Mit Spannung erwarteten die englischen Fans den ersten Auftritt ihres Nationalteams im Jahr 2012. Nach dem Rücktritt von Fabio Capello hatte Interimstrainer Stuart Pearce...

Mit Spannung erwarteten die englischen Fans den ersten Auftritt ihres Nationalteams im Jahr 2012. Nach dem Rücktritt von Fabio Capello hatte Interimstrainer Stuart Pearce 90 Minuten Zeit gegen die niederländische Nationalmannschaft, um den englischen Verband davon zu überzeugen, dass er der richtige Mann für die Europameisterschaft 2012 ist.  

 

 

Die Aufstellungen beider Mannschaften

 

 

 

 

 


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Beide Trainer setzten auf eine 4-2-3-1-Formation, wobei der englische Interimscoach vor der Partie betonte, dass er dieses Freundschaftsspiel in erster Linie als Experiment ansieht. Angesichts der Tatsache, dass dem englischen Team nur zwei weitere Testspiele bis zur Europameisterschaft bleiben, sollte man meinen, dass die „Three Lions“ bald ihre Stammmannschaft finden sollten, beziehungsweise wenigstens der englische Verband schleunigst eine Entscheidung in der Trainerfrage treffen sollte. Wenn man einen Blick auf die Aufstellungen wirft, dann sieht man, dass Englands stärkster Spieler, Wayne Rooney, nicht mit von der Partie war. Aufgrund einer Halsentzündung musste der Stürmer passen, was einige englische Medien  sogar positiv bewerteten, da die Mannschaft ohnehin in den ersten beiden Spielen bei der Europameisterschaft aufgrund einer Sperre auf ihn verzichten wird müssen und es interessant zu sehen ist, wie das Team ohne ihn zurechtkommt.

Erste Halbzeit mit kleinen Vorteilen für England

Scott Parker zeigte als nicht unumstrittener Kapitän kämpferisch eine ansprechende Leistung und überzeugte in der Anfangsphase mit einigen präzisen Tacklings. Wie so oft hatten er und Barry jedoch Probleme überraschende und kreative Elemente ins Spiel der Engländer zu bringen. Die Niederländer standen recht tief und verstanden es besser als der Gastgeber nach einem Ballgewinn schnell in die Offensive umzuschalten. Für die größte Aufregung in der Anfangsphase sorgte ein riskanter Rückpass von Arjen Robben, der genau in die Ecke des eigenen Tors gepasst hätte. Der starke Schlussmann Maarten Stekelenburg entschärfte jedoch den tückischen Rückpass und sorgte dafür, dass Robben nicht sein erstes Eigentor im holländischen Team erzielte. Immerhin hätte Robben auf der Gegenseite nach einer schönen Kombination ebenfalls fast einen Treffer erzielt, doch Torhüter Joe Hart war ebenfalls auf dem Posten. Wenn England in der ersten Halbzeit gefährlich wurde, dann meistens über Manchester-City-Flügelspieler Adam Johnson, mit dem Eindhoven-Außenverteidiger Erik Pieters in der ersten Halbzeit so einige Probleme hatte.

Trotz Freundschaftsspiel-Charakter einige verletzte Spieler

Steven Gerrard  musste mit Oberschenkelproblemen in der 33. Minute den Platz verlassen und wurde durch Daniel Sturridge ersetzt, der selbst aufgrund einer Verletzung an einer Zehe kurz vor dem Schlusspfiff das Spiel verlassen musste. In der Zeit dazwischen machte Sturridge  jedoch eine starke Partie und war einer der besten Spieler in der englischen Mannschaft. Eine Schockminute erlebten die Fans in der 64. Minute, als der eingewechselte Huntelaar bei seinem Kopfballtreffer zum 2:0 mit Innenverteidiger Smalling zusammenstieß. Das Spiel musste für einige Minuten unterbrochen werden und beide Spieler konnten die Partie nicht fortsetzen. Der Schalke-Stürmer ist derzeit im Krankenhaus und wird einer Computertomographie unterzogen.  Neben einer Gehirnerschütterung wird über eine Verletzung am Kiefer spekuliert. Smalling musste gar auf einer Trage den Platz verlassen und hatte ein stark blutendes Cut.

Trotz der vielen Verletzungen sahen die Zuschauer alles andere als ein hart umkämpftes Spiel. Man sah der Partie an, dass es sich um ein Freundschaftsspiel handelte, beide Teams spielten über weite Strecken ohne richtigen Biss und körperlos. Die Engländer waren in der ersten Halbzeit um einen kultivierten Spielaufbau bemüht und es gab immer wieder Ansätze von einem schönen Spielaufbau, dem im letzten Drittel aber gegen tief stehende Niederländer die Kreativität fehlte. Stuart Pearce verlangte von seinen Spielern einen gepflegten Spielaufbau aus der Abwehr heraus und ärgerte sich über jeden Ball, der weit nach vorne geschlagen wurde.

Niederländer erhöhen das Tempo in der zweiten Halbzeit

Auch wenn die Engländer durch Daniel Sturridge die erste Chance in der zweiten Halbzeit hatten, übernahmen die Niederländer nun nach und nach das Kommando. Der eingewechselte Huntelaar stand zwar nur etwa 20 Minuten am Platz, in denen zeigte er jedoch, dass er sich in Topform befand. Er bewegte sich vorne sehr gut, war immer anspielbar und erzielte beinahe durch einen Weitschuss in der 54. Minute den ersten Treffer der Partie. Diesen erzielte jedoch Arjen Robben nur wenige Minuten später – und Huntelaar hatte einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Tor, obwohl er den Ball in dieser Szene nicht berührte.

Ein Konter aus dem Lehrbuch

 

 

 

 

 

Nach einem Fehlpass der Heimmannschaft kann Heitinga im Reinruschten den Ball zu Arjen Robben (unten im Bild) verlängern.

 

 

 

 

 

Robben kann neun Sekunden lang völlig unbedrängt mit dem Ball über den Platz sprinten, weil die englischen Mittelfeldspieler zu langsam in die Defensive umschalten und weil….

 

 

 

 

 


….Huntelaar durch seinen perfekten Laufweg den gegnerischen Innenverteidiger Smalling nach rechts verschleppt und so den Weg für seinen Mitspieler frei macht


 

 

 

 


Smalling verfolgt Huntelaar

 

 

 

 

 

Der Platz ist frei für Robben

 

 

 

 

 

Schuss…

 

 

 

 

 

…Tor!

Ein Konter aus dem Bilderbuch, bei dem Robben natürlich wieder einmal seine individuelle Klasse aufzeigen konnte. Der Bayern-München-Legionär kann regelmäßig durch unwiderstehliche Einzelaktionen Partien entscheiden, eine Fertigkeit die den englischen Spielern zumindest ohne Wayne Rooney abging. Zu leicht übersieht man allerdings den Anteil an diesem Treffer von Huntelaar, der genau im richtigen Moment seinen Gegenspieler Smalling verschleppte, wodurch Robben erst zum Abschluss kommen kann.

Ein Treffer mit Folgen und eine turbulente Schlussphase

Huntelaar erzielte kurz darauf in der 58. Minute nach einer Flanke von Kuyt das 2:0 für die Gäste, stieß dabei jedoch, wie schon oben beschrieben, mit Smalling zusammen und die beiden mussten durch Luuk de Jong beziehungsweise Phil Jones ersetzt werden. Bleibt zu hoffen, dass Huntelaar nach seinem doppelten Nasenbeinbruch von einer erneuten langwierigen Verletzung verschont bleibt. Gegen Ende der Partie warf das englische Nationalteam alles nach vorne und wurde mit zwei Treffern belohnt. Zuerst erzielte Gary Cahill nach einem schweren Stellungsfehler in der niederländischen Viererkette den Anschlusstreffer zum 1:2, danach erzielte Ashley Young nach einem sehenswerten Pass vom eingewechselten Phil Jones sogar noch den Ausgleich.  Als alles nach einem versöhnlichen Ende für Pearce und seine Mannschaft aussah, bekam Robben noch einmal den Ball im gegnerischen Strafraum und zirkelte ihn über Joe Hart ins Tor zum 3:2-Siegestreffer.

Fazit

Das Ende war typisch für diese Partie, von der man trotz der fünf Treffer mehr hätte erwarten können. Man hatte immer das Gefühl, dass das niederländische Team im Notfall noch einen Gang zulegen könnte. Robben zeigte sich so stark wie schon lange nicht mehr und entschied die Partie mit zwei sehenswerten Einzelaktionen. Das englische Team zeigte zwar in der ersten Halbzeit einige gute Ansätze und bewies in der Schlussphase Moral, aber insgesamt bleiben trotzdem mehr ungelöste Probleme, als Antworten übrig. Die Leistungen von Adam Johnson und Daniel Sturridge machten zwar Hoffnung für die Zukunft, doch man sah auch deutlich, dass ohne Wayne Rooney der Mannschaft ein Ideengeber fehlt, der wie Robben den Unterschied ausmachen kann. Ohne ihn agierte Solospitze Welbeck an vorderster Front viel zu isoliert. Viel Zeit bleibt den Engländern jedenfalls nicht mehr um eine Stammmannschaft für die Europameisterschaft zu finden. Die Zeit der Experimente sollte bald vorbei sein.

Aber auch die Niederländer dürfen trotz des Auswärtssiegs nicht zu euphorisch sein. Nachdem das Länderspieljahr 2011 mit zwei Niederlagen gegen Schweden und Deutschland und einem Unentschieden gegen die Schweiz endete, darf man zwar mit dem Ergebnis gegen England zufrieden sein, mit der spielerischen Leistung jedoch eher weniger. Es hängt zu viel an Einzelaktionen, die Mannschaft spielte nur selten zwingend und der eher defensive und reaktive Spielstil stößt in der Heimat nur auf wenig Gegenliebe.

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

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