Vier Tore und drei Vorlagen in 18 Spielen stehen für Guido Burgstaller nach der Herbstsaison der tipp3 Bundesliga zu Buche. Für einen Flügelspieler an... Guido Burgstaller, der Gratwanderer – überschätzter Treter oder „unsung hero“?

Guido Burgstaller (SK Rapid Wien)Vier Tore und drei Vorlagen in 18 Spielen stehen für Guido Burgstaller nach der Herbstsaison der tipp3 Bundesliga zu Buche. Für einen Flügelspieler an und für sich keine schlechten Werte, aber auch nicht dermaßen überzeugend, dass seine Nominierungen für das ÖFB-Team kritiklos hingenommen wurden. Auch für diverse Frustfouls oder Eskapaden abseits des Rasens wehte ihm heftiger Wind entgegen. Rein fußballerisch betrachtet ist der Kärntner für österreichische Verhältnisse dennoch ein überaus interessanter Kicker. abseits.at erklärt warum.

Als im März 2011 bekanntgegeben wurde, dass Guido Burgstaller zum SK Rapid Wien wechseln würde, wussten viele Fans nicht woran sie sind. Oberflächlich betrachtet war der damals 21-Jährige einer der vielen „logischen Transfers“, zumal er in der Saison 2010/2011 gegen die Hütteldorfer auftrumpfte (zwei Tore, ein Assist). Mittlerweile zählt Burgstaller zum Stammpersonal und man argumentiert das schlechte Abschneiden in der Europa-League-Gruppenphase unter anderem mit seinem Fehlen.

Von dummen Fouls und Randalen

Dass der 23-Jährige die Spiele gegen Bayer Leverkusen nicht bestreiten konnte, lag jedoch an ihm selbst. Im zweiten Gruppenspiel in Kharkiv sah Burgstaller nämlich die rote Karte und wurde von der UEFA für zwei Spiele gesperrt – eine mehr als überflüssige Strafe. Das Spiel war aufgrund des 0:2-Zwischenstandes und der Tatsache, dass es sich schon in der 93. Minute befand, quasi entschieden; dennoch packte Burgstaller die Sense aus. Es war dies nicht das erste Frustfoul, denn schon zu seiner Zeit beim SC Wiener Neustadt holte er beispielsweise seinen heutigen Kapitän Steffen Hofmann unsanft von den Beinen und hatte dabei Glück, dass er nicht die rote Karte sah.

Auch sein bislang einziger Platzverweis in der Bundesliga, als er am 24. Spieltag der letzten Saison beim Stand von 2:0 für Red Bull Salzburg in der 89. Minute Gelb-Rot sah, weist Parallelen zur besagten Aktion in der Ukraine auf. Bis dato hält Burgstaller in 96 Bundesligaspielen bei genauso vielen Scorerpunkten (16 Tore, 12 Vorlagen) wie gelben Karten (27-mal Gelb, einmal Gelb-Rot) –keineswegs überzeugende Werte für einen Offensivspieler und für eine nennenswerte Karriere im Grunde genommen genauso hilfreich wie eine Festnahme wegen Ordnungsstörung, Anstandsverletzung und aggressiven Verhaltens. Und trotzdem holte Rapid mit ihm merklich mehr Punkte pro Spiel (1,94) als ohne ihn (1,70). Warum das so ist soll im Folgenden herausgearbeitet werden.

Hohe Flexibilität auf der Außenbahn

Zunächst verdient sich Burgstaller nicht nur aufgrund seiner übertriebenen Aggressivität das Attribut „Krätz’n“, sondern gilt auch als sehr laufstark. Er ist sicher „einer der Spieler, die das läuferische Potential haben, um eine der komplexesten und anspruchsvollsten Positionen im modernen Fußball […] läuferisch und vor allem taktisch korrekt zu spielen“, schrieb Daniel Mandl vorausblickend in der Spielerinfo anlässlich des Transfers zu Rapid und sollte damit Recht behalten. Der klassische Spielstil des Außenstürmers sieht vor, dass dieser hauptsächlich die Linie entlang auf und ab sprintet, sehr breit steht und den Strafraum mit Flanken bombardiert. Im modernen Fußball steht jedoch vor allem Flexibilität und Fluidität ganz oben auf der Prioritätenliste eines Spielers. Eine geringe Positionstreue ist nicht zwingend schlecht für das eigene Team und kann in gewissen Situationen entscheidende Vorteile bringen.

Rapid hat mit Christopher Trimmel und Burgstaller zwei mustergültige Beispiele für die beiden Spielertypen, wie die nebenstehende Grafik bestätigt. Sie zeigt die durchschnittlichen Positionen der Spieler im letzten Duell gegen Metalist Kharkiv. Während Trimmel (28) als klassischer Flügelspieler eine hohe und breite Stellung hat, erkennt man, dass Burgstaller (30) stärker ins Zentrum drängt. Diese Flexibilität ist aus taktischer Sicht gerade im oft statischen Aufbauspiel Rapids eine Bereicherung – wie man es zum Beispiel gegen Admira Wacker gesehen hat. Allerdings gibt in der österreichischen Bundesliga im Großen und Ganzen die individuelle Klasse den Ausschlag, weswegen derartige Aspekte in der allgemeinen Betrachtung untergehen, da sie oftmals ohne sichtbaren Erfolg bleiben.

Der Flügelspieler als Spielmacher

Weshalb Burgstaller ebenfalls gerne in die Kritik genommen wird ist, dass er als auserkorener Leistungsträger bei Rapid angeblich zu wenig zeigt. Von solch einem Führungsspieler erwartet man sich, dass er Spiele im Alleingang entscheidet, in sogenannten „Schnittpartien“ das Ruder zugunsten seiner Mannschaft rumreißt und sie gegebenenfalls aus einer missgünstigen Lage herausführt. Auf den Punkt gebracht: Burgstaller ist nicht ein solcher Spieler, obwohl er in einigen Spielen – vorzugsweise gegen Red Bull Salzburgder überragende Akteur war. Das ist aber im Allgemeinen auch nichts Schlimmes, da es nicht zu den primären Aufgaben eines Flügelspielers gehört das Spiel an sich zu reißen. Es gilt also zu differenzieren und ist kein großes Wunder, dass in den beiden vorhin erwähnten Spielen jeweils Steffen Hofmann auf dem Platz stand. Die Wichtigkeit einer flachen Hierarchie im Spielaufbau wurde vor kurzem an einer anderen Stelle bereits erläutert.

Nachdem Rapid seit nunmehr zweieinhalb Jahren auf eine spielerische Entlastung im Zentrum für Hofmann wartet, konvergiert der Spielaufbau in diesem Zeitraum zusehends auf die Außen. Dies wirft jedoch ein großes Problem auf, denn für die verteidigende Mannschaft ist es im Allgemeinen leichter den Ball zu erobern wenn er sich auf den Seiten befindet. Der Gegner hat dort weniger Möglichkeiten, da der Wirkungsbereich durch die Seitenlinie halbiert wird und er dementsprechend leicht zuzustellen ist. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass Burgstaller im Vergleich mit anderen Flügelspielern aber stärker in das Spiel seiner Mannschaft eingebunden ist. Er hat pro Spiel klar die meisten Ballkontakte und muss sich in der Kategorie „Aufgelegte Torschüsse“ nur Tomas Jun geschlagen geben. Da der Austrianer aber ein klassischer Außenstürmer ist, oftmals auch neben dem jeweiligen Stürmer und daher in schussgünstigeren Zonen zu finden ist, ist dies kaum verwunderlich.

Defizite im Zweikampfverhalten und Technikbereich

Die obige Statistik zeigt aber auch ein großes Manko von Rapids Nummer 30: das Zweikampfverhalten. Mit nur knapp einem Drittel gewonnener Zweikämpfe belegt Burgstaller im Vergleich zu den angeführten Spielern abgeschlagen den letzten Platz und gehört damit ligaweit wohl zu den zweikampfschwächsten Akteuren. Ob diese stark ausbaufähige Quote in einem Zusammenhang zur bereits erwähnten hohen Anzahl an gelben Karten und Fouls steht, wird an dieser Stelle aber nicht untersucht. Auch die an erster Stelle angeführte Passstatistik soll in diesem Zusammenhang noch etwas näher betrachtet werden. Zwar liegt Burgstaller im Vergleich weit vorne dabei, dennoch fällt auf, dass ihm bei einfachen Kurzpässen oftmals Fehler unterlaufen.

Komplettiert wird die maue technische Begabung von einfachen Fehlern bei der Ballannahme und den hölzern wirkenden Dribblings. Burgstaller hat allerdings auch schon gezeigt, dass er sich mit Einzelaktionen aus der Bedrängnis befreien kann. Dies wirkte aber meist unkoordiniert und im Vergleich mit „Instinktkickern“ wie beispielsweise Sadio Mané oder Muhammed Ildiz zufälliger. Das ist ein Grund dafür, dass Burgstaller die Zehnerposition weniger liegt. Stoppfehler in dieser heiklen Zone können leicht zu Konterchancen für den Gegner führen.

Das Auge für freie Räume

So verlegt sich Burgstaller in Anbetracht der technischen Defizite auch im Zentrum auf seine große Stärke – das Auge für freie Räume. Im letzten Derby begann er zum Beispiel zwar im offensiven Mittelfeld, stand aber höher als ein nomineller Zehner zwischen den Linien und zeigte von dort aus Diagonalsprints hinter den gegnerischen Außenverteidiger, der seinerseits vom entsprechenden Rapid-Flügelspieler nach vorne gezogen wurde. Ein weiteres Beispiel für dieses Verhalten sei nun im Folgenden ausführlicher demonstriert, da es auch zeigt, dass die Stärke Burgstallers nicht immer ausgenutzt wird.

Hier bekommt Michael Schmipelsberger nach einem Seitenwechsel über die Mitte den Ball. Der grüne Bereich markiert den großen Raum, aus dem heraus man in dieser Situation durchaus torgefährlich werden könnte. Mit einem Direktpass ist er jedoch nicht zu bespielen, da diesen die beiden Salzburger (gelb und rot) einfach abfangen können. Dementsprechend bremst Burgstaller (weiß) ab und wird angespielt.

Der Gefahrenraum ist nun abgedeckt, da Jakob Jantscher (gelb) nach hinten rückte und Burgstaller (weiß) mit dem Rücken zu ihm steht. Er kann sich jedoch mit dem Ball am Fuß drehen woraufhin Jantscher und Andreas Ulmer (rot) ihn attackieren wollen. Die Folge: die grüne Zone wäre wieder anspielbar.

Dies versucht Burgstaller mit einem Doppelpass zu erreichen. Man erkennt dies vor allem daran, dass er seinem Kollegen mit dem Arm anzeigt wohin er den Ball spielen soll. Dieser passt aber überhastet zurück, wodurch der Angriff verpufft.

Raumschaffende Bewegungen

Oft ist es aber auch Burgstaller selbst, der Räume für seine Mitspieler aufreißt, indem er sich zum Beispiel bewusst in die Grauzonen der Zuteilungsbereiche des Gegners bewegt. Dort ergeben sich in der Folge Konflikte, wer ihn decken soll. Geht man auf Nummer sicher und es orientieren sich beide Verteidiger an ihm, haben die anderen Rapid-Spieler gegebenenfalls mehr Platz. Bewacht man ihn nur halbherzig kann er selbst die Initiative ergreifen. Ein Beispiel, das in einem Tor mündete, ist das 1:1 aus dem letzten Heimspiel gegen Wacker Innsbruck, als Burgstallers Stellung dafür sorgte, dass sein Bewacher im „Nirgendwo“ herumirrte, er gleichzeitig den Innenverteidiger rauszog und Deni Alar den dadurch entstandenen Raum nutzen konnte. Eine andere Art des Raumschaffens zeigte er beim 2:0-Sieg in Salzburg in der vierten Runde.

Man sieht hier wie Burgstaller (weiß), der nominell als rechter Flügelspieler aufgestellt war, versucht die gegenüberliegende Seite zu überladen. Franz Schiemer (rot) muss Burgstallers Laufweg mitmachen, da dieser sonst auf der Außenbahn in Ballnähe anspielbar gewesen wäre. Durch dieses Wegziehen wird aber der Passweg in die Mitte geöffnet, wo Hofmann (gelb) enorm viel Raum vorfindet. Doch anstatt den simplen Pass auf den Kapitän zu spielen läuft sich der Ballführende fest – ein weiteres Beispiel dafür, dass diese Spielweise oft unauffällig ist und selbst von den Mitspielern nicht immer wahrgenommen wird.

Probleme des einrückenden Verhaltens

Nun ist er aber nicht nur so, dass Burgstallers Spielstil makellos und ohne Nachteil ist. Durch den Drang ins Zentrum öffnet man nämlich zwangsläufig die Außenbahn. Rückt man also soweit ein, dass der Außenverteidiger problemlos an einen Zentrumsspieler übergeben kann, verpufft der Vorteil und die Seite ist unterbesetzt. Besonders problematisch ist dies wenn der eigene Außenverteidiger nicht konsequent vorrückt, wie es bei Rapid phasenweise der Fall ist. Die Folgen erkennt man in diesem Bild:

Burgstaller (weiß) schiebt sich hinter den Stürmer, der zum Kopfball hochsteigt, und ist dort leicht zu verteidigen, zumal es unwahrscheinlich ist, dass der Ball dorthin prallt. Gleichzeitig ist die linke Seite in der gegnerischen Spielfeldhälfte verwaist. Über diesen Raum hätte der Gegner recht einfach Tempo aufnehmen und Rapids linke Seite überladen bzw. überlaufen können.

Man sieht, jede Medaille hat zwei Seiten und Burgstaller ist nur einer von elf Spielern seines Teams. Im Fußball reicht es oft nicht aus selbst theoretische und individualtaktische Glanzleistungen zu bringen, wenn dadurch die Balance der ganzen Mannschaft gestört wird. Gerade in einer Liga, die mehr von der individuellen spielerischen Klasse als von der taktischen lebt, ist es schwer mit einem derartigen Spielstil aufzuzeigen. Burgstaller mag im technischen und körperlichen Bereich nicht zu den besten Spielern der Liga gehören, vom Positionsspiel bringt er jedoch erstklassige Anlagen mit, die in einer Mannschaft mit der entsprechenden Philosophie – etwa dem Nationalteam – eine sehr vielversprechende Waffe sein können.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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