Der SK Rapid erwischte gegen Wacker Innsbruck einen Traumstart in die neue Saison und fegte die Tiroler glatt mit 4:0 vom Platz. Alles spricht... Rapid? Fluid! Ist das 4:0 gegen Wacker Innsbruck der Beginn einer taktischen Revolution in Hütteldorf?

Der SK Rapid erwischte gegen Wacker Innsbruck einen Traumstart in die neue Saison und fegte die Tiroler glatt mit 4:0 vom Platz. Alles spricht heute von den starken Leistungen nahezu aller Rapid-Spieler – mit Terrence Boyd zog ein neuer, vorweggenommener Held in Grün-Weiß in Wien-Hütteldorf ein. Aber die wahre Sensation am gestrigen Tag war die fluide Taktik und Spielweise des SK Rapid.

Kurz zu den Fakten: Rapid führte bereits nach vier Minuten durch das erste Bundesligator von Terrence Boyd, nach einem starken Assist über Ildiz und Drazan mit 1:0. Eine Viertelstunde später traf Rapid-Urgestein Stefan Kulovits erstmals im Hanappi-Stadion und kurz nach der Pause machte Drazan nach Boyd-Vorarbeit alles klar. Der vierte Treffer von Terrence Boyd nach einem Idealpass von Steffen Hofmann, der sich ebenfalls stark präsentierte und zwei Tore vorbereitete, war das I-Tüpfelchen am Traumdebüt des US-Amerikaners.

Ein 4-4-2 wurde erwartet…

Grundsätzlich kann man vermuten, dass das variable Spiel des SK Rapid dadurch ermöglicht oder zumindest erleichtert wurde, dass man bereits nach wenigen Minuten in Front lag. Doch die völlig unerwarteten, teils taktisch spektakulären Automatismen, funktionierten bereits vor dem Treffer zum 1:0 merklich! Wenn man vor dem Spiel einen Blick auf die Aufstellung des SK Rapid warf, erwartete man entweder ein 4-4-2 mit Doppelsechs oder ein 4-1-3-2 mit Kulovits als alleinigen Abräumer und Ildiz auf einer etwas offensiveren Position.

…doch es war etwas gänzlich anderes!

SK Rapid – Wacker Innsbruck (21.7.2012, 4:0) – Grundformation Rapid

Doch Peter Schöttel und sein Team überraschten alle. Rapid zeigte sich taktisch revolutionär und so fluid wie nie zuvor. Das System der Hütteldorfer kommt in Vorwärtsbewegung einem 2-7-1, teils sogar einem 2-5-3 nahe. Das Beeindruckende auf den ersten Blick: Kaum ein Spieler hatte darin eine starre Position. Die Positionstreue der Mittelfeldspieler wurde gezielt niedrig gehalten, die Grundposition der Außenverteidiger hoch angesetzt. Und wenn ein kraftvoller Angreifer wie Terrence Boyd dann auch noch gut defensiv antizipiert (wie vor dem 2:0, als er knapp vor dem eigenen Strafraum den Ball eroberte), kann praktisch nichts schief gehen.

Wir analysieren die zahlreichen, unerwarteten taktischen Facetten im Detail:

Innenverteidiger müssen kaum Risiko nach vorne nehmen

Die beiden Innenverteidiger Sonnleitner und Gerson waren die einzigen Spieler, die sich über 90 Minuten hundertprozentig auf die Defensive konzentrierten. Vor allem Gerson machte zwar immer wieder Anstalten mutig aus der Abwehr zu spielen, aber so mutig musste er dabei gar nicht sein, zumal Rapid durch das enorm bewegliche Mittelfeld sehr viele Anspielstationen kreierte und durch massig Bewegung ohne Ball den Spielaufbau deutlich erleichterte.

Innenverteidiger in der Breite weit auseinander

SK Rapid – Wacker Innsbruck (21.7.2012, 4:0) – Rapid in Rückwärtsbewegung

Im Spielaufbau standen Sonnleitner und Gerson zudem in der Breite ungewöhnlich weit auseinander. Dazwischen platzierte sich hauptsächlich Muhammed Ildiz als zusätzliche Hilfe im Aufbauspiel. Wenn die Innenverteidiger sehr weit auseinander stehen und jemand aus dem Mittelfeld im Aufbauspiel antizipiert, ist es für den Gegner enorm schwer ein gezieltes Pressing gegen diese Verteidiger zu spielen. Rapid nützt damit praktisch „fehlende Kompaktheit“ zum eigenen Vorteil. Zwei Dinge sind dabei jedoch absolut notwendig: Ein mitspielender Torhüter, um etwaige Rückpässe spielen zu können – und Präzision im Passspiel, worauf später noch genauer eingegangen wird.

In Rückwärtsbewegung präsentierte man sich bis auf wenige Ausnahmen kompakt. Das gesamte Team, inklusive Stürmer schaltete gut auf Defensive um, wie man in der Grafik sehen kann.

Die Rolle von Muhammed Ildiz als „defensiver Spielmacher“

Der 21-jährige Muhammed Ildiz dürfte, wie bereits nach dem Roma-Spiel erkannt, das Zünglein an der Waage im Aufbauspiel des SK Rapid sein. Im Spielaufbau lässt sich Ildiz sehr weit zurückfallen, platziert sich praktisch zwischen den beiden Innenverteidigern und ist damit eine zentrale Anspielstation, die unabhängig von den anderen Spielern im Raum verschiebt. Dies hat zwei Vorteile: Einerseits hat der passsichere, technisch gute Ildiz die freie Auswahl an Anspielstationen in jede Richtung des Platzes und kann angesichts der guten Bewegung ohne Ball auch einfache Pässe spielen, ohne dabei großen Druck zu haben. Andererseits ist er wohl der einzige Spielertyp im defensiven Mittelfeld Rapids, der regelmäßig zu Pässen wie vor dem 1:0 auf Drazan imstande ist. Ildiz fungiert somit als defensiver Spielmacher – und ist dabei nicht mal der Einzige, auf den das ausgestorben geglaubte „S-Wort“ zutrifft!

Kulovits ebenfalls „Sechser“ und „Achter“ in einem

Dadurch, dass Ildiz sich weit zurückfallen lässt, nimmt Kulovits eine verhältnismäßig offensive Position ein. Die „Kampfgelse“ ist somit nicht mehr als „biederer“, reiner Sechser zu bezeichnen, sondern dient auf einer etwas offensiveren Position als wichtige Anspielstation. Es waren stets die einfachen Bälle, die Kulovits Zeit seiner Karriere auszeichneten, wodurch er auf einer tiefen Position nur eine kleine Hilfe im Spielaufbau ist. Spielt er allerdings offensiver und hat durch den allgemein höheren Angriffsschwerpunkt der Mannschaft mehr Anspielstationen, kann er auch mit einfachem Spiel ein wichtiger Knotenpunkt sein. Man muss vorsichtig sein, was offensives Lob für Kulovits angeht, da seine individuelle Offensivleistung auch wieder abnehmen kann – aber seine Feldposition vor seinem Traumtor zum 2:0 war äußerst untypisch und ein positives Beispiel für das gut verschwimmende Mittelfeld, mit dem Rapid auftrat.

Außenverteidiger als Außenbahnspieler

Die Außenverteidiger Trimmel und Katzer platzierten sich außergewöhnlich hoch, standen im Spielaufbau stets in der gegnerischen Hälfte. Trimmel mutete in der ersten halben Stunde sogar eher als Rechtsaußen, denn als rechter Verteidiger an. Wenn man offensiv starke Außenverteidiger hat, ist dies natürlich ein gutes Mittel, um dem Gegner sein Spiel aufzuzwingen – aber ob dies von Erfolg gekrönt ist, ist immer eine Frage der personellen Möglichkeiten. Mit Trimmel hat Rapid einen bissigen Außenbahnspieler, der dieses Konzept umsetzen kann. Und Markus Katzer auf der linken Seite darf sein signifikantes Attribut „grundsolide“ aus der Vorsaison, bereits auf „stark“ ändern. Auch die Ersatzleute Schrammel und Schimpelsberger sind für diese Art von Spiel prädestiniert.

Etatmäßige Außenbahnspieler auf den Halbpositionen

Weil Trimmel und Katzer die Flügel sehr offensiv belagerten, war es Drazan und Hofmann möglich auf Halbpositionen zu wechseln. Die beiden „Auf-dem-Papier-Außenbahnspieler“ hatten ihre Grundposition praktisch fünf Meter neben (!) den Außenverteidigern. Somit bildeten sich „doppelte Flügel“, die für den Gegner sehr schwer verteidigbar sind. Hofmann ist diese Position natürlich schon gewöhnt, auch wenn die sehr offensive Ausrichtung seines Hintermannes (der jetzt quasi ein Nebenmann ist) neu ist. Beeindruckend war jedoch, was Christopher Drazan, normalerweise ein klassischer Linienläufer, aus dieser ungewohnten Situation machte. Drazan kann auf der etwas zentraleren Halbposition seine Technik und Kampfkraft besser ausspielen und flexibler agieren, als wenn er „nur“ geradeaus läuft. Das Markanteste: Der 21-Jährige konnte von innen nach außen angreifen. Das bedeutet, dass er nicht nur die Seitenlinie auf- und abging, sondern auch zu Diagonalläufen ansetzen konnte. So gesehen vor dem 1:0, als er einen Außenristpass von Ildiz „invers“ annahm, indem er von der Halbposition auf den Flügel lief und nicht umgekehrt, wie man es eher gewöhnt ist. Somit ist auch der Linksaußen Rapids schwerer ausrechenbar und verteidigbar, weil Defensiven normalerweise von innen nach außen verteidigen.

Alar mit Freiheiten

Die Schnelligkeit und Laufstärke des Deni Alar kann man am besten ausnützen, wenn man ihm Freiheiten im Laufspiel gibt. Auch dazu entschied sich Peter Schöttel und so sah man Deni Alar sowohl am gegnerischen Sechzehner aufs Tor schießen, als auch am eigenen Sechzehner defensiv aushelfen. Er präsentierte sich als weitere, zentrale Anspielstation im Mittelfeld, in seiner Grundposition noch etwas weiter nach vorne versetzt als Kulovits. Alar dürfte der Rapid-Spieler mit dem größten Aktionsradius gewesen sein, was zwar einerseits kraftaufwendig ist, andererseits Sinn macht, weil Alar die technischen Möglichkeiten hat, Bälle zu verarbeiten, wenn er viele Mitspieler um sich hat und zudem im Spiel mit dem Ball selbst Räume kreieren kann. Er bekleidete eine Position, die auch von Guido Burgstaller umgesetzt werden kann. Daher kann er sich etwa 60 – 70 Minuten verausgaben und danach noch immer adäquat ersetzt werden.

Ein Kraftpaket an vorderster Front

Zwei Tore, ein Assist, ein weiteres Tor miteingeleitet. Das Debüt von Terrence Boyd hätte besser nicht ablaufen können. Es wäre aber fast unfair ihn auf seine zählbaren Aktionen zu reduzieren, denn der 21-Jährige war auch fürs Aufbauspiel Rapids enorm wichtig und arbeitete sehr energisch und erfolgreich nach hinten. Die körperliche Konstitution Boyds ermöglicht ihm dieses schweißtreibende Spiel. Boyd gewann viele seiner Zweikämpfe, war imstande Kopfbälle gezielt weiterzuleiten oder Bälle zu halten. Da er in jedem Duell 100% gibt, ist er – auch in der Etappe, im zweiten Spielfelddrittel – ein enorm unangenehmer Gegenspieler. Ihm einen „Wachhund“ zuzuteilen, würde aufgrund seines ebenfalls großen Aktionsradius, das System des Gegners auseinanderreißen. Man kann sich also kaum auf Boyd einstellen, sondern nur auf die gesamte Offensivabteilung Rapids.

Präzision als Hauptproblem

Das Grundkonzept war komplex, aber ersichtlich – das Grundproblem trotz des überzeugenden Sieges ebenfalls augenscheinlich. Ein solches Spielkonzept – man könnte es auch (endlich) als Spielphilosophie bezeichnen – funktioniert nur, wenn sämtliche Mittelfeld- bzw. Offensivspieler in Bewegung bleiben und wenn die Pässe genau an den Mann kommen. Mangelnde Präzision ist für diese Spielweise Gift und Rapid fabrizierte trotz der starken Leistung immer wieder unnötige Fehlpässe. Allerdings dürfte man erst am Anfang stehen, was das Üben der Automatismen angeht. Somit werden derartige Kinderkrankheiten mit der Zeit und mit einer gewissen Anzahl an Spielen abgestellt werden.

Wie stark ist Rapid auswärts?

Eine weitere Frage, die aufgeworfen werden muss: Kann Rapid dieses Konzept auch in Auswärtsspielen umsetzen, wenn der Gegner eher das Spiel machen muss, als im Hanappi-Stadion? Vor allem die „doppelten Flügel“ könnten auswärts schwerer umsetzbar sein, weil die Außenverteidiger prinzipiell auf eine defensivere Position gezwungen werden könnten. Eine ähnliche Frage betrifft Spiele gegen die direkten Titelkonkurrenten. Setzt Rapid diese in Österreich bisher nie da gewesene Spielweise auch im Heimderby in zwei Wochen oder auswärts in Salzburg um? Oder gibt es einen „Plan B“ gegen vermeintlich stärkere Teams?

Feldversuch oder taktische Revolution?

Die Antwort darauf werden die nächsten zwei Wochen geben: Zuerst muss Rapid nach Wiener Neustadt, danach entweder zu Suduva Marijampole oder Vojvodina Novi Sad, ehe man im Hanappi-Stadion die Austria empfängt. Verlaufen diese beiden Spiele positiv und nach demselben Konzept wie das 4:0 gegen Wacker Innsbruck, wird Peter Schöttel auch im Derby auf das fluide System setzen. Auch wenn Rapid in der ersten Runde taktisch nahezu revolutionär auftrat, ist diese Spielweise vorerst ein Feldversuch, mit dem in Wien-Hütteldorf zuvor niemand konfrontiert wurde. Eine weitere offene Frage: Wieso testete Rapid einen derartigen Matchplan nicht vergangenen Dienstag gegen die AS Roma? Man darf auf die weitere taktische Vorgehensweise und die Entwicklung des „System Rapid“ gespannt sein!

Wacker Innsbruck keineswegs schwach

Der Gegner aus Tirol musste zwar eine Packung hinnehmen, präsentierte sich aber keineswegs schwach. Im Mittelfeld stand das Team von Walter Kogler kompakt, in Vorwärtsbewegung konnten die Mittelfeldspieler durchaus Ballsicherheit aufbauen und die Bälle gut auf die Flügel verteilen. Die individuelle Klasse Rapids setzte sich aber schließlich durch, wobei das Duell zwischen Boyd und Kofler, etwa vor dem 3:0, sinnbildlich für den qualitativen Unterschied war. Wenn Innsbruck die Abwehr stabilisieren kann und an vorderster Front an Durchschlagskraft gewinnt (Marcelo Fernandes wirkte vorerst wie ein Fremdkörper), sollte das Team mit dem Abstieg nichts zu tun haben.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • Roman Firnkranz

    22.Juli.2012 #1 Author

    Boyd, the beast from the west 🙂

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  • kwaksi

    23.Juli.2012 #2 Author

    Sehr gute Analyse … Gratulation !!!
    Nur mit den Innsbruckern stimme ich nicht ganz überein, wie ihr selbst schriebt, fabrizierte Rapid immer wieder Fehlpässe, stimmt auch, aber daraus konnten die Innsbrucker eben überhaupt kein Kapital schlagen. Also so weit vom Abstieg sehe ich die nicht entfernt …

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  • hektorrr

    23.Juli.2012 #3 Author

    toller bericht!

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