Bernd kommt aus Hamburg-St. Pauli, Lukas aus Gliwice in Polen. Mustafa ist in der Türkei geboren. Kalidou hat senegalische Wurzeln und Lorena italienische. In... Buchrezension: „Dranbleiben – Warum Talent nur der Anfang ist“

1.FC Köln Wappen_abseits.atBernd kommt aus Hamburg-St. Pauli, Lukas aus Gliwice in Polen. Mustafa ist in der Türkei geboren. Kalidou hat senegalische Wurzeln und Lorena italienische. In „Dranbleiben“ kommen sie alle zu Wort. Geschrieben hat das Buch der Lukas aus Gliwice, besser bekannt als Lukas Podolski. „Dranbleiben“ (2014) ist eine Art Autobiografie, die besonders sein soziales Engagement thematisiert. Jetzt wo er es „vom Gummiplatz in Bergheim in die Stadien dieser Welt“ geschafft hat möchte der nunmehr 30-jährige Stürmer etwas zurückgeben.

Unterprivilegierte Kinder liegen ihm dabei besonders am Herzen, ihnen widmet er als Botschafter und Unterstützer der gemeinnützigen Einrichtung „Arche“, die von Bernd Siggelkow 1995 gegründet wurde, Zeit und Geld. Das ist edel. Im Alter von 28 Jahren bereits seine Lebensgeschichte aufzuschreiben ist gewagt. Eine Art Ratgeber zu fabrizieren – wie der Untertitel „Warum Talent nur der Anfang ist“ erkennen lässt – ist ihm deutlich misslungen. Podolski erzählt seine Geschichte, weiß aber gleichzeitig: „Es wird nicht jeder Fußballer. Das sage ich den Kids ja auch immer: Nicht immer nur zu sagen, der Podolski ist Fußballer und da arbeite ich jetzt auch drauf hin.“ Kollege Philipp Lahm wollte mit seinem „Feinen Unterschied“ ein Buch schreiben, wie er es als Junger auf dem Weg zum Profi selbst gerne gelesen hätte. Lahms „Unterschied“ entpuppte sich als PR-Gag mit einer Hand voll kontroversen Aussagen mit denen der Münchner wahrscheinlich seinem butterweichen „Kapitänchen“-Image einen anderen Schliff verpassen wollte. Unnötig – immerhin sprechen Lahms fußballerische Qualitäten für sich: Der Weltmeister-Spielführer von 2014 war und ist kein aggressive-leader und hat gezeigt, dass dies auch gar nicht notwendig ist. Bei „Poldis“ Buch kann von Imagepolitur keine Rede sein. Vielmehr zeichnet er in „Dranbleiben“ ein Bild von sich, das in diesen Konturen schon öffentlich bekannt war. Imagepflege also – getreu seiner Homepage, auf der er sich die Attribute „Überflieger mit Bodenhaftung“ und „Ehrliche Haut“ zuschreibt. Über 80 Prozent finden ihn nach eigenen Angaben sympathisch. Doch die Zeit nagt auch an ihm. Vor zwei Jahren hat ihn eine Zeitung zum „Jüngsten Alten“ des deutschen Fußballs erklärt: Mit ihm (und Bastian Schweinsteiger) habe der Aufschwung der DFB-Elf begonnen, jetzt gäbe es aber keinen Platz mehr für die unbekümmerte Frohnatur. Dabei will der Lukas nur kicken, das wollte er schon immer.

Der rote Faden in seinem Leben ist der Ball

Der hilfsbereite und ehrliche Podolski ist der Traum einer jeden Schwiegermutter. Und eines jeden fußballverrückten Schwiegervaters. Aber jeder fängt einmal klein an. Alles ist „ganz normal“. Es ist ein „ganz normales Kind eben“, das am 4. Juni 1985 in Oberschlesien zur Welt kommt. Als die Eltern ihre sportlichen Karrieren – Vater: Fußball, Mutter: Handball – aufgeben, siedelte die Familie ins Rheinland um. In den Podolskis spiegelt sich ein kleines Stück Zeitgeschichte wieder: Opa Josef und Oma Helene mussten nach dem Krieg Polnisch lernen und waren gezwungen in einem Land zu leben, das sie so nicht kannten. Erst als Pensionisten gelang ihnen die Ausreise nach Bergheim bei Köln. Bei ihren Nachkommen verläuft es Mitte der Achtziger genau andersherum. Hier beginnt Lukas Geschichte, die er aufgeschrieben hat, nicht nur, weil er sie erzählen möchte, sondern auch weil er anhand seiner Biografie und „denen von Kindern aus der Arche vermitteln will, dass Kinder Hilfe brauchen, sich selbst zu entdecken und ihren Platz zu finden.“ Es läuft wie bei vielen Auswanderern: Erster Halt: Flüchtlingslager, dann Sozialwohnung. Die Mutter putzt, der Vater arbeitet als Schlosser. Für den zweijährigen Lukas ist alles anders, besonders die Sprache: „Jeden Morgen sollte ich raus in die absolut fremde Welt, in der ich kein Wort verstand. Ein halbes Jahr lang habe ich ein riesiges Theater gemacht.“ Nur beim Fußball läuft es besser: Zwischen den Häusern oder am Gummiplatz kicken lauter Kinder aus sozialschwachen Einwandererfamilien und unter ihnen ein schmächtiger Blondschopf. Lukas eifert dem Brasilianer Ronaldo nach, der später über ihn sagen wird: „Wenn so ein Mensch und Fußballer dabei herauskommt, dann kann ich als Vorbild doch nicht ganz so schlecht gewesen sein.“ Das ist nur eines von unzähligen Zitaten im Zusammenhang mit Lukas Podolski. Spätestens bei der Hälfte des Buches werden diese Lobpreisungen mühsam. Denn jemand, dem es vollkommen egal ist, wie er medial dargestellt wird, hat solche Bestätigungen eigentlich nicht nötig.

Trotz der Geldknappheit scheint Podolski seine Bergheimer Jugend fast idyllisch in Erinnerung behalten zu haben. Er schwärmt von der Atmosphäre im Wohnpark: „Jeder pflegt seine Sprache und Bräuche. Dadurch entsteht eine ganz besondere Atmosphäre, jeder kann so sein, wie er möchte, alle sind akzeptiert, vollkommen egal, wie sie aussehen oder was sie für Vorlieben haben.“ Obwohl Bergheim als heißes Pflaster mit hoher Kriminalitätsrate gilt, hadert er nicht mit seinem Schicksal: Er hat alles was er braucht und das ist – neben einer liebenden Familie und guten Freunden – vor allem der Ball. Außer ihm wird keiner seiner Kumpels Profifußballer werden, den sie haben nicht das Glück Eltern wie „Poldi“ zu haben: „Die größte Unterstützung kam von meinen Eltern. Alles hat sich um mich gedreht, sie haben gefördert, was sie erkannt haben.“ Während Lukas von der Bergheimer Jugend als Zehnjähriger zum 1. FC Köln kommt, muss sein bester Freund Nassim ein Angebot von Leverkusen ausschlagen: Seine Familie kann und will ihn nicht ziehen lassen. Auch in Interviews pflegt Podolski die Geschichte von seiner karg-monotonen Jugendzeit, die nur aus lästigen Kinderpflichten (Schule!) und seinem Sport besteht. Kein Training lässt er ausfallen auch wenn Papa Waldemar einmal das Geld fürs Benzin fehlt um ihn zum Geißbockheim zu fahren. Die Handelsschulausbildung läuft nebenbei unter dem Motto „Irgendwie durchkommen“: „Fußball war die Karte auf die ich gesetzt hatte und darin wurde ich auch bestätigt, denn es sagten mir ja alle, wie gut ich war.“ Worte, die schon viele Jungs gehört haben, bis sie im Training einmal umgeknickt sind. Lukas hat Glück und wird nicht müde zu betonen, dass Nachwuchskicker heute anders betreut werden: Nachhilfe, Fahrdienste, Verpflegung – alles kein Problem.

Ein Kurztrainingslager bei den Profis lässt den ersehnten ersten Kampfmannschaftseinsatz für „Poldi“ in Reichweite rücken. Ein Angebot von Ajax lehnt er sofort ab, er will für Köln spielen. Doch dann verletzt er sich zuhause an der Hand. Aus Angst vor Trainingsverbot, vertuscht der Jungspund die Verletzung und die Sache fliegt nicht auf: Marcel Koller lässt ihn spielen und ist bis heute voll des Lobes über den Bergheimer: „Lukas hat für zwei geackert und die ganze Mannschaft mitgerissen.“ Das erste Spiel wird zur Initialzündung: „Wir haben das Spiel verloren und sie haben gesungen: „Außer Poldi könnt ihr alle gehen, außer Poldi könnt ihr alle gehen.“ Ab jetzt geht es schnell: Das erste Interview, die erste Saison als Profi, der erste Abstieg: „Für mich wird in der zweiten Liga auch Fußball gespielt und mir war nur wichtig, dazu beizutragen, dass der 1. FC Köln direkt wieder aufsteigen konnte.“

Dranbleiben – ein Poldismus

Seine Liebe zum „Eff-Zeh“, zu Bergheim, Polen und „seinen“ Arche-Kids zieht sich durch das gesamte Buch. Immer wieder lässt er Buben und Mädchen zu Wort kommen, so Nephthali aus dem Kongo, der Leichtathlet werden will: „Nephthali ist sich sicher, dass er Usain Bolt irgendwann besiegen wird und ich freue mich, dass er einen Traum hat und ihn zu leben versucht.“ Podolski thematisiert seine eigene Herkunft und sieht sich als gelungenes Integrationsbeispiel. Er läuft zwar für Deutschland auf, vergisst aber nicht woher er kommt. Für Robert Lewandowski hat er es geschafft, dass ihn sowohl die Deutschen als auch die Polen als Landsmann betrachten. Lukas selbst ist diese Etikettierung nicht so wichtig. Es ist möglich und bereichernd mit beidem zu leben, sagt er. Das möchte er auch seinen Schützlingen vorleben. In der aktuellen Debatte um religiöses Leben im öffentlichen Raum positioniert sich der Katholik Podolski klar: Die „Arche“ ist Teil einer christlichen Freikirche. Die meisten Eltern hätten damit keine Probleme: „Sie wissen, dass ihre Kinder hier gut aufgehoben sind und die vermittelten Werte ihnen auf keinen Fall schaden.“ Die Kinder werden umsorgt, sollen hier ihre Talente entdecken und entwickeln. Sie sollen dranbleiben. Dranbleiben – ein Wort, das perfekt zu Podolski passt. Ein typischer Poldismus, geradeaus gesagt. So erzählt er auch seine Geschichte: Es geht darum, wie „Poldi“ es geschafft hat. Denkbare Probleme wie Diskriminierung wegen seiner Herkunft, Geldsorgen, Jugendfreunde, die es nicht geschafft haben, bleiben praktisch unerwähnt. Der Stolz des Arbeiterfußballers eben. Podolski positioniert sich klar als Familienmensch, Spaßfußballer und treuer „Eff-Zeh“-Fan.

Der Spieler, der seit der D-Jugend den Geißbock auf der Brust trägt, fühlt sich bei den Münchner Bayern einfach nicht wohl. Das überrascht nicht. Die Art, wie sein Engagement 2006 aber zustande kommt, schon: „„Wenn Bayern ruft, dann musst du gehen.“, heißt es, und so habe ich mich dann auch entschieden. Obwohl noch vier, fünf andere Anfragen auf dem Tisch lagen und mein Freund Nassim mir zu einem anderen Verein geraten hat.“, erklärt er unverblümt. Podolski stellt die drei Jahre im Land der Weißwurst so dar, wie er es seit jeher getan hat: Ihm fehlt die familiäre Atmosphäre Kölns und der Rückhalt der sportlichen Führung. Gescheitert sei er aber nicht, betont er, denn er habe sehr viel gelernt und – überhaupt – an ihm lag es jedenfalls nicht, dass er sich nicht als Stammspieler etablieren konnte. Er entscheidet sich schließlich gegen „Glanz und Glamour, Ruhm und Prestige“ und folgt seinem Herzen zurück nach Köln. Eine Bilderbuchgeschichte im kapitalistischen Profifußball: „Viele hielten das für verrückt, die meisten eigentlich, meine Frau war dagegen, Nassim und Kon [Anmerkung: Damaliger Berater] auch. Das hat mich aber nicht verunsichert.“ Soweit – nichts Neues aus dem Podolski-Universum. Deswegen hätte er kein Buch schreiben müssen. Er musste es aus anderen Gründen tun. Wie sonst in Zeiten schwindender Solidarität auf Menschen aufmerksam machen, die selbst keine Stimme haben? Hilfreich ist das Buch, wie der Titel vermuten lassen könnte für Orientierungslose nicht. Die Formulierung allgemeiner Ratschläge („Dass ich am Ende mein Ziel erreicht habe, ist hart erarbeitet und dafür habe ich auf vieles verzichtet.“) macht einem durchschnittlichen Kind wahrscheinlich nicht halb so viel Mut, wie „Poldis“ handfestes Engagement für die „Arche“. Solche Aktivitäten nehmen weite Teile des Buches ein: Der Zweitableger der „Arche“ in Warschau, Benefiz-Kicks gemeinsam mit Per Mertesacker und Geldspenden für die Bergheimer Fußballjugend. Auch in Zukunft möchte sich Podolski mit der Nachwuchsausbildung befassen: „Mich interessiert die Akademie in Polen, die Förderung der Talente dort und des Vereins. Bergheim, mein Zuhause und der FC Köln. Auch hier gibt es noch viel für mich zu tun.“ Die Mission ist also noch lange nicht zu Ende.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag