Die Medien rätselten im Vorfeld, wie das Ganze zu bewerten sei. Ein Schritt zur Gleichberechtigung? Oder gar die Überwindung patriarchalischer Strukturen? Oder hat man... Rückblick: Das war die Damen-Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland

Die Medien rätselten im Vorfeld, wie das Ganze zu bewerten sei. Ein Schritt zur Gleichberechtigung? Oder gar die Überwindung patriarchalischer Strukturen? Oder hat man den Spielplatz freigemacht, damit man den Haserln beim Rumtollen zusehen kann? Danach steht fest, dass die Damen-WM alles zu bieten hatte, was ein spannendes Sportereignis ausmacht.

FUSSBALLHERZ, WAS WILLST DU MEHR?

Bereits in der Gruppenphase war klar, dass es sich um ein sportlich hochwertiges Ereignis handelte. Keine Spur mehr von Jausengegnerinnen, die wie beim letzten Mal mit bis zu elf Toren Unterschied besiegt wurden – die Leistungsdichte war um einiges höher als bei der letzten WM. In der Gruppenphase gab es eine einzige Nullnummer (Nordkorea-Kolumbien). In den restlichen 23 Erstrunden Spielen fielen 44 Tore (im Schnitt 1,9 Tore pro Spiel). Und was für welche noch dazu. Das 1:0 durch Brasiliens Erika gegen Äquatorial Guinea, wo sie in „Gasselich´scher Manier“ den Ball über die Gegenspielerin hinweg „gaberlt“ und mit einem „satten Pfund“ volley abschließt, zählt ebenso zu den Highlights wie die Freistoßtore durch Christine Sinclaire (CAN; 1:2 gegen Deutschland) und Aya Miyama (JAP; 2:1 gegen Neuseeland) oder der Heber durch Yuki Nagasato (JAP; 1:0, ebenfalls gegen NZL).

Nur diejenigen, die nicht wahrhaben wollen, dass wir es hier mit einem großen Sportevent zu tun hatten, bezeichneten das nicht gegebene Handspiel in der Partie Australien – Äquatorial Guinea (Bruna hielt den Ball einige Sekunden in beiden Händen) als Höhepunkt der Gruppenphase. Wahr ist doch vielmehr, dass Menschen nun mal Menschen sind und immer wieder kuriose Fehlentscheidungen treffen, so unverständlich diese den Außenstehenden auch manchmal vorkommen. Aufgrund dieses (doch sehr kuriosen) Fehlers die weibliche Schiedsrichterinnenzunft pauschal zu verurteilen, oblag den notorischen Miesmachern des weiblichen Fußballs. Viel mehr jedoch sollte auch diese Situation dazu anregen nachzudenken, ob ein Videobeweis nicht doch in manchen Fällen hilfreich wäre.

SPANNUNG IM VIERTELFINALE

Nach einer interessanten Gruppenphase konnte man sich getrost auf die K.O.-Spiele freuen. Und man wurde wahrlich nicht enttäuscht. Bereits im ersten Viertelfinale zwischen England und Frankreich bekam man ein spannendes Spiel geboten, dass nach einem spätem Ausgleich der Französinnen und einer torlosen Verlängerung ins Elfmeterschießen ging, wo „Les Bleues“ das bessere Ende für sich hatten.

Nicht minder spannend, das zweite Viertelfinale dieses Tages. Deutschland gegen Japan. Das hieß in der Damen-Weltrangliste Platz 2 gegen Platz 4. Hier sollte sich letztlich beweisen wie schmal der Grat zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit ist. Auch wenn die Japanerinnen respektiert wurden, eine ernsthafte Gefährdung der „Mission Titelverteidigung“ hat man in Deutschland wohl kaum gesehen. Was dann folgte war ein ausgeglichenes Spiel, indem die Asiatinnen durch Konterangriffe immer wieder gefährlich wurden, während man durch konsequentes Verteidigen die Angriffsbemühungen der Deutschen immer wieder im Keim unterbinden konnte. In der 109. Minute besiegelte Karina Maruyama mit einem Schuss aus spitzem Winkel das deutsche WM-Aus. Weil Schweden ins Halbfinale aufstieg, mussten die Deutschen auch ihre Hoffnung auf eine Olympia-Teilnahme in London begraben.

Das erste Spiel der K.O.-Phase, wo die Spannung nicht so stark ausgeprägt war, wie in den anderen Partien, war die Begegnung zwischen Australien und Schweden. Die Skandinavierinnen profitierten bei ihrem 3:1-Sieg auch von den Fehlern der australischen Torfrau Melissa Barbieri. Die Aussies konnten nur kurz mit dem zwischenzeitlichen 1:2 für etwas Nervenkitzel sorgen. Letztlich waren sie gegen die Schwedinnen allerdings chancenlos.

Das bis dahin wohl beste Spiel war die Partie zwischen den USA und Brasilien. ALLES was der Fußball braucht in einem Spiel. Spannung, technische Einlagen, eine Mannschaft, die nie aufgibt und schließlich viele Emotionen. Nach der frühen Führung der US-Amerikanerinnen kam Brasilien immer besser ins Spiel und schließlich zum Ausgleich. Ein Torraub im Strafraum der US-Ladies wurde zu Recht mit Rot und Elfmeter geahndet. Im ersten Versuch pariert US Torfrau Hope Solo den Schuss von Christiane. Weil eine Amerikanische Verteidigerin um den Bruchteil einer Sekunde zu früh in den Strafraum läuft, wird Brasilien ein zweiter Versuch zuerkannt, den Marta souverän verwertet. In der Verlängerung stellt die mehrmalige Weltfußballerin sehenswert auf 2:1. Allerdings stand die Assistgeberin zuvor knapp abseits. Doch was dann kam, brachte Feuer in die Partie. Die Brasilianerinnen verspielten durch unnötige Aktionen sämtliche Sympathien: Negativer Höhepunkt: Erika liegt minutenlang mit schmerzverzehrtem Gesicht am Spielfeld und wird mit der Trage vom Feld gebracht. Von dort befreit sie sich und sprintet zur Mittellinie um wieder ins Spiel eingreifen zu können.

Doch all dies sollte nichts bringen, weil die Südamerikanerinnen den Matchball zum 3:1 vergaben, konnte Abby Wambach per Kopf das Elfmeterschießen erzwingen (122.). Dort behielten die USA den kühleren Kopf und gewannen das Shoot-Out mit 5:3.

FAVORITINNENSIEGE IM HALBFINALE

Im ersten Halbfinale besiegten die USA Frankreich mit 3:1. Obwohl die USA früh in Führung gingen, hielten die Außenseiterinnen aus Frankreich voll dagegen und drängten auf den Ausgleich, der kurz nach Wiederanpfiff in der zweiten Halbzeit gelang. Mit Fortdauer des Spiels übernahm aber die USA wiederum das Zepter und verwandelten ihre Chancen. Wambach (79, per Kopf) und die eingewechselte Alex Morgan (82, nach Konter) finalisierten den Finaleinzug. Auch wenn der Sieg möglicherweise zu hoch ausfiel, stieg auf jeden Fall die bessere Mannschaft auf.

Ebenso wie im zweiten Halbfinale zwischen Japan und Schweden. Öquist brachte die Schwedinnen zwar mit einem sehenswerten Weitschuss in der 10.Minute in Führung, aber die Japanerinnen schlugen eiskalt zurück. Bereits in der 19.Minute glich Kawasuni aus. In der zweiten Halbzeit besorgten Homare Sawa (Kopftor) und Nahome Kawasumi (mit einem Weitschuss, ähnlich Dejan Stankovics Tor gegen Schalke) innerhalb von sechs Minuten die Entscheidung zugunsten der Japanerinnen.

FINALE UND SPIEL UM PLATZ DREI

Das krönende Highlight dieser WM war zweifelsfrei das Finale zwischen den USA und Japan. Die US-Amerikanerinnen drückten dem Spiel von der ersten Minute an ihren Stempel auf. In der ersten Halbzeit hatten die US Girls acht (!) Torchancen, wobei bei einem Weitschuss von Wambach die Latte retten musste. Führt die USA nach 30 Minuten 4:0 (was durchaus im Bereich des Möglichen lag) geht dieses Spiel als einseitigstes Finale aller Zeiten in die Geschichte ein. Weil aber nun mal die Tore zählen und nicht die Chancen steht es nach 45 Minuten nicht 8:1 sondern 0:0.

Nach der Pause ändert sich nichts. Wieder muss die Stange die Führung der Amerikanerinnen verhindern. In der 69.Minute stellt Alex Morgan nach einem blitzschnellen Angriff mit einem Schuss ins lange Eck völlig verdient auf 1:0. Die Japanerinnen konnten den Angriffen der USA nichts entgegensetzen und waren auch nicht imstande selbst Druck zu erzeugen. Wenig verwunderlich, dass dem Ausgleich ein schwerer Fehler der amerikanischen Innenverteidigung vorausgeht. Rachel Buehler kann nicht klären und Mayima kann den Abpraller ins Tor befördern.
Das Spiel musste in die Verlängerung wo Wambach wiederum verdientermaßen auf 2:1 für die USA stellte (103.). Erneut brauchte Japan lange um wieder ins Spiel zu finden. In der 117.Spielminute gelingt Sawa nach einem Eckball das 2:2. Das rettete Japan ins Elfmeterschießen, auch weil der Freistoß nach dem Torraub von Azusa Iwashimizu (120.), die dafür Minuten vor Ende des Turnier ausgeschlossen wurde, nichts einbringt.

Im Elfmeterschießen verloren die Amerikanerinnen völlig die Nerven und verschossen drei von vier Strafstößen, während drei Japanerinnen vom Punkt treffen. Somit krönte sich Japan erstmals zum Weltmeister und erbrachte den Beweis für eine alte Fußballweisheit: Wer die Tore nicht schießt, bekommt sie. Die Amerikanerinnen haben es selbst verabsäumt sich zu souveränen Weltmeisterinnen zu küren. Japan hingegen hat sich nie aus der Ruhe bringen lassen, immer an sich geglaubt und ihre Chancen eiskalt verwandelt.

Lob gebührt auch dem Schiedsrichterinnengespann um Bibiane Steinhaus, das bis auf eine falsche Abseitsentscheidung die gesamte Partie ruhig und gelassen leitete.

Tags zuvor sicherte sich Schweden mit einem 2:1 Erfolg über Frankreich die Bronzemedaille, weil die Skandinavierinnen zu zehnt (Öquist wurde ausgeschlossen) noch das 2:1 erzielten.

Patrick Redl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen