In wenigen Wochen wird die Fußball-EM angepfiffen und Polen erwartet einen noch nie dagewesenen Ansturm von Fans aus ganz Europa. Die katholische Kirche sieht... Pfosten der Woche (KW 19) – Polnische katholische Kirche

In wenigen Wochen wird die Fußball-EM angepfiffen und Polen erwartet einen noch nie dagewesenen Ansturm von Fans aus ganz Europa. Die katholische Kirche sieht darin großes Potential und setzt nun zur offensiven Missionierung an.

Euro-Beauftragte, Konzerte, Diskussionsveranstaltungen in den Fanzonen, sowie spezielle Gebete für Mannschaften und Schiedsrichter: die polnischen Katholiken wollen zur EM alle verfügbaren Register ziehen, um möglichst viele Gäste aus dem Ausland zu bekehren. So erklärte Pfarrer Hubert Walczyk in seiner Eigenschaft als Koordinator der kirchlichen Euro-Aktivitäten in Warschau:

„Eine Million Fans sollen kommen, vielleicht lassen sich einige von ihnen für eine tiefere Reflexion begeistern. Das Turnier ist eine hervorragende Gelegenheit für die Evangelisierung.”

Das Programm kann sich sehen lassen, den anreisenden Fans wird einiges geboten: da sich die Frage, ob es einen Fußballgott gibt, aus offensichtlichen Gründen gar nicht erst stellt, steht stattdessen unter anderem eine Talkrunde zum Thema „Wem würde Jesus die Daumen drücken?“ auf den Programm. Eine knifflige Geschichte, die sich kaum eindeutig klären lassen wird – geht es nach der Bergpredigt, dann derzeit wohl am ehesten den österreichischen Fußballfans („Selig sind, die da Leid tragen“) oder Jose Mourinho („Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden“). Wem der Prophet Habakuk die Daumen drücken würde, liegt hingegen auf der Hand: der Psalm „Sie umgeben mich von allen Seiten, aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren“ kann sich eigentlich nur auf Carles Puyol beziehen.

Während in Warschau der ambitionierte Versuch unternommen wird, mit englischen oder kroatischen EM-Touristen über biblische Gleichnisse in Diskurs zu treten, setzt die Kirche in Wroclaw auf klare Ansagen: die traditionell gottlosen tschechischen Anhänger werden in der Fanzone von einem großen Plakat mit der Aufschrift „Jesus ist für Tschechien gestorben“ empfangen. Gute-Laune-Programm also, das punktgenau die Stimmung eines Fußballgroßereignisses trifft und die Anwesenden in Scharen zur nächstgelegenen Kirchenbeitragsstelle pilgern lässt.

Ähnlich durschlagender Erfolg wird mit Sicherheit auch dem technischen Gimmick dieser EM beschieden sein: ein Messe-App führt den fußballaffinen Smartphonenutzer in der spielfreien Zeit zielsicher an den Ort des nächsten Gottesdienstes. Eine Eucharistiefeier mit Bratwurst und Bier ist aber ebenso unwahrscheinlich wie ein lautstarkes „Olle Händ‘ auffe“ zum Gloria; Pyrotechnik dürfte hingegen in Form von Paraffinkerzen erlaubt sein.

Die polnischen Katholiken scheuen weder Kosten noch Mühen, um wenigstens ein paar der verirrten Fanschäfchen in ihre Herde einzugliedern. Es bleibt abzuwarten, ob auch die andere christliche Glaubensgemeinschaften diesem Beispiel folgen und ihrerseits die Euro 2012 zur Missionierung nutzen werden: der Gedanke an 95 Thesen zum enttäuschenden Abschneiden des englischen Teams hat schon beinahe göttlichen Charme.

Lichtgestalt, www.abseits.at

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