Im Sommer 2011, nachdem er Borussia Dortmund zum siebten Meistertitel führte, sah sich Nuri Sahin bereit für den nächsten Schritt in seiner Karriere. Mit... Der verlorene Sohn ist zurück: Ist für Nuri Sahin bei Borussia Dortmund noch Platz?

Borussia DortmundIm Sommer 2011, nachdem er Borussia Dortmund zum siebten Meistertitel führte, sah sich Nuri Sahin bereit für den nächsten Schritt in seiner Karriere. Mit dem Titel „Spieler der Saison 2010/11“ wechselte der Türke zu Real Madrid, wo er einen langfristigen Vertrag bis 2017 unterschrieb. Doch weder beim weißen Ballett noch in Liverpool, wohin er im Sommer verliehen wurde, konnte er sich durchsetzen und so kehrt der „verlorene Sohn“ wieder zurück zu seinen Ursprüngen. Doch ist für Sahin beim deutschen Meister überhaupt noch Platz?

Wenn Nuri sagt, er will nichts anderes, als in Dortmund zu spielen, dann beschäftigen wir uns mit dem Thema. Aber es muss realisierbar sein“, erklärte BVB-Sportdirektor Michael Zorc kürzlich, konkrete Verhandlungen mit Sahin und Real Madrid gab es aber erst zwei Tage vor der offiziellen Vorstellung des 24-Jährigen am Freitag. Die Eckdaten: ein Leihvertrag bis 2014 mit der Möglichkeit Sahin danach für eine festgeschriebene Summe fix zu verpflichten.

Vom Konterspiel zum Gegenpressing

Bevor auf die Frage eingegangen wird wo Platz für den Rückkehrer ist und ob es diesen überhaupt gibt, muss festgehalten werden, dass sich der Spielstil von Borussia Dortmund seit dessen Weggang durchaus gravierend geändert hat. Auf den ersten Blick mag dies vielleicht eigenartig erscheinen, denn Trainer Jürgen Klopp setzt noch immer auf ein 4-2-3-1 mit einem offensiven und einem defensiven Sechser. Auch, dass die primäre Stärke des BVB sein Umschaltspiel ist, ist gleich geblieben. Der Unterschied liegt aber in der Art und Weise, wie der Ball erobert wird. In der Saison 2010/2011 waren es vermehrt Konter, nach denen die Borussen zuschlugen, mittlerweile gilt das Gegenpressing als primäres Mittel zur Balleroberung.

Spielaufbau auf mehrere Spieler verteilt

Die Balleroberung findet also wesentlich näher beim gegnerischen Tor statt. Der zweite große Unterschied betrifft den eigenen Spielaufbau. Vor zwei Jahren gab es mit Sahin im Großen und Ganzen einen einzigen Spielmacher, mittlerweile wurde die Last auf mehrere Schultern verteilt. So verteilt beispielsweise Mats Hummels von hinten heraus die Bälle, sorgt Ilkay Gündogan mit dynamischen Bewegung auf der Zentralachse für flüssige Verbindungen oder sind die Außenverteidiger – vor allem Lukasz Piszczek – mehr in das Angriffsspiel integriert.

Shinji Kagawa übernahm auf der Zehnerposition nach seiner Verletzung ebenso mehr Verantwortung wie nun Mario Götze. Zudem kam mit dem Durchbruch von Robert Lewandowski als spielender Stürmer eine weitere, schwer zu verteidigende Option hinzu. Kurz gesagt: das Spiel von Borussia Dortmund ist nun schwerer auszurechnen. Es stellt sich nun die Frage, ob die Schwarzgelben mit der Verpflichtung von Sahin die spielerische Verantwortung wieder primär den geborenen Lüdenscheider zuschieben oder dieser eine Erweiterung sein wird.

Mehr offensive Freiheiten für Gündogan?

Man kann es zwar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, aber letztgenannter Fall scheint am realistischsten zu sein. Sowohl fußballerisch als auch menschlich sind Sahins ehemalige Kollegen gewachsen und zu einer festeren Einheit geworden. Daher gelangt man an diesem Punkt zur Problemstellung, wie man den Neuzugang eingliedern kann. Auch wenn er in den letzten eineinhalb Jahren kaum gespielt hat, Sahins fußballerischen Qualitäten stehen weiter außer Frage. Eine denkbare Möglichkeit wäre ihn zusammen mit Gündogan auf der Doppelsechs aufzubieten.

Der 22-Jährige mag auf den ersten Blick nicht der klassische Abräumer sein, verfügt aber sehr wohl über einen kräftigen Körper und ein sehr gutes Stellungsspiel. In der Vorwärtsbewegung würde seine ursprüngliche Rolle als abkippender Sechser auf Sahin übergehen, während er selbst etwas offensiver eine gefährlichere Anspielstation als üblicherweise Sebastian Kehl oder Sven Bender wäre. Dass Gündogan diese Rolle als flexibler Ankerpunkt und Balancespieler gut ausfüllen kann, hat er in den Spielen mit Moritz Leitner an seiner Seite schon gezeigt.

Sahin als „Lewandowski-Nachfolger“?

Ebenso wichtig wie das kurzfristige Einfügen in den Kader ist die Frage nach den langfristigen Möglichkeiten, die diese Verpflichtung mit sich bringt. In diesem Punkt kommt man nicht drum herum mögliche Abgänge von aktuellen Leistungsträgern einzubeziehen. Seit Monaten gibt es Gerüchte um einen Wechsel von Lewandowski, was im Allgemeinen impliziert, dass sich der abgebende Verein Gedanken um einen Nachfolger macht. Die Dortmunder müssten dabei viel Geld in die Hand nehmen um die Lücke zu schließen und würden dennoch ein gewisses Restrisiko in Kauf nehmen, da nicht garantiert ist, dass der neue Stürmer einschlägt.

Eine Möglichkeit dieses Risiko zu umgehen wäre eine interne Lösung. Nach dem Vorbild des FC Barcelona könnten die Westfalen auf ein 4-3-3 umsatteln, wobei im Angriffszentrum mit einer falschen Neun gespielt werden könnte. In Analogie zu Lionel Messi wäre dies zum Beispiel Mario Götze, der im Nachwuchsbereich als Stürmer ausgebildet wurde, vom Spielstil dem Argentinier ähnelt und zusehends an Abschlussstärke gewinnt. Das Mittelfeld würde sich in diesem Fall aus den beiden Achtern Sahin und Gündogan zusammensetzen, ein Sechser – Kehl oder Bender – würde als Absicherung dienen.

Sahin als „Gündogan-Nachfolger“?

Zugegeben, die obige Variante klingt ziemlich kurios, dennoch darf man sie angesichts des (erfolgreichen) Versuchs von Klopp in Hoffenheim mit einem 4-3-3 zu spielen sowie dessen genereller Leidenschaft kurzfristig die Formation zu wechseln nicht vollständig ausschließen. Gerade in der aktuellen Saison, die Lewandowski definitiv noch zu Ende spielen wird, könnte es durchaus sein, dass man diese Ausrichtung sehen wird. Steht sie nicht auf den Plan, könnte Sahin auch als indirekter Ersatz für Gündogan gesehen werden, sollte dieser wechseln.

Dortmunds Nummer acht machte im Jahr 2012 einen erstaunlichen Entwicklungssprung und könnte der nächste sein, um den es ein Tauziehen der europäischen Topklubs gibt. Sein Vertrag endet im Juni 2015, will der BVB also Geld aus einem Transfer lukrieren, müsste man ihn im Sommer 2014 verkaufen – was ausgerechnet mit dem Ende des Leihvertrags von Sahin zusammenfällt. Entscheidet sich der eine Deutsch-Türke (Gündogan) für einen Abschied, ist ein Verbleib des anderen (Sahin) sehr wahrscheinlich – selbstverständlich nur wenn er sportlich entspricht.

Ist Sahin nur in Dortmund gut?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Sahin dieses Kriterium nicht erfüllt, ist jedoch eher gering. Man sah ihm bei der offiziellen Pressekonferenz die Freude und Erleichterung, dass ihn sein Herzensklub – obwohl dieser auf seiner Position keinen allzu großen Handlungsbedarf hatte – mit offenen Armen empfing, deutlich an. „Als ich zum Medizincheck war und gesehen habe, wie sich Krankenschwestern gefreut haben, wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe“, so der 31-fache türkische Teamspieler. „Ich habe schnell gemerkt: Ich will eigentlich nur beim BVB sein.

Er scheint sich in die Liste jener Spieler einzureihen, die nur dann ihr ganzes Potenzial abrufen können, wenn das Umfeld zu hundert Prozent passt. In Madrid kam er nach seiner anfänglichen Verletzung nie richtig in Tritt, stand in regelmäßigen Abständen bei den Medien auf der Abschussliste. Das letzte halbe Jahr in Liverpool schien ohnehin nur ein großes Missverständnis gewesen zu sein – ein letzter Versuch es allen Kritikern doch noch zu zeigen, dass er sich im Ausland durchsetzen kann.

Abgesehen von den letzten eineinhalb Jahren war Sahin nur einmal für ein Team außerhalb Dortmunds tätig. In der Saison 2007/08 schnürte er seine Schuhe für Feyenoord – und das überraschenderweise recht erfolgreich. Doch auch dort fand er ein familiäres Umfeld vor, war es doch sein großer Förderer Bert van Marwijk, der ihn in Rotterdam unter seine Fittiche nahm. Angesichts dieser Folgerungen ist es durchaus denkbar, dass Sahin die Borussia für den Rest seiner Karriere nie mehr verlassen wird.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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