Neben dem frustrierenden Scheitern von Red Bull Salzburg und Sturm Graz sowie dem erwartenden Ausscheiden des WAC bot die rot-weiß-rote Europacupwoche auch zwei Überraschungen.... Hervorragende Gegneranpassungen: So bezwang Altach Vitoria Guimaraes

Damir Canadi - SCR Altach_abseits.atNeben dem frustrierenden Scheitern von Red Bull Salzburg und Sturm Graz sowie dem erwartenden Ausscheiden des WAC bot die rot-weiß-rote Europacupwoche auch zwei Überraschungen. Einerseits drang der SK Rapid gegen Ajax ins Champions-League-Playoff vor, andererseits gewann der SCR Altach in Portugal mit 4:1.

Als die Vorarlberger für die dritte Qualifikationsrunde zur Europa League den portugiesischen Vertreter Vitoria Guimaraes zugelost bekamen, sah lediglich die Minderheit ein Weiterkommen als realistisch an, von zwei Siegen ganz zu schweigen. Damir Canadi zeigte aber einmal mehr, dass Altach unter ihm ein Team ist, das sich hervorragend auf den Gegner einstellen kann.

Drei verschiedene Formationen in vier Spielen

Schon letzte Saison war zu beobachten, dass sich die Altacher – anders als die ebenso erfolgreichen Aufsteiger vor ihnen – nicht auf einen bestimmten Spielstil festnageln ließen. Sie machten zwar keine Sache perfekt und hatten keine individuell herausragenden Einzelspieler, dafür hatten sie ein breites Spektrum an Stilmitteln und Möglichkeiten. Canadi passte Formation, Personal und Spielausrichtung je nach Gegner neu an und wurde mit dem dritten Platz sowie der Europacup-Teilnahme belohnt.

Aufgrund dieser Punkte scheint ein so arges Abrutschen in der Tabelle, wie es den letzten Aufsteigern erging, unwahrscheinlicher – auch wenn der Saisonstart mit zwei Niederlagen schlecht lief. In den beiden Spielen setzte Canadi auf zwei unterschiedliche Grundordnungen. Beim 1:2 in Grödig spielte Altach in einem asymmetrischen 4-3-3, gegen die Austria in einem mannorientierten 4-4-2. Nachdem Canadi auch bei der Europacuppremiere auf ein 4-4-2 setzte, stellte er für das Rückspiel in Portugal auf ein 4-1-4-1 um.

Manndeckungen gegen Schlüsselspieler

Wie schon bei der 1:3-Niederlage gegen die Wiener Austria konnte man in diesem Spiel einige markante Mannorientierungen erkennen – dieses Mal jedoch nicht so flächendeckend. Im Wesentlichen wurden lediglich die Schlüsselspieler manngedeckt, was jedoch der Schlüssel zum Erfolg war. Bereits in der Teamanalyse zu Vitoria Guimaraes schrieb abseits.at: „Variabilität in der Defensive und das clevere Verfolgen und Bearbeiten der Staffelungen an den Flügeln bzw. im Sturmzentrum sind aber das A und O, wenn man gegen den Vorjahresfünften Portugals bestehen möchte.“ Diese Punkte setzten die Altacher sehr gut um.

Hier sieht man die Zuordnung. Am meisten ausgeprägt war die Manndeckung von Benedikt Zech gegen Alex. Der 24-Jährige ist zwar kein überaus spektakulärer Spieler, aufgrund seiner Schnelligkeit und Körpergröße aber für den mannorientierten Ansatz sehr gut geeignet. Rechtsverteidiger Andreas Lienhart hatte mit Lica wohl den schwierigsten Gegenspieler. Dieser bewegt sich nämlich taktisch sehr klug und ist noch dazu stark im Antritt. Dementsprechend war hier die Manndeckung konservativer ausgelegt – gerade dann, wenn die beiden am passiven Flügel standen.

Balance durch Mittelfeldaußen und Achter

Den entscheidenden Anpassungspunkt gab es aber im Zentrum. Im Vergleich zum Hinspiel ließ Canadi Stürmer Hannes Aigner draußen und brachte mit Lukas Jäger einen weiteren Defensivspieler. Dieser spielte nominell auf der Sechs und deckte Toze, den offensiven Mittelfeldspieler der Gastgeber. Der Portugiese bewegte sich – ebenso wie die beiden Flügelspieler – grundsätzlich sehr gut. Das Trio rochierte viel und ging immer wieder in die Zuordnungsgrenzen der Altacher. Diese hatten aber die perfekte Antwort darauf.

Lienhart, Zech und Jäger erhielten nämlich tolle Unterstützung von ihren Nebenleuten, die die Bewegungen des Trios gut balancierten. Wurde einer der Außenverteidiger aus der Position gezogen, so schoben entweder der nahe Innenverteidiger oder der jeweilige Flügelspieler in den freien Raum. Besonders Louis Ngwat-Mahop tat dies auf der rechten Seite konsequent, sodass Lienhart gegen den im Zwischenlinienraum starken Lica zusätzlich durch den Innenverteidiger abgesichert werden konnte. Der Kameruner war durch seine Athletik zudem ein ständiger Gefahrenherd in der Offensive.

Interessant war die Rollenverteilung im Zentrum, wo vor Seeger Kapitän Philipp Netzer und Boris Prokopic als Achter agierten. Das Trio zeigte nämlich nicht nur beim Besetzen der freien Räume, sondern auch beim Übergeben eine außerordentlich gute Abstimmung. Toze bewegte sich meist im ganzen zweiten Drittel, das bedeutet er ließ sich auch weit zurückfallen und bewegte sich aus dem Zentrum heraus.

Bestand dabei die Gefahr, dass die Zentralachse unbesetzt gewesen wäre, rückte einer der beiden Achter zurück oder übernahm Toze, sodass Jäger im Sechserraum bleiben konnte. Fiel dieser weit zurück, dann wurde er nicht verfolgt und die drei Altacher hielten die Abstände zueinander gering um den Weg in den Zwischenlinienraum zu versperren. Das Spiel konnte so nie die nötige Dynamik aufnehmen, wodurch die Portugiesen mit ihren technisch starken Spielern die Schwächen der Manndeckungen selten ausspielen konnten.

Günstiger Spielverlauf in beiden Partien

Neben der guten Einstellung auf den Gegner war ohne Frage auch der Spielverlauf dafür verantwortlich, dass die Altacher beide Partien gewinnen konnten. Sowohl im Hin- als auch im Rückspiel erzielten sie den ersten Treffer, der ihre reaktive Spielweise begünstigte, nach einem Eckball. In Innsbruck kam dann ein umstrittener Elfmeter dazu, während man im Rückspiel genau in dem Moment zum 2:0 traf, als die Portugiesen ihre Viererkette auflösten – noch dazu durch ein Eigentor.

Der Traum von der Europa-League-Gruppenphase darf nichtsdestotrotz verdientermaßen weitergeträumt werden. Im Playoff treffen die Vorarlberger nun mit Belenenses auf einen weiteren portugiesischen Verein. Es ist davon auszugehen, dass Canadi auch hier seine Mannschaft passend einstellen und den Gegner genau analysieren wird. Nichtsdestotrotz wird es hier auf abseits.at wie gewohnt eine ausführliche Teaminfo geben.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem