Die SV Ried hatte gegen Wiener Neustadt im eigenen Stadion eine Pflichtaufgabe, welche aufgrund der Voraussetzungen sich aber durchaus hätte unangenehm gestalten können –... Altes System führt zum Erfolg – SV Ried gewinnt gegen Wiener Neustadt mit 3:1

Die SV Ried hatte gegen Wiener Neustadt im eigenen Stadion eine Pflichtaufgabe, welche aufgrund der Voraussetzungen sich aber durchaus hätte unangenehm gestalten können – immerhin mögen sich die Rieder selbst lieber in der Außenseiterrolle, welche sie aber gegen Wiener Neustadt nicht aufrecht erhalten können. Verkehrte Vorzeichen also, dennoch hatten die Rieder vergleichsweise wenige Probleme. Sie behielten auch ihr 3-3-3-1-Erfolgssystem der letzten Jahre bei, welches wir näher beleuchten werden.

Die Aufstellung der Gäste

Die Gäste aus Wiener Neustadt spielten mit einem 4-2-3-1, in welchem Daniel Offenbacher die zentrale Position hinter den Stürmern einnahm.  Auf rechts begann Stefan Rakowitz, während die Rieder sich links für den gelernten Linksverteidiger Christoph Martschinko entschieden. Dieser sollte zusätzliche Defensivstärke generieren und den defensiven Flügel dahinter, Jiri Lenko, in der Defensivarbeit unterstützen. Manuel Wallner, Matthias Maak und Dennis Mimm komplettierten die Viererabwehrkette. Zentral bildeten Peter Hlinka und Thomas Piermayr die Doppelsechs, ganz vorne begann Thomas Fröschl als alleinige Spitze.

Rieds Dreierkette – Vor- und Nachteile anhand von Bildbeispielen

Nachteil 1: die Breite der Abwehr

Eines der großen Probleme bei der Dreierkette ist, dass die Kette nicht die gesamte Breite besetzen kann und bei Überspielen des Mittelfelds viele Löcher offen sind. Die Folge ist natürlich, dass jemand den Ballführenden attackieren kann, doch wenn einer aus der Dreierkette rückt, entstehen enorme Löcher. Bei der Viererkette schieben die Außenverteidiger nach innen und der zweite Innenverteidiger geht in eine absichernde Position. Die Dreierkette besitzt einen Mann weniger, weswegen sie diesen Luxus kaum für sich beanspruchen kann. Wird mit einer Fünferkette und tiefen statt hohen Flügelverteidigern oder mit einem Libero und zwei Manndeckern agiert, dann sieht das anders aus – es gibt aber natürlich andere Nachteile.

In diesem Bild erkennt man gut, was passiert, wenn der Innenverteidiger zum Herausrücken gezwungen wird.

Das Mittelfeld konnte den Ball nicht erobern und der halblinke Verteidiger der Rieder schiebt heraus. Ein großer Fehler aus mehreren Perspektiven: der Spieler neben ihm hätte herausschieben sollen, wobei der ballführende Gegner womöglich zum Abschluss gekommen wäre, allerdings immerhin besser als der gefährliche Lochpass, der noch folgen sollte. Diesen sehen wir hier:

Fröschl erhält den Ball und kann zu einem einfachen Abschluss kommen, der beinahe im Tor geendet wäre. Gegen eine Dreierkette ist im Normalfall eben wegen solcher Aktionen die Chancenqualität höher, wenn die Dreierkette falsch gespielt wird. Einzelne Fehler sorgen für mehr Raum, was wiederum zu weniger Bedrängnis beim Abschluss und normalerweise einer höheren Chancenverwertung führt, auch wenn die Rieder in dieser Aktion etwas Glück hatten und nicht bestraft wurden. Dennoch gab es hier einerseits den Fehler des herausrückenden Spielers, andererseits darf das Mittelfeld zu dritt nicht den gegnerischen Passgeber im Vorfeld durchmarschieren lassen und als letzten Punkt könnten die Flügelverteidiger etwas enger agieren und eine situative Fünferkette bilden.

Nachteil 2: Fehler im hohen Aufbauspiel sind fataler

Durch die hohen Flügelverteidiger und Flügelstürmer entsteht ein Loch nach hinten. Muss der Ball zurückgespielt werden oder wird er zirkuliert, dann muss unbedingt beachtet werden, dass Ballverluste extrem schlimme Folgen haben können. Um den Ballbesitz behaupten zu können, muss sich nämlich einer der Innenverteidiger anbieten und somit relativ breit spielen. Falls der Pass dann unterbrochen wird, steht die Kette sehr weit auseinander und es sind enorme Räume frei. In der folgenden Szene sehen wir, wie so etwas aussehen kann.

Es wurde vom Flügelverteidiger ein überhasteter Pass nach hinten gespielt, doch sein Gegenspieler nahm sofort die Verfolgung auf. Der Verteidiger Rieds ging Richtung Ball und bot sich an, doch es folgte ein Fehlpass – und prompt gab es eine Situation, in der Drei gegen Drei gespielt werden konnte. Ein Fehler lag natürlich auch an den beiden anderen Innenverteidigern, die schon beim Pass des Flügelverteidigers sofort hätten verschieben können, es allerdings nicht taten. Dies öffnete die Räume enorm und ermöglichte den Gästen einen Angriff. Hätten die Rieder ordentlich verschoben und sich womöglich die ballfernen Spieler bereits etwas nach hinten fallen können, wäre der Angriff nicht passiert. Stattdessen hätten die Spieler von Wiener Neustadt den Angriff bestenfalls unterbrechen oder schlechtestenfalls  zumindest verzögern müssen. Dann hätten die Mittelfeldspieler Rieds sich fallen gelassen, wären kompakter und in Überzahl in der Defensive dagestanden. Dies ist ein weiterer Nachteil der Dreierkette.

Nachteil 3: hohe Komplexität im defensiven Umschaltspiel

In der folgenden Aktion musste Ried aggressiv und beinahe panisch zum Ball verschieben. Die mangelnde Zuordnung in der Abwehr hatte zahlreiche Löcher offenbart und das Kollektiv versuchte sie zu füllen. Im 3-3-3-1 gibt es aber in der Vertikale zur zwei bis maximal drei defensivorientierte Spieler im Zentrum, während es bei einem 4-4-2 beispielsweise vier Akteure sind – zwei Innenverteidiger und zwei Sechser. Im 3-3-3-1 gibt es zwar Unterstützung von den Innenverteidigern, doch wird das System wirklich wie eine Dreier- statt Fünferkette bespielt, dann müssen sich die Innenverteidiger der Halbpositionen wie erwähnt verstärkt um die Außenbahnen kümmern. In diesem Szenario musste der halblinke Innenverteidiger ebenfalls weit nach vorne und zur Seite schieben, wodurch der Raum hinter ihm bespielt wurde.

Um diese Löcher zu füllen, müssen oftmals Flügelspieler von vorne und aus der Breite schnell diagonal nach hinten zurückschieben. Sie sollen das Zentrum unterstützen, doch oftmals fehlt es hierbei an der nötigen Abstimmung. Wer geht hin, welche Löcher füllt man zuerst, öffnet man die Außen, sichert man sie lieber und spekuliert auf einen rückwärtspressenden Mittelfeldspieler oder ballnahen Akteur? Diese Fragen müssen sich zahlreiche Spieler auf einmal stellen, was oftmals zu Fehlverhalten führt. In dieser Szene sieht man dann die Folgen: ballfern werden Lücken gelassen, welche mit horizontalen Kurzpasskombinationen bespielt werden können.

Die Vorteile

Allerdings gibt es auch Vorteile in dieser Spielweise. Einerseits gibt es einen Mann im Offensiv- und Umschaltspiel mehr, andererseits kann bei einer tiefen Spielweise der Raum enorm kompakt werden und auf den Flügeln gibt es eine Überzahl in der Defensive. Die Rieder spielen es auch oft so, dass der Gegner in die Mitte gezwungen und dort dann eingekesselt wird, was in Balleroberungen resultiert.

Der größten Vorteil, insbesondere im Rieder Spielsystem, ist aber das Überladen der Außen in Angriffen sowie das Einrücken der Flügelstürmer in die Mitte. Hier die Szene, welche später zum ersten Treffer führte:

Die Flügelstürmer gingen nach innen, das Zentrum würde überladen. Die gegnerische Viererkette wurde somit sehr eng zusammengezogen, was  die Außen öffnete. Ried spielte einen Lochpass, der etwas zu weit ging. Doch dies war kein Problem, weil Andreas Schicker völlig frei stand.

Er erhielt den Ball und konnte ohne Probleme eine präzise Flanke schlagen, die mit etwas Glück zum ersten Treffer führte.

Fazit

Auch wenn es kein grandioses Spiel der Rieder war, so gewannen sie doch verdient und kehren wohl endgültig zu ihrem 3-3-3-1 zurück. Dieses hat einige Vor- und Nachteile, wobei wir uns in dieser Analyse anhand dieses Spiels auf die Nachteile konzentriert haben, weil die Vorteile der gesamten Liga aus den vergangenen Jahren noch bekannt sein dürften.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric