Zwei Tage nach dem ernüchternden 1:2 Rapids gegen Rosenborg BK im ersten Gruppenspiel der Europa League 2012/13 werfen wir einen genaueren Blick auf taktische... Räumliches Denken, Spielverlagerung, mehr Ausgewogenheit: Die taktischen Gründe für Rapids Erfolglosigkeit aus dem Spiel heraus

Zwei Tage nach dem ernüchternden 1:2 Rapids gegen Rosenborg BK im ersten Gruppenspiel der Europa League 2012/13 werfen wir einen genaueren Blick auf taktische Schlüsselduelle, individuelle und gruppentaktische Fehler, sowie die eine oder andere Fehleinschätzung großer Medien, die dafür bekannt sind, Leistungen einzelner Spieler sehr oberflächlich zu betrachten.

Kurz und bündig ist Rapids erstes Auftreten in der diesjährigen Europa League so erklärt: Man machte sich die Tore selbst, schoss viel zu selten aufs Tor, verschoss einen Elfer und konnte nie effizientes Flügelspiel aufbauen. Wir wollen aber tiefer gehen und erklären wieso all das passierte bzw. nicht passierte.

Ildiz laut „Kronen Zeitung“ schwach – aber…

In ihrer gestrigen Einzelspielerbewertung entschied sich die „Kronen Zeitung“ bei Muhammed Ildiz für die Note 2, also „schwach“. Als zusätzliche Begründung gab die größte Zeitung des Landes aus, dass das Spiel völlig an Ildiz vorbeilief. Wieso Ildiz dann bis zu seiner Auswechslung in der 70.Minute auf 109 Ballkontakte (deutlich die meisten auf dem Platz) und 86 Pässe bei 90%iger Genauigkeit kam, muss man uns aber noch erklären. Oder besser noch: Wir erklären’s. Muhammed Ildiz hatte nämlich gegen Rosenborg BK erneut eine Schlüsselrolle inne und es gab verschiedene Gründe, wieso er nicht zwingender wurde.

Ildiz ordnete das Spiel, war aber kein Gestalter

Einerseits war er es, der die meisten Pässe auf Steffen Hofmann spielte, diesen damit in Szene setzte und sich selbst im Rückraum mit recht cleverem Stellungsspiel wieder als Anspielstation anbot. Das Spiel zu machen war nie die Aufgabe des 21-Jährigen – es bis zu einem gewissen Grad für Hofmann zu ordnen allerdings schon. Dass er selbst durch die Mitte nicht initiativer werden konnte, lag am Flügelspiel und da speziell an Markus Katzer und Guido Burgstaller, der sich zumeist sehr gut bewegte, in entscheidenden Situationen aber auch falsch.

Burgstaller mit zentraler Basis, Katzer dahinter verhalten

Legen wir das Thema Ildiz kurz beiseite und widmen wir uns Burgstallers Problem. Der spielte am linken Flügel vor dem verhaltenen Markus Katzer und wählte seine Grundposition weit innen. Das ist freilich Teil des neuen Rapid-Systems, das es den etatmäßigen Außen erlaubt von innen nach außen auf den Flügel zu gehen. Gerade in dieser Partie hätte man auf der linken Seite jedoch umdisponieren müssen. Die folgende Grafik stellt die Grundpositionen beider Teams dar. Die für das Beispiel relevanten Spieler sind mit Namen versehen.

Und folgende Punkte waren dafür verantwortlich, dass sich Rapid auf der linken Seite nie wirklich durchsetzen konnte:

  • Rosenborgs Rechtsverteidiger Gamboa spielte tiefer als sein Gegenüber auf links, Mikael Dorsin.
  • Innenverteidiger Tore Reginiussen schob stark nach links, auch weil er immer wieder mit dem linkslastig spielenden Boyd mitschob.
  • Borek Dockal, rechter Mittelfeldspieler Rosenborgs, schob im Vergleich zu seinem Pendant auf links, Daniel Holm, stark zur Mitte.

Die Probleme

  • Da sich Boyd nur unzureichend am Spielaufbau beteiligte, bekamen es Ildiz und Hofmann oft mit dem weit nach innen gezogenen Dockal, sowie den Achtern Svensson und Diskerud zu tun – gleichzeitig.
  • Weil Rosenborg auf der rechten Abwehrseite immer wieder Überzahlsituationen schaffte, waren Katzer und Burgstaller oft gezwungen defensivere Anspielstationen zu suchen.
  • Es kommt nicht von ungefähr, dass Rosenborgs Rechtsverteidiger Gamboa mit 69 Ballkontakten die meisten Kontakte aller Rosenborg-Spieler hatte.
  • Rapid wollte in dieser Grundformation so kompakt stehen, dass man keine Gegenstöße über die linke Abwehrseite befürchten musste.

Was aber übersehen wurde

  • Rosenborg konterte praktisch nie über ihre rechten Angriffsseite (in 30% der Fälle). Es war nicht abzusehen, dass Dockal so weit innen spielen würde, allerdings war es nach nur wenigen Minuten sichtbar, dass er sein Hauptaugenmerk aufs Zentrum legte.
  • Somit war Katzers Position am linken Flügel nahezu obsolet, weil er praktisch nie lange Bälle direkt auf seinen defensiven Flügel befürchten musste. Rosenborg spielte hauptsächlich lange Bälle auf Elyounoussi und Prica, die sich vorne meist „geballt“ (und linksorientiert) positionierten, wenn Rosenborg in der eigenen Abwehr den Ball eroberte.
  • Und damit wären wir wieder bei Ildiz: Für den gab es so nämlich nur drei Möglichkeiten: Kurze Pässe zu Hofmann, kurze Pässe in die Breite zu Katzer oder Burgstaller – oder eben wieder zurück. Lochpässe waren aufgrund der zentral engen Situation auf der linken Angriffsseite Rapids und dem soliden und sehr defensiven Stellungsspiels Gamboas einfach nicht drin. Querpässe auf Heikkinen verbesserten die Lage auch kaum.

Was hätte diese Situation verbessert?

  • Katzer war am linken Flügel auf verlorenem Posten und war im Grunde nur ein Backup für Burgstaller, das dieser aber kaum benötigte.
  • Katzer hätte also ohne Probleme dauerhaft zwei bis vier Meter zur Mitte schieben können, was das Kurzpassspiel Rapids auf der Zentralachse erleichtert hätte. Ildiz und Hofmann hätten sich in einer Zone, in der man unmittelbar gefährliche Pässe spielen kann, keiner großen numerischen Übermacht des Gegners mehr gegenübergesehen.
  • Aufgrund des großen Ballbesitzvorteils Rapids hätte auch Dockal keine unmittelbare Gefahr für Gegenstöße dargestellt, weil Katzer ihn auf einer etwas zentraleren Position gebunden hätte. Es war allgemein nie so, dass sich Rapid in seinem Ballbesitzspiel nach Rosenborg richten musste, sondern umgekehrt. Zudem operierte Rosenborg mit weiten Bällen, was Dockal nicht entgegenkommt.
  • Burgstaller hätte schließlich mit mehrfacher zentraler Absicherung die Position eines echten Flügelspielers ausüben können. Rapids Zentrale wäre noch passsicherer geworden – eben „fluider“.
  • Zu guter Letzt: Anders als im geschehenen Fall wären so auf der linken Seite Diagonalpässe auf die Flügel möglich gewesen – und zwar solche, die einen Flügelspieler unmittelbar gefährlich in Szene setzen können.

Besser wäre es also so gewesen

Sieht nach einer Kleinigkeit aus, hätte aber angesichts der Spielanlage Rosenborgs einen nicht zu verachtenden Impact auf das Offensiv- und vor allem Flügelspiel Rapids gehabt. Katzer mag zentraler stehen, doch diese geringfügige Positionsänderung hätte es nicht zur Folge gehabt, dass er überhaupt nicht mehr am Flügelspiel teilnehmen kann. Dies erforderte im Grunde nur wieder ein paar Schritte in Richtung außen. Ganz bestimmt allerdings hätte es Rapid zentral verstärkt und – womit wir wieder beim Thema Ildiz sind – Spielern wie Ildiz dabei geholfen, durch stärkere Rückendeckung und mehr Sicherheits-Anspielstationen, durch die Mitte effizienter zu werden. Eben ein „Gestalter“.

Rapid entdeckt Rönning-Dorsin-Lücke zu spät

Um beim Thema Flügelspiel zu bleiben: Die rechte Angriffsseite Rapids hat das wohl größte Stellungsproblem Rosenborgs erst in der 88.Minute (!) erstmals richtig erkannt. Bereits nach zwei Minuten bemerkte man, dass die Abstände zwischen Innenverteidiger Rönning und Linksverteidiger Dorsin (eben weil dieser sein Spiel offensiver anlegte als Gamboa) viel zu groß waren. Diese Schnittstelle wäre prädestiniert für Lochpässe gewesen. Was auf der linken Seite aufgrund der Kompaktheit von Gamboa und Reginiussen nur äußerst selten möglich war, wäre auf rechts praktisch dauernd durchgegangen. Rosenborg war praktisch über die gesamte Partie auf seiner linken Abwehrseite nie hundertprozentig kompakt. Zudem waren auch die defensiven Mittelfeldspieler Diskerud und Svensson in ihrem Spiel (wie zu erwarten) stark rechtslastig.

Heikkinen zu verhalten, um rechts die Lücke zu nutzen

Dass dieser verwaiste rechte Rapid-Flügel nie ausreichend beackert wurde, lag vor allem an der Linkslastigkeit des Spiels, die sich während des Spiels ergab. Während Rapid 40% seiner Angriffe über die linke Seite fuhr, spielte man nur in 28% der Fälle über rechts. Dies hing auch damit zusammen, dass Markus Heikkinen der Mittelfeldspieler war, den es am ehesten nach rechts zog. Und der wiederum traute sich kein einziges Mal den Ball in die klaffende Lücke zwischen Rönning und Dorsin zu passen, um das Spiel über den Flügel schnell zu machen. Abhilfe hätte regelmäßigeres Kreuzen zwischen Ildiz und Heikkinen gebracht, sodass Ildiz seine zahlreichen Ballkontakte auch in Key Passes ummünzen könnte. Diese wären auf der rechten Angriffsseite wesentlich einfacher zu spielen gewesen, als auf der zugestellten, von Rosenborg allgemein tiefer angelegten linken Angriffsseite Rapids.

Räumliches Denken und Spielverlagerung

Was angesichts dieser Ausführungen am meisten wurmt: Rapid spielte 669 Pässe, von denen gute 88% an den Mann kamen (Rosenborg 305, 73%). Das heißt, dass Rapid im Grunde kein Problem damit hatte, Rosenborg zu kontrollieren. Im Schnitt spielte man pro Aktion sechs Pässe hintereinander. Doch mit Schwächen im räumlichen Denken und den damit verbundenen schwachen bzw. zu langsamen Spielverlagerungen, stellte sich Rapid selbst ein Bein. Es hätte wesentlich einfacher sein können – doch dies hätte von verschiedenen Spielern etwas mehr Eigeninitiative in der dritten Dimension erfordert…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen