Österreich startet die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014 mit einer Niederlage. Gegen Gruppenfavorit Deutschland musste sich die rot-weiß-rote Auswahl 1:2 geschlagen geben. Ein Doppelschlag... Taktisch auf Augenhöhe, aber individuell unterlegen – Österreich verliert gegen Deutschland 1:2

Österreich startet die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014 mit einer Niederlage. Gegen Gruppenfavorit Deutschland musste sich die rot-weiß-rote Auswahl 1:2 geschlagen geben. Ein Doppelschlag von Reus bzw. Özil kurz vor und nach der Pause brachte das bis dahin sehr gut spielende ÖFB-Team außer Tritt ehe Junuzovic mit seinem Anschlusstor wieder für Spannung sorgte. Kurz vor dem Schlusspfiff hatte man sogar noch die Chance auf einen Punkt.

Ich entschuldige mich beim ganzen Land. Den Ball kurz vor Schluss muss ich einfach machen, das war mein Fehler, es gibt keine Ausreden“, macht Marko Arnautovic kein Hehl daraus, dass sein Fehlschuss in der 88. Minute seinem Team einen möglichen Punktegewinn kostete. Man sei klar überlegen gewesen, so der Werder-Legionär weiter. Gemessen an den Spielanteilen und auch aus taktischer Sicht kann man dieser Aussage wenig entgegensetzen, allerdings zeigte das Spiel auch, dass die individuelle Lücke zum deutschen Rivalen noch lange nicht geschlossen ist.

Kavlak ersetzt Alaba

ÖFB-Teamchef Marcel Koller setzt weiter auf Kontinuität, nicht nur was den Spielerkader an sich angeht, auch die Startformation ändert der Schweizer nur marginal. Im gewohnten 4-2-3-1-System schickte er seine Mannschaft aufs Feld, stellte im Vergleich zum 2:0-Sieg gegen die Türkei nur auf einer Position um: Arnautovic ersetzte Suttner. Damit ist das Experiment mit Suttner und Fuchs als defensives Duo auf der linken Seite vorerst auf Eis gelegt. Auf der Doppelsechs ersetzte Kavlak erneut den verletzten Alaba. Der Sturm, nominell auf Solospitze Harnik beschränkt, wurde situativ durch den aufrückenden Junuzovic ergänzt – vor allem im Spiel gegen den Ball.

Schmelzer fit, Götze auf der Bank

Auch Bundestrainer Joachim Löw überraschte bei der Nominierung seiner Startelf nicht. Links hinten kehrte Schmelzer nach überstandener Fußprellung zurück. Dadurch schob sich die linke Abwehrseite im Vergleich zum Auftaktsieg gegen die Färöer um eine Position weiter nach rechts. Badstuber, am letzte Freitag Linksverteidiger, bekleidete die linke Innenverteidigerposition, Hummels rutschte nach halbrechts und Mertesacker musste auf die Bank. Wie erwartet bot Löw im Zentrum statt Götze den defensivstärkeren Kroos auf und ließ die Angriffsreihe unverändert. Diese zeigte sich sehr rotationsfreudig, phasenweise sah man Stürmer Klose sogar als Flügelspieler, während Müller das Angriffszentrum und Reus den rechten Flügel beackerte.

Österreichs Pressing überrascht Deutschland

Diese Positionsrochaden sind aber auch zu einem Teil dem Spiel des ÖFB-Teams zuzuschreiben. Die Koller-Elf setzte gleich zu Beginn ein markantes Zeichen, dass man  sich trotz der Außenseiterrolle nicht verstecken wollte. Früh formte man ein hoch stehendes 4-4-2 und setzte die Deutschen schon im Aufbauspiel stark unter Druck. Dabei war vor allem auffällig, dass die beiden Sechser bewusst weit aufrückten und sich in erster Linie ihren deutschen Pendants widmeten. Özil pendelte zwar viel in der Linie zwischen Verteidigung und Mittelfeld, die Schnittstellen zum Real-Star waren aber stets zugestellt – ein Zeichen dafür, dass Baumgartlinger und Kavlak ihre Defensivaufgaben sehr gut erledigten. Nach den Ballgewinnen schaltete das Team gut um und kam zu zahlreichen Tormöglichkeiten – alleine in der ersten Hälfte schoss man neunmal aufs Gehäuse von Neuer.

Kaum Flanken

Auch auf den Seiten ließen die Roten den Weißen kaum Platz zum Atmen, vor allem Arnautovic bestätigte die These, dass er sich für sein Team auch defensiv aufreiben kann. Musste Garics seine Position verlassen, meist weil ihn Reus aus dieser herauszog, sicherte er geistesgegenwärtig den öffnenden Raum ab. In der Vorwärtsbewegung suchte er ungewöhnlich oft den Weg ins Zentrum um von dort aus mit Steilpässen durch die Schnittstellen der Viererkette die deutsche Abwehr zu entblößen. Auch Ivanschitz auf der gegenüberliegenden Seite positionierte sich recht zentral um die Räume vor der Abwehr auszunutzen. Dadurch büßte man an Breite im Angriffsdrittel ein. In aller Regel versuchen dann die Außenverteidiger mit Vorstößen dieses Manko zu beheben, im diesem Fall waren sie aber blockiert. Reus und Müller positionierten sich – auch wenn Österreichweit vorne in Ballbesitz war – extrem hoch und nagelten damit Garics und Fuchs hinten fest. Da den deutschen Außenverteidigern ähnliches widerfuhr bzw. diese eher konservativ auftraten blieben Flanken vor allem in der ersten Halbzeit Mangelware.

Änderungen in der zweiten Hälfte

Die einzig nennenswerte Offensivszene der Außenverteidiger in den ersten 45 Minuten war eine Torchance in der Anfangsviertelstunde, die von Fuchs vorbereitet wurde, als ihn Müller ziehen ließ. Auf Dauer wäre es aber ein zu hohes Risiko gegen ein Team, das selbst Mannschaften wie England oder Argentinien eiskalt auskontert, eine Gleich- oder gar Unterzahl in der Verteidigungslinie in Kauf zu nehmen. Erst mit Fortschreiten der Spielzeit und der Last des 0:2-Rückstands attackierte man die deutschen Außenpositionen. Arnautovic lief immer wieder Schmelzer an, der zusehends Probleme hatte den Österreicher zu bändigen. Von der rechten Angriffsseite kamen mehrere gefährliche Hereingaben, die, mit Ausnahme des Anschlusstreffers, im Rückraum allerdings keinen Abnehmer fanden – Abstimmungsprobleme wie sie innerhalb einer Auswahlmannschaft nahezu unvermeidlich sind. Auch als Koller die Brechstange auspackte – Janko kam für Baumgartlinger – versuchte man über die Seiten zum Erfolg zu kommen – Paradebeispiel: Arnautovics vergebene „Hundertprozentige“ in der Schlussphase.

Keine Anspielstationen im Zentrum

Dass dem ÖFB-Team der Weg über die Außen quasi aufgezwungen wurde, geht jedoch auch auf die fehlenden Anspielstationen im Zentrum zurück. Kavlak agierte viel zu verhalten, stand meist zu tief, während Junuzovic mittlerweile eher zweiter Stürmer als Bindeglied zum Mittelfeld war. Außerdem war mittlerweile kaum ein Spieler zwischen den Linien zu finden, der den Ball leichter eine Ebene höher weiterleiten konnte. Der Weg vom ballbesitzenden Defensivspieler bis zu den Angreifern wurde von der kompletten deutschen Mittelfeldkette bzw. deren Angreifer und gegebenenfalls sogar Abwehrspielern verstellt. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit durch diesen Pulk an Gegenspielern öffnende Vertikalpässe zu spielen.

Individuelle Situationen entscheiden

Spielentscheidend war jedoch weder, dass Anspielstationen im Zentrum fehlten, noch, dass die Österreicher erst vergleichsweise spät die Seiten attackierten, sondern schlicht die individuelle Überlegenheit der Deutschen. Die Art und Weise wie Klose vor dem ersten Tor Prödl aus der Position zog und handlungsschnell Reus schickt ist genauso eine Stürmereigenschaft, die man hierzulande vergeblich sucht, wie jene des Dortmunders, der sich gegen zwei Gegenspieler durchsetzte. Auch das Elfmeterfoul vor dem 0:2 – ungeachtet von Kroos‘ Abseitsstellung davor – demonstrierte, dass die DFB-Spieler im individuellen Bereich etwas weiter sind. Müller suchte bewusst den Kontakt mit dem ungestüm anbrausenden Kavlak, drehte sich zu diesem hin und brauchte nur mehr auf den Pfiff zu warten. Zu guter Letzt muss auch an dieser Stelle nochmal der Fehlschuss von Arnautovic erwähnt werden, ein Trauma wird der 23-Jährige deswegen hoffentlich nicht davontragen.

Alexander Semeliker, abseits.at

 

Alexander Semeliker

@axlsem