Jeden Sonntag wollen wir in dieser Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder im... Men to (re)watch (36) –  Garry O’Connor (KW 36)

Jeden Sonntag wollen wir in dieser Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder im Konjunktiv stecken blieb, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt radikal verändert haben oder sonst außergewöhnlich waren und sind: Sei es, dass sie sich nach dem Fußball für ein völlig anderes Leben entschieden haben, schon während ihre Profizeit nicht dem gängigen Kickerklischee entsprachen oder aus unterschiedlichen Gründen ihr Potenzial nicht ausschöpften. Auf jeden Fall wollen wir über (Ex)-Fußballer reden, die es sich lohnt auf dem Radar zu haben oder diese (wieder) in den Fokus rücken. Wir analysieren die Umstände, stellen Fragen und regen zum Nachdenken an. Am heutigen Sonntag werfen wir einen Blick auf die wechselhafte Karriere eines schottischen Angreifers ….

„Ich habe keine Angst es zuzugeben: Ich dachte mehrmals an Selbstmord. Manchmal glaubt man einfach, man sei wertlos. Aber Selbstmord ist nicht die Lösung.“, sagt der dunkelblonde Mann mit den volltätowierten Armen. Garry O’Connor sitzt in einem schwarzen T-Shirt am Strand und wird von einer Kamera der BBC gefilmt. Der Ex-Fußballer ist damals 37 Jahre alt und hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich. In einem 2020 erschienen Dokumentarfilm spricht er über seinen Kampf mit Depressionen und seine Fußballkarriere, die ihn von Schottland bis nach Sibirien führte. „Ich habe dieses ‚Bad Boy-Image‘, aber ich bin nicht der Mensch, den die Medien zu zeigen versuchen.“, sagt Garry, während er nachdenklich aufs Meer hinausblickt.  

Hausarrest in Moskau

Vier Millionen Euro habe er verschwendet, behauptet Garry. Rausgeschmissen für Partys, Rauschmittel und Luxus. Dazu kamen noch Geldstrafen und seine Anwaltskosten. Als 21-jähriger soll er einen Elvis-Imitator verprügelt haben, später wurde er wegen Ladendiebstahls verurteilt. Trotzdem sorgte der Mittelstürmer auch als Fußballer für Furore. Der Höhepunkt seiner Laufbahn war 2006 ein Wechsel zum Kultverein Lok Moskau. Obwohl er eigentlich vorhatte bei seinem Stammklub zu bleiben, unterschrieb er einen gutdotierten Vertrag in der russischen Hauptstadt.

Plötzlich wohnte der Schotte im selben Luxusappartementhaus wie Ex-Präsident Andropov. „Ich konnte mir eine Wohnung aussuchen und nahm die mit den Kronleuchtern und dem Whirlpool.“, erinnert sich der Stürmer. Doch obwohl er 16.000 Pfund in der Woche einstrich, vor seiner Villa in Edinburgh ein Ferrari Spider parkte und er 1000 Euro nur für einen Trainingsanzug ausgab, war Garry in Moskau nicht glücklich. Seine Frau hatte Heimweh und zog schwanger wieder zurück auf die Insel. Manchmal kam sie mit dem ältesten Sohn Josh zu Besuch, manchmal war Garrys Mutter da, doch die meiste Zeit saß der gesellige Angreifer allein in seinem goldenen Käfig.

Sportlich lief es trotz allem nicht übel: Der 1,86 Meter große Offensivspieler schoss sieben Tore in 33 Spielen und erzielte Ende Mai das Siegestor im russischen Cupfinale indem er einen Stanglpass verwertete. Trotzdem packte Garry im Sommer seine Koffer und ging zu Birmingham City. Dort sollte der absolute Tiefpunkt seiner Laufbahn folgen, als 2009 bei einer Dopingkontrolle Spuren von Kokain in seinem Blut nachgewiesen wurden. Der Stürmer wurde daraufhin für zwei Monate gesperrt.

„Wenn ich nicht gespielt habe, war ich deprimiert. Ich habe getrunken und Kokain genommen. Wenn du verletzt bist und nicht spielst, hast du kein Selbstvertrauen. Kokain gibt dir Selbstvertrauen. Aber nach dem Hoch, stürzt man wieder total ab.“, musste er zugeben. Er flog zu einer Entziehungskur in die USA. Doch haben seine Drogenprobleme wirklich erst in den erzwungenen Spielpausen angefangen? Oder ist die Wurzel allen Übels schon früher zu suchen?

„Er hätte meine Karriere besser geleitet. Die Dinge wären sicher anders gelaufen, wenn er noch hier wäre.“

Geboren wurde Garry O‘Connor am 7. Mai 1983 in Edinburgh. Er wuchs an der schottischen Küste auf und hatte früh nur Fußball im Sinn. O’Connor bezeichnet seinen Onkel als seinen Mentor: „Meine Eltern haben immer viel gearbeitet, also war Onkel Mark eine Vaterfigur für mich. Er fuhr mich immer zum Training und holte mich ab, weil mein Papa Schichtarbeiter war. Onkel Mark trat mir in den Hintern und war derjenige, der für mich da war und mich antrieb.“ Tragischerweise wurde der Mentor des späteren Legionärs eines Tages aber von einem betrunkenen Autofahrer angefahren und starb noch an der Unfallstelle. Der spätere Fußballprofi war damals erst vierzehn Jahre alt und verkraftete den Verlust nur schwer: „Auch heute vergeht nicht ein Tag an dem ich nicht an ihn denke.“ Ein Jahr später brach O‘Connor die Schule ab und unterzeichnete bei Hibernian F.C. seinen ersten Profivertrag. Noch heute spricht er davon, wie bewegend es war sich das Trikot mit der Nummer 9 überzustreifen, das jenem Klub gehörte, dem er schon als Kind die Daumen gedrückt hatte.

Die Trainer mochten ihn, weil er ehrgeizig und fleißig war. Nachdem schon sein Vater ein begabter Mittelstürmer war, konnte sich Garry aufgrund seiner körperlichen Spielweise durchsetzen. Er gehörte Anfang der 2000er zu Schottlands großen Talenten und feierte bereits mit 19 Jahren sein Debüt für die Nationalmannschaft. In der Saison 2004/05 erzielte er gemeinsam mit Derek Riordan, den er bereits als Zehnjähriger beim Kicken im Park kennengelernt hatte, 42 Treffer und die Hibs qualifizierten sich so für den Europacup. Man. United streckte seine Fühler nach dem kantigen Schotten aus, auch die Rangers meldeten Interesse. Garry war geschmeichelt und dachte: „Vielleicht lande ich am Ende bei Real Madrid.“ Doch der Manager der Grün-Weißen überredete ihn schließlich das finanziell-lukrative Angebot aus Russland anzunehmen und so wechselte er 2006 nach Moskau.

Doch O’Connor wurde in Russland nicht glücklich: Im Oktober 2006 verbannte man ihn auch aus der Nationalmannschaft, weil er nicht zum vereinbarten Treffpunkt erschienen war. „Garry war ein junger Mann. Es gab Probleme in seiner Familie. Er hätte das besser kommunizieren müssen, aber sein Verhältnis zu Walter Smith [der damalige schottische Nationaltrainer, Anmerkung] war nicht das Beste.“, weiß ein Journalist.

Unterwegs mit dem „Tuesday-Club“

Damals versuchte der Stürmer seine mentalen Probleme anderweitig zu lösen: Als ihn sein ehemaliger Hibernian-Trainer, McLeish, nach Birmingham in die Premier League holte, schoss er zwar gleich in seinem ersten Spiel ein Tor, musste dann aber wegen Fitnessproblemen passen. Er geriet erneut in einen Teufelskreis: „Birmingham ist Englands zweitgrößte Stadt. Ich habe meine Tage dort gut mit einkaufen und anderen Dingen füllen können.“

Nachdem ihn Rückenschmerzen und Verletzungen im Hüftbereich vom Training und Spielbetrieb befreiten, gab Garry hauptsächlich beim Partymachen Gas. Mittwochs war meist spielfrei, so trafen sich einige Spieler am Dienstagabend zum Bechern in den Pubs der englischen Midlands. Wer im „Tuesday-Club“ war, hatte in den frühen Morgenstunden stets viel Promille. Bei Garry gab es zusätzlich auch was für die Nase. Einmal verletzte er sich in einer solchen Nacht, als er versuchte volltrunken auf einem Quad ein Rad zu schlagen. Das war kein Einzelfall: „Bei einem Match konnte ich nur einen Arm und Ellbogen bewegen. Aber ich habe es irgendwie über die 90 Minuten geschafft. Ich wollte nicht, dass es rauskommt, ansonsten hätte ich eine Geldstrafe bekommen.“, weiß Garry zu berichten. Während seine Frau mit den Kindern zuhause saß, ließ es der Stürmer krachen. Sein Klub hielt zu ihm; selbst nach seinem positiven Drogentest verlängerten sie seinen Vertrag um ein halbes Jahr um ihm nochmals eine Chance zu geben. Nach acht Wochen Rehab in den Staaten wollte Garry bei Barnsley in der Championship Einsatzminuten sammeln. Die Leihe mündete in einem Fixvertrag.

Mit achtundzwanzig Jahren heuerte er schließlich wieder bei seinem Stammklub in Schottland an und spielte besser als je zuvor. Er habe Fußball wieder genießen können, erinnert er sich. Doch die Saison 2011/12 endete in einer Katastrophe: Hibernian wurden im Cupfinale vom Stadtrivalen Hearts of Midlothian mit 5:1 gedemütigt. Kurze Zeit später lief Garrys Vertrag aus und am selben Tag wurde er außerdem von einem Edinburgher Gericht schuldig gesprochen, weil er ein Jahr zuvor beim Kokainkonsum erwischt worden war und zudem vor der Polizei geflohen war. Auf Klubsuche landete der 16-fache Teamspieler schließlich in Sibirien bei FC Tom Tomsk. Nach sechs Spielen und einem Treffer spielte er noch in der dritten schottischen Liga, ehe er 2016 seine Fußballschuhe an den Nagel hängte.

Junior, übernehmen Sie!

O’Connor hat sein Vermögen verjuxt. Er lebt jetzt in einem weißen Reihenhaus in North Berwick, einem Küstenstädtchen mit 6000 Einwohnern und hat ein Fußballcamp gegründet. Der dreifache Vater möchte seine Erfahrung weitergeben und hält Vorträge vor jungen Spielern. „Ich bin kein Engel, wirklich nicht.“, gibt er zu. Erst vor einem Jahr musste er sich wieder vor einem Strafgericht verantworten, weil er sich in einem Hotel entblößt hatte. Sein ältester Sohn ist seit März 2022 im Kader der Kampfmannschaft von Hibernian. Garry muss ihm keine Ratschläge geben: „Josh ist zum Glück so klug wie seine Mutter.“ Wir werden sehen, was die Zukunft für ihn bringt, meint der Ex-Profi nachdenklich. Er dagegen habe schon lange seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht. O‘Connor zeigt auf eine Tätowierung auf seinem Arm: Dort ist Saturn zu sehen, wie er auf den Kopf des Teufels tritt. „So geht es mir mit meinen Dämonen.“, sagt der Ex-Profi und grinst.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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