Natürlich haben der Freudentaumel, die Champagnerlaune und die Meisterfeiern auch ihre Kehrseite. Es gab Momente, in denen das schönste Spiel der Welt Fans und... G’schichterln ums runde Leder (19) –  An Tagen wie diesen: Die schicksalhaftesten Katastrophen der Fußballwelt

Natürlich haben der Freudentaumel, die Champagnerlaune und die Meisterfeiern auch ihre Kehrseite. Es gab Momente, in denen das schönste Spiel der Welt Fans und Kickern Tränen in die Augen trieb. Oft waren es schreckliche Begleitumstände, die jede unverdiente Niederlage in den Schatten stellten: Geschichten wie die Stadiontragödie von Hillsborough oder der feige Angriff auf den französische Gendarm Daniel Nivel, der von Hooligans beinahe zu Tode getreten wurde, sollen hier erzählt werden um uns daran zu erinnern, dass Fußball mehr ist als nur ein Spiel. Leider auch im negativen Sinn.

München im Februar

David Beckham erzählt in seiner Autobiografie, dass die Man. United-Leidenschaft seines Vaters mit dem 6. Februar 1958 in eine wahre Manie ausartete. Im Norden Englands wird man dieses Datum nie vergessen, hunderte Kilometer von der britischen Industriestadt entfernt, verloren acht Spieler der Red Devils bei einem Flugzeugabsturz ihr Leben. Was war passiert? Der British-European-Airways-Flug 609 aus Belgrad landete zunächst problemlos am Flughafen München-Riem. An Bord befanden sich die Profis von Manchester United, die gerade im Europacup gegen Roter Stern weitergekommen waren. In der bayerischen Landeshauptstadt sollte der Flieger nur auftanken, doch während die „Busby Babes“, wie sie dank ihres legendären Trainers Matt Busby genannt wurden, heiße Getränke konsumierten und in Gedanken schon bei ihren Familien waren, verfinsterte sich der Himmel immer mehr. Die Startbahn war schneebedeckt, als Kapitän Thain aufgrund ungleichmäßigen Triebwerkdrucks wenig später den ersten Startversuch abbrechen musste. Auch Versuch Nummer Zwei klappte nicht. Bobby Charlton und Co. bereiteten sich schon auf eine Übernachtung vor, als es Kapitän Thain doch noch einmal wissen wollte. Einige Spieler hatten ein mulmiges Gefühl: David Pegg und Tommy Taylor tauschten ihre Plätze mit Charlton und Dennis Viollet, weil sie gelesen hatten, dass die Überlebenschancen im Falle eines Absturzes hinten in der Maschine am größten seien. Pegg sollte mit 22 Jahren und vier Monaten das jüngste Todesopfer sein, Tommy Taylor hatte wenige Tage vor dem Unfall seinen 26. Geburtstag gefeiert.

Um 15.02 heulten die Motoren volle Kraft auf. Der Pilot gab das Kommando „V1“ und erreichte so den „Point of no return“. Plötzlich kam es zu einem erneuten Druckabfall in den Triebwerken, der Co-Pilot quietschte voller Entsetzen: „Mein Gott! Wir schaffen es nicht!“ Die ewigdauernden Sekunden beschrieb Tormann Harry Gregg später so: „Es gab plötzlich einen unglaublichen Lärm und ich hatte das Gefühl, alles in dieser Maschine würde auf den Kopf gestellt. Für einen Moment sahen wir das Tageslicht, dann war wieder alles dunkel. Ich bemerkte Rauch, sah Flammen, hatte mir meinen Kopf irgendwo schwer gestoßen und kroch dann aus einem Loch im Rumpf des Flugzeugs.“ Die Maschine durchbrach einen Zaun, wurde gegen eine Garage geschleudert und fing Feuer.

Gregg mutierte zum Helden: Er rettete ein kleines Mädchen und dessen Mutter aus dem Wrack. Trainer Busby überlebte nachdem er zweimal die letzte Ölung erhalten hatte. Bobby Charlton konnte als einer der Ersten das Krankenhaus verlassen, die Ereignisse machten aus ihm jedoch einen stillen, nachdenklichen Mann. Sein Protegé Duncan Edwards – „Er war der größte Fußballer, den ich jemals gesehen habe.“ – starb am 21. Februar nach einem 15-tägigen Todeskampf. Mehr als die Hälfte der 44 Passagiere, darunter acht Spieler, mussten ihr Leben lassen. Die Katastrophe von München am 6. Februar 1958, 15:03 Uhr Ortszeit, veränderte Manchester United für immer.

Sevillas Herz bricht

Bewegt sah Antonio Puerta im Mai 2007 zu wie der Erzbischof von Sevilla den UEFA-Pokal segnete. Puerta hatte zu diesem Zeitpunkt alles was man sich wünschen konnte: Er spielte Fußball für jenen Verein, den er seit Kindheit an liebte, hatte den entscheidenden Elfmeter im Finale gegen Espanyol Barcelona verwandelt und wusste, dass er bald Vater werden würde. Was der 22-Jährige jedoch an diesem sonnigen Nachmittag nicht wusste war, dass er nur mehr wenige Wochen zu leben hatte. Und vielleicht – bei aller Schwere der Umstände – ist das auch besser so.

Puerta und der FC Sevilla waren miteinander pränatal verbunden: Antonios Opa gründete einst den offiziellen Fanklub des Vereins, der Enkel feierte im April 2004 sein Debüt als Außenverteidiger bei den Profis. Antonio schoss seinen Herzensklub, der Titelverteidiger war, 2007 gegen Liverpool ins Europacupfinale. Die fußballverrückte Stadt war außer Rand und Band und für den jungen Mann ging es Schlag auf Schlag: Er wurde Nationalspieler und stand auf der Wunschliste von Manchester United.

Am 25. August 2007 lief Puerta beim Heimspiel gegen Getafe wie gewohnt auf. In der 35. Minute brach er plötzlich und ohne Fremdeinwirkung zusammen. Er konnte sich wieder aufrappeln und wurde ausgewechselt, doch in der Kabine fiel er erneut in Ohnmacht. Bald bangte ganz Spanien um das Leben des allseits beliebten Spielers. Antonio lag im Koma und musste künstlich beatmet werden. Am Dienstag nach dem Spiel wurde die traurige Nachricht  Gewissheit: Die Ärzte mussten mangels Hoffnung auf Besserung die lebenserhaltenen Maschinen abschalten. Antonio Puerta starb am 28. August 2007.

Eine Obduktion ergab, dass der Mittelfeldspieler an einer seltenen Erkrankung des Herzmuskels gelitten hatte. Als sich herausstellte, dass er schon zuvor Ohnmachtsanfälle erlitten hatte, gingen die Wogen hoch: Die spanische Öffentlichkeit hinterfragte sowohl die Trainingsarbeit bei Sevilla als auch die Knochenmühle Profisport. Puerta wurde nach einer Aufbahrung im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan im engsten Familienkreis beigesetzt. Sein Sohn Aitor kam wenig später zur Welt.

Raubein Sergio Ramos zeigte sich von seiner besten Seite, als er seinem verstorbenen Freund mehrmals Tribut zollte: Er erinnerte bei sämtlichen Titelfeiern mit dem Nationalteam an den tragisch ums Leben Gekommenen und ließ sich sogar ein Tribute-Tattoo stechen: „Siempre con nosotros!“

Panik in Peru

Am 24. Mai 1964 sollte der Fußball seine widerlichste Fratze zeigen, als es zur zahlenmäßig größten Stadionkatastrophe der Neuzeit kam. Eine Massenpanik im Estadio Nacional in der peruanischen Hauptstadt Lima führte zu tagelangen Ausschreitungen im südamerikanischen Schwellenland. Dabei sollte doch nur ein simples Qualifikationsspiel für die Olympischen Spiele in Tokio über die Bühne gehen: Argentinien gegen Peru.

45.000 Peruaner befanden sich im hochaufgerüsteten Stadion. Was wie ein Gefängnis klingt, war in den 60ern Realität: Ein Graben trennte im Estadio Nacional die Tribüne vom Spielfeld, wo Polizisten mit scharfen Waffen und Hunden Wache hielten. Der Zaun, der die Zuschauer vom Spielfeld trennen sollte, war elektrisch aufgeladen. Ja, richtig gelesen: elektrisch aufgeladen. Man wusste um das Temperament der heißblütigen Fans, doch an diesem Frühlingstag sollte alles schief gehen.

Es befand sich zu wenig Polizei im Stadion, sodass die Fans schon zu Beginn den Zaun überwandten um das Spiel teilweise aus dem Graben zu verfolgen. Peru brauchte ein Rémis oder einen Sieg um sich noch zu qualifizieren. Als das vermeintliche Ausgleichstor der Heimmannschaft von Schiedsrichter Pazos nicht gegeben wurde, kochten die Gemüter über: 2.000 Peruaner enterten das Feld um den Unparteiischen über den Platz zu jagen. Einige Fans griffen die argentinischen Spieler und Anhänger an. Pazos brach augenblicklich die Begegnung ab. Die Polizei schoss mit Tränengas um den Aufstand zu stoppen und machte so alles noch schlimmer: Auf den Tribünen brach Panik aus, die Leute drängten zu den Ausgängen. Doch die schweren Eisentore ließen sich nicht von innen nach außen öffnen, 328 Menschen wurden totgetrampelt. Durch den immensen Druck gaben die Tore schließlich doch nach und viele Krawallmacher drangen nach draußen. Dort hatten sie immer noch nicht genug und fingen an Polizisten anzugreifen. Jetzt wurde scharf geschossen und es kam zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen. Irgendwann verbreitete sich die Nachricht sechs Jugendliche seien beim Durchsuchen von Toten auf Wertgegenstände  erschossen worden. Die Hasswelle gipfelte in Randalen und Attacken gegen Autos. Die Opposition kritisierte die Regierung für den Einsatz von Schusswaffen, doch ehe Präsident Terry nicht 40 Polizisten und jene Offizieren, die den Schießbefehl gegeben hatte, entlassen hatte, beruhigte sich die Lage nicht. Landesweit wurde ein einmonatiger Ausnahmezustand ausgerufen, die FIFA erklärte Argentinien zum Gruppensieger. Am Ende der Bilanz standen knapp 350 Tote und zwischen 500 und 1000 Verletzte. Südamerikanische Fußballfans hatten noch nie so einen schlechten Ruf wie in diesem Maitagen.

Um 3:30 fielen die Schüsse

Wenn man heute an den Namen Escobar denkt, denkt man – dank „Narcos“ – vermutlich an den prominenten Drogendealer, Mörder und Verbrecherkönig Kolumbiens Pablo Escobar. Sein Namensvetter und Landsmann Andrés Escobar ist im kollektiven Gedächtnis dagegen kaum präsent, dabei steht auch dieser Escobar symbolisch für die Tragik Kolumbiens.

In Medellín, der Stadt, die dem Kartell des Kokskönigs Escobar seinen Namen gab, hat Andrés seine letzte Ruhestätte gefunden. Hier wurde der Sohn eines Bankiers 1967 geboren, Pablo Escobar mischte zu diesem Zeitpunkt als 17-jähriger im Rotlichtmilieu mit. Andrés war ein guter Abwehrspieler, der bei Atlético Nacional kickte. 1994 flog er mit der Nationalmannschaft als Geheimfavorit zur Weltmeisterschaft in die USA.

Doch schon Rumänien holte die Südamerikaner mit einem 3:1-Sieg auf den Boden der Realität zurück. Im Spiel gegen den Gastgeber patzte Escobar schließlich und grätschte einen harmlosen Ball ins eigene Tor. Ein Sieg über die Schweiz konnte das Ausscheiden nach der Vorrunde nicht mehr verhindern und die Kolumbianer mussten nachhause fahren. Zurück in der Heimat erwarteten sie aufgebrachte Fans und schon am Flughafen mussten die Spieler vor Übergriffen geschützt werden. Es gab Bombendrohungen. Andrés Escobar, der über sein Missgeschick schwer enttäuscht war, hatte zuvor überlegt, einige Tage länger in den Vereinigten Staaten zu bleiben. Seine Freunde rieten ihm jedoch ab: Sie meinten, er solle rasch wieder in den Alltag zurückkehren, so würde der Ärger über das frühe Ausscheiden schnell vergessen werden.

Zehn Tage nach dem verflixten Match ging Escobar mit Freunden essen. Danach versackte die Gruppe in einer Bar, wo sie Escobars Mörder abpasste: Früh morgens, gegen 3:30 Uhr, knallten die Schüsse. Zwölf (!) davon waren tödlich. Escobar blieb blutüberströmt auf dem Gehsteig liegen.

Der Täter konnte wenig später verhaftet werden: Humberto Muñoz Castro arbeitete als – raten Sie mal?! – Türsteher und Bodyguard für hohe Drogenbosse. Er gab an, Escobar habe die Ehre seines Arbeitgebers beschmutzt. Der Mord gilt als Racheakt, denn die Kartelle hatten durch das Ausscheiden der Cafeteros viel Geld verloren. Castro wurde zu 43 Jahren Gefängnis verurteilt, saß jedoch nur elf Jahre ab. Zu Andrés Escobars Ehren wurde ein Denkmal errichtet. Kopfschüttelnd fragt sich so mancher bei dessen Anblick, wie es nur dazu kommen konnte: Fußball ist doch nur ein Spiel. Leider nicht in Kolumbien.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag