Bei einigen Mannschaften sieht man im Spielaufbau immer wieder, wie ein zentraler Mittelfeldspieler sich zwischen oder neben beide Innenverteidiger fallen lässt. Oft ist dieser... Taktiktheorie: Der abkippende Sechser

Taktikboard grün_abseits.atBei einigen Mannschaften sieht man im Spielaufbau immer wieder, wie ein zentraler Mittelfeldspieler sich zwischen oder neben beide Innenverteidiger fallen lässt. Oft ist dieser Spieler eine zentrale Figur im Aufbauspiel und verfügt über eine variierende Passreichweite, sowie im Idealfall auch strategisches Geschick. Paradetypen dieser abkippenden Rolle sind Xabi Alonso, bei Argentinien Javier Mascherano oder in Österreich Raphael Holzhauser. Das Abkippen hat vielerlei Gründe und Effekte, die wir hier für euch analysieren werden.

Wann und warum abkippen?

Der eindeutigste Grund für das Abkippen in die letzte Linie ist das Herstellen von Überzahl gegen das gegnerische Pressing. Gegen Zwei-Stürmer-Pressingformationen bietet es sich an ein 3v2 herzustellen, sofern man nicht Claudio Bravo, Ter Stegen oder Neuer im Tor hat. Durch eine zusätzliche Anspielstation wird der Ballvortrag so erleichtert. Seitliches Herauskippen fokussiert den Aufbau über den Halbraum oder einen bestimmten starken Fuß des abkippenden Spielers, während zentrales Abkippen den Aufbau über das Zentrum hervorhebt.

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Das Abkippen kann aber auch zur generellen Staffelungsveränderung genutzt werden. Vor allem mannorientierte Gegner können hier manipuliert werden. Pep Guardiola nutzte vor allem bei den Bayern gerne hineinkippende Außenverteidiger, die durch das Abkippen des Sechsers balanciert wurden. Auf diese Weise wurden die gegnerischen mannorientierten Flügelstürmer vor eine schwierige Aufgabe gestellt: Mitgehen und die Flügel öffnen, oder Position halten und das Zentrum hergeben? Natürlich können die Außenverteidiger auch linear hoch schieben, die Flügelstürmer einrücken und die Halb- und Zwischenlinienräume besetzen. Dies kommt primär auf die Spielertypen und das Verhalten des Gegners an. Es ist jedoch stets wichtig, dass bei Formationen mit zwei Sechsern, Folgebewegungen ins Zentrum kommen, da dies ansonsten unterbesetzt ist. Ein Zehner, die Außenverteidiger oder die Flügelstürmer können sich dann neben den zweiten Sechser bewegen und so eine passende Zentrumsstaffelung herstellen.

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Auch zur defensiven Absicherung kann ein zentraler Mittelfeldspieler abkippen. Auf der einen Seite, um das Hochschieben von Außenverteidigern zu gewährleisten und gleichzeitig genügend Leute in der Restverteidigung zu wahren. Zum anderen auch im Moment des gegnerischen Ballbesitzes, wenn das Rausattackieren eines Innenverteidigers balanciert werden soll. Die entstandene Lücke kann der Sechser situativ ausfüllen.

Folgewirkungen des Abkippens

Zum einen kann man dadurch, wie bereits erwähnt, gegnerische Mannorientierungen aushebeln. Entweder wird durch das Verfolgen des Gegners ein Raum geöffnet, der bespielt werden kann (meist über das Prinzip des dritten Mannes), oder der abkippende Spieler kommt verhältnismäßig ungestört an den Ball und kann das Spiel mit aufbauen.

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Zum anderen verändern sich die Passwinkel. So kann aus einem 4-2-3-1 schnell ein 3-4-3 werden, das in Sachen Dreiecksbildung der erstgenannten Formation überlegen ist. Neben der Überzahl ist die Staffelungsänderung die wichtigste Komponente des Abkippens, die jedoch oftmals ignoriert wird. Wie bereits beschrieben können verschiedene Bewegungen der umliegenden Spieler nach dem Abkippen erfolgen. Typen wie David Alaba oder Philipp Lahm können ohne weiteres in die Halbräume rücken und spielmachend agieren, während dies Spielern wie Clichy oder Zabaleta deutlich schwerer fällt. Solche Spieler können jedoch mit einer auf- oder nachrückenden Rolle entlang des Flügels das Spiel über die Seite beleben. Einrückende Flügelstürmer unterstützen hierbei die Dreiecksbildung und sorgen für schwierig zu verteidigende Staffelungen.

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Fazit

Wie jedes taktische Mittel ist das „Wann?“, „Warum?“ und „Mit wem?“ entscheidend. Bloßes, konstantes Abkippen macht ausrechenbar und kann bei schlecht balancierten Folgebewegungen sogar deutlich mehr Nachteile als Vorteile bergen. Als Beispiele wären hier Thorsten Finks Austria oder der Hamburger SV zu nennen.

David Goigitzer, abseits.at

David Goigitzer

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