In dieser Serie soll pro Bundesliga-Verein ein Spieler portraitiert werden, der im Vergleich zu den anderen Mannschaften, den Unterschied ausmachen kann. Hierbei sollen nicht... Der feine Unterschied (4) – Diego

In dieser Serie soll pro Bundesliga-Verein ein Spieler portraitiert werden, der im Vergleich zu den anderen Mannschaften, den Unterschied ausmachen kann. Hierbei sollen nicht nur die vermeintlich besten Fußballer, sondern auch die Führungspersönlichkeiten oder interessante Talente, von denen dieses Jahr der große Sprung erwartet wird, begutachtet werden.

Diego (VfL Wolfsburg)

Die Geschichte von Diego Ribas da Cunha ist nicht unbedingt die eines typischen brasilianischen Profis. Ähnlich wie sein Landsmann Kaka, kommt der 27-Jährige aus gutbürgerlichen Verhältnissen und stellt somit eine Ausnahme unter seinen in Europa fußballspielenden Landsleuten da. Andererseits ist Diegos Geschichte doch genau das – die typische Geschichte eine brasilianischen Profis.

Seine europäische Karriere startete beim FC Porto. Dort sollte er den abgewanderten Deco ersetzen. Hier konnte er sich nicht durchsetzen, wobei sich während dieser Zeit bereits beim jungen Diego ein Charakterzug offenbarte, die ihm im Laufe seiner Karriere noch zum Verhängnis werden sollte – der mangelnde Wille sich in schwierigen Situationen durchbeißen zu wollen.

Ausgerechnet im kalten Bremen startete die Karriere des Mittelfeld-Regisseurs so richtig durch. Hier genoss er nach dem Abgang von Mittelfeld-Star Johan Micoud das Vertrauen von Trainer Thomas Schaaf, der seinem hochtalentierten Schützling gleich gewisse Sonderrechte einräumte. Diego dankte es ihm mit teils überragenden Leistungen und wurde zum zentralen Punkt des Bremer Spiels.

Doch Diego wollte höher hinaus, als ihm das biedere Bremen ermöglichen konnte, sahen er und sein engeres Umfeld ihn doch immer auf einer Stufe mit den ganz Großen. Abwanderungsgerüchte waren somit ständig an der Tagesordnung und auch die kurze Liaison mit Pop-Sternchen Sarah Connor kam im beschaulichen Bremen nicht gut an. Auch sein Hang zu Temperamentsausbrüchen auf dem Platz, einhergehend mit so mancher Tätlichkeit, trübte das Bild des doch so sympathisch wirkenden Superstars.

Die Saison 2008/09 war gleichzeitig die letzte und erfolgreichste für den Brasilianer in Bremen. Diego führte Werder zum Sieg im DFB-Pokal und ins Finale des UEFA-Cups, wo er aber  aufgrund einer Sperre nicht mitwirken konnte.

Diego befand sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Ihm lagen zahlreiche Angebote europäischer Spitzenvereine vor. Doch diese Periode sollte einen Schatten über seine Karriere legen. Sein Vater, der gleichzeitig auch sein Berater ist, brachte ihn aufgrund seiner Verhandlungsmethoden in den Verruf des raffgierigen Fußball-Profis.  Eigentlich waren Diego und der FC Bayern sich schon einig; Diegos Vater jedoch sorgte kurz vor dem Abschluss der Verhandlungen dafür, dass sein Sohn das, auch für den Vater, lukrativere Angebot von Juventus Turin annahm.

In Italien konnte er am Anfang zwar noch überzeugen, fand sich nach einigen schwachen Auftritten auf der Bank wieder. Wie schon beim FC Porto konnte oder wollte sich Diego aus dieser Situation sportlich nicht befreien und wechselte bereits nach einem Jahr zurück in die Bundesliga zum VfL Wolfsburg.

Für die meisten Experten machte dieser Transfer jedoch keinen Sinn, hatte Wolfsburg mit Zvjezdan Misimovic doch bereits einen Regisseur, der die Mannschaft ein Jahr zuvor noch zur Meisterschaft führte. Dieser war innerhalb des Teams sehr beliebt und flüchtete nun zu Dinamo Moskau, da ihm deutlich gemacht wurde, dass er wegen 16 Millionen-Mann Diego keinerlei Chancen mehr auf einem Platz im Kader habe. Ein denkbar schlechter Start für Diego bei seinem neuen Verein. Zudem fand er auch auf dem Feld keine Bindung zu seinem neuen Team. Am liebsten wollte er „die Wölfe“ allein zum Sieg schießen und versuchte meist gar nicht erst seine Mitspieler mit einzubinden. Kurz vor Ende der Saison fand sich der VfL im Abstiegskampf wieder und Neo-Trainer Felix Magath hatte den Brasilianer schnell als Sündenbock ausgemacht. Vor dem letzten Saisonspiel strich Magath Diego aus der Startelf. Dieser verließ daraufhin wutentbrannt Mannschaft und Stadion. Ein unverzeihliches Verhalten für einen Disziplinfanatiker wie Magath.

Diegos Ruf war nun endgültig ruiniert und so fand sich in der Sommerpause kein Verein, der die zehn Millionen Ablöse zahlen und die ungefähr acht Millionen Gehalt übernehmen wollte. Letztlich lieh Atletico Madrid den Aussortierten für ein Jahr aus.

Dort fand Diego wieder zu alter Stärke zurück und war einer der Hauptverantwortlichen für den Europa-League-Sieg Atleticos. Die Spanier hätten ihn gerne festverpflichtet und auch Diego wäre gerne in Madrid geblieben. Alles, nur nicht zurück nach Wolfsburg! Die finanzielle Situation des spanischen Hauptstadtclub ist jedoch mehr als prekär. Aufgrund dessen konnte Atletico die von Magath geforderten 15 Millionen Ablöse nicht aufbringen. Auch kein anderer Verein konnte oder wollte dies in der letzten Transferperiode.

So rafften sich Trainer und Spieler notgedrungen auf und bewegten sich aufeinander zu. Diego entschuldigte sich in aller Form für sein Verhalten und auch Magath gab Fehler im Umgang mit dem sensiblen Superstar zu. Auch innerhalb der Mannschaft kam der „neue“ Diego“, der sich nun mannschaftsdienlicher gab, gut an. Überraschenderweise wurde er sogar in den Mannschaftsrat gewählt, während Magath ihn neben Bas Dost zum zentralen Spieler seines Systems machte. Eigentlich ideale Voraussetzungen für einen Spielertyp wie Diego.

Die ersten Saisonspiele liefen jedoch für den VfL und Diego mehr als durchwachsen. Ob diese „Zwangsehe“ wirklich zum Erfolg führen kann, ist dieses Jahr eines der spannendsten Themen der Bundesliga. Falls sich der Erfolg bis zur Winterpause nicht einstellen sollte, wird sich die Beziehung Diego/Wolfsburg wohl einer Neu-Evaluierung unterziehen müssen.

Ral, abseits.at