„Es war keine leichte Aufgabe, Terrence Boyd zu verpflichten“, sagte Rapids Sportmanager Stefan Ebner nach zähen Verhandlungen mit Ingo Preuß, dem Manager von Borussia... Ein richtig guter Typ mit Torinstinkt – das ist Rapids neuer Stürmer Terrence Boyd

„Es war keine leichte Aufgabe, Terrence Boyd zu verpflichten“, sagte Rapids Sportmanager Stefan Ebner nach zähen Verhandlungen mit Ingo Preuß, dem Manager von Borussia Dortmunds Amateuren, Boyds letzem Verein. Viele Rapid-Fans sehen ihren Verein mit diesem Transfer gewappnet um im nächsten Jahr die Mission 33 erfolgreich abzuschließen. Doch kann er den Grün-Weißen so kurzfristig helfen? Wo liegen seine Stärken und Schwächen?

Name: Terrence Boyd

Nationalität: Vereinigte Staaten, Deutschland

Geburtsdatum: 16. Februar 1991

Alter: 21 Jahre

Position: Sturm

Größe: 185cm

Gewicht: 87kg

Bisherige Vereine: 1.FC Burg, TSV Lesum-Burgdamm, SC Weyhe, Leher TS, FC Bremerhaven, Hertha BSC U19, Hertha BSC II, Borussia Dortmund II

Von Bremen nach Berlin

Geboren wurde Terrence Boyd am 16. Februar 1991 in Bremen. Sein Vater war US-Soldat und lernte seine Mutter in Bremen kennen, als er dort stationiert war. Zu seinem leiblichen Vater hat er nach der Scheidung seiner Eltern allerdings kaum noch Kontakt. „Er schreibt mir gelegentlich zum Geburtstag, aber sonst haben wir eigentlich nichts miteinander zu tun“, so der glühende Arsenal-Fan, dessen fußballerische Karriere ihren Ursprung auf Bremens Provinzbolzplätzen hat. Ausgebildet wurde er beim 1. FC Burg, ehe er dem runden Leder beim TSV Lesum-Burgdamm und beim SC Weyhe nachjagte.

Zudem absolvierte er immer montags am DFB-Stützpunkt Bremen-Nord zusätzliche Übungsstunden. „Das war jedes Mal das Highlight der Woche“, erinnert sich der heute 21-Jährige. „Diese Einheiten waren wichtig für meine Ausbildung und haben mich sehr weitergebracht.“ Konstant durchgesetzt hat sich Boyd allerdings erst bei der Leher Turnerschaft in Bremerhaven. Nach 18 Toren in der B-Junioren-Regionalliga Nord zog es den Doppelstaatsbürger 2008 zum FC Bremerhaven, wo er allerdings nur bis Winter bleiben sollte. Mit der Bremer Landesauswahl holte er bei den norddeutschen Meisterschaften zunächst den zweiten Platz, zu dem er vier der sechs Tore beisteuerte, ehe er zwei Wochen später eine Einladung zu den deutschen Meisterschaften in Duisburg bekam.

Durch starke Leistungen und Tore machte der damals 17-Jährige auf sich aufmerksam und bekam anschließend Angebote von mehreren Bundesligisten – unter anderem auch Werder Bremen und Hertha BSC. „Auf diesen ersten Augenblick hab ich lange hingearbeitet“, schwärmte er und entschloss sich in die deutsche Bundeshauptstadt zu wechseln. „Da mir auch der FC Bremerhaven keine großen Steine mehr in den Weg legte, wollte ich dann unbedingt und direkt zum Winter wechseln, um mich zur neuen Saison gut einzugewöhnen. Das war auch genau die richtige Entscheidung.“

Der Aufstieg auf die Bank des deutschen Meisters

Zwar hätten sich alle Interessenten um den Stürmer bemüht, die Verantwortlichen der alten Dame taten sich aber laut seinen Angaben besonders hervor. Die humane Umgebung (Internat, Trainerstab, Mitspieler) sagte ihm genauso zu wie die gesamte Atmosphäre, die ihm klarmachte, dass er sich dort wohlfühlen würde. Außerdem war es für Boyd wichtig auch seine schulische Ausbildung nicht schleifen zu lassen. Super wäre es, „wenn ich mir mit dem Fußball mein Studium finanzieren könnte“, sagte der Torjäger bereits zu seiner Zeit bei der LTS.

In Berlin wurden in Kooperation mit einer Eliteschule des Fußballs die Stundenpläne mit den Trainingszeiten abgeglichen, was es ihm ermöglichte Schule und Fußball unter einen Hut zu bringen. Sowohl im Internat als auch auf dem Fußballplatz fasste Boyd schnell Fuß. Von Beginn an kam er sowohl in der U19 als auch bei den Amateuren zum Einsatz, pendelte ständig zwischen diesen beiden Mannschaften. Während es im Juniorenbereich mehr auf die Technik ankam, bekam er in der Regionalliga die Erfahrung, Cleverness und Reife der Gegner zu spüren. Zwei Jahre blieb er bei der Hertha, für deren U19 er in 17 Spielen zweimal und für die U23 in 44 Spielen 15 Mal traf.

Im letzten Sommer erfolgte schließlich der Transfer in den Ruhrpott zur Zweitbesetzung des frischgebackenen deutschen Meisters. Die schwarzgelben Amateure hatten gerade einen Umbruch zu verdauen, Leistungsträger mit Profiambitionen wurden in die zweite Bundesliga verliehen. Die Hoffnungen im Angriff ruhten nach dem Weggang von Deutschlands Juniorenteamspieler Daniel Ginczek auf Boyd. Die Anforderungen an die Amateurmannschaft wird von den Profis vorgegeben: schnell umschalten, viel laufen und hoher Teamgeist. Das Training war um einiges intensiver als in Berlin, trotzdem konnte er von Beginn an überzeugen und sich in den ersten beiden Ligaspielen jeweils in die Torschützenliste eintragen.

18 weitere Treffer sollten folgen, zudem legte er seinen Mitspielern fünf Tore vor und hatte so einen enorm großen Anteil am Aufstieg seiner Mannschaft in die dritte Liga. In der Rückrunde wurde Boyd gemeinsam mit seinem Sturmkollegen Marvin Duksch regelmäßig in das Training der Profis von Cheftrainer Jürgen Klopp eingebunden. Am 22. Oktober 2011 wurde der Stürmer erstmals in den Spielerkader für das Bundesligaduell gegen den 1. FC Köln nominiert und erlebte den 5:0-Heimsieg vor 80.200 Zuschauern von der Ersatzbank aus mit.

Höhen und Tiefen im Nationalteam

Übertrumpft wird dieses einmalige Ereignis nur von Boyds Teamdebüt im Trikot der US-Auswahl. Am 23. Februar 2012, eine Woche nach seinem 21. Geburtstag, wurde er von Teamchef Jürgen Klinsmann für das freundschaftliche Länderspiel gegen Italien nominiert. Als er sechs Tage später im Stadio Luigi Ferraris zu Genua in der 79. Minute für Jozy Altidore eingewechselt wurde, wurde für Boyd ein Traum wahr. Zu allem Überfluss schlugen die US-Boys den Weltmeister von 2006 auch noch 1:0 – der erste Sieg in der Verbandsgeschichte der USA gegen Italien. „Es war ein tolles, ein großartiges Erlebnis“, schwärmte Boyd von seinen ersten zwölf Länderspielminuten.

Doch nicht nur der Debütant war beeindruckt, auch Klinsmann. Der 47-Jährige lobte vor allem das frühe Pressing seines Schützlings bei der Ball-Rückeroberung. Gleich nach seiner Einwechslung unterband der 185cm große Schlacks mit robustem Einsteigen eine Aktion von Spielmacher Andrea Pirlo. Zudem gab es für ihn an diesem Abend noch zwei weitere Highlights: beim Trikottausch ergatterte er das Jersey von Giorgio Chiellini und nach dem Spiel bekam er von Kapitän Bocanegra den Spielball überreicht.

Bereits als Boyd bei der Hertha kickte gab es 2009 erste vage Kontakte zum US-Verband. „Auf jeden Fall würde ich gerne für Deutschland spielen, aber den USA bin ich auch nicht abgeneigt“, sagte der damalige U19-Akteur. Mittlerweile hat sich seine Ansicht diesbezüglich ein wenig geändert. „Ich bin stolz, ein Land wie die USA vertreten zu dürfen. Für mich ist Amerika das geilste Land der Welt“, hegt er inzwischen große Sympathien für das Land seines Vaters, in dem er als kleines Kind auch ein Jahr lebte. Für das Nationalteam lief Boyd bisher viermal auf.

Im Teamdress erlebte der athletische Angreifer allerdings auch seine bitterste Enttäuschung. Mit der U23-Auswahl verpasste Boyd Anfangs des Jahres die Qualifikation für die Olympischen Spiele in London. Nach einem 6:0-Erfolg über Kuba und einer Niederlage gegen Kanada musste im letzten Spiel beim Ausscheidungsturnier in Nashville gegen El Salvador ein Sieg her um die Chance auf das Olympia-Ticket zu wahren. Die USA führte, auch dank Boyd, der zwei Tore erzielte, bis in die Schlussminute 3:2 ehe man doch noch den Ausgleich kassierte.

Stärken und Schwächen

Der US-amerikanische Fernsehsender ESPN stufte Boyd aufgrund seiner großen Beweglichkeit und seines Spielverständnis als besten Akteur seines Teams ein. Die beiden Treffer gegen El Salvador spiegeln durchaus die Qualitäten des 21-Jährigen wider. Je näher er dem Sechzehner kommt umso gefährlicher wird er. Boyd sucht ständig den Weg in den Strafraum, wo er aufgrund seiner Athletik und seiner Abschlussqualitäten regelmäßig für Gefahr sorgt. Er bewegt sich hauptsächlich in vertikaler Richtung, selten findet man den robusten Stürmer auf den Flügeln um dort mit seinen Mitspielern zu kombinieren, was aber nicht heißt, dass er nicht am Spiel teilnimmt.

Versammelt sich seine Mannschaft rund um den gegnerischen Strafraum, versucht er sich durch Entgegenkommen Platz zu schaffen um sich gegebenenfalls um seinen Bewacher herumdrehen zu können und mit seiner beachtlichen Schusstechnik abzuschließen. Macht er das nicht öffnet sich hinter ihm der Raum, wohin der Ball nach schnellem Zurückprallen von einem Mitspieler gespielt werden kann. Außerdem verfügt Boyd über einen ausgeprägten Sinn dafür, wohin der Ball kommen wird und über große Abschlussqualitäten. „Er hat einen gottgegebenen Instinkt und weiß, wo das Tor steht“, beschreibt sein letzter Trainer David Wagner seinen ehemaligen Schützling.

Es ist daher essentiell, dass er von seinen Mitspielern entsprechende Unterstützung erfährt,  was in einer 4-2-3-1-Formation vor allem eine Anforderung an das Mittelfeld ist. Eine weitere Option wäre ein Zwei-Stürmer-System mit einem Verbindungsspieler a la Alar oder Burgstaller. Es wäre dennoch unfair Boyd nur auf seine Fähigkeit am und im Strafraum zu beschränken. Klinsmann lobte sein Gespür fürs Pressing, bei dem er geschickt die Passwege zum balllosen Innenverteidiger zustellt.

Desweiteren kann er mit einer großen Portion Ehrgeiz und Siegeswillen aufwarten, wodurch er beständig zu den besten Läufern im Team gehört. Vor allem diese Eigenschaft schätzt Wagner besonders: „Neben seinen Stürmerqualitäten ist er einfach ein richtig guter Typ.“ Woran Boyd aber arbeiten muss ist seine Technik. Im hohen Tempo neigt er zu Flüchtigkeitsfehlern. Bei schnellen Ballannahmen verspringt ihm oft der Ball oder er leistet sich unsaubere Zuspiele. Zudem beherrscht er im Eins-gegen-Eins nicht viel mehr als einen simplen Haken.

Kann Rapid ein Regionalligaspieler helfen?

Der größte Angriffspunkt der Kritiker ist die Tatsache, dass Boyd bisher auf Vereinsebene ausschließlich im Amateur- und Nachwuchsbereich zum Einsatz kam. Mit großen Umstellungen hatte er bisher allerdings eher weniger Probleme. Der Sprung von der Nachwuchsmannschaft einer Fahrstuhlmannschaft der Landesliga Bremen bzw. Bezirksliga Bremerhaven zu einer Junioren- bzw. Amateurauswahl eines Bundesligisten schaffte Boyd innerhalb eines halben Jahres. Auch die private Umstellung machte ihm nicht zu schaffen. „Für meine Mutter war es schwerer“, sagt er. „Ich bin ein Typ, der die Welt erkunden will.

Den nächsten und noch viel beachtlicheren Satz, nämlich von der vierten Liga in eine nationale A-Auswahl, meisterte er ebenfalls mit Bravour. Mit viel Ehrgeiz, den er bereits in Kindesjahren mitbrachte – siehe Zusatzeinheiten beim DFB – arbeitete er sich in der Karriereleiter stetig hoch. Zudem sollte auch nicht vergessen werden, dass die BVB-Akademie in letzter Zeit für hohen Ausbildungsstandard steht. So schaffte es zum Beispiel Julian Koch 2010/2011 in seiner Leihsaison bei Zweitligist MSV Duisburg zu einem der besten Spieler der zweiten Liga aufzusteigen, ohne davor nennenswerte Profierfahrung gesammelt zu haben.

Ähnliches trifft auch auf Lasse Sobiech, der nach einem Jahr bei St. Pauli den Sprung in die Bundesliga zur SpVgg Greuther Fürth schaffte, und Daniel Ginczek, der in der abgelaufenen Zweitligasaison für den VfL Bochum immerhin fünfmal traf, zu. „Wir haben Terrence Boyd vor einem Jahr aus dem Kader von Hertha BSC Berlin II verpflichtet – und heute spielt er für die Nationalmannschaft der USA. Er ist ein weiteres Beispiel dafür, dass man sich durch starke Auftritte in unserer zweiten Mannschaft glänzende Perspektiven eröffnen kann“, sagte Dortmunds Nachwuchskoordinator Lars Ricken.

axl, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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