Österreichs Probleme mit der Nationalmannschaft im Spitzenfußball sind natürlich multifaktorieller Natur; strukturell, psychologisch, taktisch und auch in anderen Dingen gibt es zahlreiche Aspekte, welche... Costa Rica als Vorbild? | Drei Aspekte, die den österreichischen Fußball ausbremsen

ÖFB FansÖsterreichs Probleme mit der Nationalmannschaft im Spitzenfußball sind natürlich multifaktorieller Natur; strukturell, psychologisch, taktisch und auch in anderen Dingen gibt es zahlreiche Aspekte, welche die Leistung auf höchstem Niveau schon im Vorhinein Grenzen setzen oder sie direkt negativ beeinflussten. Vielfach wird aber die Problematik direkt mit der Einwohnerzahl und der jüngeren Fußballgeschichte begründet; eine Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft strafte diese Ausrede jedoch Lügen.

Costa Rica als Vorbild?

Uruguay, England, Italien, Costa Rica. So lautete eine der beiden medial als „Todesgruppen“ bezeichneten Gruppen dieser Weltmeisterschaft (die andere war jene Gruppe mit Spanien, Australien, Chile und der Niederlande). Die Frage für viele lautete nur: Wer würde aus der Gruppe fallen, England oder Uruguay? Am Ende waren es Topfavorit Italien und die Engländer, welche sich frühzeitig verabschiedeten. Costa Rica beendete die Gruppe ohne Niederlage auf Platz Eins und zeigte auch später herausragende Leistungen.

Es lag sicherlich nicht an der individuellen Qualität; in Bryan Ruiz, Keylor Navas und mit Abstrichen Joel Campbell hat Costa Rica nur drei Spieler mit eindeutigem Potenzial zur internationalen Klasse. Vielmehr war es die taktische Innovation der Lateinamerikaner, die sie zu einem äußerst unangenehmen Gegner machte. Ihr 5-4-1, welches teilweise auch als 5-3-2 oder 5-5-0 interpretiert wurde, besaß eine tolle Abseitsfalle (statistisch die klar erfolgreichste bei der Weltmeisterschaft), sehr saubere gruppentaktische Abläufe, eine hohe Kompaktheit und sehr intelligente Verschiebemechanismen. Die Fünferkette hinten mit der engen Viererreihe davor nahm dem Gegner sämtliche Räume und wurde offensiv mit intelligentem und spielerisch starkem Konterspiel garniert.

Eine solche taktische Innovation oder Vorreiterstellung gab es in Österreich seit den 30ern nicht, als die Schmieranski-Elf unter Hugo Meisl mit Sindelar und Co. zauberte. Ursache dafür ist auch die Trainerausbildung.

Taktische und trainingsmethodologische Schwächen in der Ausbildung

Ein Problem ist die Vermittlung von Inhalten in der Trainerausbildung. Zwar werden umfangreiche Seminare und eine Vielzahl an zusätzlichen Trainerlizenzen zu jenen der UEFA angeboten, der Mehrwert davon ist aber rar. Aus persönlichen Quellen weiß ich, dass manche ohne Wissen zur Funktionsweise und Vermittlung einer einfachen Viererkette eine der höheren Lizenzen schafften und später bei einem ambitionierten Drittligisten eine Rolle als Nachwuchsleiter erhielten. In den führenden Ländern wie Spanien, Deutschland oder der Niederlande eine undenkbare Situation.

Gelehrt werden auch nicht die unterschiedlichen Möglichkeiten oder die Aufforderung zum eigenen Denken, sondern Standardspielzüge und –systeme. Die vom von mir überaus geschätzten Helmut L. Kronjäger öffentlich geäußerte Kritik, dass in Österreich sinngemäß 95% aller Mannschaften das Gleiche in schlecht und schlechter spielen, trifft auch darum vollkommen zu. Neuere trainingswissenschaftliche Aspekte werden nur angeschnitten, ihre Einarbeitung in die Trainingsarbeit bleibt fragwürdig. Dazu kommt, dass zahlreiche Mannschaften – auch im Profibereich – die jüngeren Jahrgänge (teilweise bis zur U14) von ungesichteten und unerprobten Amateurtrainern aufgrund finanzieller Kosten auffüllen lassen.

Das sorgt nämlich für das nächste große Problem.

Schlecht ausgebildetes Spielermaterial

Ohne gute Ausbildung schaffen es nur Toptalente ein hohes Niveau zu erreichen; und auch sie erfüllen nur teilweise ihr Potenzial. Natürlich gibt es in Österreich ein paar Vereine, die eine gute bis sehr gute Nachwuchsarbeit leisten oder einzelne hervorragende Jugendtrainer, doch in der Breite bleibt nicht nur viel Potenzial unausgeschöpft, sondern zahlreiche Spieler werden durch schlechte Förderung in den ersten Jahren ihrer fußballerischen Ausbildung schon mit enormen Nachteilen in bessere Trainerhände übergeben, welche nicht wieder wettzumachen sind.

Dazu kommt das bereits erwähnte Problem der simplen Vermittlung von nur wenigen und sehr simplen taktischen Konzepten. Die österreichischen Jungspieler haben dann beispielsweise Probleme flexibel andere Konzepte anzuwenden, sich in andere Rahmenbedingungen einzufügen oder auch langfristig im Ausland Erfolg zu haben. Zahlreiche österreichische Fußballer, die in der heimischen Liga herausragend waren, scheiterten zwar nicht nur, aber auch deswegen dann im Ausland.

Dies zeigte sich jüngst auch in einer Partie der U21. Die österreichische Jungmannschaft versucht ein ähnliches System wie die eingangs erwähnten Spieler Costa Ricas zu spielen – und wurden prompt abgeschossen. Die gruppentaktischen Abläufe, eine saubere Staffelung in Breite und Tiefe oder kompaktes ballorientiertes Verschieben waren inexistent. Dadurch ließen sie Räume offen und waren ein einfaches Opfer für den überlegenen Gegner.

Solche Niederlagen sorgen dann für ein weiteres Problem: Die Rückbesinnung auf Früheres, welches ebenfalls wenig Erfolg verspricht (beziehungsweise maximal kurzfristig), aber vor zusätzlicher Kritik schützt. Das ist das dritte große Problem.

Keine Vorreiterrolle wegen der fußballerischen Sozialisierung?

In Österreich ist Kritik an Vertretern des heimischen Fußballs Gang und Gäbe. Die Zeitung „Österreich“ kritisierte Marcel Koller ohne Grund aufs Übelste, weil er schlichtweg ein nicht-österreichischer Nationaltrainer ist. In den Amateurligen werden Mannschaften, die mit Raumdeckung und Viererkette verlieren, deutlich früher und stärker kritisiert als jene mit Manndeckung und Libero. In der Bundesliga wird sich eigentlich durchgehend über die heimische Qualität lustig gemacht, obgleich die Lösung für dieses Problem nur gemeinsam und auf seriöse Art und Weise erfolgen kann.

Diese scharfe und zu einfach vorgenommene Kritik sorgt für einen Mangel an Interessenten für mögliche Innovationen; wer will schon versuchen etwas Neues umzusetzen, wenn er dafür weder die Zeit noch die Unterstützung erhält, was in der Konsequenz dazu führt, dass er öffentlich lächerlich gemacht werden wird? Fußball hat in Medien und Gesellschaft in puncto Kritik eine besondere und noch nie dagewesene Stellung eingenommen; sie ist ein weiterer Faktor, welcher dem österreichischen Fußball am Wachstum schadet.

Fazit

Fakt ist, dass ohne eine Korrektur dieser drei Aspekte in Österreich niemals eine solche Erfolgsgeschichte wie jene Costa Ricas bei dieser WM (oder auch Chiles bspw.) repliziert werden kann. Einzelne Trainer in Österreich, wie Peter Stöger, Roger Schmidt, Adi Hütter oder auch der Nationaltrainer Marcel Koller, versuchen auf ihre Weise damit umzugehen und einen höheren Standard zu etablieren; Stöger und Koller durch Variabilität und Sauberkeit in vergleichsweise normalen Konzepten, Schmidt und Hütter etwas innovativer und dabei auch chaotischer. Als Verein ist neben Red Bull unter Ralf Rangnick natürlich auch die SV Ried hier in den letzten Jahren löblich zu nennen. Aber sie sind nur einzelne Protagonisten in einem Konzert der Ahnungslosen, Unkreativen, Inkompetenten und Desinteressierten, welche Österreichs Fußball seit Jahren regieren. Verbesserte Vorgaben des Verbandes von oben und eine konstruktivere Arbeit der Medien gegenüber positiven und vielversprechenden Einzelpersonen wären der Beginn einer besseren fußballerischen Zukunft. Sie würden das Interesse am österreichischen Fußball wecken, welches fundamental für mehr Kompetenz, mehr Ideen, eine verstärkte Umsetzung dieser beiden Eigenschaften und letztlich somit auch die Basis für mehr Erfolg ist.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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