinem Bruder Lukas. China? „Ich trau mich zu behaupten, dass nicht ein einziger westlicher Kicker dorthin geht um sich sportlich zu verbessern. Da zählt nur die ‚Marie‘.“

„Servus Franco!“

Die Gegenwart heißt Heimprogramm. Jantscher hält sich mit Personal Coach Christian Goller fit. Goller trainiert in den USA u.a. Mickey Rourke und Ricky Martin. „Der Jantscher hofft halt, dass ihn jetzt ein heimischer Verein aufnimmt“, heißt es auf sozialen Netzwerken in Kommentaren. „Österreich ist immer Thema, wieso auch nicht? Aber da gibt’s für mich nur einen Verein. Sturm, sonst nix.“ Red Bull schließt er übrigens aus. „Für die bin ich zu alt.“ In Österreich sammelte Jantscher auch seine Titel. Cup-Sieg mit Sturm, Meister und Torschützenkönig bei Red Bull. Er will in erster Linie „wieder den Spaß am Kicken“ finden. Und Leistung zeigen. „Logisch dass ich mich auch wieder ins Nationalteam aufdrängen will.“ Dort ist seit kurzem sein Förderer aus Sturm-Zeiten, Franco Foda, als Übungsleiter im Amt. „Mit ihm hat man die richtige Entscheidung getroffen. Er ist eine meiner Vertrauenspersonen.“ In diesem Moment läutet Jantschers Telefon. Es ist Franco Foda. Er kennt einen Verein, der an Jantscher interessiert sein könnte. Wer denn? „Sorry, aber darüber kann ich nicht sprechen“. Was mit Leuten wie Foda intern besprochen wird, bleibt intern. Das befolgt Jantscher. Er weiß: Verträge sind einzuhalten.

Philipp Braunegger, abseits.at

Philipp Braunegger