Wenn über Spielkultur diskutiert wird, dann fällt oft der Begriff der „abkippenden Sechs“. Er beschreibt das Verhalten eines Mittelfeldspielers, meistens eines Sechsers, der sich...

TaktikWenn über Spielkultur diskutiert wird, dann fällt oft der Begriff der „abkippenden Sechs“. Er beschreibt das Verhalten eines Mittelfeldspielers, meistens eines Sechsers, der sich im Spielaufbau zwischen oder neben die beiden Innenverteidiger zurückfallen lässt, um von dort aus das Spiel der eigenen Mannschaft „anzukurbeln“.  Aber was ist eigentlich der Grund für dieses Verhalten? Und beschreibt das Adjektiv „abkippend“ wirklich alle Facetten der Bewegung?

Im letzten Teil der Serie ging es um die Vorteile, die das Abkippen eines Sechsers mit sich bringt. Was aber sind die Nachteile, die dadurch entstehen? Und wie reagieren Mannschaften darauf bzw. was sind Strategien gegen eine abkippende Sechs?

Die mangelnde Präsenz im Zentrum

Fällt ein Mittelfeldspieler in die letzte Reihe zurück, dann fehlt er natürlich in der Mitte des Spielfeldes als zentraler Aufbauspieler. Der verbleibende Sechser wird dann meistens mannorientiert verteidigt, sodass im Zentrum keine freie Anspielstation mehr bleibt. Auch die Außenverteidiger scheiden im tiefen Spielaufbau aus, weil es auf den Flügeln meistens auch Mannorientierungen gibt, sodass die nächsten anspielbaren Spieler der Zehner bzw. die Flügelspieler sind, wenn sie invers spielen und sich nach hinten fallen lassen. Bei den Außenverteidigern ergibt sich das Problem, dass, wenn sie weiter aufrücken, eben in die „Mannorientierung laufen“. Bleiben sie hinten, fehlt es dem Spiel an Tiefe und sie stehen den breiten Innenverteidigern fast auf den Füßen.

Tak3

Das Abkippen ist nicht effektiv: Im Zentrum ergibt sich eine Unterzahl (schwarzer Kreis) für den einzig verbliebenen Zentralen Mittelfeldspieler und der ballnahe Außenverteidiger verschwindet im Deckungsschatten des rechten blauen Mittelfeldspielers, der auf den ballführenden Innenverteidiger Druck machen kann. Dazu ist keine der Schnittstellen im  Mittelfeldband von Blau anspielbar. Der Sechser in der Mitte muss sich jetzt noch weiter fallen lassen, um aus dem Deckungsschatten des Stürmern, der ihn im Bogen angelaufen hat (schwarzer Pfeil), herauszukommen.

Die Konsequenz daraus ist, dass es oft an Verbindungen nach vorne fehlt. Ein Paradebeispiel dafür stellt der Hamburger SV in der Zeit unter Thorsten Fink dar. Dort kippte jeweils ein Sechser ab, wobei die Außenverteidiger gleichzeitig weit nach vorne schoben,  wobei sie in einigen Spielen immer wieder in Mannorientierung liefen, und in anderen oft in den Deckungsschatten der gegnerischen Flügelspieler verschwanden, also effektiv nicht viel für den Spielaufbau bewirken konnten. Als Konsequenz darauf ließ sich Mittelfeldregisseur Rafael van der Vaart vermehrt in den rechten Halbraum zurückfallen, um den letzten verblieben Mittelfeldspieler Milan Badelji zu unterstützen, was das Problem der mangelnden Präsenz im Aufbau zwar behob, es allerdings eine Ebene weiter in den Zehnerraum bzw. das Angriffsdrittel verlagerte.

Die Inflationäre Verwendung

Wie jede im Grunde gute Idee wird auch die abkippende Sechs oftmals unpassend eingesetzt. Nicht selten ist sie nicht effektiv, führt zur Unterzahl im Zentrum und zu einer Überzahl in letzter Reihe, die aber vielleicht gar nicht effektiv genutzt werden kann.

Gegen eine 4-5-1-Formation, die als Abwehrpressing gespielt wird, gibt es z.B. keinen wirklichen Grund, es mit dieser Variante im Aufbau zu versuchen. Der eine Stürmer der Formation wird keinen wirklichen Druck auf die beiden Innenverteidiger aufbauen können, wenn er von keinem der Achter unterstützt wird. Außerdem ist die Breite, die durch das Abkippen in Verbindung mit den Außenverteidigern erzeugt wird, gar nicht nutzbar, weil das Mittelfeldband zu breit ist, um einen Außenspieler nach schneller Verlagerung frei zu spielen. Hier wäre es sinnvoller beide Sechser ins Zentrum zu ziehen, und einen jeweils leicht neben den Stürmer herauskippen zu lassen um von dort aus diagonal in den Defensivverbund zu spielen.

„Herausstechende Sechser“ als wirksames Gegenmittel

Als wirksames Mittel gegen das Aufbaumodell „abkippende Sechs“ vorzugehen, hat sich die mannorientierte Verfolgung des Sechsers durch einen gegnerischen Mittelfeldspieler bewährt. Dabei verfolgt der gegnerische Mittelfeldspieler, meistens einer der Sechser, die abkippende Sechs bis in die letzte Reihe und verhindert, dass dieser in der Übergangsphase den Ball spieloffen annehmen kann.

Beispielhaft lassen sich diese Vorgänge gut an einem 4-4-2-Defensivsystem erklären. In diesem System gibt es eine Mannorientierung der beiden Stürmer zu den Innenverteidigern, die die abkippende Sechs auflöst, wenn sie abkippt. Dadurch ergibt sich wie bereits erwähnt eine 2:1 Überzahl für die verteidigende Mannschaft gegen den letzten verbliebenen Sechser im Zentrum der aufbauenden Mannschaft, die eigentlich unnötig ist. Beim VfL Wolfsburg kann man gut beobachten, wie abwechselnd einer der beiden Sechser, entweder Gustavo oder Medojevic aus dem Mittelfeldband ausbricht und das Abkippen verfolgt. Die Defensivformation wird dann situativ zu einem asymmetrischen 4-3-3, in dem die beiden Stürmer dann in der vordersten Reihe breit spielen und die Schnittstelle durch Gustavo oder Medojevic gesichert wird. Das Mittelfeldband schiebt gegebenenfalls etwas zusammen, um die Lücke, die der herausstechende Sechser hinterlassen hat, zu schließen, oder es ergibt sich eine leichte Asymmetrie ähnlich einer Mittelfeldraute, weil sich der zweite Sechser etwas fallen lässt, aber nur leicht auf die Lücke verschiebt, weil diese im Deckungsschatten des herausgerutschten Sechsers liegt.

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Der blaue Mittelfeldspieler ist aus der Formation ausgebrochen und geht die Mannorientierung auf die abgekippte Sechs ein, sodass die blaue Mannschaft situativ eine 3-3-Stellung erzeugt. Trotzdem geht die Kompaktheit nicht verloren, weil die Schnittstelle die durch das Herausrücken entstanden ist, nicht bespielbar ist, und es überall situative Mannorientierungen hergestellt sind (schwarze Kreise).

Vorteilhaft an der breiten Stellung der Stürmer ist neben der weiterhin bestehenden Mannorientierung auf  beide Innenverteidiger,  dass sie die Außenverteidiger in den Deckungsschatten nehmen können was diese am Flügel  so gut wie nicht anspielbar macht. Letztlich ist durch all diese Elemente die Kompaktheit der verteidigenden Mannschaft weiterhin gegeben, weil in keinem Bereich des Spielfeldes eine effektive Überzahl des Gegners herrscht, und die „Löchrigkeit“ des Mittelfeldbandes, bzw. dessen fehlende Breite, nicht bespielt werden kann. Die Tatsache, warum diese Spielweise vor allem beim VfL Wolfsburg so gut funktioniert, liegt sicher auch daran, dass sie mit Dieter Hecking einen Trainer haben, der sehr gerne stark mannorientiert verteidigen lässt, was dieser Spielweise sehr zu Gute kommt.

Das 4-4-2 als 4-2-2-2 mit nach vorne geschobenen Flügelspielern

Als weitere Möglichkeit, die relativ effektiv gegen die abkippende Sechs als Modell des Spielaufbaus sein kann, bietet sich das 4-4-2-System an, wenn dabei die Flügelspieler ihre Rolle leicht anpassen und etwas nach vorne schieben, und zwar so, dass sie den Passweg zum Flügel auf die Außenverteidiger schließen. Diese sind dann effektiv nicht flach anspielbar und die Breite, die sie erzeugen ist im Moment nicht bespielbar. Nachteilig ist es allerdings, wenn die Flügelspieler mit einem hohen Ball überspielt werden, weil sie dann weitere Wege zurücklegen müssen. Um in diesen Situationen trotzdem noch kompakt zu stehen, hängen die beiden zentralen Mittelfeldspieler in der Pressingformation etwas nach hinten, was zwar Raum im Zentrum öffnet, der aber gut als Pressingfalle für den alleinigen Sechser der aufbauenden Mannschaft verwendet werden kann.

Im nächsten Teil der Serie geht es darum, wie die aufbauende Mannschaft den Problemen, wie beispielsweise der mangelnden Präsenz im Zentrum entgegenwirken kann, und wie die entstehenden Strukturen möglichst vorteilhaft ausgenutzt werden können.

Tobias Robl, www.abseits.at

Tobias Robl

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