In der Saison 2008/09 bestritt Marc Janko 34 Ligaspiele und erzielte dabei unglaubliche 39 Tore. Sein Trainer hieß damals Co Adriaanse. In der laufenden... Marc Jankos Erfolgslauf und das Zuschneiden eines Spielsystems auf einen Spieler – Gefahren und Vorteile?

In der Saison 2008/09 bestritt Marc Janko 34 Ligaspiele und erzielte dabei unglaubliche 39 Tore. Sein Trainer hieß damals Co Adriaanse. In der laufenden Saison erzielte er in zwölf Pflichtspielen zehn Tore. Sein Trainer heißt wieder Co Adriaanse. Der Niederländer „steht“ auf Marc Janko, schneidet sein Spielsystem mit starken Flügelspielern bestens auf den Niederösterreicher zu.

Starke Flügelspieler, die Verteidiger beschäftigen und Janko mit Flanken füttern. Das Offensivkonzept des Trainers ist so einfach wie kompliziert zu trainieren. Der Mittelstürmer muss ein hohes Maß an Antizipation und technischen Fähigkeiten mitbringen, um im System „Adriaanse“ zu reüssieren. Diese Fähigkeiten hat Marc Janko und fühlt sich bestens aufgehoben. 15-20 Saisontore sind schon ein guter Schnitt, diesen wird er wohl übertreffen. 22 waren es unter Stevens im ersten Jahr, 17 in der vergangenen Spielzeit. Egal welcher Trainer, er macht seine Tore, unter Adriaanse fühlt er sich aber am wohlsten.

Fußball ist Kopfsache?

Ist der Spieler, auf den das System zugeschnitten ist, fit, ist alles wunderbar. Die Flanken kommen und mit traumwandlerischer Sicherheit zappelt das Runde im Eckigen, kommen Pässe haargenau in die Schnittstelle der Abwehr, wird jeder Freistoß zur Gefahr. Die Spieler um die Stars treten in den Hintergrund, die bestimmende Person verkörpert das ganze Team, die Medien fokussieren sich auf einen Mann, er entscheidet – ein paar Euro ins Phrasenschwein – „Spiele im Alleingang“. Die Fußballgeschichte ist voll mit Namen, die dieses Prädikat verdienen. Ist der außergewöhnliche Mann in Form, so reißt er seine Mannschaft aus jedem Jammertal, macht „die wichtigen Tore“, sichert den Trainerstuhl. Einzelne Kicker sind die bestimmenden Persönlichkeiten für lange Wochen. Doch ebenso wie Ikarus kommt meist die Einsicht, dass ein Spieler „zu hoch geflogen“ ist. Einzelne Erlebnisse reichen aus und ein Stürmer trifft „aus fünf Metern ein Scheunentor nicht mehr“, jeder Freistoß geht in die Mauer oder in den zweiten Rang, die Pässe sind zu lang, zu kurz, zu durchsichtig. Aus dem gefeierten Helden wird schnell der Unglücksrabe, die nächste „Sau“, die durch das Dorf gejagt wird. Fußball ist nun mal auch Kopfsache.

Fußball ist Taktik?

Ein moderner Coach kann auch die Überspieler mehr oder weniger leicht aus dem Rennen nehmen. Doppeln, trippeln, abklopfen. Selbst eine Mannschaft, die aus elf Überspielern besteht, kann mit der richtigen Taktik geschlagen werden – siehe Mourinho gegen Barcelona. Sieht der Gegner seine Mannschaft als jene an, welche zu reagieren hat, reichen einige Kniffe (so das Niveau der eigenen Spieler entsprechend ist) aus, um zum Erfolg zu kommen. Dass es Mitunter nicht so einfach ist, einen Samuel Eto’o mit dem richtigen Attackieren am eigenen Sechzehner vertraut zu machen, soll illustrieren, wie schwierig das Entschärfen der Ausnahmekicker ist. Im Meisterschaftsbetrieb ist die dauerhafte Entschärfung ohnehin unmöglich, da bekanntermaßen der Gegner jede Woche wechselt und somit auch des Gegners Taktik. Funktionierende taktische Maßnahmen werden aber übernommen und so hat der Spieler plötzlich jede Woche drei Gegner vor sich.

Fußball ist Glück?

Das Problem als Gegner ist natürlich auch, dass diese Ausnahmespieler einfach auch Dinge können, von denen man selbst gar nicht glaubt, dass ein Spieler sie kann. Roberto Carlos‘ berühmter Freistoß mit dem Außenrist beispielsweise. Oder Wayne Rooneys Fallrückzieher. Oder Diego Maradonas Zaubersolo. Lionel Messis Ballbehauptung. Und und und. In Kärnten gibt es dafür eine gute Erklärung: „Wann’s laaft, dann laaft’s“. Manchen Spieler ist Fortuna wochenlang hold und der Gegner hat das Gefühl, dass der Ball einerseits am Schuh klebt, in magisch anzieht und andererseits genau das macht, was der Ballführende will. Aber es ist alles kein Zauber. Es passiert real. 2010 konnte beispielsweise das angesprochene Tor von Roberto Carlos physikalisch erklärt werden, er traf einfach exakt den Punkt, der diese Flugbahn ermöglicht. Ein Ergebnis harter Arbeit. Steven Gerrard, einer der gefürchtetsten Scharfschützen der vergangenen Jahre erzählte in einem Interview, er wäre nach dem Training immer nach Hause gegangen, hätte einen Autoreifen aufgehängt und stundenlang aus verschiedensten Positionen versucht, durch zu schießen.

Fußball ist dynamisch!

Zwei Saisonen geht einem Spieler alles auf, egal was die Gegner machen. Marc Janko hat dieses Jahr wieder eine solche Spielzeit. Das System stimmt für ihn, die Bälle kommen und jeder ist glücklich. Außer dem Gegner natürlich. Doch auch die Gegner des FC Twente Enschede werden Mittel und Wege finden, ihn zu entschärfen oder die Zeit wird weisen, was passiert. Kaum ein Kicker kann über seine gesamte Karriere ein hohes Niveau halten. Namedropping: Ibrahimovic, Ronaldinho. Ausnahmen gibt es, wie Maldini oder Giggs. In der Regel ist der Fußball aber dynamisch und für jeden Spieler gibt es eine gewisse Zeit, in der er die Warhol’schen „15 minutes“ genießen darf. Durch die Geschwindigkeit, mit der sich der Fußball zwischen Spielfreude, Technik, Taktik und Individualität versus Teamgeist oszillierend entwickelt, kann ein Mensch nicht auf Dauer ein Niveau halten.

Trainer, Fans, Umfeld und Medien sollen dazu aufgerufen sein, zu staunen, sich zu freuen oder ärgern und den Umstand, dass einem Spieler alles gelingt einfach annehmen. Die Abwesenheit von Pass, Schuss und Tor mit dem gewünschten Erfolg ist aber in gleichem Maße zu akzeptieren. Auch wenn Marc Janko noch in den nächsten 20 Spielen trifft.

Georg Sander, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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