Am 15. November erhält Neo-Nationaltrainer Marcel Koller seine erste Bewährungsprobe. Das österreichische Nationalteam trifft dann im neuen EM-Stadion in Lwiw auf die Ukraine,  die... Nationalteam der Ukraine: Oleg Blochin auf der Suche nach der richtigen Mischung

Am 15. November erhält Neo-Nationaltrainer Marcel Koller seine erste Bewährungsprobe. Das österreichische Nationalteam trifft dann im neuen EM-Stadion in Lwiw auf die Ukraine,  die nächsten Sommer gemeinsam mit Polen die Europameisterschaft austragen wird. Der ukrainische Nationaltrainer Oleg Blochin gab gestern seinen 23-Mann-Kader bekannt.

Am 11. Juni 2012 wird die ukrainische Nationalmannschaft ihr erstes Spiel als selbständiger Staat im Rahmen einer  Europameisterschaft bestreiten. Seit dem Zerfall der Sowjetunion konnte sich das Land noch nie für eine Europameisterschaft qualifizieren. Das Turnier wird dennoch nicht das erste Großereignis für die Ukraine sein, denn im Jahr 2006 qualifizierte sich das Land für die Weltmeisterschaft in Deutschland, wo erst im Viertelfinale gegen Italien Endstation war.

Keine überzeugenden Ergebnisse im Jahr 2011

Oleg Blochin übernahm im April dieses Jahres den Posten des Nationaltrainers und löste den unglücklichen Yuriy Kalitvintsev ab, der fast ein ganzes Jahr als Interimstrainer tätig war.  Kalitvintsev, der im Jahr 2009 mit dem ukrainischen U19-Nationalteam die Europameisterschaft gewann, konnte in acht Spielen nur einmal einen Sieg davontragen und spielte fünfmal Unentschieden. Nach einer 0:2-Heimniederlage gegen Italien wurde Oleg Blochin verpflichtet, der schon zwischen 2003 und 2007 diesen Posten innehatte.  Die älteren Semester werden sich daran erinnern, dass er 1988 als Spieler nach fast 20 Jahren bei Dynamo Kiew noch 41 Meisterschaftsspiele für Vorwärts Steyr bestritt, in denen er immerhin neun Treffer erzielte.

Oleg Blochin feierte bei seinem ersten Länderspiel nach seiner Rückkehr einen 2:0-Sieg gegen Usbekistan,  verlor dann aber die nächsten vier Partien gegen Frankreich (1:4), Schweden (0:1), Uruguay (2:3) und Tschechien (0:4). Bis auf die letzte Partie fanden alle Spiele zu Hause statt. Ein 3:0-Sieg gegen Bulgarien und ein 0:2-Auswärtssieg gegen Estland konnte die Wogen zwar wieder ein wenig glätten, allerdings steht Blochin und seine Mannschaft weiterhin unter Druck und die Fans und Medien fordern einen deutlichen Sieg gegen Österreich.

Auf der Suche nach dem perfekten System

Oleg Blochin ist noch auf der Suche nach dem perfekten System für die Europameisterschaft und hat sowohl seine Mannschaft, als auch seine Spielformation noch nicht gefunden. Der Trainer ließ zuletzt beim Sieg gegen Estland ein 4-2-3-1-System auflaufen, nachdem er zuvor beim 3:0-Sieg gegen Bulgarien und bei der 2:3-Niederlage gegen Uruguay mit einem flachen 4-4-2-System spielen ließ. Beim 0:4-Debakel gegen Tschechien experimentierte er mit einer offensiv ausgerichteten 4-2-1-3-Formation, was aber gründlich daneben ging. Sicher ist im Moment nur, dass er in der Abwehr mit einer Viererkette agiert. Auch wenn Blochin seine Mannschaft noch sucht, so gibt es doch einige Stützen im Team, auf die der Trainer zurückgreifen kann.

Die Stützen des ukrainischen Nationalteams

Im letzten Spiel gegen Estland standen mit Dmytro Chygrynskij und Taras Mykhalyk zwei Innenverteidiger von Beginn an auf dem Platz, die gegen Österreich nicht im Kader stehen. Chygrynskij ist aufgrund eines Muskelfaserrisses nicht dabei und wird erst im Dezember wieder fit werden. Dafür kehrt jedoch der wahrscheinlich stärkste Abwehrspieler der Ukraine nach seiner Blindarmentzündung zurück in den Kader. Yaroslav Rakitskiy ist 22 Jahre alt und schon seit zweieinhalb Jahren Stammspieler bei Shakhtar Donezk. In der Nationalmannschaft erzielte er in zwölf Spielen drei Tore.

Auf den Außenpositionen in der Viererkette dürften sich mit Yevgen Selin und Bogdan Butku zwei junge Spieler durch die Leistungen gegen Estland und Bulgarien einen Stammplatz erkämpft haben.  Besonders Butku ist ein interessanter Mann, der momentan von Shakhtar Donezk an Illichivets Mariupol verliehen wurde und viel Druck nach vorne erzeugen kann. Die mangelnde Routine könnte aber zu einem Problem werden – zusammen bringen es die beiden Außenverteidiger lediglich auf sechs Länderspiele.

Der 32-jährige Bayern-München-Legionär Anatolij Tymoshchuk zieht im defensiven Mittelfeld die Fäden und kann dabei auf eine Erfahrung von 111 Länderspielen zurückgreifen. Timoschtschuk ist Rekord-Nationalspieler der Ukraine und erhielt in seiner Heimat viermal die Auszeichnung zum Fußballer des Jahres. Im Verein hat er weitaus größere Konkurrenz als im Nationalteam, wobei er zuletzt auch beim FC Bayern München wieder einige Spiele über 90 Minuten betritt. In der heurigen Saison begann er in sechs von elf Meisterschaftsspielen und spielte zuletzt auch in der Champions League gegen den SSC Neapel durch.

Andriy Yarmolenko  kann sowohl im Sturm, als auch als Flügelspieler im Mittelfeld eingesetzt werden. Der erst 22-jährige Senkrechtstarter von Dynamo Kiew traf  in der vergangenen Saison elfmal in der Meisterschaft – einen Wert, den er heuer wohl übertreffen wird, denn der vielseitig einsetzbare Spieler erzielte nach 15 Meisterschaftsspielen bisher acht Treffer und präsentierte sich zuletzt in guter Form. Yarmolenko  ist aufgrund seiner physischen Stärke und seiner Geschwindigkeit brandgefährlich bei Eins-gegen-Eins-Situationen. Yarmolenko begann gegen Uruguay auf der ungewohnten rechen Seite, damit Evgen Konoplianka (FC Dnipro Dnipropetrovsk) auf dem linken Flügel spielen konnte. Wenn Yarmolenko auf der linken Seite spielt, dann wird aller Voraussicht nach Oleg Gusev (Dynamo Kiew) im rechten Mittelfeld beginnen. Gusev ist 28 Jahre alt und absolvierte bisher 67 Länderspiele, in denen er acht Treffer erzielte.

Ebenfalls bei Dynamo Kiew unter Vertrag ist der 26-jährige offensive Mittelfeldspieler Aleksandr Aliev, der in der ukrainischen Liga insbesondere wegen seiner genialen Freistöße gefürchtet wird. Der beidbeinige, torgefährliche Stürmer hätte von den Anlagen her das Zeug zum Weltstar, spielt aber trotzdem sowohl bei seinem Verein, als auch im Nationalteam selten 90 Minuten lang durch und wird fast immer ein- oder ausgewechselt.

Chancen auf einen Einsatz hat zudem Andriy Shevchenko, der mehr individuelle Ehrungen hat, als die gesamte österreichische Nationalmannschaft zusammen. Shevchenko befindet sich nach seinem Kieferbruch in passabler Form und traf bei seinem Einsatz gegen Bulgarien zur 2:0-Führung.  Shevchenko hat seine beste Zeit schon hinter sich, ist aber noch immer ein Torgarant, was seine Bilanz bei Dynamo Kiew verdeutlicht. Seit seiner Rückkehr von Chelsea F.C. in sein Heimatland erzielte er in 45 Meisterschaftsspielen 21 Treffer, was einen Torschnitt von 0.46 Prozent ergibt. Heuer traf er bisher in acht Einsätzen viermal.

Shevchenkos größter Konkurrent im Sturm ist sein 26-jähriger Vereinskollege  Artem Milevskiy, der in 161 Meisterschaftsspielen für Dynamo Kiew bis dato 54 Tore erzielte. Der 1.90m große Stürmer ist immer wieder für Assists gut, da er den Ball mit seinem Körper gut abdecken kann und dann im richtigen Moment den tödlichen Pass spielen kann.  Milevskiy ist ein Instinktfußballer, der weiß wo er stehen muss und über einen sehr guten Schuss verfügt. Aufgrund seiner Größe ist er auch in der Luft sehr gefährlich.  Der Kapitän von Dinamo Moskau, Andriy Voronin, steht zwar im Kader der Ukrainer, laboriert aber gerade an einer Sprunggelenksverletzung und wird voraussichtlich höchstens als Joker in die Partie kommen.  Ein interessanter Mann für die Zukunft ist Roman Bezus (FC Vorskla Poltava), der bisher aber noch kein Länderspiel absolvierte und nur in den Nachwuchsmannschaften der Ukraine sein Können unter Beweis stellte.

Die Aufgaben, die Blochin noch zu lösen hat

So wie Marcel Koller ist auch Oleg Blochin auf der Suche nach seinem Stammtorhüter. Gegen Estland feierte der 24-jährige Shakhtar-Donezk-Tormann Aleksandr Rybka sein Debüt im Nationalteam und blieb fehlerlos. Zweiter Tormann ist der 34-jährige Routinier Andriy Dykan, der bei Spartak Moskau unter Vertrag steht. Rybka wechselte vergangene Saison von Obolon Kiew zu seinem jetzigen Arbeitgeber, wo er den Kampf um den Stammplatz gegen Andriy Pyatov für sich entschied.

Mit Rakitskiy kehrt zwar das größte Abwehrtalent der Ukraine in den Kader zurück, allerdings ist diesmal  Chygrynskij verlezt, weshalb der zweite Platz in der Innenverteidigung noch offen ist. Aleksandr Kucher (Schachtar Donetzk) , Vitaliy Mandzuk (FC Dnipro Dnipropetrovsk) und Yevgen Khacheridi (Dynamo Kiew) sind Kandidaten für diese Position. Die beiden Außenverteidiger Selin  und Butko verfügen über wenig internationale Erfahrung und müssen sich bis zur Europameisterschaft erst noch beweisen. Die Viererkette der Ukrainer ist jedenfalls nicht eingespielt, was sich aber bis zur Europameisterschaft noch ändern könnte.

Wenn Oleg Blochin den starken 22-jährgen Evgen Konoplianka (FC Dnipro Dnipropetrovsk) unterbringen will, dann muss  Yarmolenko  wahrscheinlich auf die rechte Seite ausweichen.  Diese Variante, die er bei der 2:3-Niederlage gegen die Ukraine verwendete, ist sicherlich nicht hundertprozentig ideal, aber eine gute Möglichkeit um beide Flügelspieler von Beginn an einzusetzen. Ansonsten kann der 28-jährige Dynamo-Kiew-Spieler Oleg Gusev im rechten Mittelfeld auflaufen. Gusev besitzt zwar mehr Erfahrung als Konoplianka, ist aber weniger dynamisch. Konoplianka kann für mehr Überraschungsmomente sorgen und ist sicher ein Spieler mit einer ganz großen Zukunft.

Fazit

Die Ukraine verfügt insbesondere in der Offensive über tolle Einzelspieler, muss aber bis zur Europameisterschaft einige Aufgaben lösen, wenn sie im eigenen Land für Furore sorgen will. Die Viererkette in der Abwehr ist nicht eingespielt und verfügt zum Teil über wenig Erfahrung. Wenn man sich die Aufstellungen der letzten Partien anschaut, dann kann man gut sehen, dass Oleg Blochin weit davon entfernt ist, eine Stammmannschaft zu haben. Teilweise verhinderten auch Verletzungen, dass sich noch keine Stammelf herauskristallisieren konnte. Blochin und seine Mannschaft nehmen das Testspiel gegen Österreich garantiert ernst,  da sie nach den vielen Niederlagen in diesem Jahr nicht besonders viel Kredit bei den Medien und Fans haben.

Stefan Karger, www-abseits.at

Stefan Karger

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