Freunde des exquisiten Fußballs wurden bei der Weltmeisterschaft 1990 nicht gerade verwöhnt, denn die meisten Mannschaften nahmen nur wenig Risiko, was sich dann auch...

Lothar Matthäus - Deutschland 1990Freunde des exquisiten Fußballs wurden bei der Weltmeisterschaft 1990 nicht gerade verwöhnt, denn die meisten Mannschaften nahmen nur wenig Risiko, was sich dann auch in einem Torschnitt von nur 2,21 Treffern pro Partie niederschlug, womit ein Negativrekord aufgestellt wurde. Unterhaltung wurde vereinzelt dennoch geboten, beispielsweise als der kolumbianische Goalie René Higuita Kameruns Roger Milla zum Tanz bat. Österreich durfte nach der gelungenen WM-Qualifikation ebenfalls eine Mannschaft nach Italien entsenden.

Am 19. Mai 1984 vergab die FIFA das Turnier an Italien, das nach Mexiko (1970 und 1986) nun die zweite Nation war, die zwei Weltmeisterschaften veranstalten durfte. Österreich bewarb sich übrigens auch für die Austragung, war aber schnell aus dem Rennen, insbesondere da nach der Erhöhung der Teilnehmerzahl auf 24 Mannschaften die Infrastruktur für ein Turnier dieser Größenordnung nicht gegeben war.

Mexiko und Chile im Vorfeld disqualifiziert

Mexiko setzte bei den olympischen Spielen 1988 absichtlich ältere Fußballer ein und manipulierte die Spielerpässe, woraufhin die FIFA das Land von der Qualifikation ausschloss. Chile wiederum vertraute im Qualifikationsspiel gegen Brasilien auf die Schauspielkünste ihres Torhüters Roberto Rojas, der in Absprache mit dem Trainerteam beim Stand von 0:1 vortäuschte, dass er von einem Feuerwerkskörper getroffen worden wäre. Rojas fiel zu Boden und fügte sich mit einem selbst mitgebrachten Gegenstand eine Wunde zu. Die chilenische Nationalmannschaft trat ab, in der Hoffnung die Partie am grünen Tisch zu gewinnen. Stattdessen wurde die Schmierenkomödie dank der Videokameras entlarvt und die Partie wurde mit einem 2:0-Sieg Brasiliens gewertet. Chile verpasste die Qualifikation und wurde zudem von der Weltmeisterschaft 1994 ausgeschlossen. Torhüter Rojas, Coach Aravena und Teamarzt Rodiguez fassten eine lebenslange Sperre aus.

Toni ließ es polstern

Österreich bekam es in der Qualifikation mit der Sowjetunion, Türkei, DDR und Island zu tun und erreichte den zweiten Gruppenplatz. Im letzten und alles entscheidenden Spiel gegen die DDR schoss Toni Polster die Ostdeutschen im Alleingang ab und erzielte beim 3:0-Sieg alle drei Treffer. Während der Qualifikation wurde Toni Polster von den Medien heftig kritisiert und von den Fans immer wieder ausgepfiffen, da der Sevilla-Legionär die hohen Erwartungen im Nationalteam nicht immer erfüllen konnte. Die drei Treffer im Ernst-Happel-Stadion waren deshalb eine enorme Genugtuung, dennoch verzichtete der Goalgetter auf die Ehrenrunde und verzog sich nach Schlusspfiff sofort in die Kabine. Die TV-Übertragung nach der Partie erreichte Kultstatus, unter anderem weil Peter Elstner nicht in die Spielerkabine gelassen wurde:

Bei der Weltmeisterschaft verlor das Nationalteam die beiden ersten Spiele gegen Italien und die Tschechoslowakei mit 1:0, gewann aber zumindest das letzte Gruppenspiel gegen die USA mit 2:1, wobei Andi Ogris und Gerhard Rodax die beiden Treffer erzielten.

Lichtblick Kamerun

Kamerun war die positive Überraschung einer ansonsten eher langweiligen Weltmeisterschaft. Schon im Eröffnungsspiel schockten sie die Argentinier mit einem 1:0-Sieg und gewannen dann auch noch ihr zweites Gruppenspiel gegen Rumänien mit 2:1, wobei der in der 58. Minute eingewechselte Roger Milla beide Treffer erzielte. Der 38-Jährige wurde nur deshalb mitgenommen, weil der kamerunische Präsident Paul Biya den Angreifer in den Kader forderte. Eine 0:4-Niederlage gegen die Sowjetunion konnte den ersten Gruppenplatz der Kameruner nicht verhindern, sodass die unbezähmbaren Löwen im Achtelfinale auf Kolumbien trafen. Die Partie nahm erst in der Verlängerung Fahrt auf, als Roger Milla erneut zweimal zuschlug, wobei er sich bei seinem zweiten Treffer beim exzentrischen, kolumbianischen Torhüter René Higuita bedanken darf. Diese Szene war eindeutig das Highlight der Weltmeisterschaft:

Der Erfolgslauf der Kameruner wurde im Viertelfinale von England beendet, das eine spannende Partie erst in der Verlängerung für sich entschied. Die Kameruner wurden dennoch gefeiert und hatten einen großen Anteil daran, dass der Respekt für den afrikanischen Fußball anstieg. Die FIFA vergab nach der Weltmeisterschaft einen zusätzlichen Platz an Afrika.

Verlängerungen wohin man blickt

Nicht nur die Begegnung zwischen England und Kamerun wurde erst in der Verlängerung entschieden. Im Achtel- und Viertelfinale gab es bei 50 Prozent der Partien keine Entscheidung nach der regulären Spielzeit und auch in den beiden Halbfinalspielen mussten die Finalisten durchs Elfmeterschießen ermittelt werden. England schied gegen Deutschland aus, Argentinien setzte sich gegen Italien durch, das mit Salvatore “Totò“ Schillaci immerhin den Torschützenkönig in seinen Reihen hatten. Der bis dato eher unbekannte Angreifer erzielte während des Turniers sechs Treffer und wechselte anschließend zu Inter Mailand, wo er jedoch enttäuschte. Den Rest seiner Karriere verbrachte er erfolgreich bei Júbilo Iwata in Japan, wo er in 78 Meisterschaftsspielen 56 Treffer beisteuerte.

Deutschland gewinnt verdient ein schwaches Finale

Das Finalspiel zwischen Deutschland und Argentinien ging als das wahrscheinlich langweiligste Endspiel in die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft ein. Die ersatzgeschwächten Argentinier setzten ganz auf ihre Defensive und zerstörten mit ihrer ruppigen Gangart jeglichen Spielfluss der Deutschen. In der 65. Minute wurde Pedro Monzón mit einer roten Karte vom Platz gestellt, womit der Argentinier der erste Spieler war, der in einem WM-Finale ausgeschlossen wurde. Andreas Brehme gelang nach einem umstrittenen Elfmeterpfiff des mexikanischen Schiedsrichters Codesal Méndez per Strafstoß der einzige Treffer der Partie. Deutschland gewann nicht unverdient den dritten Titel und Franz Beckenbauer feierte nach einem WM-Sieg als Spieler nun auch als Trainer einen Triumph bei einer Endrunde. Dies gelang davor nur dem Brasilianer Mario Zagallo.

Stefan Karger, abseits.at

Stefan Karger

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