Lieber İlkay Gündoğan! Lieber Mesut Özil! Zunächst möchte ich euch herzlich zu eurer Einberufung in den (vorläufigen) deutschen WM-Kader gratulieren. Tolle Leistung! Angesichts dieser... Kommentar: Liebe Jungs!

Lieber İlkay Gündoğan!

Lieber Mesut Özil!

Zunächst möchte ich euch herzlich zu eurer Einberufung in den (vorläufigen) deutschen WM-Kader gratulieren. Tolle Leistung! Angesichts dieser Tatsache ist es wirklich schade, dass ihr euch einen solchen Freudentag mit der Rechnung vom Vorabend kaputt gemacht habt. Am Rande einer Veranstaltung habt ihr vorgestern den türkischen Staatspräsidenten getroffen. Ihr habt ihm die Hand geschüttelt, Trikots übergeben und für gemeinsame Fotos posiert. Das war nett und schnell wieder vorbei. Und genau das sagt ihr jetzt auch – jetzt da mehr über diesen besagten Abend als über das Aufgebot für das Turnier diskutiert wird. Ihr sagt, dass ihr diesen Termin nur aus Höflichkeit wahrgenommen habt. „Aus Rücksicht vor den derzeit schwierigen Beziehungen unserer beiden Länder“ habt ihr es für besser gehalten nichts davon auf euren sozialen Kanälen zu posten. Ist das wirklich euer Ernst? Habt ihr wirklich gedacht, dass sich „der Präsident des Heimatlandes unserer Familien“ eure signierten Trikots ins Schlafzimmer hängen und die Erinnerungsfotos ins Album kleben wird? Glaubt ihr dieses Zusammenkommen war ausschließlich privater Natur? Euch muss doch klargewesen sein, dass diese Aufnahmen zu Werbezwecken gebraucht, zu Propaganda-Zwecken missbraucht werden. Ihr hättet doch voraussehen können, wie schnell so etwas geht. Ihr seid nicht unabsichtlich in ein Unglück gestolpert, habt harmlose Gesten gemacht um die Wogen zu glätten. Nein, ihr habt vorgestern Partei ergriffen und das ist euer gutes Recht. Und jetzt ist es mein gutes Recht meine Gedanken darüber zu teilen.

Planet Mitbürgistan

Ihr habt vielen eurer „Mitbürger“ – nämlich jenen Deutsch-Türken, die in der zweiten, dritten Generation in Europa leben und mit diesem Regime nichts zu tun haben wollen – keinen Gefallen getan: Viele fragen sich angesichts solcher Schlagzeilen, warum erfolgreiche, junge, polyglotte, von allen demokratischen Freiheiten profitierende Deutsche auf diese Art und Weise mit „ihrem“ Präsidenten posieren. Mit einem Präsidenten, der Oppositionelle einsperrt und Demonstranten verprügelt. Seid ihr euch nicht im Klaren darüber, dass sich so mancher jetzt denkt: Wenn solche Menschen so etwas unterstützen, was unterstützen dann erst konservativ-absolutistische Einwanderer mit Qamis und Misbaha? Ihr seid mitverantwortlich, dass die Bezeichnung „Deutsch-Türke“ wieder ein Stück fremder als „Deutsch-Russe“ klingt. So lange zumindest bis Helene Fischer mit Wladimir Putin auf Wahlkampftour geht – die Chancen dafür liegen aber Gott sei Dank im Promille-Bereich.

Der Publizist Henryk M. Broder hat es vor zwei Jahren schon gesagt: „Es hat mich sehr gewundert, dass Türken der dritten Generation, die gut aussehen, fließend deutsch sprechen, sich ordentlich benehmen, dass die einem Mann zujubeln, der die Todesstrafe wieder einführen will.“ Broder versteht es nicht. Ich verstehe das auch nicht. Ich kapier es nicht, wie man jemanden besuchen kann, der die Menschenrechte mit Füßen tritt.  Es geht mir nicht ins Hirnkastl, wie man jemandem die Hand schüttelt, der die Pressefreiheit einschränkt, Medien kontrolliert, die Todesstrafe wiedereinführen will, gegen „den Westen“ wettert, Krieg gegen die Kurden führt. Möchtet ihr in dieser Türkei leben? Ein Präsident, der einen Staat so „entwickelt“ ist „euer“ Präsident? Euer Kollege – Deutsch-Türke und DFB-Nationalspieler – Emre Can hat es jedenfalls viel besser gemacht. Angeblich soll er auch zu diesem Event eingeladen gewesen sein, gekommen ist er allerdings nicht.

Wie es jetzt weitergehen wird? Bei der nächsten DFB-Pressekonferenz wird ein Spieler (egal wer) gefragt werden, wie denn die Stimmung nach dem Erdogan-Trikot-Gate sei. Dieser wird wahrscheinlich eine Phrase à la „In der Mannschaft ist das kein Thema.“ oder „Wir konzentrieren uns auf Fußball.“ dreschen. So irgendetwas. Ihr habt es ja gesagt: „Fußball ist unser Leben und nicht die Politik.“ Aber passt auf! Ihr seht ja, wie schnell sich das ändern kann.

Alles Gute für die Weltmeisterschaft wünscht euch jedenfalls eure

Marie Samstag (abseits.at)

Marie Samstag

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