Heute blickt nicht nur der englische Fußballfan wieder gebannt auf ein brisantes Entscheidungsspiel ins ausverkaufte Wembley. Wenn sich dort nämlich am „Bank-Holiday“ Aston Villa... Aston Villa vs. Derby – Der Showdown um das letzte PL-Ticket

Heute blickt nicht nur der englische Fußballfan wieder gebannt auf ein brisantes Entscheidungsspiel ins ausverkaufte Wembley. Wenn sich dort nämlich am „Bank-Holiday“ Aston Villa und Derby County treffen, geht es nach 46 Meisterschaftsspieltagen und zwei Halbfinalis jetzt um den Aufstieg in die Premier League und damit auch um ein Stück vom begehrten Finanzkuchen. Laut Deloitte warten auf den Gewinner mit dem Aufstieg mindestens 170 Millionen Pfund an Mehreinnahmen. Interessierter Beobachter wird Andreas Weimann sein, der ja beide Vereine gut kennt, aber seit Sommer ja bekanntlich bei Bristol engagiert ist. Alle Infos zu diesem brisanten Duell – das heute um 16 Uhr live auf DAZN zu sehen sein wird – findet ihr hier.

Villa in der Favoritenrolle

Die „Villans“ verfügen über einen der teuersten Kader der Liga – der nicht weniger als elf Teamspieler enthält – und gehen folglich als Favorit in das Entscheidungsmatch. Der finanzielle Vorteil resultiert vor allem aus einer Art Fallschirm, der den Absteigern aus der Premier League für die folgenden drei Saisonen gewährt wird. So wird der Einnahmenverlust nach den fetten Premier League Jahren abgefedert. Der läuft nun aber aus, was heißt: verpasst man heuer den Aufstieg steht statt den in der Einleitung beschriebenen Mehreinnahmen gar ein finanzieller Aderlass bevor. Der Außenseiter am „heiligen Rasen“ von Wembley heißt Derby County und hat dagegen einen deutlich billigeren Kader vorzuweisen.

 Wenn das Spiel heute angepfiffen wird, werden sich wieder viele Augen auf Jack Grealish richten, den Spielmacher mit den runterhängenden Stutzen. Der 23-Jährige Villa-Kapitän polarisiert, wird von den Gegnern meist gnadenlos ausgepfiffen oder wie Anfang des Jahres im Birmingham-Derby sogar von einem Fan tätlich attackiert. Der Außenseiter aus der Grafschaft Derbyshire baut dagegen auf drei junge Leihgaben von englischen Spitzenteams. Da wären Mason Mount (20) und Faikayo Tomori (21) von Chelsea, sowie Liverpool’s Harry Wilson (22). Sollte Routine von Nöten sein, kann man auf den 38-Jährigen Ashley Cole zurückgreifen.

Viele Kameras werden in Richtung der Coachingzone gerichtet sein. Dort stehen sich nämlich zwei Weggefährdeten aus der erfolgreichen Chelsea-Ära gegenüber. Seit dieser Saison schwingt Frank Lampard bei Derby das Zepter. Der 40-Jährige Trainer-Rookie – der im Boulevard schon als Sarri-Nachfolger bei Chelsea gehandelt wird – coachte im Halbfinalrückspiel Marco Bielsa auf der Bank von Leeds aus. Ihm gegenüber steht Dean Smith, der bei Aston Villa im Oktober sein Amt antrat. Doch der schillernde Name auf deren Bank ist ein anderer: John Terry, seines Zeichens Co-Trainer.

Offensivpower vs. Defensive Sicherheit

Villa’s Stammtorwart Örjan Nyland fällt weiterhin mit einem Achillessehnenriss aus. Die Vertretung Jed Steer machte seine Sache im Playoff-Halbfinale aber auch richtig gut und wurde zum umjubelten Elfmeter-Held gegen West Bromwich. Davor mimt der 30-Jährige walisische Routinier James Chester den Abwehrchef. Offensiv hängt vieles von Chelsea-Leihgabe Tammy Abraham ab. Der 21-Jährige England-Nigerianer netzte in der abgelaufenen Saison schon 26-mal und ist damit die Nummer zwei der Schützenliste hinter Norwich-Striker Teemu Pukki. Mit 82 erzielten Volltreffern zählt der Traditionsklub aus Birmingham zu den Torfabriken der Liga.

In erster Linie hinten dicht machen heißt dagegen das Erfolgsrezept von Derby County. Mit nur 54 Gegentoren kassierte man sogar weniger als Meister Norwich. Hauptverantwortlich dafür ist das Abwehrduo Richard Keogh und Fikayo Tomori. Im Tor verlor Routinier Scott Carson Anfang des Jahres seinen Stammplatz an den jüngeren Niederländer Kelle Roos. Vorne wird dagegen mit Toren etwas gegeizt, deren 69 sprangen heuer heraus. Harry Wilson hält als gefährlichster Angreifer bei 18 Treffern und sechs Vorlagen. Dahinter gibt es eine breite Masse an torgefährlichen Spielern, womit man für den Gegner etwas unberechenbarer ist.

Aston Villa – per Zielsprint Richtung Premier League

 Aston Villa startete ganz gut in die Saison, dann folgte aber eine Krise die in einem Trainerwechsel mündete. Danach fing man sich wieder und jagte vom Mittelfeld aus die Playoff-Plätze, die stets in realer Reichweite lagen. Mit einem wahren Schlusssprint ergatterte man dann einen solchen auch. Seit Anfang März setzte es zuerst zehn Siege am Stück, dann ein Remis gegen Leeds und zum Abschluss eine unbedeutende 1:2 Heimniederlage beim Meister aus Norwich. Sieben Spieltage vor Schluss rückte man wieder auf den begehrten Playoff-Platz, der seitdem verteidigt wurde. Schlussendlich überquerte man mit Platz fünf die Ziellinie. So blieb man zwar unter den eigenen, hoch gesteckten Erwartungen, doch klappt es beim heutigen Finalspiel wird kaum einer mehr ein Wort über die mäßige Saison verlieren.

Im Playoff-Halbfinale machte man nach einem 2:1 im Villa-Park gegen den Lokalrivalen West Bromwich Albion im Rückspiel den Sack erst mit Mühe zu. Nach einer 0:1 Niederlage (keine Auswärtstorregel) ging es in eine torlose Verlängerung. Im Elfmeterschießen wurde Jed Steer zum Matchwinner, der die ersten beiden Strafstöße stark pariert und damit den Weg Richtung Wembley ebnete.

Derby County – auch zur richtigen Zeit in Form

Die „Rams“ sind als Sechster gerade noch so in die Ausscheidung gerutscht. Die Widder hielten sich über die ganze Spielzeit in Schlagdistanz zu einem Playoff-Platz. Ebenfalls ein Endspurt mit sechs ungeschlagenen Spielen rettet die Lampard-Elf schließlich in die Relegation. Dort wurde der große Favorit aus Leeds in einem dramatischen Halbfinalrückspiel eliminiert. Einer 0:1 Niederlage im Pride-Park folgte ein fulminantes Rückspiel an der Elland Road. Nach abermaligen Rückstand drehte man kurz vor dem Pausenpfiff richtig auf, stellte binnen einer Viertelstunde auf 3:1. Nach einem Gegentor, das den zwischenzeitlichen Ausgleich im Gesamtscore bedeutete, gelangt in der Schlussphase die Entscheidung. Mit 4:3 zog Frank Lampard ins Finale ein.

Damit bewies man sich als Meister der Effizienz. In der regulären Meisterschaft setzte es nämlich zwei klare Niederlagen gegen Leeds und auch im Playoff folgten fast eineinhalb erfolglose Halbzeiten. Ehe kurz vorm Pausenpfiff die Party richtig losging und Derby Fahrt aufnahm – die nun bis ins Wembley Stadion führt.

Viel Tradition, viele Fans – zwei Bereicherungen für die PL

Aston Villa hält bei jeweils sieben Meisterschaften (zuletzt 1980/81, davor um die Jahrhundertwende) und ebenso vielen FA-Cup Siegen (zuletzt 1956/57). 1982 holte man den Europapokal der Landesmeister nach Birmingham. Dazu zählt man sich als Gründungsmitglied, sowohl in der englischen Liga als auch in der Premier League. Selbst nach dem Abstieg 2016 rockt der altehrwürdige Villa Park weiter. Birmingham ist die zweitgrößte Stadt Englands, hat aber keinen Erstligisten mehr. In den erfolgreichen Oberhaus-Zeiten lag der Schnitt jeweils bei über 35.000 Fans. Einen Wert den man heuer erstmals auch in der Championship knackte (35.379). Aber auch in den Vorjahren war wenig von einem möglichen „Abstiegs-Blues“ zu merken, kamen immer mehr als 32.000 Fans zu den Heimspielen.

Nicht ganz so schillernd ist die Historie von Derby County, seines Zeichens aber auch immerhin zweifacher Meister in den Neunzehn-Siebzigern. Seit elf Saisonen wartet man nun in der Championship auf den Wiederaufstieg. Mit der Premier League hat man noch eine Rechnung offen, stieg man nach der Horrorsaison 2007/08 mit nur elf (!) Punkten ab. Damit hält man den Rekord für die niedrigste Punktezahl in einer Saison. Seit 2014 steht man nun schon zum vierten Mal in einem Playoff, zuletzt lachte man da aber nie. Die Fanmassen werden heute gen Wembley pilgern, im heimischen „Pride Park“ unterstützen die „Rams“ im Schnitt knapp 27.000 Fans.

Playoff – heute 16 Uhr, Wembley Stadium

Beide Mannschaften können heute fast auf deren Bestbesetzung zugreifen. Bei Villa fehlt der langzeitverletzte Tormann Örjan Nyland, während Derby auf den gesperrter Scott Malone (Gelb-Rot) und Andy King mit einer Knöchelverletzung verzichten muss. Die beiden Meisterschaftsduelle endeten mit klaren Siegen für Villa (3:0 auswärts im November bzw. daheim im März 4:0).

Das Protokoll sieht das Wembley als Finalort für die Playoff-Partien vor, die sich auch in die unteren Ligen ziehen. So steigt da immer samstags das Entscheidungsspiel rauf Richtung dritter Liga, welches Tranmere gegen Newport gewann. Gestern Sonntag, kehrte im zweiten Akt Charlton gegen Sunderland in die zweite Liga retour. Heute steht wie immer am auf der Insel freien Montag (Spring Bank Holiday) das letzte und auch bedeutendste Playoff-Match am Zettel. Schiedsrichter wird im wohl ziemlich ausverkauften Nationalstadion Paul Tierney sein, los geht’s um 16 Uhr, DAZN überträgt live.

Werner Sonnleitner, abseits.at

Werner Sonnleitner

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