Am 16. Spieltag der österreichischen Bundesliga kam es im Spiel zwischen dem FK Austria Wien und TSV Hartberg zu einem Duell mit vorentscheidendem Charakter.... Analyse: Furiose Austria überrollt zahnlose Hartberger

Am 16. Spieltag der österreichischen Bundesliga kam es im Spiel zwischen dem FK Austria Wien und TSV Hartberg zu einem Duell mit vorentscheidendem Charakter. Die violetten Gastgeber lagen vor dieser Begegnung bereits acht Punkten hinter den Steirern zurück, die den sechsten Platz einnahmen und damit einen Startplatz in der Meistergruppe innehatten. Daher war die Betitelung für diese Partie in Form eines „6-Punkte-Spiels“ für die Wiener mehr als treffend, denn sofern man nicht als Sieger vom Feld ging, würde mehr oder weniger eine Vorentscheidung an diesem Wochenende fallen. Dementsprechend groß war auch der Druck für die „Veilchen“ und die Vorzeichen waren nicht gerade optimal. Das lag auch am Gegner, denn der TSV Hartberg erarbeitete sich nicht umsonst diese Platzierung und den Vorsprung, holte man doch aus den letzten fünf Spielen ganze vier Siege.

Balanceveränderung zugunsten der violetten Offensive

Es stand also viel auf dem Spiel für die Austria, die in diesem Spiel zum Siegen verdammt war. Das lag auch daran, dass man am vergangenen Wochenende gegen den Tabellenletzten Admira nicht über ein 0:0 hinauskam und zwei Punkte liegenließ. Austria-Trainer Christian Ilzer erwartete eine ähnliche Partie wie gegen die Admira, da die Hartberger ein ähnliches System spielen und ebenfalls eine aggressive Spielweise pflegen. Damit der Auftritt nicht so zerfahren und spielerisch limitiert ausfiel, entschied sich der Austria-Trainer einige Umstellungen vorzunehmen – teils auch notgedrungen. Da Borkovic und Sax verletzungsbedingt kurzfristig ausfielen, rutschten Martschinko und der Startelf-Debütant Pichler in die Mannschaft. Die interessanteste Umstellung war jedoch die Hereinnahme von Offensivspieler Fitz, denn dieser kam für Sechser Jeggo in die Mannschaft. Stattdessen rückte Kapitän eine Etappe zurück und bildete eine „Doppelsechs“ mit Ebner.

Das Ziel dieser Umstellungen war dabei klar: Es sollte mehr spielerische Qualität in die Mannschaft gebracht und für eine höhere Durchschlagskraft in der Offensive gesorgt werden. In den letzten 20 Minuten gegen die Admira deutete diese Aufstellung ihr Potenzial an und war für ein Chancenfestival verantwortlich. Das war gewiss nicht ohne Risiko behaftet, bildeten doch zwei Spieler die „Flügelzange“ bei den Veilchen, die noch vor wenigen Wochen für die Young Violets in der zweiten Liga gegen die OÖ Juniors vor 100 Zuschauern aufliefen. Gleichzeitig kam mit dem TSV Hartberg auch eine Mannschaft angereist, die vor allem spielerisch immer wieder gute Momente in der Offensive kreiert und wo man in der Defensive hellwach sein muss. Die Steirer versuchen unter Trainer Markus Schopp mutig zu agieren, einen kontinuierlichen Spielaufbau zu pflegen und dem Gegner mit dem eigenen Pressing das Leben schwer zu machen.

Auch gegen die Austria sollte sich an dieser Spielanlage nichts ändern und man versuchte trotz der Wichtigkeit dieser Partie, die eigene Identität nicht zu verändern. Hartberg lief wie gewohnt in einem 4-1-4-1 System auf, wobei man zwei schwerwiegende Ausfälle zu verkraften hatte. Mit dem gelbgesperrten Spielmacher Rep und Flügelflitzer Dossou fehlten zwei wichtige Spieler in der Offensive, die es zu ersetzen galt. Dennoch versuchte man wie erwähnt das eigene Spiel durchzubringen. Die Austria wurde recht früh angelaufen und angepresst, wobei man versuchte, mit einem speziell ausgedachten Anlaufverhalten die Gastgeber zu verwirren. Der linke Mittelfeldspieler attackierte nämlich meist den ballnahen Innenverteidiger und ließ den Außenverteidiger in Ruhe, stattdessen sollte der Achter der Steirer auf den Flügel herausrücken und Außenverteidiger Klein stellen.

Im Spielaufbau versuchte man mit Ruhe und Bedacht zu agieren und vor allem über „Ankersechser“ Nimaga nicht nur den Ball in den eigenen Reihen laufen zulassen, sondern so das Spiel nach vorne zu verlagern. Interessant war aber vor allem, wie aggressiv die Steirer versuchten, im Gegenpressing Zugriff zu erlangen. Nach Ballverlust zog man sich mit der gesamten Mannschaft extrem eng zusammen und versuchte, ein Netz um die Austria herum zu spannen. Alles in allem also die gewohnte mutige und forsche Spielweise und man wollte sich trotz der Wichtigkeit dieser Partie gewiss nicht verstecken.

Gutes Anlaufverhalten bereitet Hartberg Probleme

Was hatte sich die Austria gegen diese Vorgehensweise der Steirer ausgedacht? Zu Beginn stach vor allem der defensive Matchplan ins Auge. Die violetten Gastgeber verzichteten zunächst auf ein höheres Attackieren und agierten etwas passiver in einem Mittelfeldpressing. Im defensiven 4-4-1-1 übernahmen dabei die beiden vordersten „Verteidiger“ Monschein und Fitz die Schlüsselrollen, um die Hartberger in den Griff zu bekommen. Die beiden Offensivspieler sollten sich abwechselnd um den gegnerischen Ankersechser Nimaga kümmern und durch ein geschicktes Anlaufverhalten die übliche Aufbauweise der Gäste zunichtemachen. Die beiden Angreifer sollten nämlich immer versetzt zueinander und gestaffelt attackieren – was im Endeffekt bedeutete, dass einer den ballführenden Innenverteidiger stellt, während der andere den Sechser deckt. Spielte Hartberg dann den Ball zum anderen Innenverteidiger, tauschte man die Rollen quasi. In dem Fall rückte der tiefere Spieler vom Sechser weg zum Innenverteidiger heraus, während der Mitspieler den Sechser übernahm und zurücklief.

Durch diese Vorgehensweise sollte der Spielaufbau weg vom Ankersechser Nimaga gelenkt und in die Hände der beiden Innenverteidiger gelegt werden. Nimaga sollte unter keinen Umständen erlaubt werden, aufzudrehen und mit dem Ball am Fuß nach vorne zu gehen. Das war allerdings nicht ohne Risiko verbunden, agierten die beiden Offensivspieler Monschein und Fitz doch in einer Drei gegen Zwei-Unterzahlsituation und hätten nominell recht einfach ausgespielt werden können. Doch die beiden erledigten ihre Aufgaben von Beginn weg sehr aufmerksam und intelligent, wodurch sie ordentlich Sand ins gegnerische Getriebe streuten. Die Hartberger taten sich unheimlich schwer, die erste Pressinglinie der Austria zu umspielen und an den beiden Stürmern vorbeizukommen. Sechser Nimaga konnte nicht aufdrehen und musste den Ball meist wieder schnell prallen lassen, wodurch die beiden Innenverteidiger die Hauptlast des Spielaufbaus zu tragen hatten. Das war allerdings gar nicht so einfach für die Hartberger, da sich die violetten Gastgeber durch das geschickte Anlaufverhalten im „Zahlenspiel“ einen Vorteil verschafften und mit acht Spielern kompakt hinter den Ball  und in „Überzahl“ verteidigen konnten.

So kam bei den Steirern kaum ein vertikaler Spielfluss und eine flache Progression zustande. Meist blieb für die Gäste sogar nur der Rückpass und der Neuaufbau über die Innenverteidiger oder den Torhüter. Das war natürlich Gift für den eigenen Rhythmus im Ballbesitzspiel und ein großes Problem. Doch das sollte bei weitem nicht die einzigen Schwierigkeiten für die Hartberger sein. Die Austria wollte sich nämlich nicht in erster Linie auf die Defensive verlassen, was man auch anhand der Aufstellung ablesen konnte. Speziell spielerisch und mit der eigenen Offensive wollte man den Gegner knacken und für Probleme sorgen. Um das zu bewerkstelligen, hatte man sich einige verschiedene Ansatzpunkte ausgedacht.

Überladungen auf den Flügeln und brutal direktes violettes Umschaltspiel

Die Austria war sich der Spielweise des Gegners bewusst und legte sich einen gezielten Plan zurecht, um diese Vorgehensweise zum eigenen Vorteil zu nutzen. Den Schlüssel dafür verortete man dabei auf den Flügelzonen, was man auch versuchte strategisch auszunutzen. So agierten die „Veilchen“ nominell bereits durch das 4-2-3-1 mit zwei Flügelpärchen auf den Außenbahnen und versuchte dadurch, das Spiel so breit wie möglich zu machen und den Gegner damit zu strecken. Das war für die ballorientierten Hartberger natürlich gefährlich, war man doch gezwungen, im Gegenpressing Zugriff zu erlangen, da man ansonsten große Räume den Gastgebern ermöglichte und verteidigen musste. Und genau da setzte die Austria ihren Fokus im Ballbesitzspiel an. Die Schlüsselrollen dafür übernahmen einerseits Kapitän Grünwald und andererseits „Zehner“ Fitz.

Die beiden zentralen Mittelfeldspieler sollten sehr oft nach außen herauskippen und die Flügelzonen unterstützen, um diese Region zu Überladen und eine Überzahl zu schaffen. Während Grünwald meist in den linken defensiven Halbraum herauskippte und so den Spielaufbau ankurbeln sollte, war es bei Fitz die rechte offensive Seite, wo er sich in der Halb- und Außenspur bewegen sollte. Speziell auf die rechte Seite sollte sich mit Fortdauer der Partie der strategische Fokus der Austria richten, wo die stärksten Überladungsversuche zu verorten waren. Mit Klein, Fitz und Pichler baute man hier ein konstantes Dreieck auf, welches sehr forsch und direkt nach vorne spielte – welches zusätzlich auch noch durch Ebner und Monschein situativ unterstützt wurde. Auf der anderen Seite sollte dagegen der ballferne Sarkaria für Verlagerungen bereitstehen, um dann mit Tempo in Eins gegen Eins-Situationen zu gehen und seine Stärken im Dribbling auszuspielen.

Wie man sieht, dachte sich das Trainerteam der Austria auch für die Offensive einiges aus. Besonders gerne sieht man als Verantwortlicher, wenn dieser ausgedachte Matchplan quasi von der ersten Minute an wunderbar aufgeht. Die violetten Gastgeber wirkten von Anfang an bissig und engagiert und lösten bereits in den ersten Minuten eine Gegenpressing-Sequenz des Gegners spielerisch auf, was ein Vorgeschmack auf das noch kommende bedeuten sollte. Speziell über den rechten Flügel spielten sich die Violetten problemlos nach vorne und überzeugten mit einem direkten Kombinationsspiel. Vor allem der physisch starke Pichler konnte sich problemlos gegen seine Gegenspieler durchsetzen und selbst enge Situationen gekonnt auflösen.

So sollten auch nicht von ungefähr auch die ersten drei Treffer ihren Ursprung auf der rechten Seite haben. Beim ersten Tor kippte Fitz auf den Flügel heraus und spielte eine punktgenaue Spielverlagerung auf den breitstehenden Sarkaria, der den Debütanten Pichler mustergültig bediente. War der erste Treffer bereits spielerisch schön herausgespielt, setzte die Austria beim zweiten Tor noch einen drauf. Auf engstem Raum kombinierte sich die Austria durch und Pichler brach auf der rechten Seite durch und legte ab, wodurch Monschein zum 2:0 treffen konnte. Wie eng der Raum war, kann man beim nächsten Bild sehr gut sehen:

Szene im Vorfeld des 2:0, trotz Unterzahl und wenig Platz, kombiniert sich die Austria auf engstem Raum nach vorne und dringt folglich in den Strafraum ein. Besonders interessant dabei, dass in dem eingezeichneten Viereck Klein und Pichler zu sehen sind, die in weiterer Folge auch im Strafraum maßgeblich zum Treffer beitragen sollten.

Angestachelt von den raschen Erfolgserlebnissen, schien die Austria wie entfesselt zu sein. Mit wenigen Kontakten und einer hohen Direktheit wurde nach vorne gespielt, immer wieder Lösungen in engen Räumen gefunden und das Gegenpressing des Kontrahenten ein ums andere Mal ausgespielt. Besonders bemerkenswert war dabei das Umschaltspiel, welches mit einem unheimlichen Tempo vonstattenging. Sobald die Violetten den Ball eroberten, ging es postwendend nach vorne und sprinteten mehrere Spieler in die Tiefe. So gab es immer wieder Tief-Klatsch-Tief Spielzüge zu sehen und der Gegner wurde mit diesem Tempo und Tiefgang konstant unter Stress gesetzt. Das war auch beim 3:0 gut zu sehen, als die Austria den Ball eroberte und sofort nach vorne sprintete, dadurch die Abseitslinie des Gegners durcheinander kam und so Monschein völlig frei seinen Doppelpack schnürte. Alleine im ersten Durchgang erspielten sich die Wiener so viele gefährliche Situationen, wie dies sonst oft nicht mal in ganzen Spielen der Fall war.

Die Hartberger wirkten schlicht überfordert mit der Aufgabe und fanden überhaupt nicht in das Spiel hinein. Im Ballbesitz kam man kaum einmal flüssig nach vorne und fand wenig Räume zum Bespielen vor. Physisch konnte man dem Tempo und der Intensität der Austria ebenfalls kaum etwas entgegensetzen und verlor sehr viele Zweikämpfe. Das lag auch daran, dass die violetten Gastgeber im Gegenpressing giftig und präsent agierten und viele Bälle rasch wiedereroberten. Das ist auch beim nächsten Bild zu sehen, welches zu einer guten Möglichkeit durch Monschein führte:

Auch im Gegenpressing zeigte die Austria Präsenz und gewann so einige Bälle, die wie auch hier zu gefährlichen Situationen führten. Hier setzt Fitz nach und den Gegner unter Druck, wodurch der Ballgewinn herbeigeführt wird und Monschein zum Abschluss kommt.

Im zweiten Durchgang beruhigte sich das Spiel etwas und die Austria schaltete einige Gänge zurück bzw. ließ das Spielgerät länger in den eigenen Reihen laufen. Dennoch blieb man im Umschaltspiel weiterhin gefährlich und präsent, weshalb man zu weiteren Chancen kam. Eine einstudierte Freistoßsituation führte dann rasch zum 4:0 und zur endgültigen Vorentscheidung in dieser Partie. Eine weitere Umschaltsituation war für das 5:0 verantwortlich und Stürmer Monschein schnürte seinen Dreierpack. Hartberg konnte zumindest offensiv einige Male für Gefahr sorgen, ein Treffer blieb den Steirern jedoch verwehrt, weshalb es beim 5:0 Endstand letztlich blieb.

Fazit

Es war ein furioser Auftritt der Austria, die sich in diesem Spiel den Frust von der Seele spielte. Bemerkenswert vor allem deshalb, da ein großer Druck auf den Violetten lastete und in dieser Begegnung mehr oder weniger die Saison auf dem Spiel stand. Doch die Wiener hielten dem Druck stand und überzeugten gleich in verschiedenen Aspekten des Spiels. Gegen den Ball konnte man dank des guten Anlaufverhaltens den Spielaufbau der Hartberger neutralisieren und ließ dadurch die Gäste in keinen spielerischen Rhythmus kommen. Auch im Gegenpressing zeigte man sich aufmerksam und griffig, was in viele Balleroberung mündete.

Besonders imposant war allerdings vor allem das offensive Spiel der Austria. Das Risiko von Trainer Ilzer mit der Hereinnahme von Fitz (für einen Sechser) und Pichler zahlte sich aus und die Offensive dankte es dem Trainer mit einer starken Leistung. Der Matchplan mit den Überladungen auf den Flügelzonen ging auf und vor allem das temporeiche Umschaltspiel mit wenigen Kontakten wusste zu überzeugen. Speziell der physisch starke Pichler brachte mit seinem Fähigkeitsprofil ein zusätzliches Element in die Offensive und belebte damit das Spiel seiner Mannschaft. Insgesamt wirkte es von der Balance im gesamten stimmig und homogen, weshalb dieses Ergebnis letztlich zustande kam und in der Höhe auch verdient war.

Nun gilt es für die Austria diese Leistung auch in den beiden ausstehenden Partien des Herbstes zu bestätigen und den Abstand zur Meistergruppe zu verringern. Am kommenden Wochenende wartet das große Wiener Derby und in diesem Spiel könnten die Violetten mit einem vollen Erfolg die leidgeprüften Anhänger für Vieles entschädigen.

Dalibor Babic