Dominique Taboga hat mir einiges voraus. Ich rede nicht davon, dass der einstige Wettbetrüger Fußballer, Zwillingsvater und U-Häftling war bzw. ist. Nein, Taboga ist... Buchrezension: Tabogas „Schweres Foul“ – Das Buch eines Kollegen?

Dominique Taboga hat mir einiges voraus. Ich rede nicht davon, dass der einstige Wettbetrüger Fußballer, Zwillingsvater und U-Häftling war bzw. ist. Nein, Taboga ist tatsächlich akademischer Sportjournalist. Den Lehrgang an der Uni Salzburg hat er mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen. Der Herr Taboga ist also ein Kollege. Sein Buch „Schweres Foul – Im Labyrinth des schönsten Spiels der Welt“ sollte aber nicht der Anfang einer zweiten Karriere werden, behauptet der Ex-Kicker. Er wolle vielmehr vom österreichischen Profifußball erzählen, wie leicht es sei in die Fänge der Wettmafia zu geraten, Täter und Opfer – ja, das betont der ehemalige Innenverteidiger oft – zugleich zu werden. „Betrügereien gehören zum professionellen Sport. Es hat sie vor mir gegeben und wird sie nach mir geben.“, schreibt der Autor noch im Vorwort. Die Lektüre seines Buches soll den Leser nachdenklich machen. Tabogas Vorsatz: Wenn er nur einen einzigen Gefährdeten dazu bewegen könne, den Verlockungen des schnellen Geldes zu widerstehen, dann sei sein Ziel erreicht.

Da macht er es sich ganz schön einfach. Die Frage, warum Taboga ein Buch geschrieben hat, lässt sich wahrscheinlich banaler beantworten: Um Geld zu verdienen und um die Geschehnisse, die zu seiner Verhaftung führten, aus seiner Sicht wiederzugeben. Das alleine ist nicht verwerflich. Der Artikel, den Sie – geschätzte/r LeserIn – gerade lesen wurde auch geschrieben, um damit Geld zu verdienen. Zum anderen ist es ebenfalls völlig ok, den Wunsch zu haben, Dinge klarzustellen, zu beschönigen, aufzuräumen, zu erklären, usw. Obs stimmt oder nicht? Wenn juckts, Papier ist geduldig und die LeserIn ist mündig genug selbst zu entscheiden, was und wie viel sie glauben will.

Taboga gibt unumwunden zu, dass er aus sportlicher Sicht keine Spuren in der österreichischen Bundesligageschichte hinterlassen hätte. Das ändert sich als am 27. November 2013 die Handschellen klicken und der „Tabo“ – wie ihn die meisten rufen – in Untersuchungshaft kommt. Aufschrei in der Medienwelt: Jetzt hat auch Österreich seinen Wettskandal. Für Taboga ist es der Anfang vom Ende des Lebens, das er bis dahin geführt hat. Eine Fassade hinter der es bröckelte: Das Familienleben des Fußballprofis mit Frau und Kindern in einem Haus in der Nähe von Grödig ist heute vorbei. Taboga ist nach knapp acht Jahren Ehe geschieden worden und verdient sein Geld jetzt als Abteilungsleiter bei einer Firma für Papier- und Bürobedarf. An seinem neuen Arbeitsplatz weiß jeder, was er gemacht hat. Taboga ist das egal. Er hat neu angefangen. Die Zwillingssöhne sieht er nur alle 14 Tage. Das schmerzt ihn am meisten. Ansonsten hat er mit der Vergangenheit abgeschlossen, behauptet er. Sein Verlag lässt aber ausrichten, dass er für Interviews, Vorträge und Hintergrundgespräche gerne zur Verfügung stehe.

Der kleine Fisch

Mit Verlaub, dieses Buch ist Psychohygiene. Wo man liest, findet man zwischen den Zeilen Versuche des Ex-Fußballers die Geschehnisse kleinzureden. Man lasse sich folgenden Satz auf der Zunge zergehen: „Ich halte mir zugute, dass ich, einmal in die Enge getrieben, absolut geständig und reuig war.“ Wann denn sonst? Anderes Beispiel: „Ich verdiente gut, sehr gut vielleicht (Anmerkung: in Grödig), doch ich stand zu diesem Zeitpunkt schon bis zur Nase in der Scheiße, die ich mir in den Jahren zuvor angehäuft hatte. Es war nicht der richtige Augenblick, um moralische Bedenken – Stichwort: Steuerhinterziehung, Schädigung der Gesellschaft – zu bekommen.“ Natürlich nicht.

Geldnot und jugendlicher Leichtsinn haben aus ihm einen Betrüger gemacht. Trotzdem sei er der kleinste Fisch des Skandals gewesen. Und außerdem und überhaupt: Bei vielen Spielen hätte seine Mannschaft sowieso nur geringe Chancen auf einen Sieg gehabt, manchmal hätten er und seine Kumpane nicht einmal „nachhelfen“ müssen.

Ein ganz anderes Kaliber ist Sanel Kuljic. Taboga schildert ihn als rücksichtslos und gewalttätig: „Letztendlich war Sanel Kuljic jene Person, die immer gieriger wurde, die mich mehr und mehr in den finanziellen Ruin trieb.“ Kuljic habe ihn mehrfach bedroht. Doch der gebürtige Wiener lernt den Stürmer erst kennen, als er selbst schon Spiele manipuliert hat. 2005 sprechen ihn zwei Kollegen des DSV Leoben an, ob er sich nicht für ein Taschengeld an Tricksereien beteiligen möchte: Leoben soll gegen Ried verlieren. Zwei Tore für die Oberösterreicher schießt ausgerechnet der Salzburger mit bosnischen Wurzeln. Damals kann Taboga noch nicht ahnen, dass sie einmal zusammen untergehen werden. Erst 2012 tritt Kuljic wirklich in sein Leben. Die beiden kicken gemeinsam für Kapfenberg und die Zeiten haben sich für „Tabo“ geändert: Jetzt geht es immer um Riesensummen, die nur teilweise an ihn ausbezahlt werden. Der Spieler bunkert das Geld zuhause. Er hat Angst, dass seine Bank stutzig wird, wenn er mit zigtausenden Euro anrückt. Seiner Frau erzählt er von erfolgreichen Anlagegeschäften. Als er zu Grödig wechselt, macht er weiterhin mit Kuljic und tschetschenischen Wettpaten gemeinsame Sache: „Ich werde die ganze Zeit bei dir stehen und du lässt mich einfach laufen!“, sagt der Ex-Nationalteamspieler als sie gegeneinander antreten. Doch es klappt nicht. Das Geld rinnt Taboga durch die Finger. Alle bedrohen ihn: Die Wettpaten, die Gläubiger. Kuljic rastet aus. Er lässt ihn einen Blanko-Darlehensvertrag unterschreiben, die Leasingraten für seinen Mini zahlen und auch alle Strafzettel, die er „erbeutet“, begleichen. In seiner Verzweiflung muss sich der Innenverteidiger Geld von Grödig-Chef Christian Haas leihen. „Für eine Finanzschuld“ erklärt er.

Das Buch der Schatten

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich mit Spielmanipulationen beschäftige. Vor einiger Zeit schon habe ich Rene Schnitzlers Biografie rezensiert. Der St.Pauli-Angreifer war ein anderer Fall: Ein Fußballer mit genialen Fähigkeit, der durch seine Spielsucht seine Karriere ruinierte. Schnitzler konnte nicht damit umgehen, dass er als halbes Kind plötzlich zwei Kreditkarten, eine Menge Euronen am Konto, Freizeit en masse und blöde Ideen hatte. Taboga dagegen erklärte in einem TV-Interview: „Mein Antrieb war das Geld und ich habe mit 20, 21 Jahren begonnen, weil ich im Profi-Fußball nicht viel Geld verdient habe. Jeder glaubt immer, man verdient so viel, aber es ist eine Scheinwelt.“

Tabogas Geschichte beginnt in Wien, wo er am 6. November 1982 geboren wird. Die Eltern – Vater: Angestellter, Mutter: Sekretärin und Tagesmutter – stammen ursprünglich aus dem St. Pöltner-Raum, wo die Familie bald wieder hinzieht. Im Kindergarten fällt Klein-Dominiques Fußballtalent auf, eine Betreuerin vermittelt ihn zum ASV Spratzern. Der x-beinige Bursche ist dort in seinem Element: Er verehrt Mario Kempes, der gerade in St. Pölten spielt, und träumt davon ein Kapitän wie Lothar Matthäus zu werden. Beim VSE St. Pölten sorgt der Jungspund später für jede Menge Tore, rückt jedoch immer weiter zurück. Als Stürmer ist er einfach zu langsam. Karrieremäßig geht es jedoch weiter bergauf: Erst zur Admira, dann zu Rapid. Als 17-Jähriger bricht er sich das Wadenbein und schonend versucht ihm der Verein beizubringen, dass es mit der ersehnten Profikarriere wohl nichts werden wird.

Über Krems und Leoben schafft er es dennoch. Statt nach Darlington geht Taboga schließlich nach Kapfenberg, wo sein Ziel – in der Bundesliga aufzulaufen – näher rückt. Trainer Gregoritsch ist eine der „schillerndsten Trainerpersönlichkeiten in Österreich – im positiven wie im negativen Sinn“. Sein beinhartes Konditionstraining kombiniert mit Rumpelstilzchengehabe und Untergriffigkeiten führt die Kapfenberger zwar auf die Erfolgsspur hat aber ihr Ablaufdatum. Taboga gibt sich dankbar: „Ich habe dem Grazer die Erfüllung meines größten sportlichen Traumes zu verdanken: 1. Bundesliga!“

Tabogas Buch ist eigentlich eine Abrechnung mit den Klubs und der Bundesliga. Während Werner Gregoritsch noch vorsichtig beschrieben wird, nimmt sich der Ex-Profi sonst kein Blatt vor den Mund: Sein Gehalt ist niedrig. Die Art, wie die Kapfenberger mit ihm – dem Kapitän der Kampfmannschaft umgehen – keine feine: „Doch das prinzipielle Motto der Klubverantwortlichen war sinngemäß: Seid froh, dass ihr hier bei uns in der Bundesliga spielen dürft, ihr würdet ja bei keinem anderen Verein in dieser Klasse unterkommen.“ Das System der Bundesliga funktioniert nicht: „Zuschauerzahlen werden wissentlich verfälscht. Höhere Zuschauerzahlen bedeuten mehr Gelder aus dem TV-Topf und mehr Fans in den Stadien bedeuten auch mehr Geld für die Bundesliga, die einen Prozentsatz auf verkaufte Eintrittskarten erhält.“

Ansonsten ist seine Geschichte nicht sonderlich spektakulär. Wissend, dass er sich damit wohl nur lächerlich machen würde, verzichtet der Ex-Kicker auf theatralische Ausschmückungen. Wahrscheinlich ist es eine Tatsache, dass seine kriminellen Machenschaften für ihn bald so alltäglich waren, wie sich morgens in der Kabine die Fußballschuhe zuzubinden. Es war einfach „part of the deal“. Welche Erkenntnisse, die medial noch nicht bekannt geworden sind, Fußballer aus seinem Buch gewinnen sollen, bleibt fraglich. Die Geschichte eines Schattengewächses bleibt die eines Schattengewächses.

Geld

…ist der Hauptgrund warum, Dominique Taboga seinen Wechsel nach Norwegen klammheimlich plant. In der vierten Runde der Europa-League-Qualifikation bringen ihm 60 Sekunden Einsatz für Tromsø IL 3000 Euro Antrittsprämie. „Es war die bestbezahlte Minute meiner ehrlichen Fußballkarriere.“ Den Mut und die Geradlinigkeit sich in Norwegen durch sportlich und persönlich schwierige Zeiten zu kämpfen hat der Abwehrspieler allerdings nicht. Nach seiner Rückkehr kontaktiert ihn sein ehemaliger Leobener Kollege Lamprecht telefonisch: Die Obersteirer sollen mit zwei Toren Unterschied gegen Rapid Wien verlieren. 15- oder 20.000 € sind für den Innenverteidiger drin. Heute lässt der Ex-Profi diese Geschehnisse ganz nüchtern Revue passieren: Er (Anmerkung: Veli Kavlak, Torschütze des 2:0) war mein direkter Gegenspieler in dieser Aktion, doch auch wenn ich in keine Absprache verwickelt gewesen wäre, hätte ich so agiert, wie ich es tat: Ihn von der Strafraumgrenze schießen lassen.“

In Norwegen verdiente Taboga über 100.000 € netto. Als er für Kapfenberg spielte, träumte er von solchen Summen. Trotzdem war er als „Beckham“ der Kleinstadt verschrien. Schöner Schein: Sein damaliger Audi Q7 war nur geleast. Während es bei Tromsø keine Bargeldzahlungen gab, sondern das Gehalt pünktlich und auf den Cent genau auf seinem Konto eintrudelte, läuft der Hase im Flachgau ganz anders: „Da wird es auch Absprachen zwischen Vereinsvertretern mit seinen Mäzenen und Sponsoren gegeben haben und von Zeit zu Zeit erhielten wir Spieler Geld bar auf die Hand.“ Der gebürtige Wiener findet das ok: „Ein gewisses Verständnis für die Vereine ist bei mir vorhanden. Jede 500 Euro-, jede 1000 Euro-Ausgabe, die nicht versteuert werden muss, hilft bei der Senkung der Summe der Ausgaben, die die Klubs zu stemmen haben.“

Seine geringe Bezahlung sei überhaupt der Grund gewesen, warum er angefangen habe an Spielmanipulationen mitzuwirken: „Mein erstes Gehalt als Profifußballer war lächerlich niedrig. Es bestand aus einem monatlichen Fixum von 1000 € und einem Wohnungszuschuss von 220 €.“  Weiß Taboga wie viel ein Kochlehrling verdient? Ein Jusabsolvent, der Gerichtspraxis macht? Andere Arbeiter und Angestellte? Er wurde wohl eher Opfer seiner eigenen Ansprüche als Kicker automatisch mit Geld überhäuft zu werden.

Seine Geldpakete werden ihm in DVD-Hüllen zugesteckt. Eine besonders dicke (Inhalt: 50.000 Euro) muss er zurückgeben, als das Spiel nicht das gewünschte Ergebnis bringt. In einem Hotel trifft er die Hintermänner und erhält Todesdrohungen via Laptop. Das „Kartell“ hat viel Geld verloren: „Du wirst das wiedergutmachen!“

Last stop

Doping – auch das gibt es im Fußball. Taboga erzählt von Vitamininfusionen, die ihm und seinen Kollegen, heimlich verabreicht wurden. Auch ein ominöses Pulver wurde vor Spielen zwecks besserer Konzentration in Wasser aufgelöst und getrunken. Der Defensivspieler hat jede Menge erlebt. Das schönste und zugleich traurigste Kapitel seiner Karriere ist die Zeit beim SV Grödig. Als er mit Thomas von Heesen bei Kapfenberg nicht mehr zurechtkommt, wechselt er ins Salzburger Land.

Christian Haas und seine Visionen beeindrucken ihn. Der legendäre Satz vom Bus des SK Rapid, der vor dem klitzekleinen Stadion einmal halten soll, ist gefallen, als ihm Vereinschef Haas in leuchtenden Farben die Zukunft des Dorfklubs ausmalte. Tatsächlich ist es der Zusammenhalt der die Grödiger in die Bundesliga katapultiert: Es gibt regelmäßig Grillabende, Kaffeejausen und gemeinsames Fußballschauen der Spieler. In diesem familiären Klub gibt es nur drei Mitarbeiter. Die restlichen Aufgaben werden von Freiwilligen wahrgenommen. Taboga fühlt sich wohl, möchte auch nach der aktiven Karriere beim Klub bleiben. Nicht einmal zwei Wochen vor seiner Verhaftung platzt jedoch der Traum. Knackpunkt ist eine 5.000€-Prämie mit der der Ex-Kapfenberg-Spieler nur Gläubiger befriedigt, anstatt sie – wie versprochen –  zu wechseln und dann an seine Kollegen auszubezahlen. Taboga erzählt Haas und Trainer Hütter, dass er von Sanel Kuljic und einem tschetschenischen Wettbetrüger erpresst werde: „Sie haben mir angeboten, Spiele zu manipulieren, was ich ablehnte.“  Langsam kommt jedoch die Wahrheit ans Licht.

Der Vertrag wird einvernehmlich aufgelöst. Zuvor – im Oktober – hätte der Spieler fast selbst Schluss gemacht: Er hat Schulden, die Wettmafia und ein wutschnaubender Kuljic sitzen ihm im Nacken. Er sieht keinen Ausweg mehr und schreibt einen Abschiedsbrief, den er auf dem Küchentisch deponiert, ehe er zum Bahnhof Hallein fährt. Dort will er sich vor einen Zug werfen. Seine Frau liest den Brief jedoch verfrüht, versucht ihn am Handy zu erreichen und schickt nach dem x-ten unbeantworteten Anruf Bilder der einjährigen Söhne. Taboga fährt nachhause und verspricht alle Probleme zu lösen. Er bietet der Wettmafia eine Handicap-Wette an: „Wenn ein Elfmeter in diesem Spiel passieren würde, hätten wir eine Quote von 3,10.“ Doch die Wette geht nicht auf und der Rest ist Geschichte.

Die Bilanz, die Dominique Taboga am Schluss zieht, passt zu seiner Erzählung: „Dass ich ein Opfer war, wäre zu viel gesagt. In gewisser Hinsicht war ich es aber: Ein Opfer meiner finanziellen Interessen, ein Opfer falscher Freunde, ein Opfer einer kriminellen Szene.“

Wie Johann Nestroy schon sagte: „Der Mensch ist gut, nur die Leut´ sind schlecht!“ So kommen wir bestimmt weiter.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag