Es ist wohl kein Zufall, dass Alex Raack ein Lied der Toten Hosen als Titel für sein Buches ausgesucht hat. Das ist Pop. Und... Buchrezension: Alles aus Liebe  – Eine Reise ins Herz des Fußballs

Es ist wohl kein Zufall, dass Alex Raack ein Lied der Toten Hosen als Titel für sein Buches ausgesucht hat. Das ist Pop. Und auch wenn sich die musikmachenden Düsseldorfer als Punkrocker betrachten, können sie so – wie Raacks Ex-Arbeitgeber – nicht leugnen, seit Jahr(zehnten) mainstream zu sein: Raack werkte nämlich (nach einem Volontariat) für das Magazin „11 Freunde“, ehe er sich als Fußballautor selbständig machte. Bisher verfasste der gebürtige Niedersachse zwei Biografien, ein Buch über Fußballklischees und eben „Alles aus Liebe“. Thema: Wo ist der Sinn der Fußballliebe? In vierzehn Kapiteln geht Raack auf die Reise um seine Leidenschaft für den Ballsport wiederzugewinnen.

Der Experte ist nämlich enttäuscht: „Spätestens seit der WM 2014 spüre ich, wie die Kurve der Begeisterung all jener, denen wirklich etwas an diesem Spiel liegt, nach unten geht. Dass viele die Faxen dicke haben, weil sie inzwischen erkennen, wie versaut der Spitzenfußball wirklich ist.“ Raack will die Quintessenz seiner Liebe zum Kicken bei den Leuten finden, die den Fußball so lieben, wie er das tut. Dafür spricht mit einem Ex-Hooligan, der heute Kampfsport trainiert, besucht ein „David gegen Goliath“-Cupduell, sieht in einem Balkanimbiss das Pokalfinalspiel und plaudert mit Funktionären von Kleinvereinen, Fantroubadouren, Merchandiseverkäufern. Das Disney-Ende des Buches ist allerdings vorprogrammiert: Weil dort, wo Geld wenig bis gar keine Rolle spielt, vielleicht nicht alles, aber sehr viel aus Liebe passiert. Und wo die Liebe ist, da ist Zuhause.“, resümiert der Connaisseur.

Überzeugen konnte mich das Buch nicht. Ich glaube schon, dass Raack ernsthaft versucht hat wieder genügend Sinnhaftigkeit im Fußball, der immer mehr zum Geschäft mutiert, zu finden. Trotzdem wirkt seine Spurensuche zu überlegt, zu geplant um spontane Wendungen einzuschlagen. Die Gretchenfrage bleibt außerdem: Muss Fußball einen Sinn haben? Auch nach der Lektüre stelle ich fest: Fußball ist eine der schönsten Nebensachen der Welt. Sinn- und zwecklos – wie das Leben itself. Kitschige Seufzer wie „Man kann sich ein Ei darauf pellen, wenn der eigene Verein Meisterschaften und Pokale gewinnt. Oder man macht sich einfach eine schöne Zeit und erlebt Geschichten, die auch in ein paar Jahren noch Unterhaltungswert genießen.“ bleiben einem in dieser Geschichte also nicht erspart. Eine perfekte Anleitung für Fußballliebe ohne Kommerz kann sich aber wohl niemand patentieren lassen.

Reise zum Fußball-Ich

Schon zu Beginn konstatiert der Autor, dass sein Beruf irgendwo schuld ist, dass sich sein Verhältnis zum Kicken verändert hat: „Die Sicht auf die große Liebe verändert sich naturgemäß, wenn sie einen professionellen Anstrich bekommt.“ Dass sich fast alles ums Geld dreht, beweisen die  Enthüllungen, wonach die millionenschweren Bayern mit anderen Klubs eine Superliga gründen woll(t)en. Raack spricht von einem „Fundament aus Dreck und Betrug“, das große Turniere trägt. Zwischen Transfermillionen und business seats bleibt die Leidenschaft auf der Strecke. Bei ihm ist noch genügend Fieber vorhanden, das zeigt sich alleine daran, dass dem Autor schon auf den ersten Seiten ein gutes Spiel „seines“ Klubs Werder genügt, um in die alte Euphorie zu kippen. Weiter geht’s nach Frankfurt, wo Raack einen alten Freund besucht, der sich aufgrund einer chronischen Erkrankung zurückgezogen hatte. Seine Bilanz dieser Begegnung: „Wir freuten uns einfach, dass es uns gab und dass wir an diesem Tag an diesem Ort der Welt zusammensaßen.“

Schreiben kann er, der Herr Raack, das Buch geht hinunter wie das Pils beim Bierfrühstück der Stadionansichtkartensammlervereinigung (Was für ein Wort für Hangman!) und bietet durchaus amüsante Lektüre. Der Ich-Erzähler trifft zahlreiche Fußballfanatiker, die ihre Fangeschichten erzählen. Hedonismus pur. „Ein Stadion ohne Fans ist nur ein Betonklotz.“, sagt einer. Schade, dass das Buch aus einer Ansammlung solcher Allerweltsweisheiten besteht. Auch der Stilbruch – ein Interview mit einem Aktivisten von ProFans, der Interessenvertretung für aktive Fan- und Ultragruppen –  in Kapitel Zwölf ist kein Zufall und fügt sich perfekt ein. Das Buch ist wie ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt (O-Ton: Helmut Qualtinger über Österreich). Es fehlen einfach raffinierte Wendungen und am Ende hat sich natürlich alles gelohnt: „Überall in diesem fußballverrückten Land finden sich herrliche Geschichten über Fußball, die man anschauen oder anhören kann.“

Das Highlight des Buches soll in dieser Rezension aber nicht verschwiegen werden: Aus einer Bierlaune gebiert Raack die Idee zu einem Schiri-Supporter-Club. Er und seine Jungs basteln an einer Facebook-Fanseite, markigen Gesängen wie „Say it loud, say it clear, referees are welcome here!“ oder „Sie bleiben ihrer Linie treu – Assistenten!“ und geben bei einem Stadionbesuch die komischen Vögel. So reparieren sie das angeknackste Selbstbewusstsein eines Kreisliga-Unparteiischen. Vielleicht ist das doch nicht so banal.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag