Von den Namen her hatte das Europa-League-Achtelfinal-Duell zwischen Tottenham Hotspur und Inter Mailand Potential zu einem Champions-League-Spiel. Beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften, in... Tottenham dominiert Zentralachse – Inter unterliegt an der White Hart Lane 0:3

Von den Namen her hatte das Europa-League-Achtelfinal-Duell zwischen Tottenham Hotspur und Inter Mailand Potential zu einem Champions-League-Spiel. Beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften, in der Königsklasse vor zwei Jahren, trat Gareth Bale mit einem Hattrick erstmals auf europäischer Bühne groß in Erscheinung. Mittlerweile zählt der Waliser zu den besten Spielern der Welt und so waren auch bei diesem Spiel alle Augen auf ihn gerichtet.

Und der 23-Jährige brachte sein Team auch gleich in der sechsten Minute in Führung – die logische Konsequenz, da Tottenham in der Anfangsphase enorm druckvoll spielte. In der 18. Minute traf Gylfi Sigurdsson zum 2:0. Danach schalteten die Spurs etwas zurück und erzielten durch Jan Verthongen schließlich das 3:0.

Bale zentral, Sigurdsson am Flügel

In Tottenhams 4-2-3-1 agiert Bale – anders als etwa im walisischen Nationalteam beim 2:1-Sieg über Österreich – mittlerweile nicht mehr am Flügel sondern auf der Zehnerposition. Seine Position auf der linken Außenbahn übernahm Sigurdsson, der eigentlich im Zentrum zuhause ist. Die rechte Seite beackerten wie gewohnt Aaron Lennon und Kyle Walker, ein dynamisches Duo, das im Normalfall für die Breite sorgt.

In der Premier League bereiten die beiden zusammen im Schnitt knapp vier Torchancen pro Spiel vor, in dieser Partie ging von ihnen jedoch kaum Gefahr aus – nur eine Flanke, ein Torschuss und zwei Key Passes. Auf der gegenüberliegenden Seite waren Sigurdsson und Linksverteidiger Benoit Assou-Ekotto deutlich aktiver. Der Isländer bereitete nicht nur das 1:0 vor und traf zum 2:0, sondern war mit sieben Hereingaben auch der fleißigste Flankengeber.

Große Namen waren einmal

Mit einem 3:2-Sieg über Catania, den man nach einem 0:2-Rückstand holte, im Rücken kam Inter an die White Hart Lane und wollte die teils extrem biederen Leistungen in der Serie A vergessen machen. Die Mannschaft von Andrea Stramaccioni besteht zwar zum Teil noch aus Spielern, die im Mai 2010 unter Jose Mourinho die Champions League gewann, ihr Glanz ist aber verflogen. Diego Milito, im Bernabeu Doppeltorschütze gegen die Bayern, fällt beispielsweise mit einer Knieverletzung lange aus und wurde von Antonio Cassano ersetzt.

Esteban Cambiasso, Christian Chivu oder Javier Zanetti, der trotz 39 Jahren noch immer die Außenbahn unermüdlich auf und ab sprintet, haben ihren Zenit überschritten. Auch taktisch findet man mittlerweile keine klare Linie mehr. Weder 3-5-2-artige noch 4-3-3-artige Formationen oder ein 4-4-2 mit Mittelfeldraute haben sich nachhaltig bewährt. Gegen die Spurs liefen die Nerazzuri mit einer 4-2-3-1-Grundordnung auf, die aber vor allem auf der zentralen Achse unterlegen war.

Manndeckung gegen Bale ohne Erfolg

Auf die zentrale Rolle von Bale wollte Stramaccioni mit einer Manndeckung antworten – eine naheliegende Entscheidung, zu der auch schon Sir Alex Ferguson griff. Primär war es Cambiasso, der sich um den Superstar kümmerte und ihn verfolgte. Doch wie schon beim 1:1 gegen Manchester United öffnete dies Räume an anderen Stellen des Platzes. Verantwortlich dafür war der große Aktionsradius von Bale, der alles andere als ein klassischer Zehner ist, der zwischen den Linien die Bälle verteilt.

Er ließ sich im Spielaufbau in die ballfernen Halbräume fallen, zog somit einen Inter-Sechser aus dem Zentrum raus. Drangen die Spurs in höhere Zonen vor, suchte er immer wieder mit Tempo den Weg vom Zentrum raus zum Flügel und schlug immerhin sechs Flanken. Zwar beschnitt man ihn dadurch in gewisser Weise seiner Stärke – auf den Flügeln könnte Bale seine Vorteile im Antritt und Dribbling besser ausspielen – jedoch bekommt er so den Ball in torgefährlicheren Bereichen.

Flexible Flügelspieler und vorstoßende Sechser

Von den raumschaffenden Bewegungen Bales profitierten sowohl die beiden Sechser als auch die Flügelspieler. Zog Bale beispielsweise Cambiasso aus dem Zentrum raus, musste dessen Nebenmann, Walter Gargano, in die Mitte nachrücken, wodurch Sigurdsson im halblinken Mittelfeld Platz vorfand, den er als etatmäßiger Zentrumspieler zu nutzen wusste. Auch Lennon pickte nicht stur an der Seitenlinie sondern rochierte mit Bale und Sigurdsson.

Zudem konnte Tottenham mit seiner spielerisch und technisch starken Doppelsechs von hinten heraus Druck aufbauen und etwaige offene Räume bespielen. Moussa Dembele kommt dabei mehr über seine Athletik, konnte diese Freiräume mit dem Ball am Fuß anlaufen. Allerdings übernahm der Belgier in erster Linie die absichernden, horizontalen Aufgaben, während Scott Parker vertikal mit nach vorne ging. Diese Probleme wollte Inter in weiterer Folge dadurch in den Griff bekommen, in dem man Mateo Kovacic, der als Zehner startete, im defensiven Mittelfeld auf Bale ansetzte und die beiden Sechser nach vorne zog.

Mitspielender Stürmer und Innenverteidiger

Im Angriffszentrum bot Spurs-Coach Andre Villas-Boas mit Jermain Defoe einen sehr agilen Stürmer auf. Der Engländer gilt als beweglicher Spieler, der zwar nie auf viele Ballkontakte kommt – in diesem Spiel waren es nur 32 – dafür in seinen Bewegungen sehr strukturiert wirkt. Er geht zwar kaum in die Tiefe, umso mehr bearbeitet er aber die Breite und lässt sich fallen um den Ball prallen zu lassen. Das Spiel ohne Ball ist die große Stärke des flinken Engländers, mit dem er immer wieder die hölzernen Innenverteidiger aus ihren Positionen herauszerrte.

Defoe und Bale zerfetzten jegliche Ordnung in Inters Defensive, da die Italiener in diesem Bereich sehr mannorientiert verteidigten. Zudem stellten die beiden im hohen 4-4-2-Pressing die Passwege ins Zentrum zu und leiteten das Spiel auf die Außenpositionen um, wo Inter mit technisch schwachen Spielern besetzt und dementsprechend anfällig war. Das eigene Aufbauspiel erfuhr hingegen kaum Druck und so konnte sich etwa Verthongen, ohnehin einer der besten spielmachenden Innenverteidiger, immer wieder ins Offenspiel einschalten. Aufgrund des ausbleibenden Pressings der Nerazzurri konnten er und William Gallas auch in Ruhe lange Bälle vorbereiten und spielen – von 13 Versuchen kamen 12 an.

Und was machte Inter so?

Die Mailänder enttäuschten hingegen auf ganzer Linie. Aufgrund der kompakten Zentrale konnte Tottenham nach Ballverlusten schnell aufs Gegenpressing umschalten. Inter reagierte hierbei vor allem in der Anfangsphase hektisch, schenkte die Bälle umgehend wieder her. Auch die zahlreichen taktischen Eingriffe von Stramaccioni blieben ohne sichtbaren Erfolg. Zunächst versuchte er durch die Hereinnahme von Rodrigo Palacio und dem Zurückziehen von Alvaro Pereira auf der linken Außenbahn die technischen Möglichkeiten zu erhöhen.

Dann ersetzte Fredy Guarin den jungen Kovacic, doch der kraftvolle Kolumbianer steht symbolisch für den Niedergang des Trequartistas in Italien. Tottenham stand fortan nämlich tiefer und so konnte Inter die Londoner nie ernsthaft in Gefahr bringen. Das traurige Fazit: Der Champions-League-Sieger von 2010 ist mittlerweile ins europäische Mittelmaß abgerutscht und kämpft auch in der Serie A um den Anschluss an die Spitze.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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