Ausschreitungen, Guerillakriege und Machtkämpfe sind Wörter, die man im Zusammenhang mit Somalia oft hört und liest. Ridley Scotts Blockbuster „Black Hawk Down“ flimmert in... Fußball in Somalia – das runde Leder als Waffe gegen al-Shabaab

Ausschreitungen, Guerillakriege und Machtkämpfe sind Wörter, die man im Zusammenhang mit Somalia oft hört und liest. Ridley Scotts Blockbuster „Black Hawk Down“ flimmert in regelmäßigen Abständen über die Fernsehbildschirme und erinnert an die Schlacht um Mogadishu im Oktober 1993. Das mittlerweile zerfallene Land im Osten Afrikas leidet seit Jahrzehnten unter Gewalt, Kriegen, Zerstörungen und Dürre. Der Fußballsport ist sogar verboten.

Somalias Fußballverband, die Somali Football Federation (SFF), wurde 1969, gleich nach dem Sturz der letzten demokratisch gewählten Regierung unter Abdirashid Ali Shermarke, gegründet. Im gleichen Jahr trat man der FIFA bei und 1975 der CAF. Die ersten Länderspiele wurden aber bereits zu Beginn der 60er-Jahre ausgetragen, denn schon 1951, als das Land noch in Britisch-Somaliland und Italienisch-Somaliland geteilt war, wurde der erste offizielle Verband gegründet.

Im Schatten von al-Shabaab

Seit den späten 80er-Jahren kommt Somalia kaum zur Ruhe. Die Ausschreitungen und das Chaos gehen auf die letzten Jahre des kalten Kriegs zurück. Die Regierung durchlief ein Stadium des Zusammenbruchs. Immer traten verschiedenste Klans und Stämme hervor, mit dem Ziel die aktuelle Regierung zu stürzen. Millionen von Leben kostete dieser lange Konflikt, viele andere flüchteten im Laufe der Jahre aus dem Krisengebiet. Als bekannteste Gruppe gelten heutzutage die Harakat al-Shabaab al-Mujahideen (HSM) – kurz al-Shabaab – eine islamistische militante Bewegung, die seit der Gründung 2004 in viele brutale Verbrechen verwickelt war. Auch enge Beziehungen zur al-Qaida werden ihr nachgesagt.

Der somalische Sport wurde von diesen Ereignissen stark in Mitleidenschaft gezogen. Potenzielle Fußballer wurden von den militärischen Truppen rekrutiert oder hatten schlichtweg Angst dem runden Leder nachzujagen. al-Shabaab dominierte die Schlagzeilen nämlich nicht nur aufgrund der politischen Ausschreitungen, sondern auch in fußballerischer Hinsicht. Die terroristische Organisation verbat der somalischen Bevölkerung Fußball zu spielen oder in irgendeiner Art und Weise zu verfolgen. Andernfalls mussten die Bewohner mit ihrem Leben bezahlen. Und sie machten keine Scherze. Während der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika wurden zwei junge Männer getötet nachdem diese das Spiel Argentinien gegen Nigeria verfolgten, zahlreiche andere wurden verhaftet. Das Verfolgen der Spiele in Rundfunk und Fernsehen sei „unislamisch“, halte vom heiligen Krieg ab und sei deshalb verboten.

Fußball oder Leben

Ein weiteres grausames Beispiel für den schrecklichen Anti-Fußball-Feldzug von al-Shabaab ist der tragische Mord an einem der Shootingstars im somalischen Fußball, Abdi Salaan Mohamed Ali.Dieser wurde Opfer einer Autobombe, die zehn weitere Menschen mit in den Tod riss. Weiters hielt die Gruppe einen 19-jährigen Nationalspieler, Sa’ad Saleh Hussain, in Afgooye 30 Kilometer entfernt der Hauptstadt gefangen – ähnliches widerfuhr einigen Klubeigentümern. Ein somalischer Journalist wurde im März 2011 ermordet weil er über ein Fußballspiel berichtete und selbst der Präsident der SFF entging einem Attentat nur knapp.

Somalia war das einzige Land, das der WM-Pokal bei seiner Reise durch Afrika nicht durchquerte. Die somalischen Kicker hatten kaum eine Chance, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Das Nationalteam kann nur unter Polizeischutz trainieren, alle internationalen Spiele mit somalischer Beteiligung finden aus Sicherheitsgründen in Nachbarstaaten wie Kenia oder Djibouti statt. „Fußball ist nichts anderes als Zeitverschwendung“, so al-Shabaab-Vertreter Sheikh Mohammed Ibrahim. „Wissen Sie nicht, dass Allah Sie fragen wird, womit Sie Ihre Zeit verbracht haben, wenn der Tod kommt?

Die Stars flüchten

Die mittlerweile über 20 Jahre andauernde Gewalt gegen Unschuldige ist der wichtigste Grund warum sich Somalia aktuell nur auf Platz 187 widerfindet. An Talent und Interesse mangelt es nämlich nicht. Die potenziellen Stars flüchteten jedoch in Länder, in denen sie nicht um ihr Leben zittern müssen wenn sie ihrer Leidenschaft nachkommen. Einer von ihnen ist Somalias Rekordtorschütze Issa Aden Abshir (auch bekannt als Cisse Aadan Abshir), der aktuell in der vierthöchsten norwegischen Liga spielt. Bei Eidsvold Turn ist der Stürmer, der zu Somalias bestem Spieler des letzten Jahrzehnts gewählt wurde, ein Star.

Weitere somalische Leistungsträger sind Liban Abdi, der nach zwei Jahren bei Ferencvaros nun in Portugals erster Liga für Olhanese kickt, und Ayub Daud. Der 22-Jährige steht aktuell bei Italiens amtierenden Meister Juventus unter Vertrag, spielte 2009 sogar zwei Minuten in der Serie A. Der Mittelfeldspieler war zudem bei vielen europäischen Topklubs (u.a. Barca, Real, Manchester United) auf dem Radar, wurde aber in den letzten Jahren ständig in der Serie B herumgereicht.

Unermüdlich trotz widrigster Umstände

Trotz dieser durchaus beachtlichen Vielfalt an Talenten konnte sich Somalia noch nie für den Afrika Cup qualifizieren, von einer FIFA Weltmeisterschaft ganz zu schweigen. Dem somalischen Verband fehlt jegliche Infrastruktur, was auch mit den Restriktionen der Islamisten zu tun hat. Ein adäquates Training ist, wie bereits erwähnt, nicht zu bewerkstelligen. Das Stadion in Mogadishu, das einst als eine der imposantesten Arenen in Ostafrika galt und immerhin 70.000 Zuschauer fasst, ist mittlerweile ein Trainings- und Rekrutierungszentrum der al-Shabaab. Das Team spielt in unpassender Kleidung auf einem Platz, der in Matsch, Steinen und rostigen Dosen in Pfützen untergeht. Auch Torpfosten gehören nicht zum Standardinventar.

Der somalische Verband startete eine Kampagne mit dem Motto „Put down the gun, pick up the ball“, um der Jugend den Fußball schmackhafter als Waffen und Gewalt zu machen. Weiters organisierte man das „Football For Peace“-Turnier, an dem Auswahlen von vier Regionen  des Landes – Hodon, Wardhiiglay, Kaaraan und Abdel Aziz – teilnahmen. Hintergrund dieses Turniers war, die Wiedereröffnung der Autobahnen in der Hauptstadt – vor allem jene, die durch die genannten Regionen verliefen – zu fördern. Der Verband entsandt auch technisches und administratives Personal nach Europa und Amerika um um Unterstützung für das Nationalteam anzusuchen. Außerdem gibt es seit kurzem auch Trainerlehrgänge, deren Premiere im Mai vergangenen Jahres im Zentrum der somalischen Studentenunion in Mogadishu 28 Teilnehmer zählte.

Zwar wird Fußball in Somalia weiterhin nur rudimentäre Aufmerksamkeit bekommen, er steht aber in der ganzen Nation als eines der wenigen Dinge für ein gemeinsames Miteinander und wird seinen Teil dazu beitragen die Leiden von Millionen Menschen zu lindern.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem