Der spanische Europacup-Doppelsieg 2015/16 ist seit gestern fix. Während sich im Champions League Finale die beiden Madrider Klubs gegenüberstehen, bezwang der abgebrühte FC Sevilla... Sevilla abgebrüht: Klopps Liverpool scheitert im Europa League Finale

FC Sevilla Wappen_abseits.atDer spanische Europacup-Doppelsieg 2015/16 ist seit gestern fix. Während sich im Champions League Finale die beiden Madrider Klubs gegenüberstehen, bezwang der abgebrühte FC Sevilla gestern Abend den FC Liverpool in Basel mit 3:1. Unsere Analyse.

Im Pressing formierte man sich der FC Liverpool im 4-4-1-1/4-4-2 mit Firmino hinter Sturridge auf der Zehn beziehungsweise in der Doppelspitze. Solange Sevilla einen geordneten Aufbau versuchte, versuchten die beiden Stürmer zuerst den Vertikalpass in die Mitte zuzustellen, um einen Pass auf die Außen zu ermöglichen. Dann wurde mit einem Bogenlauf die Rückpassoption zugestellt und der Ballführende angelaufen, während der lange Pass ebenfalls zugestellt wurde. Sevilla schlug jedoch in diesen Situationen die Bälle hoch weg und ließ sich nicht zu viel Risiko verlocken.

Im Ballbesitz hatte man mit Can den tieferen Sechser, der den Aufbau anzukurbeln hatte. Dies war in der Anfangsphase jedoch nur bedingt möglich, da Sevilla ein gutes leitendes Pressing zeigte und die Innenverteidiger oft nur den hohen Ball spielen konnten. Das Pressing mit Doppelspitze sollte nun durch konstantes Abkippen von Can gelöst werden, jedoch hatte man nur in wenigen Situationen genug Zeit dafür, um diesen Spielzug zu bewerkstelligen.

Instabile Anfangsphase, wenig Brauchbares

Die ersten paar Minuten waren geprägt von vielen Gegenpressingsituationen, die Partie war durchaus als etwas chaotisch zu beschreiben. Beide Mannschaften trugen dazu bei, mit einigen Ungenauigkeiten im Aufbau und vielen hohen Bällen. Milner und Can rückten in der Defensive oft weit mit auf die Flügel um ihre Mitspieler zu unterstützen, was zwar Räume im Zentrum schuf, diese bisweilen aufgrund guter Deckungsschattennutzung nicht zu bespielen waren. In Ballbesitz fokussierte man sich sehr schnell auf einen direkten Ball auf den teilweise auf die Flügel ausweichenden Sturridge, diese Pässe waren jedoch einfach zu verteidigen. Im Gegenpressing rückte man oft noch nicht genug nach, um hier die zweiten Bälle zu gewinnen. Die rechte war noch die aktivere Seite, mit dem ballsicheren und dribbelstarken Lallana und dem sehr vertikal agierenden Clyne, der in Minute 10 eine gute Flanke schlug, die von Sturridge jedoch per Kopf nicht verwertet wurde. In den wenigen Situationen, in denen  man in Ruhe aufbauen konnte, hatte man durch das Abkippen Cans, und dann gleichzeitig dem diagonalen Abkippen Milners zentral keine Anspielstationen, was einen Ballvortrag kaum möglich machte. Deutlich zu wenig Bewegung kam von der offensiven Dreierreihe, die sich zwar im Zwischenlinienraum postierte, jedoch kaum anspielbar war.

Diese Staffelungen mit nur sehr schwachen Verbindungen machten es Sevilla im Pressing anfangs sehr leicht. Dafür hatte man im eigenen vor allem mit Evér Banega Probleme, den man einfach nicht den Ball abnehmen konnte und der mit großer Pressingresistenz beeindruckte.

Bei Liverpool fehlte diese Pressingresistenz, gepaart mit strategischer Fähigkeit. Firmino hatte zwar einige individuelle Aktionen und Dribblings, konnte jedoch keine konstruktiven Anschlussaktionen daraus erzeugen, Coutinho blieb komplett farblos. Defensiv hatte man die Spanier jedoch im Griff, durch gutes Pressing konnte man wie bereits erwähnt einen geordneten Aufbau zum größten Teil verhindern. Die Andalusier versuchten durch Flanken Torchancen zu generieren, die Strafraumverteidigung Liverpools war jedoch ausgezeichnet, Kolo Touré glänzte mit einer starken Leistung und konnte einige aufkommende Angriffe der in weiß gekleideten Spanier immer wieder zunichtemachen.

Viel Turbulenz nach Führung, Platz auf den Flügeln

Ohne viel Dominanz oder Gefährlichkeit konnte man in Minute 35 dennoch das 1:0 erzielen: nach einem weiten Ball gewann man im Gegenpressing den zweiten Ball, über Coutinho kam der Ball zu Sturridge an die Strafraumgrenze, der von halblinks von Mariano deutlich zu viel Platz bekam und mit dem linken Außenrist ins lange Eck schoss. Kurz vor der Halbzeit schien man nach einem Corner erneut ein Tor erzielt zu haben, Sturridge stand jedoch nach Lovrens Kopfball im Abseits. Liverpool war nun, typisch für eine Klopp-Mannschaft, deutlich beflügelt von dieser Führung und legte vor allem im Pressing noch einen Zahn an Intensität zu, was zu ein, zwei gefährlichen Ballgewinnen und Durchbrüchen sorgte.

Nach Ballgewinnen im Pressing fand man nun endlich die Räume vor, die vor allem Coutinho gebraucht hatte und man konnte einige Schnellangriffe starten. Kurz vor der Pause hatte man die Chance auf die Erhöhung der Führung, als nach einem Ballgewinn Clyne auf rechts geschickt wurde, seine halbhohe Flanke konnte jedoch keiner verwerten. Vor allem in den letzten 15 Minuten der ersten Halbzeit hatte Liverpool durch aufgerückte Außenverteidiger immer wieder Platz vorgefunden, das Hinterlaufen Morenos für Sturridge hatte ihm im entscheidenden Moment etwas Platz für den Schuss gemacht, genauso wie Clynes Vertikalität zu einigen Hereingaben führte.

Brotlose Dominanz und zunehmende Schlampigkeit im Pressing

Keine ganze Minute war gespielt, schon glich Sevilla aus. Einem Durchbruch über den rechten Flügel und einer scharfen, flachen Hereingabe folgte ein kluger Lauf Gameiros, der sein 29. Saisontor für Sevilla erzielte.

Nach  kurzem Aufrappeln schaffte es Liverpool jedoch wieder etwas Rhythmus im Ballbesitzspiel zu bekommen, der an diesem Tag starke Can verteilte aus der Mitte für seine Verhältnisse auffallend klug und strategisch die Bälle, während Milner auf rechts dabei half den Flügel zu überladen.

Viel fluide Positionswechsel gab es im Zwischenlinienraum, wo immer wieder einer der Offensiven in die Spitze lief, damit Sturridge oder jemand anders sich fallen lassen und die Kombination am Laufen halten konnten.

Die entscheidenden Durchbrüche fehlten jedoch, Sevilla verteidigte tief und konsequent, die Angriffsspieler konnten den Ball meist nur mit dem Rücken zum Tor empfangen. Etwas Glück hatte man in Minute 60, als man nach einem weiten Einwurf Zuordnungsprobleme hatte und Gameiro freistehend vor dem Tor vergab. Kolo Touré hatte zuvor mannorientiert verfolgt, die Kommunikation zwischen ihm und Partner Lovren war schon in Vorbereitung zum Einwurf scheinbar nicht passend gewesen.

Im Pressing und Gegenpressing wurde man zusehends ungenauer, attackierte zu weit vorne und tat dies aber nicht kollektiv, woraufhin sich Lücken auftaten. Diese nutzte Sevilla in Minute 64 mit einem Schnellangriff, nach doppeltem Doppelpass von Vitolo brach dieser in den Zwischenlinienraum durch und Coke traf ins lange Eck. Die Spanier nutzten nun endlich die Schnelligkeitsprobleme der Liverpooler Innenverteidigung mit temporeichen Angriffen aus. In Minute 70 konnte man auf 3:1 erhöhen. Nach einem ungenauen Pass von Lovren auf Can startete man einen Konter, den Coke aus knapper Abseitsposition zur Erhöhung der Führung abschloss.

Liverpool verzweifelt

Divock Origi war kurz vor dem 3:1 für Firmino gekommen und nahm nun die Position der höchsten Spitze ein, Sturridge agierte nun hängend hinter ihm. Nun schoben zu viele Liverpool-Akteure vor und in die Zwischenlinienräume, die jedoch von den Andalusiern gut zugestellt waren und Liverpool war zu ungeduldig im Aufbau.

Zu sehr die Vertikalität suchend, gab es einige gefährliche Fehlpässe, die Sevilla für Konter nutzen wollte. Vor allem Can zeigte nun sein wahres Gesicht. Technisch und physisch auf eigentlich sehr hohem Niveau, offenbarte er jedoch seine taktischen Schwächen wieder, die er in Halbzeit eins gut zu kaschieren wusste.

Inzwischen war auch Allen als Balancespieler für Lallana gekommen, er nahm im linken Halbraum immer wieder recht hohe Positionen ein und bewegte sich viel um Räume im Zentrum zu schaffen. Man fand jedoch kaum Wege durch die tief stehende Defensive der Mannen Emerys, weshalb man Torchancen mit Distanzschüssen und Flanken in Bedrängnis versuchte zu kreieren: da war es wieder, das vom BVB bereits bekannte Klopp-Problem.

Als letzte Einwechslung kam nun Benteke und man formierte sich im 3-4-2-1 mit Benteke als Spitze, flankiert in den Halbräumen von Sturridge und Coutinho, in der Dreierkette in der Abwehr spielten Clyne, Lovren und Moreno. Nun hatte Sevilla natürlich mit schnellen Verlagerungen Raum auf den Flügeln, dieses Risiko musst jedoch in Kauf genommen werden. Benteke war nun klarer Zielspieler, bei leichtester Bedrängnis wurde er nun hoch angespielt, konnte jedoch keinen dieser Bälle konstruktiv verarbeiten und man kam zu keiner Torchance mehr.

Fazit

Liverpools gute Phase dauerte 15 Minuten, von Minute 30-45. Davor und danach hatte man einige Strukturprobleme im Aufbauspiel, konnte zwar vor allem in Halbzeit eins gutes Pressing zeigen, welches im zweiten Durchgang jedoch instabil und ohne Absicherung durchgeführt wurde.

Hervorzuheben war lange Zeit die Leistung Kolo Tourés, bis er mit einem Stellungsfehler den Ausgleich Gameiros ermöglichte. Die Briten verloren den Faden und zeigten nach der Pause eine klassische Klopp-Halbzeit in Finali.

David Goigitzer, abseits.at

David Goigitzer

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