In dieser Serie soll pro Bundesliga-Verein ein Spieler portraitiert werden, der im Vergleich zu den anderen Mannschaften, den Unterschied ausmachen kann. Hierbei sollen nicht... Der feine Unterschied (5) – Rene Adler

In dieser Serie soll pro Bundesliga-Verein ein Spieler portraitiert werden, der im Vergleich zu den anderen Mannschaften, den Unterschied ausmachen kann. Hierbei sollen nicht nur die vermeintlich besten Fußballer, sondern auch die Führungspersönlichkeiten oder interessante Talente, von denen dieses Jahr der große Sprung erwartet wird, begutachtet werden.

Rene Adler (Hamburger SV)

Wir schreiben den 11. Oktober 2009. Die deutsche Nationalmannschaft tritt zum entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Moskau gegen Russland an. Mit einem Sieg wäre das DFB-Team sicher in Südafrika dabei. Es entwickelt sich ein hochklassiges Spiel, in dem beide Seiten gleichwertig sind. Dank eines Tores von Klose entscheidet Deutschland die Begegnung knapp mit 1:0 für sich. Der gefeierte Spieler an diesem Tag ist aber nicht der Stürmer – nein, es ist Keeper Rene Adler, der den russischen Angriff mit mehreren Weltklasse-Paraden schier in die Verzweiflung treibt. Der Leverkusener hält in diesen Monaten so stark, dass es im gesamten Fußball-Deutschland keinen Zweifel daran gibt, wer bei der Weltmeisterschaft das Tor hüten soll.

Dieses Spiel ist der vorläufige Höhepunkt des rasanten Aufstiegs von Rene Adler. Mit 15 wechselt der gebürtige Leipziger in die Jugend von Bayer Leverkusen. Der Verein ist von dessen Talent so angetan, dass er die ersten Monate sogar bei Torwart-Trainer Rüdiger Vollborn leben darf. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Vater-Sohn-Verhältnis und Vollborn wird zu einem der größten Förderer Adlers. Aber wie es in der Karriere eines jungen Torhüters nun mal so ist, braucht man nicht nur Talent, sondern auch das nötige Glück.

Dies scheint Adler aber zunächst nicht vergönnt zu sein. 2006 zieht er sich einen Haarriss in der Rippe zu und fällt für eine längere Zeit aus. Doch kurz nach seiner Verletzung überrennt ihn die Glücksgöttin Fortuna förmlich. Leverkusens etatmäßiger Keeper Hans-Jörg Butt fällt aufgrund einer Rotsperre für mehrere Spiele aus. Adlers große Chance ist gekommen – und er nutzt sie. Im restlichen Kalenderjahr 2007 hält er überragend, sowie die gesamte Saison 07/08 über. Somit wird der Keeper auch zwangsläufig ein Thema für die Post-Lehmann-Ära in der deutschen Nationalmannschaft, um dessen Erbe er sich mit Robert Enke und Manuel Neuer streitet. Aufgrund einer Verletzung von Enke steht er im September 2008, ebenfalls gegen Russland, das erste Mal im Nationaldress zwischen den Pfosten. Adler hält großartig und verschafft sich so einen Vorsprung gegenüber seinen Konkurrenten.

Doch kurz vor dem angedachten Höhepunkt seiner Karriere schlägt das Schicksal erbarmungslos zu. Wenige Wochen vor der WM 2010 verletzt sich Adler erneut an den Rippen. Er kämpft verbissen darum, doch noch rechtzeitig fit zu werden – vergebens. Sein Stellvertreter Manuel Neuer wird zu einem der vielen Gewinner der WM 2010 im DFB-Team und bleibt damit die unumstrittene Nummer eins in Deutschland.

Adler scheint diese Tatsache nicht sonderlich gut wegstecken zu können. Die Saison 10/11 verläuft mehr als durchwachsen. In der Vorbereitung auf die neue Saison will er aber wieder voll angreifen und sich seinen Platz als Nummer ein der deutschen Nationalmannschaft zurückholen. Doch dann verletzt er sich im Vorfeld der Saison 11/12 erneut schwer, diesmal an der Patellasehne. Eine OP, sowie eine längere Pause, sind unausweichlich. Leverkusen reagiert mit der Verpflichtung von Bernd Leno vom VfB Stuttgart, der gleich voll einschlägt. Von Adler, der sich in der Reha quält, spricht ab da niemand mehr.

Nachdem klar wird, dass man in Leverkusen auch zukünftig auf den um einiges jüngeren Leno setzen will, muss sich Adler einen neuen Verein suchen. Der Manager des HSV, Frank Arnesen, will Adler unbedingt und so wechselt er vor der neuen Saison nach Hamburg. Doch zunächst muss sich der Torhüter vorkommen wie im falschen Film. Zwar wird er schnell zum Führungsspieler und, was noch wichtiger, er findet das Vertrauen in seine Fähigkeiten wieder, jedoch geht es beim HSV zum Anfang der Saison drunter und drüber. Adler ist zunächst der einzige namhafte Neuzugang, obwohl das Team dringend Verstärkung braucht. Die ersten Testspiele sind eine einzige Katastrophe, Mitspieler gehen im Training aufeinander los und auch der Bundesligastart wird zum Desaster. Die Mannschaft spielt wie ein Absteiger. Der Einzige, der in diesen Tagen in Hamburg als Gewinner gelten kann, ist Rene Adler. Er hält teilweise Weltklasse, kann damit aber nichts anderes als höhere Niederlagen verhindern.

In Hamburg schrillen alle Alarmglocken. Dank der Hilfe eines Investors, verpflichtet der HSV seinen „verlorenen Sohn“ Rafael van der Vaart. Nach Wochen der Depression entsteht so etwas wie Aufbruchstimmung an der Elbe.

Jedoch, der stärkste und zuverlässigste Spieler bleibt Rene Adler, der unter anderem am letzten Spieltag beim 1:0-Sieg in Fürth drei „Unhaltbare“ rausholt und somit mal wieder zum Matchwinner wird. Das Comeback des 27-jährigen bleibt natürlich auch von Joachim Löw nicht unbemerkt, der Adler Hoffnungen macht, bald wieder im Kader der deutschen Nationalmannschaft zu stehen. Verdient hätte er es allemal.

Ral, abseits.at