Das österreichische Nationalteam trifft bei der Europameisterschaft in Frankreich auf die Auswahlen aus Portugal, Island und Ungarn. abseits.at hat eine ausführliche Kaderanalyse zu jedem... Ausgeglichen stark bzw. schwach: Das ist die Nationalmannschaft von Ungarn

_Balazs Dzudzsak - UngarnDas österreichische Nationalteam trifft bei der Europameisterschaft in Frankreich auf die Auswahlen aus Portugal, Island und Ungarn. abseits.at hat eine ausführliche Kaderanalyse zu jedem dieser Teams. In diesem Artikel sehen wir uns die Ungarn an, die zu den schwächsten Teams zählen und wohl nur EM-Tourist sein werden.

Mit zwei Siegen  im Playoff gegen Norwegen (1:0 auswärts, 2:1 daheim) qualifizierte sich Ungarn erstmals seit 44 Jahren wieder für eine EM-Endrunde. Das letzte große Turnier an dem die Fußball-Großmacht der 50er-Jahre teilnahm war die WM 1986. Insofern ist man in unserem Nachbarland bereits mit dem bisher Erreichten über den Erwartungen. In Frankreich kann man nur überraschen. Ob das gelingen wird, ist allerdings fraglich.

Klare Rollenverteilungen, variable Formation

Unmittelbar nach der erfolgreichen EM-Qualifikation verlängerte der ungarische Verband die Verträge von Bernd Storck und seinem Betreuerstab. Der 52-Jährige schaffte es, bei den Ungarn eine sehr solide Spielweise zu implementieren, die ohne große taktische Raffinessen brauchbare Ergebnisse lieferte. Die Rollen innerhalb des Teams sind an und für sich sehr klar verteilt, eine eindeutige, durchgängige Formation gibt es dennoch nicht.

Die markanten Punkte des ungarischen Systems sind die Viererkette und ein vom Spielertyp idealer Solostürmer. Im zentralen Mittelfeld gibt es einen tiefen Sechser und davor einen Achter, der je nach Situation neben den Zehner rückt oder sich fallen lässt. So entsteht im Ballbesitz entweder ein 4-2-3-1 oder 4-1-4-1. Der Zehner rückt zuweilen aber auch selbst weiter nach vorne, sodass es eine klare Staffelung auf der Zentralachse gibt.

Im Spiel gegen den Ball agieren die Ungarn je nach Höhe des Balls in zwei unterschiedlichen Ordnungen. Wollen sie früh Druck auf das Aufbauspiel des Gegners aufbauen, dann formieren sie sich meist in einem 4-4-2. Lassen sie sich weiter nach hinten fallen, womit im Rahmen der EM zu rechnen sein wird, dann ist es eher ein 4-4-1-1. Da sie meist mit einem Stürmer spielen, der die Bälle auch alleine sehr gut verarbeiten kann, lässt sie das bei Kontern durchaus gefährlich werden.

In vielen Fällen, gerade gegen Teams, die sehr ballbesitzorientiert spielen und ein aggressives Gegenpressing praktizieren, hat Ungarn allerdings Probleme in diese Phase überhaupt zu kommen. Sie verteidigen sehr mannorientiert und haben daher oft eine schlechte Ausgangsposition. Um den Konter präzise und erfolgsstabil einleiten zu können, würde es in diesen Situationen individuell herausragende Spieler benötigen. Diese findet man im Kader jedoch nicht.

Der Tormann

Zwischen den Pfosten steht mit Gabor Kiraly einer der bekanntesten ungarischen Fußballspieler der letzten Jahrzehnte und einer der potenziellen Publikumslieblinge der EM. Neben seinem Markenzeichnen, der ausgeleierten, grauen Jogginghose, und stets positiven Ausstrahlung erreichte er mittlerweile auch aufgrund seines Alters Kultstatus. Doch trotz seiner 40 Jahre erwies er sich gerade im Playoff als wichtiger Rückhalt. Er mag zwar nicht mehr so viele „Unhaltbare“ wie in seiner Glanzzeit herausholen, ist aber aufgrund seiner Routine gerade in Eins-gegen-Eins-Situationen nach wie vor extrem stark.

Um die Nachfolge des Kult-Keepers duellieren sich Denes Dibusz von Meister Ferencvaros und Peter Gulasci von Bundesliga-Aufsteiger RB Leipzig. Der Ex-Salzburger hat durchaus gute Anlagen, wie er gerade unter Roger Schmidt gezeigt hat. Allerdings hat er Probleme dabei, diese auch konstant umzusetzen. Somit ist dieses Rennen aktuell noch offen.

Die Innenverteidigung

Der Abwehrchef der Ungarn spielt bei Wisla Krakau und heißt Richard Guzmics. Nach schwachen Leistungen in der Qualifikation für die WM 2014 verlor der 29-Jährige seinen Stammplatz und konnte ihn sich erst im Herbst 2015 wieder zurückerobern. Guzmics ist ein klassischer Innenverteidiger, der im und um den eigenen Strafraum kompromisslos „aufräumt“, aber im Ballbesitzspiel Abstriche machen muss.

Mehr Verantwortung im Aufbauspiel übernimmt der 23-jährige Adam Lang, der in der ungarischen Liga für Videoton verteidigt. Dieser ist um einiges beweglicher als sein Nebenmann und läuft die gegnerische Formation mit dem Ball gegebenenfalls auch an, um so Räume für die Mittelfeldspieler zu schaffen. Insgesamt ergänzt sich das Duo in der Innenverteidigung also sehr gut, im Vergleich zu jenen der anderen Teams fehlt den beiden jedoch vor allem die Erfahrung.

Dieses Manko könnte Storck etwas abschwächen, wenn er Roland Juhasz aufbieten würde. Der 91-fache Internationale war viele Jahre lang Stammspieler bei RSC Anderlecht. Am 32-jährigen Routinier nagt allerdings der Zahn der Zeit. Seit 2013 spielt der zweimalige ungarische Fußballer des Jahres nur mehr in der Heimat. Ein weiterer Pluspunkt ist jedoch seine Torgefährlichkeit. In den letzten vier Jahren erzielte er für Videoton starke 12 Tore.

Die Außenverteidigung

Die defensiven Außenbahnen sind bei den Ungarn mit äußerst unspektakulären Spielern besetzt. Rechts ist mit dem 26-jährigen Attila Fiola ein weiterer Akteur aus der heimischen Liga gesetzt. Nachdem er bei seinem Verein hauptsächlich im Abwehrzentrum zum Einsatz kommt, ist er dort auch im Nationalteam eine Option für den Fall, dass oben genannte Spieler ausfallen. Dementsprechend legt er auch sein Spiel an. Durchbrüche in der Offensive sieht man von ihm selten und in der Defensive fühlt er sich ab wohlsten, wenn das gesamte Team tief verteidigt.

Tamas Kadar, der rechte Außenverteidiger, schaltet sich hingegen häufiger in das Angriffspiel mit ein. Dabei steht er aber nicht schon zu Beginn sehr hoch, sondern kommt meist mit Tempo von hinten und hinter- oder vorderläuft dann. Auch der Legionär von Lech Posen kann in der Defensive sämtliche Positionen spielen, was die Nominierung von nur drei etatmäßigen Innenverteidigern erklärt.

Als Backup für die beiden fungieren Barnabas Bese und Mihaly Korhut. Ersterer ist gelernter Flügelspieler, für einen Außenverteidiger ungewöhnlich groß gewachsen und im Vergleich zu Fiola um einiges agiler. Dass er irgendwann den Sprung in die erste Elf schafft, ist wahrscheinlicher bei Korhut. Der 27-Jährige gehört nämlich seit längerer Zeit zum Kader, kam aber erst zu vier Einsätzen und hat mit Kadar in der Hierarche auch den tendenziell stärkeren Außenverteidiger vor sich.

Das defensive Mittelfeld

Im defensiven Mittelfeld findet man die wohl heißeste ungarische Aktie des Turniers: Adam Nagy. Der 20-jährige Ferencvaros-Akteur ist der Shootingstar im Team und erspielte sich mit starken Leistungen in den letzten Partien wohl einen Fixplatz bei der EM. Nagy ist beidfüßig, technisch beschlagen, bewegt sich ungemein viel und versucht ständig Löcher zu stopfen sowie den Gegner zu attackieren. Das klingt auf den ersten Blick überaus positiv, führt aber gruppentaktisch durchaus zu Problemen, da seine Mitspieler diese vielseitigen Bewegungen oft nicht ausgleichen. Dadurch ergeben sich vor der ungarischen Abwehr immer wieder Löcher.

Ein weiterer Evergreen im ungarischen Kader ist Zoltan Gera, der von 2004 bis 2014 auf der Insel für Fulham und West Bromwich spielte. Mittlerweile ist der 37-Jährige wieder in der Heimat und schnürt seine Schuhe für Ferencvaros. Auch seine Rolle im Nationalteam hat sich geändert. War er früher ein torgefährlicher offensiver Mittelfeldspieler, agiert er nun als Ballverteiler aus der Tiefe. Mit ihm und Nagy hat Ungarn ein Duo, das den Spielrhythmus bestimmen kann und das durch taktisch kluge Bewegungen Räume zustellen kann.

Neben diesen beiden spielstarken Typen gibt es noch zwei weitere Akteure, die den Anspruch auf Einsatzminuten stellen. Akos Elek und Adam Pinter sind allerdings eher Spieler, die vor allem Mängel in der Entscheidungsfindung und Technik haben. Dafür glänzen sie mit einem großen Laufpensum und klären trotz schlechter Positionierung oft im letzten Moment. Ob einer der beiden zum Zug kommen wird, wird vor allem davon abhängen, ob Ungarn versucht mitzuspielen oder sich reaktiv zurückzieht.

Das offensive Mittelfeld

Die nominelle Zehnerposition wird von Laszlo Kleinheisler besetzt. Dieser ist kein überaus kreativer Spieler oder Ballverteiler, sondern ein sehr laufstarker Unterstützer, der trotz seiner nur 1,73m sehr robust und wuchtig ist. Gerade aus dem Rückraum heraus wird er oft gefährlich. Der 22-Jährige ebnete mit seinem Siegtor im Playoff-Hinspiel den Weg zur EM-Endrunde, obwohl er im Herbst aufgrund eines Vertragsstreits bei seinem Klub nicht spielte und davor noch nie im Teamkader war. Im Winter wechselte er schließlich zu Werder Bremen, wo er sich aber bisher noch nicht durchsetzen konnte.

Einen nominellen Ersatz für Kleinheisler gibt es nicht. Am ehesten würde er wohl von Gera ersetzt werden. Eine weitere Alternative wäre es, einen der zahlreichen Flügelspieler ins Zentrum zu ziehen.

Die Flügelspieler

Der individuell herausragende Spieler und Kapitän des ungarischen Nationalteams ist Balazs Dzsudzsak, den man am rechten Flügel erwarten kann. Der 29-Jährige verfügt über eine saubere Technik, führt den Ball eng und ist so nur schwer vom Ball zu trennen. Mit viel Dynamik zieht er zur Mitte und schließt dann ansatzlos ab. Gerade weil er der einzige Spieler im ungarischen Kader ist, der festgefahrene Situationen wieder beschleunigen kann, ist Dzsudzsak der Schlüsselspieler in der Offensive.

Auf der rechten Seite gibt es zwei Spieler, die für die Startelf infrage kommen. Der erste ist Krisztian Nemeth, der einst, als er noch bei Liverpool unter Vertrag stand, als großer Hoffnungsträger galt. Doch bei den Reds konnte sich der heute 27-Jährige nicht durchsetzen, landete nach Stationen in Griechenland, Ungarn, Holland und den USA im Jänner in Katar bei Al-Gharafa.

Während Nemeth ein sehr geradliniger Flügelstürmer ist, ist sein Mitbewerber Gergö Lovrencsics ein durchaus kompletter Spielertyp. Er hat keine markanten Schwächen, ragt aber auch in keiner Disziplin besonders heraus – gerade im internationalen Vergleich. Der 27-jährige Legionär von Lech Posen ist damit gewissermaßen das Sinnbild des gesamten Kaders.

Nur Ergänzungsspieler ist Zoltan Stieber. Auch er ist an und für sich ein überaus vielseitiger Spielertyp, der die Bälle gut verteilen kann, konnte sich international allerdings bisher nicht etablieren. In der zweiten deutschen Bundesliga gehörte er bei Greuther Fürth und Alemannia Aachen zu den besten Spielern der Liga, doch weder bei Mainz und dem HSV schaffte er es, einen Stammplatz zu erobern. Im letzten Sommer wagte er erneut einen freiwilligen Rückschritt, kam in Nürnberg aber kaum zu Zug.

Die Stürmer

Obwohl die Ungarn in aller Regel nur mit einem Stürmer spielen nominierte Storck gleich vier Angreifer. Wer bei der EM letztlich auflaufen wird, lässt sich nur schwer vorhersagen. Gute Karten dürfte Adam Szalai haben. Dieser kann sowohl als Kombinations- als auch Konterstürmer eingesetzt werden, da er sich taktisch gut bewegt und eine ausreichende Technik hat, um Bälle sowohl alleine festzumachen als auch ideal abzulegen. Die Karriere des 28-Jährigen ist 2013 nach seinem Wechsel zu Schalke allerdings ins Stocken gekommen.

Der zweite Stürmer, der sich gute Chancen ausrechnen darf, ist Tamas Priskin. Der formale Ex-Austrianer ist ebenfalls ein sehr kompletter und technisch versierter Angreifer, der auch durchaus beweglich ist. Im Gegensatz zu Szalai fehlt Priskin allerdings die Wettkampferfahrung gegen international gestandene Innenverteidiger. Im Nationalteam war er bisher dennoch treffsicher, hält nach 56 Einsätzen bei 17 Toren.

Der Stürmer mit dem potenziell größten Aktionsradius im ungarischen Kader ist Daniel Böde, der mit 17 Saisontoren Ferencvaros in Ungarn zum Titel und sich selbst zum Torschützenkönig schoss. Der 29-Jährige wird jedoch bestenfalls ebenso nur Joker sein wie Nemanja Nikolic, der an und für sich eine regelrechte Tormaschine ist. In den letzten fünf Jahren netzte er für seine Vereine in der Liga insgesamt 99-mal, wurde dreimal in Folge Torschützenkönig – zuletzt in Polen bei Legia Warschau. Nikolic ist allerdings ein klassischer Strafraumstürmer und passt daher nicht wirklich zum Spielstil der Ungarn.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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