Am Donnerstag trifft der Wolfsberger AC im Rahmen der dritten Qualifikationsrunde der UEFA Europa League auf Borussia Dortmund. Beim achtmaligen deutschen Meister wird Thomas... Borussia Dortmund neu – Die ersten Wochen unter Thomas Tuchel

Borussia Dortmund - Wappen mit Farben_abseits.atAm Donnerstag trifft der Wolfsberger AC im Rahmen der dritten Qualifikationsrunde der UEFA Europa League auf Borussia Dortmund. Beim achtmaligen deutschen Meister wird Thomas Tuchel dabei sein Pflichtspieldebüt auf der Betreuerbank feiern. Er beerbte Kulttrainer Jürgen Klopp. Dementsprechend aufmerksam würden die ersten Spiele verfolgt.

Sieben Jahre war Klopp Trainer beim deutschen Traditionsklub, hatte großen Anteil daran, dass die Schwarzgelben wieder zu einem internationalen Topklub wurden. Nachdem die letzte Saison weitestgehend verpatzt wurde, warf er jedoch hin. Tuchel soll dem BVB nun ein neues Gesicht geben. Wie dieses aussehen könnte, konnte man bereits nach den ersten Wochen erkennen.

Flexibilität und Fluidität

Ein großes Manko von Borussia Dortmund in der letzten Saison war die mangelnde Flexibilität. Zunächst gab es zwar durchaus das Bestreben, variabler zu werden – gerade in der Vorbereitung und zu Saisonbeginn sah man unterschiedliche Formationen – letztlich spielte man dann weitestgehend dennoch mit dem eingesessenen 4-2-3-1. Darüber hinaus gab es teils grobe Mängel im Ballbesitzspiel. Der ständige Fokus aufs Gegenpressing mündete gemeinsam mit den schlechten Ergebnissen schließlich im letzten Tabellenplatz. Unter Tuchel sah man in den bisherigen Partien ebenso einige verschiedene Formationen und strategische Ansätze.

Dass er, wie Klopp, davon abweichen wird, scheint unrealistisch, schließlich machte ihn gerade diese Eigenschaft bei Mainz zu einem der begehrenswertesten Trainer in Deutschland. In den Spielen der Asien-Reise agierte Dortmund in einem 4-1-4-1 und gewann damit beide Partien deutlich. Im Spiel gegen den VfL Bochum begann man mit einer 4-4-2-Rautenordnung und wechselte dann auf ein 4-3-3, während gegen den Luzern und Juventus in einem nominellen 4-2-3-1 gestartet wurde. Gerade in der flexiblen Philosophie von Tuchel sind diese Formationen keinesfalls als starr aufzufassen, sondern es war vielmehr so, dass es viele Positionsrochaden gab.

Gute Einbindung der Neuzugänge

Ein anderer auffälliger Aspekt im Spiel der Borussen war, dass die Neuzugänge äußerst gut eingebunden wurden. Im Tor ist Roman Bürki drauf und dran die neue Nummer eins zu werden. Das liegt weniger an seinem starken Spiel auf der Linie sondern vielmehr an seiner Aktivität wenn der BVB in Ballbesitz ist. Der Schweizer rückt teilweise sogar fast auf eine Linie mit den Innenverteidigern. Dies wiederrum eröffnet den Borussen die Möglichkeit, ihre Mittelfeldspieler anderwärtig zu nutzen.

Julian Weigl, der hierzulande vermutlich unbemerkt von 1860 München verpflichtet wurde, zeigte als Solosechser beispielsweise seine sehr guten Anlagen. Vom Spielertyp erinnert er dabei an Nuri Sahin: kleinräumiges Anbieten, aber ein präzises und weitreichendes Passspiel. Ergänzend zu Ballverteiler Weigl spielten im Mittelfeldzentrum meist sehr dynamische und pendelnde Akteure. Einer von ihnen ist Gonzalo Castro, der durch seine intelligenten Bewegungen mehrere Aufgaben übernahm. Er balancierte Vorstöße seiner Mitspieler, öffnete Räume und erzeugte durch seine Vertikaldribblings eine hohe Dynamik oder drang damit in freie Räume vor.

Häufige Flügeldurchbrüche

Neben Castro hat der BVB in Henrikh Mkhitaryan, Ilkay Gündogan und Shinji Kagawa drei weitere flexible Spieler von internationalem Format für die zentralen Positionen. Diese Anlagen scheint Tuchel auch vermehrt in die Ausrichtung einzubinden. Insbesondere im Ballbesitzspiel konnte man daher einige Fortschritte und Änderungen gegenüber der Ausrichtung unter Klopp sehen. Das nachstehende Bild zeigt eine Beispielszene aus dem Testspiel gegen Kawasaki Frontale.

Der Stürmer ist hier aus dem Zentrum zurückgefallen auf die Position des linken Achters. Dieser wiederrum rückte auf die halbrechte Position, von wo aus der rechte Achter tiefer steht. Die Flügelspieler rücken diagonal ein und binden die gegnerischen Außenverteidiger, während die eigenen Außenverteidiger nach vorne schieben. Gemeinsam mit Weigls Abkippen und dem Zugriffsversuch des Gegners ergibt sich dadurch eine Überzahl auf der rechten Seite. Dort kommen sie schließlich auch durch und erzielen nach einem Pass in den Rückraum beinahe ein Tor.

Mechanismen um auf einen Flügel durchzubrechen sah man in den bisherigen Spielen oft. Dabei nutzte Dortmund verschiedene Mittel. Zum einen lokale Überladungen. Entweder wie oben gesehen durch formative Verschiebungen oder durch das Einrücken der Flügelspieler oder durch doppeltes Besetzen der jeweiligen Zone. Beide Außenverteidiger standen dabei sehr hoch. Andererseits kamen sie auch durch schnelle, diagonale Verlagerungen schnell in Strafraumnähe. Hierbei blieb der ballferne Außenverteidiger tiefer und ging dann mit Tempo in den freien Raum, den der einrückende Flügelspieler geöffnet hat.

Außerdem sah man vereinzelt auch Versuche, direkt durch die Schnittstellen der gegnerischen Formation zu spielen. Auch hier gab es verschiedene Ansätze. Entweder dribbelte ein Mittelfeldspieler die Formation an, wodurch ein Gegenspieler aus der Kette herausbrach und man dann mit zwei, drei kurzen Pässen die entstehende Dynamik nutzen wollte, um einen Steilpass zu spielen. Die zweite Möglichkeit waren einfache Vertikalpässe, die dann entweder im Gegenpressing erobert wurden oder ohnehin ankamen. Auch hier spielten die antrittsschnellen und offensiven Außenverteidiger eine entscheidende Rolle. Gegen Luzern gab es von ihnen sogar den einen oder anderen Torabschluss an oder im Strafraum.

Pressing mit drei Stürmern

Unter Tuchel hat der BVB aber nicht nur das Kombinationsspiel verändert, sondern zeigt auch im Spiel gegen den Ball neue Ansätze. Klopp etablierte das 4-4-2-Pressing, wobei Kagawa von der Zehnerposition nach vorne rückte und durch sein bogenförmiges Anlaufen eine revolutionäre Bewegung schuf. Auch hier schien der BVB stur in eine Richtung zu steuern und wirkte letztlich verkrampft. In den Spielen der Sommervorbereitung setzte der BVB weitestgehend auf ein Pressing mit drei Spielern auf der vordersten Linie, die jedoch versetzt standen. Dieses entstand aus den verschiedensten Staffelungen.

In diesem Bild sieht man ein Beispiel aus dem Spiel gegen Bochum, wo die Grundformation ein 4-4-2 mit Mittelfeldraute war. Damit hatte der BVB im Pressing mehrere Möglichkeiten. Wenn man den Gegner früh attackieren wollte, dann rückte der Zehner nach vorne zwischen die Stürmer. So konnte man einerseits den Druck auf die aufbauenden Gegenspieler hoch halten und gleichzeitig die Passwege ins Zentrum versperren.

Die zweite Möglichkeit war, dass der Zehner tief blieb. Dadurch erreichte man eine hohe Kompaktheit im Zentrum. Die vier Spieler verschoben geschlossen und hatten so gute Chancen auf Balleroberungen. Die Stürmer orientierten sich dann in die Breite um die Räume hinter den aufgerückten Außenverteidigern zu besetzen. Die gegnerischen Innenverteidiger standen dann vor der schwierigen Wahl, sich auseinanderziehen zu lassen, wodurch man auf einen Vorstoß des Ballführenden anfällig gewesen wäre, oder eng zu bleiben und damit zu riskieren, die schnellen Stürmer entwischen zu lassen.

Spielten die Borussen in einer anderen Grundordnung pressten sie ebenfalls mit drei Spielern an vorderster Front. Das 4-2-3-1 bzw. 4-1-4-1 ging dann in ein asymmetrisches 4-3-3, bei dem einer der beiden Flügelspieler – gegen Juve war dies meist Mkhitaryan – zurückgezogen wurde und der andere nach vorne schob.

Keine klare Stammelf

Was während Tuchels Zeit in Mainz ebenfalls markant war, war die ständige personelle Rotation. Nur wenige Spieler konnte man als klassische Stammspieler bezeichnen. In Dortmund könnte das ähnlich sein. Ein Kandidat dafür dürfte Marco Reus sein. Der 26-jährige Deutsche bekleidete bisher aber ebenfalls verschiedene Positionen. Im Spiel gegen Kawasaki Frontale spielte er als Stürmer und bewegte sich sehr viel: nach vorne, zurück und auf die Seiten. Gegen Bochum bildete er mit Pierre-Emerick Aubameyang das Sturmduo und konnte mit Tempo aufs Tor ziehen – seine Spezialdisziplin. In Luzern agierte am linken Flügel und überzeugte dabei mit seinem gewohnt starken Spiel im Zwischenlinienraum. Gegen Juve gab er den Zehner.

Neben Reus und Aubameyang versuchte Tuchel in den Testspielen auch zwei unkonventionelle Personalien als Mittelstürmer. Gegen Bochum spielte Kevin Kampl 45 Minuten lang an vorderster Front. Der ehemalige Salzburger fand dort aber kaum ins Spiel, suchte oft zu überhastet den Weg in die Spitze. Als er am vergangenen Dienstag gegen Luzern wieder auf der Seite ran durfte, traf er jedoch prompt. In diesem Spiel war Jonas Hofmann – vom Bewegungsprofil ein ähnlicher Spieler wie Kampl – die Solospitze des 4-2-3-1. Ihm gelang die Einbindung ins Kombinationsspiel viel besser, sodass die Angriffe mit viel Tempo und Struktur vorgetragen werden konnten.

Fazit

Die Erwartungen an Tuchel waren ziemlich groß als er in Dortmund übernahm. Nach einem knappen Monat im Amt dürften sie vermutlich noch höher sein. Der BVB zeigte in seinen bisherigen Auftritten nämlich einen äußerst flexiblen, schnellen, zielgerichteten und weitestgehend erfolgreichen Fußball. Freilich gab es auch einige Instabilitäten und Unsauberkeiten, die noch behoben werden müssen. Im Großen und Ganzen scheint die Übernahme durch den 41-Jährigen aber gut zu funktionieren und Borussia Dortmund darf sich durchaus Hoffnungen auf Titel machen. Unter anderem auch in der Europa League, wo der WAC zum Auftakt kein Stolperstein sein darf.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.