Der US-amerikanische Ökonom Jack Hirshleifer (1925 – 2005) stellte eine Theorie auf, die man unter anderem auch auf Fußballmannschaften übertragen kann: Den finanziell schwächeren... “The Paradox of Power”: Warum David immer wieder Goliath ein Bein stellen kann?

Der US-amerikanische Ökonom Jack Hirshleifer (1925 – 2005) stellte eine Theorie auf, die man unter anderem auch auf Fußballmannschaften übertragen kann: Den finanziell schwächeren Mitbewerbern gelingt es überraschend häufig den Abstand zu den Konkurrenten zu verringern, obwohl diese alle Möglichkeiten hätten, den Vorsprung auf die schwachen Mitbewerber auszubauen.

Ursprünglich wurde diese Theorie entwickelt, um zu erklären warum schwächere Parteien in Kriegen, in der Wirtschaft und in einigen anderen Bereichen erfolgreich gegen einen eigentlich übermächtigen Gegner ums Überleben kämpfen können. Im Normalfall sollte die stärkere bzw. reichere Seite ihren Vorsprung immer mehr ausbauen können – nach dem Motto: „die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer“. In der Realität gelingt es jedoch der benachteiligten Seite überproportional häufig, dass sie im Vergleich zum übermächtigen Konkurrenten Boden gutmachen kann.

Die Schwachen müssen härter kämpfen

Die Erklärung der Theorie lief auf eine einfache Erkenntnis hinaus: Die schwache Seite ist meist gewillt härter als ihr Gegner zu kämpfen und hat eine größere Motivation den Sieg davonzutragen. Als historisches Beispiel wird oft der Vietnamkrieg gebracht, wobei die „Soccernomics“-Autoren Simon Kuper und Stefan Szymanski auch andere Konflikte anführen, die gut zu dieser Theorie passen: Der Kampf der Afghanen gegen die sowjetischen Invasoren in den 80er-Jahren, oder der Widerstand der Niederländer gegen die Spanier im 16. Jahrhundert. In einigen Fällen gewann die stärkere Partei, musste aber unverhältnismäßig hohe Verluste hinnehmen: Die Schlacht bei den Thermopylen, oder die Schlacht von San Jacinto sind dafür geeignete Beispiele.

Es lohnt sich zu kämpfen

Jack Hirshleifer erklärte anhand eines anschaulichen Beispiels, dass die schwächere Seite verhältnismäßig mehr Ressourcen für Konfliktsituationen bereitstellen muss. Nehmen wir an, dass zwei unterschiedlich große Stämme nebeneinander leben, wobei der größere weit mehr Ressourcen zur Verfügung hat, als sein kleiner Nachbar. Beide Stämme produzieren einerseits eigene Nahrung und überfallen andererseits den Nachbarsstamm, um Lebensmittel zu plündern. Welcher der beiden Stämme wird verhältnismäßig mehr Ressourcen in den Kampf investieren?

Die Antwort lautet, dass dem kleinen Stamm nicht viel anderes überbleibt, als sich in diesem Fall auf den bewaffneten  Konflikt zu konzentrieren, da nicht genügen Ressourcen vorhanden sind, um sowohl genügend eigene Nahrung anzubauen, als auch die Angriffe des Nachbarn abzuwehren. Wenn sich der kleine Stamm nur auf die Produktion konzentriert, dann wird er regelmäßig überfallen werden, da der Nachbar weiß, dass er keine Mittel zur Abwehr des Angriffes hat. Wenn er sich jedoch auf den bewaffneten Konflikt spezialisiert, dann kann er hoffen, dass er immer wieder Nahrung durch Überfälle organisieren kann. Der kleinere Stamm hat in diesem Fall also ein größeres Interesse in Konfliktsituationen zu investieren, was Hirshleifer auch in einem mathematischen Modell veranschaulichte. Dieses Modell erklärt auch, warum in den meisten Gesellschaften das Einkommen von den Reichen auf die Armen umverteilt wird, obwohl die Reichen mehr Einfluss in der Politik haben. Solidarität und Nächstenliebe sind jedenfalls nicht verantwortlich dafür. Wer tiefer in die Materie eindringen will, kann hier weiterlesen.

Warum Außenseiter gut für den Fußballsport sind

Auch beim Fußball haben wir oft den „Kampf“ zwischen arm und reich, Favorit und Außenseiter, David gegen Goliath. Fußballjournalist Ian Plenderleith sagte einmal, dass gerade diese Duelle extrem wichtig für die Popularität des Fußballsports sind, da die Zuschauer große Mannschaften brauchen, die sie „hassen“ können, damit sie den Außenseitern Woche für Woche die Daumen halten können.  Plenderleith meinte, dass es in der MLS ein großes Problem sei, dass durch strikte Budgetvorgaben und Gehaltsgrenzen die Vereine in etwa gleich stark sind und kein Team die Chance hat sich richtig zu entwickeln.

“The Paradox of Power” im Fußball

Auch im Fußballsport treffen viele Aussagen dieses Modells zu. Die schwächeren Mannschaften haben oft nicht die Möglichkeiten am Spielfeld zu glänzen, sondern müssen über den Kampf ins Spiel finden. Nehmen wir an ein Außenseiter trifft im Pokalfinale auf den amtierenden Meister und haushohen Favoriten. Welcher der beiden Trainer wird sich eine ruhige, faire Partie mit möglichst wenigen emotionalen Höhepunkten wünschen? Natürlich der Trainer, dessen Mannschaft im Normalfall die Partie nach Hause spielen sollte. Der andere Trainer wird seine Spieler beschwören, dass sie bis an ihre Grenzen und darüber gehen müssen und keinen Respekt zeigen dürfen. Er wird sich im Normallfall eine hektische Partie wünschen, die von vielen Zweikämpfen geprägt ist. Kleine Mannschaften stehen seltener in einem Endspiel und werden eher bereit sein alles für den Sieg geben – genau deshalb haben Pokalspiele auch eigene Gesetze.

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

Keine Kommentare bisher.

Sei der/die Erste mit einem Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.