Wenn über Spielkultur diskutiert wird, dann fällt oft der Begriff der „abkippenden Sechs“. Er beschreibt das Verhalten eines Mittelfeldspielers, meistens eines Sechsers, der sich...

TaktikWenn über Spielkultur diskutiert wird, dann fällt oft der Begriff der „abkippenden Sechs“. Er beschreibt das Verhalten eines Mittelfeldspielers, meistens eines Sechsers, der sich im Spielaufbau zwischen oder neben die beiden Innenverteidiger zurückfallen lässt, um von dort aus das Spiel der eigenen Mannschaft „anzukurbeln“.  Aber was ist eigentlich der Grund für dieses Verhalten? Und beschreibt das Adjektiv „abkippend“ wirklich alle Facetten der Bewegung?

Um überhaupt die Idee einer abkippenden oder pendelnden Sechs diskutieren zu können, müssen wir uns klar werden, was es für Probleme im Spielaufbau geben kann. Was sind die Ziele einer Mannschaft, die verteidigt, und wie sollte der Spielaufbau des eigenen Teams aussehen?

Moderne Defensivsysteme und ihr Zweck

Betrachtet man die modernen Defensivsysteme, haben fast alle einen ähnlichen Aufbau mit ähnlichem Zweck: es geht darum, den Gegner aus torgefährlichen Räumen zu drängen, und zwar dahin, wo eine Balleroberung möglichst günstig erscheint. Gefährlich ist es in der Regel in der Mitte, wohingegen Räume nahe der Auslinie  ein gutes Terrain sind, um selbst Bälle zu erobern, weil der Raum dort mit Hilfe der Auslinie besser verknappt werden kann, und die Gefahr ein mögliches Gegentor zu bekommen relativ kleiner ist.

Das Verhalten der Stürmer: lenken und dann zuschlagen!

Entsprechend verhalten sich schon die Stürmer bzw. allgemein die erste Pressinglinie einer verteidigenden Mannschaft. Einige wenige – meistens einer bis drei – Spieler versuchen einen ballführenden Innenverteidiger schon im Spielaufbau so anzulaufen, dass dieser das Spiel nicht über die Mitte eröffnen kann, sondern den Ball auf Außen spielen muss. Das ist insofern ungünstig, als dass der Gegner dann relativ gefahrlos auf diese Seite schieben kann und er mit Hilfe der Auslinie vergleichsweise problemlos eine hohe Kompaktheit mit wenig Aufwand herstellen kann. Ziel im Aufbau sollte es hingegen sein, den Ball solange wie möglich in zentralen Räumen zu halten, denn dort ist es schwieriger Druck auf den Ball zu legen bzw. einfacher eine Anspielstation zu finden und enge Situationen zu vermeiden.

Die Abläufe im 4-1-4-1

Im 4-1-4-1-System wird der Stürmer den ballführenden Innenverteidiger so anlaufen, dass dieser nicht über den zweiten Innenverteidiger die Seite wechseln kann. Durch das Herstellen einer Mannorientierung der beiden Achter auf die gegnerischen zentralen Mittelfeldakteure und ein geschicktes Herausrücken des Flügelspielers lässt sich schon relativ einfach eine unkomfortable Situation für die aufbauende Mannschaft erzeugen. Der Innenverteidiger hat keine sicher kurze Anspielstation, die sich aufdrehen und dann nach vorne spielen kann, und läuft Gefahr gepresst zu werden. In der Grafik erkennt man, dass eigentlich beide zentralen Mittelfeldspieler ohne Wirkung sind. Maximal der ballnahe kann eventuell noch als Druchlaufstation dienen, wenn er den Ball direkt zum Außenverteidiger leitet. Zur Spielverlagerung gibt es noch die Möglichkeit, dass über den Sechser die Seite gewechselt wird, der, nachdem er den Ball erhalten hat, zum ballfernen Innenverteidiger spielt. Diese Art der Spielverlagerung kann aber bei einem System mit zwei Stürmern zu Problemen führen.

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Der ballführende Innenverteidiger hat ein Problem: der Stürmer hat ihn im Bogen angelaufen und ihm so die Möglichkeit des Querpasses auf den anderen Innenverteidiger genommen. Im Mittelfeld gibt es Mannorientierungen und der linke Mittelfeldspieler von Blau kann zum Doppeln kommen, weil sein Gegenspieler (der rote Außenverteidiger) in seinem Deckungs-schatten verschwindet.

Die Spielverlagerung als Raumöffner

Was auch noch ersichtlich wird: der Gegner kann mit relativ wenig Aufwand Druck auf den Ball machen und muss gar nicht so wahnsinnig weit auf eine Seite einrücken. Eine Spielverlagerung ist aber besonders effektiv, wenn genau das geschieht. Wenn es der ballbesitzenden Mannschaft gelingt den Gegner auf eine Seite zu locken, um dann das Spiel zu verlagern. Genau dann finden sich nämlich auch freie Räume. Eine Spielverlagerung in dieser Situation – noch dazu zeitaufwändig über den Sechser, ist nicht wirklich effektiv, um danach schnell nach vorne zu spielen.

Das sichere Überspielen der ersten Pressinglinie als Grundvoraussetzung

Je breiter die Innenverteidiger stehen, desto einfacher wird es für den Stürmer das Spiel zu zerteilen. Breite im Aufbau und die Möglichkeit, das Spiel zu verlagern, sind aber im Spielaufbau Grundvoraussetzungen, um freie Räume zu finden, und diese dann auch anspielen zu können. Außerdem ist es wünschenswert, so lange wie möglich im Zentrum zu bleiben, um die Abwehraufgabe für den Gegner so lange wie möglich komplex zu halten.

Die dargestelle Situation ist sicher noch zu lösen, aber: in der Situation hat der Innenverteidger nicht mehr viele Möglichkeiten, außer dem beschriebenen Doppelpass und den Ball zu schlagen. Sieht man sich den Spielaufbau guter Mannschaften wie Barcelona und Bayern München aber an, wirkt es oft, als würden sich die Spieler die Bälle nur zuschieben. Sinn und Zweck ist es aber immer wieder neue Räume zu finden und so nach vorne zu kommen, ohne Risiken einzugehen.

Was dem FC Barcelona z.B. nicht oft passiert, ist, dass sie durch das Bespielen eines Raumes an Optionen verlieren oder die Situation für sie gefährlich wird. Es muss immer möglich sein, eine Situation so zu lösen, dass ihr Zweck, z.B. das Überspielen einer Pressinlinie, zwar nicht erfüllt wurde, aber die Suche nach einer neuen Gelegenheit fortgesetzt werden kann – und das risikolos.

Hier im Beispiel sind diese Voraussetzungen nicht gegeben: ein Doppelpass unter Gegnerdruck ist immer ein Risikopass, der schiefgehen kann. Einzig ein Rückpass zum Torwart bleibt als risikolose Option, nimmt aber Druck vom Gegner, der sich kurzzeitig befreit hat, da der Rückpass Zeit kostet und ziemlich umständlich ist. Weiterer Nachteil: die erste Pressinglinie des Gegners verschiebt sich eventuell weiter nach vorne.

Im nächsten Teil der Serie geht es um die Lösung der dargestellten Problematik: ein Mittelfeldspieler lässt sich zwischen die Innenverteidiger fallen und erschwert einerseites dem Gegner das Teilen des Spiels, ermöglicht andererseits auch der eigenen Mannschaft ein Herausspielen der Situation ohne großes Risiko und ohne Raumverlust.

Tobias Robl, www.abseits.at

Tobias Robl

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