Der Matchplan ist eine der selten erwähnten wichtigen taktischen Komponenten nahezu jedes Trainers. In Österreich hat sich wegen verschiedenster Gründe jedoch eine sehr merkwürdige... Nachholbedarf im österreichischen Fußball (Teil 3): Matchpläne, taktische Innovationen und individuelle Spielphilosophien

Der Matchplan ist eine der selten erwähnten wichtigen taktischen Komponenten nahezu jedes Trainers. In Österreich hat sich wegen verschiedenster Gründe jedoch eine sehr merkwürdige Art des Matchplans durchgesetzt. Die Ursachen sind vielschichtig. Einerseits verfügt kaum ein Team über die nötigen Spieler sowie die nötige Konstanz am Trainerstuhl: entweder, es ist ein Trainer seit Ewigkeiten der Verantwortliche für die Taktik, entwickelt sich jedoch nicht weiter, oder der Trainer wechselt zu schnell. Dennoch fehlt es generell an Revolutionären und Visionären im österreichischen Fußball, was sich letztlich an der Herangehensweise an die Partien zeigt.

Dazu kommt, dass pro Jahr nur eine geringe Fluktuation in den Ligen herrscht. Viele Spieler wechseln ligaintern, es gibt eine kleinere Liga und somit auch bei den Vereinen nur wenige Veränderungen. Dieses Schema wiederholt sich nun seit Unzeiten und es scheint eine einfache Erklärung für die Chancenarmut in den heimischen Spielen zu geben. Man kennt sich schlicht zu gut.

Damit ist gemeint, dass jeder Trainer nach einer gewissen Zeit und dank der Informationen seines Trainerstabs und Analysten genau weiß, was ihn im nächsten Spiel erwartet. Eventuell ist dies sogar ein Grund dafür, wieso die österreichische Liga in der medialen Wahrnehmung eine deutlich unwichtigere Rolle als das Nationalteam oder andere Sportarten einnimmt. Zu wenig Veränderungen, kein Spektakel und fast immer die gleichen Gesichter sorgen für einen ungesunden Trott.

Ein positives Beispiel ist die deutsche Bundesliga. Man kann über den großen Nachbarn schimpfen, wie man will, in den letzten Jahren ist extrem viel sehr gut gemacht worden. Ob in der Nationalmannschaft oder in der Jugendförderung, die Deutschen gehören zur Weltspitze. Dies zeigt sich in der Liga, wo übrigens besonders bei den Trainern sehr gute Arbeit gemacht wird. Vielfach gibt es Trainerentlassungen, die teilweise als überzogen oder verfrüht gelten: Das jüngste Beispiel ist Robin Dutt. Allerdings besteht ein Unterschied zwischen Trainern wie Michael Oenning, dem ehemaligen Trainingsleiter des HSV, sowie jemandem vom Kaliber eines Thomas Schaaf oder (eine Nummer kleiner) Stale Solbakken. Ersterer musste früh gehen, weil er weder mit der Mannschaft noch mit sich selbst klar kam. Ressourcen wurden verschwendet und die Ergebnisse nicht eingefahren. Anders sieht es bei Stale Solbakken aus. Dessen Ideen sind extrem modern und benötigen Zeit – wenngleich hier scheint, dass die sprachliche Komponente und die Spieler in Köln schlichtweg für unüberbrückbare Probleme sorgen. Thomas Schaaf erfindet sich zwar nicht neu, setzt aber auf eine Philosophie, welche zur Bremer Identität passt. Deswegen darf er bleiben.

Ähnliches gab es übrigens bei Paul Gludovatz in Ried. Natürlich bewiesen beide Mannschaften ein gutes Händchen bei Transfers, dennoch muss man mit fortschreitender Dauer den Preis für die geringe Fluktuation zahlen. Motivation, taktische Neuerungen und Qualität, das alles leidet darunter. In Österreich eben noch stärker, da man sich hier vier- statt zweimal in der Saison begegnet. Es bleibt mehr Zeit zum Experimentieren und sobald das Rezept für eine Mannschaft gefunden ist, lässt es sich bekanntlich leicht kopieren.

In Österreich noch leichter, aufgrund der bereits erwähnten fehlenden Revolutionäre. Die meisten Vereine spielen nämlich sogar sehr ähnliche Formationen und haben eine kaum zu unterscheidende Spielauffassung. Die Rieder und meistens jene Vereine, die sich als Absteiger oder in bestimmten Spielen als Außenseiter einschätzen, agieren tiefer. Allerdings zeigen die Rieder mit einer stärker am Ball orientierten Raumdeckung sowie Defensivpressing statt klassischer Defensivarbeit etwas modernere und progressivere Züge. Zwar ist es in Österreich seit gut ein bis zwei Dekaden zum Standard geworden, dass man mit Raumdeckung agiert, der Unterschied zu den großen Mannschaften besteht dennoch. Diese spielen nämlich viel enger, kompakter und eben noch mehr in den Raum des Balles orientiert, während es in Österreich oft wie eine Mischung aus Mann- und Raumdeckung wirkt. An sich kein Problem, doch auch hier ist es auffällig, dass sich (außer den schon erwähnten Riedern an guten Tagen) niemand signifikant abheben kann.

Somit lässt sich konstatieren, dass die Unterschiede zwischen den Vereinen zu gering sind, um wirkliche Philosophien des Vereins oder einzelner Trainer zu erkennen. Das 4-4-1-1 oder das 4-2-3-1 werden großteils genutzt und obwohl jede Mannschaft überaus interessante taktische Feinheiten anzubieten hat, fehlt es am letzten Funken Rebellion gegen den Konsens der Liga. Das Schöne daran ist allerdings, dass sich hier hoffentlich bald ein Umdenken breit machen wird. Die Leistungen insbesondere in den ersten Spieltagen nach der Winterpause waren bedenklich und teilweise gab es ganze Bundesligaspieltage mit der Chancenausbeute von einzelnen europäischen Topmannschaften.

Gute Ansätze kann man bereits erkennen. Ob Okotie mit Bodul im Angriff des SK Sturm oder mit Rath und Farkas, zwei sehr jungen und gleichzeitig ungemein offensiven Außenverteidigern beim SV Mattersburg, viele Mannschaften beginnen, sich langsam etwas zu trauen. Wichtig ist jedoch, dass die Topmannschaften den ersten Schritt machen. Sie sind schließlich in gewisser Weise die Opfer der aktuellen Pattstellungen in so vielen Spielen. Man durchschaut sie leicht und stellt sie kalt, erobert einen Punkt, oftmals zu Null, kann sich getrost zurücklegen und über ein enges Titelrennen freuen. Deswegen ist es von eminenter Wichtigkeit, dass Mannschaften wie Rapid, Austria und Red Bull Salzburg sich ein Herz fassen und eine eigene Spielphilosophie entwickeln. Steffen Hoffmann ist ja auch nicht mehr der Jüngste und in Salzburg ist die fehlende Spielphilosophie eine Kinderkrankheit, seit Dietrich Mateschitz die Transfers finanziert. Hinzu kommt, dass Ivica Vastic nicht wie ein Revolutionär wirkt, aber sichtlich kleine Versuche macht. Ob ein spielstarkes zentrales Mittelfeld, engere Außenstürmer oder mehr Rochaden – auch kleine Schritte können große Wege gehen. Trotzdem muss gesagt werden, dass es etwas an Herz und Kreativität in den Änderungen fehlt, die Ideen blitzen einfach durch. Der gemeine Fan, sogar von der eigenen Mannschaft, wünscht sich mehr Mut zum Risiko statt Ergebnisfußball. So möchte man zumindest für Fußballösterreich hoffen.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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