Es kommt heutzutage kaum mehr vor, dass Österreicher ihren nördlichen (Sprach)nachbarn von einheimischen Fußballern vorschwärmen. Zwar spielen so viele Austrokicker wie noch nie in... Anekdote zum Sonntag (110):  Urlaubsgrüße aus Berlin

Es kommt heutzutage kaum mehr vor, dass Österreicher ihren nördlichen (Sprach)nachbarn von einheimischen Fußballern vorschwärmen. Zwar spielen so viele Austrokicker wie noch nie in der deutschen Bundesliga, unsere Nachbarn sind aber fußballerisch um einige Klassen höher als wir einzuschätzen. In den 30er-Jahren war das noch anders: Es ist heute kaum mehr vorstellbar, dass die deutschen Fußballschulen damals im kleinen Alpenland nach Fortbildung strebten. Die Erfolge der Wiener Vereine bei internationalen Spielen, die Partien des Wunderteams und zahlreiche Legionäre unter Spielern und Trainern begründeten Österreichs Ruf als kleines, aber feines hochentwickeltes Fußballland mit eigener Spielphilosophie.

Anno 1938 begrüßte ein Großteil der österreichischen Bevölkerung den Anschluss ans Dritte Reich, unzählige „Promenadenmischungen“ schrieben sich plötzlich Siegfried und den Drachen in den Stammbaum und wollten von ihrer donaumonarchischen Vergangenheit nichts mehr wissen. Im Frühling 1938 „schossen“ Hitlers Truppen noch mit Gulaschkanonen und zauberten zahlreiche Propagandamaßnahmen aus dem Hut: Vati bekam nun Arbeit beim Autobahnbahn, während der deutschen Mutter zur Geburt des vierten Kindes das Mutterkreuz verliehen wurde. Buben und Mädchen lockte die braune Mörderbande mit Spiel, Spaß und schwachsinniger Rassenlehre zu diversen Jugendorganisationen. Das Winterhilfswerk schickte sich nach dem Anschluss an, ausgehungerte Kinder zur Erholung ins Altreich zu schicken. Aber nicht nur Erholung, sondern auch ideologische Verfestigung bei ausgewählten Familien sollte am Programm stehen.

Im Mai ’38 wurde folgender Brief eines Wiener Buben an seine Eltern veröffentlicht: „Liebe Eltern! Liebe Geschwister! Ich danke euch für euren Brief! Diese Woche haben mich die Pflegeeltern mit Horst, das ist ihr Kind und mein Freund, ins Berliner Olympiastadion mitgenommen. Mein Freund Horst hat mir alles gesagt. Er ist sehr gescheit und nur ein halbes Jahr älter als ich. Er will einmal zu den Tanks [Panzerregiment, Anmerkung] gehen. Ich möchte auch so eine schwarze Uniform haben. Marine ist auch schön, aber ich glaube, vor so viel Wasser wird mir schlecht. Unser Essen ist knorke. Horst sagt mir, knorke ist [bedeutet, Anmerkung] klaas [klasse, Anmerkung]. Ich kann schon viel Berlinerisch. Horst kann auch Fußballspielen und ein Bild vom Sindelar hat er auch schon gesehen. Ich und Horst und die Pflegeeltern grüßen euch. Heil Hitler! Euer dankbarer Karli!

Sindelars Mannschaft, die Austria, absolvierte in jenem Jahr, in dem Karli zum Urlaub in Berlin weilte, vier Tourneen durch das Altreich. In siebzehn Spielen siegten die Veilchen dreizehn Mal und verloren nur zwei Mal. Der Traditionsklub war mit seiner „Wiener Schule“ gern gesehener Sparringspartner der deutschen Vereine. Fußball sollte in den Jahren des Krieges aber leider sowieso in den Hintergrund treten.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag