Es wird oft darüber diskutiert, ob es im Fußball eine allgemeingültige Erfolgsformel gibt. Diese wird es wohl nie geben, doch die Suche nach ihr... Diskurs zu quantitativen Statistiken im Fußball am Beispiel Roland Loys (1)

TaktikEs wird oft darüber diskutiert, ob es im Fußball eine allgemeingültige Erfolgsformel gibt. Diese wird es wohl nie geben, doch die Suche nach ihr ist dennoch äußerst interessant – und manche nutzen Statistiken anhand quantitativer Analysen, um sich der Formel zumindest annähern zu können.

Der bekannteste statistische Analytiker dürfte dabei Roland Loy sein. Dieser verweist leicht anmaßend darauf, dass sich viele Experten ohne wissenschaftliche Basis zu eindeutigen Aussagen hinreißen lassen. Doch wie viel Wahrheit steckt hinter seinen Analysen, die er aus den Daten von  3000 Spielen gewann? Was verbirgt sich hinter einem Mann, der behauptet, Ralf Rangnick wisse nicht, wie Fußball funktioniert? Die Antwort dazu findet sich in einer vierteiligen Serie, wo ein paar seiner Statistiken genauer betrachtet werden.

Wir beginnen mit folgendem Zitat:

„Nach meinen Auswertungen ziehen nur 2,4 Prozent aller Flanken einen Torerfolg nach sich.“

Das ist durchaus interessant und entspricht sicherlich der Wahrheit bei 3000 Spielen. Doch wenn ich herausragende Kopfballspieler in der Mitte habe und präzise Flankengeber auf dem Flügel, im zentralen Mittelfeld aber ausschließlich technisch schwache, aber defensivstarke Abräumer, dürfte nicht nur die Erfolgsquote der Flanken höher sein, sondern auch die Erfolgsquote des Flügelspiels im Vergleich zum Spiel über die Mitte. Dies ist nämlich ebenfalls ein Aspekt, der von Roland Loy kritisiert wird.

Wenn ein ehemaliger Weltklassetrainer zu einem bestimmten Spiel sagt, hier wäre Flügelspiel angebrachter, dann kann man ihm nicht sagen: „Das Flügelspiel hat aber die gleiche Erfolgsquote wie das Spiel über die Mitte und das sogar bei 3000 analysierten Partien!“ Denn dann würde er antworten, dass dies nichts mit dieser bestimmten Situation zu tun haben würde. Exakt deswegen sagt man, dass das jeweilige System der Mannschaft den Spielern angepasst werden muss.

Doch auch andere Zitate werfen Fragen an der Signifikanz der Daten auf.

„Gerade auf Höchstniveau hängen Resultate immer von Unwägbarkeiten ab, und hinterher sucht man ein Muster, um sie zu erklären. Siehe Champions-League-Finale: Es gibt keinen logischen Grund, warum der AC Milan in einer Viertelstunde drei Tore gegen Liverpool fängt.“

In diesem Spiel stellte Rafael Benitez zur Halbzeit auf eine Dreierkette um, erhöhte den Druck auf das Mittelfeld und schob über die Mitte nach vorne. Pirlo konnte nicht mehr so oft in die Vertikale spielen und im Vorfeld des ersten Tores erhielt Milan kaum Zugriff auf die zentralen Spieler, während vorne Riise das Spiel problemlos dank der größeren Absicherung sehr breit machen konnte. In dieser breiten Position erhält er den Ball und flankt – Gerrard trifft zum 1:3.

Nur wenige Minuten später erhält abermals Riise den Ball, Milan steht sehr tief. Die zentralen Mittelfeldspieler Liverpools werden kaum abgedeckt, woraufhin Smicer per Weitschuss trifft – was von Loy als ineffektiv bezeichnet wird. Das liegt eventuell daran, dass viele aus Prinzip („lieber abschließen, als den Ball verlieren“) oder nur bedrängt zum Schuss kommen. Smicer hingegen besaß die Schusstechnik und die nötige Zeit, um den Treffer zu erzielen. Das 3:3 fiel durch einen Elfmeter, nachdem Steven Gerrard nach vorne sprintete, was dank der zusätzlichen Absicherung durch die Dreierkette und den defensiven Hamann im Mittelfeld ermöglicht wurde. Ist das wirklich Zufall?

Auch moderne Trends werden von ihm kritisch beäugt.

„Im Moment redet Jürgen Klinsmann immer von Tempofußball, andere Experten behaupten dagegen, man müsse unbedingt Ballbesitz haben. Wer aber schnell spielt, verliert auch schneller den Ball, und das ist das Gegenteil von Ballbesitz, also kann mindestens eine Theorie nicht stimmen.“

Hier ist das logische Widerlegen relativ einfach. Nein, es ist nicht das Gegenteil, weil man in Ballbesitz ein schnelles Pass- und Bewegungsspiel betreiben kann, wie es der FC Barcelona vorzeigt.

In diesem Video ist gut erkennbar, dass die Katalanen sowohl schnell, als auch auf Ballbesitz spielen und dem Gegner dadurch wenig Zeit lassen. Sie haben kein konstant hohes Spieltempo,  können aber situativ auf eine extreme Passgeschwindigkeit mit geringen Ballberührungszeiten umschalten. In diesen Phasen sind sie wohl das am schnellsten spielende Team und können den Ball kaum verlieren. “Zufällig“ waren sie auch das erfolgreichste Team in den vergangenen vier Jahren. Es ist also die Kombination eines hohen Spieltempos und einem Fokus auf Ballbesitz, der dem Gegner Probleme bereitet. Ein Widerspruch zwischen „Tempofußball“ und „Ballbesitz“ ist also keineswegs immanent.

Außerdem fehlt in der Berücksichtigung dieser Meinung eben auch jener Aspekt, wann schnell gespielt werden soll. Schnelle Kombinationen in der Enge haben eine ganz andere Konzeption und ein anderes Ziel, als ein technisch unsauberer und zu schneller Pass des Innenverteidigers zum Torwart, der rein der Geschwindigkeit willen gespielt wurde. Dieses Extrembeispiel zeigt auch, wie sinnlos ein durchgehendes Hochgeschwindigkeitsspiel wäre – und kein einziger Trainer dieser Welt würde ein solches fordern.

Im nächsten Teil geht es unter anderem um Zweikampfstatistiken, Ballbesitzwerte und ähnliches.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

  • OM

    5.Februar.2013 #1 Author

    Ist deine These, dass Loys rein quantitativer Ansatz für die Betrachtung einzelner Spiele keine Relevanz hat? So klingt’s nämlich bislang.Ich kenne den Mann nicht, aber ich bin gespannt auf die nächsten Teile.

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