Auf dem Papier und von den Namen her war das vierte Viertelfinale das ausgeglichenste, in der Realität verlief das Duell zwischen England und Italien... Trotz erdrückender Dominanz: Italien bezwingt England erst im Elfmeterschießen

Auf dem Papier und von den Namen her war das vierte Viertelfinale das ausgeglichenste, in der Realität verlief das Duell zwischen England und Italien aber wie auf einer schiefen Ebene. Die Italiener dominierten das Geschehen über die gesamte Spielzeit eindrucksvoll, während sich die Engländer kaum was zutrauten. Da die Azzurri aber eine Vielzahl von Chancen liegen ließen, wurde diese Begegnung erst im Elfmeterschießen entschieden.

Die Dominanz der Squadra Azzurra lässt sich auf viele Arten feststellen. Sollten die 120 Spielminuten nicht ausreichend sein, unterstreichen folgende Zahlen die Überlegenheit der Stiefel-Kicker eindrucksvoll: 36:9 Torschüsse, 833:364 Pässe, 68:32 Prozent Ballbesitz. Umso spektakulärer wäre es gewesen hätte England im Elfern gesiegt. Nachdem Montolivo seinen Versuch danebensetzte, hatte das Team von Roy Hodgson die Chance davonzuziehen, aber Young jagte den Ball an die Latte und Cole scheiterte an Buffon. „Das Elfmeterschießen ist im englischen Fußball fast zu einer Obsession gekommen, man kann zwar die Schüsse selbst üben, aber nicht die Atmosphäre und die Anspannung“, vermisste der Coach die Unbekümmertheit seiner Schützlinge. „Die coole, ruhige Art, in der Andrea Pirlo seinen Elfmeter geschossen hat – das kann man nicht trainieren.

England passt sich an

Der 64-Jährige veränderte seine Mannschaft im Vergleich zum letzten Gruppenspiel gegen die Ukraine nicht. Damit liefen auch die bisher harmlosen Flügel Milner und Young wieder von Beginn an auf. An ersterem schätzt Hodgson vor allem seine Defensivqualitäten, mit denen der 26-Jährige in erster Linie den kompakten Zentralblock der Italiener entgegenwirken sollte – eine nachvollziehbare Entscheidung, zumal Milner auch im Verein oft im Zentrum zum Einsatz kommt. Young agierte eher ungewohnt, war ohne Ball oft in der Mitte zu finden, anstatt die Breite zu halten.

Italien erneut mit Raute

Italiens Teamchef Cesare Prandelli stand vor der Frage ob er wie in den ersten beiden EM-Spielen gegen Spanien und Kroatien wieder auf das 3-5-2 setzen, oder sein Team wie zuletzt gegen Irland im 4-3-1-2 aufzubieten sollte. Möglich wären beide Formationen gewesen, aber die Konteranfälligkeit der Flügel in ersterem System schreckte Prandelli offenbar ab und so vertraute er erneut auf das 4-4-2 mit Mittelfeldraute. Die Spitze dieser bildete Montolivo, der den Vorzug gegenüber Thiago Motta bekam.

Offener Schlagabtausch in der Anfangsphase

Das Spiel begann mit hohem Tempo, schon in der dritten Minute knallte De Rossi einen Weitschuss an die Stange. Auf der anderen Seite des Spielfelds scheitere Johnson am glänzend reagierenden Buffon. Wenig später fanden Welbeck und Rooney noch weiter Gelegenheiten für die Insel-Kicker vor. Aufgrund des bisherigen Turnierverlaufs war dieser Hergang durchaus überraschend, denn England zog sich bisher die meiste Zeit zurück. Am gestrigen Abend aber agierten sie in der Anfangsphase sehr forsch und nutzten die fehlende Breite im Spielsystem der Italiener gut aus, denn all den obengenannten Torchancen gingen Flanken bzw. Hereingaben von der Seite voraus. Situativ wurden die Flügel auch von Rooney ergänzt. Diese Vorgehensweise stellten sie unverständlicherweise aber nach etwa einer halben Stunde wieder ein – 11 Flanken nach 30 Minuten, nur 10 danach – und ließen es zu, dass sich das Spiel in der eigenen Spielfeldhälfte festsetzte. Die englischen Außenverteidiger wurden dadurch viel mehr ins Spiel integriert, was sich auch in der Statistik niederschlägt. Abate und Balzaretti empfingen insgesamt 134 Pässe, kamen zusammen auf 200 Ballkontakte; Johnson und Cole Werte fallen da deutlich ab: 60 bzw. 129 obwohl sie länger auf dem Feld standen.

Montolivo als untypischer Trequartista

Diese Überlegenheit auf den Flanken kam in erster Linie dadurch zustande, weil sich die äußeren Mittelfeldspieler Englands in die Mitte bewegten. Milner orientierte sich an De Rossi, während Young die Bewachung von Marchisio übernahm – Hodgson wollte also versuchen gegen das kompakte italienische Zentrum Überzahlsituationen zu generieren. Dieses Vorhaben ist angesichts der defensiven Einstellung zwar nachvollziehbar, schlug aber fehl – ähnlich wie es bei Arsenals 0:4-Niederlage in der Champions League gegen Milan der Fall war. Der Schlüssel war in beiden Spielen das Verhalten der Trequartistas Boateng und Montolivo – beides keine klassischen Zehner. Der Neo-Mailänder bewegte sich viel und versuchte so Räume für die nachrückenden Halbspieler De Rossi und Marchisio zu öffnen, auch Pirlo stieß im Schatten seiner Vorderleute ein ums andere Mal vor.

Abstimmungsprobleme bei England

Der große Aktionsradius von Montolivo erschwerte den Engländern die Zuordnung. Gerrard und Parker trauten sich kaum ihre Position zu verlassen, so standen Milner und Young phasenweise zwei Gegenspieler gegenüber – vor allem der United-Winger hatte damit große Probleme. Auf seiner Seite konnte Montolivo viel mehr Vertikalpässe spielen. Weiters suchte er immer wieder den Raum zwischen den beiden Viererketten, wo er aufgrund der Positionstreue der englischen Doppelsechs ebenfalls alleine stand. Die Zuordnungsprobleme, hervorgerufen durch die hohe Fluidität und Rotationsfrequenz in Italiens Offensive, konnten aber auch in anderen Fällen beobachtet werden. Ließ sich Montolivo fallen, rückte Cassano in die Zehnerposition zurück. Die Deckung des 29-Jährigen übernahm Johnson, wodurch aber Balzaretti wieder Platz für Vorstöße vorfand. Zudem offenbarte man Spielmacher Pirlo viel zu viel Platz. In der Anfangsphase wurde er von Rooney und vor allem Welbeck gut angelaufen, mit Fortdauer des Spiel ließen die beiden aber diese Aufgabe schleifen und der 33-Jährige konnte das Spiel seiner Mannschaft nach Belieben diktieren.

Einschneidende Wechsel bleiben aus

Dafür, dass das Spiel simpel gehalten wurde und über zwei Stunden gleichen Charakter hatte, sorgten die beiden Trainer. Aufseiten Italiens wechselte Prandelli mehr oder weniger positionsgetreu durch, da die entsprechenden Spieler bereits extrem müde wirkten. Auf der rechten Abwehrseite wurde Abate von Maggio ersetzt. Dieser agierte noch eine Spur offensiver, wurde aber dennoch in einigen Szenen übersehen, als er in aussichtsreicher Position bereitstand. Ebenfalls geringfügige Änderungen zogen die Einwechslungen von Nocerino und Diamanti für De Rossi und Cassano nach sich. Am erwähnenswertesten ist der Doppelwechsel Hodgsons nach einer Stunde. Carroll sollte als Anspielstation für Befreiungsschläge fungieren, allerdings fehlte dem großgewachsenen Liverpool-Stürmer die Unterstützung um diese Strategie erfolgreich umzusetzen. Ebenso schlug die Einwechslung von Walcott fehl. Dieser sollte das Spiel auch auf der rechten Seite breit gestalten und mit seiner Schnelligkeit für die Kontergegenstöße sorgen. Jedoch konnte die Three Lions diesen Plan nicht in die Tat umsetzen, denn Walcott empfing insgesamt nur zehn Pässe. Nur einmal wurde es auf diese Art und Weise gefährlich, als Walcotts Flanke nach Kopfballablage von Carroll bei Young landete. Dessen Schuss wurde aber im Strafraum abgefälscht und ging am Tor vorbei.

Ist England verdient ausgeschieden?

Wie eingangs erwähnt sollte dieses Viertelfinale das ausgeglichenste werden, was aber nur bedingt der Fall war. Lediglich zu Spielbeginn bekamen die Zuschauer ein offenes Duell zu sehen. Danach kehrte England zu seiner Angsthasentaktik zurück. Man igelte sich hinten und konzentrierte sich auf das Verteidigen. Hodgson sprach davon, dass sein Team dies gut gemacht hat: „Wir haben gut verteidigt und es war eine sehr gute Leistung, besonders in der zweiten Halbzeit der Verlängerung, das durchzuhalten.“ Auf dem ersten Blick stützt die Statistik diese Aussage, siehe Grafik links. Allerdings wurden auch ganze 36 Schüsse auf das Tor von Joe Hart erfasst, unter denen auch die eine oder andere „Hundertprozentige“ dabei war. Dass die Partie nicht bereits nach 90 Minuten entschieden war, lag zu einem Gutteil daran, dass die Balotelli & Co. im Abschluss zu nachlässig waren. In der landläufigen Bewertung ob ein Sieg verdient oder nicht ist nehmen die Offensivbemühungen der beiden Mannschaften einen gewichtigen Anteil ein. Zusätzlich zur Torschussstatistik waren die Three Lions der Squadra Azzurra dabei in allen Disziplinen unterlegen. Die Azzurri spielten fast doppelt so viele Pässe im Angriffsdrittel und warten im Vergleich zu ihren Gegnern auch bei den Passkombinationen  mit guten Werten auf. Während die Engländer im Schnitt nur drei Pässe am Stück anbrachten, kommen Pirlo und seine Mitspieler auf sechs. Daraus, dass sein Team verdient die Heimreise antreten musste, macht Hodgson trotz aller Relativierungsversuche aber kein Hehl: „Wir haben alles gegeben, aber wir waren in den 120 Minuten nicht richtig gut genug, und als es ins Elfmeterschießen ging, lief es so wie so oft für England.

axl, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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