Der SK Rapid Wien startet mit einer Niederlage in die Gruppenphase der UEFA Europa League 2012/2013. Gegen den Rosenborg BK verloren die Grün-Weißen 1:2.... Viel Kontrolle, aber extrem einfallslos – Rapid verliert EL-Auftakt gegen Rosenborg 1:2

Der SK Rapid Wien startet mit einer Niederlage in die Gruppenphase der UEFA Europa League 2012/2013. Gegen den Rosenborg BK verloren die Grün-Weißen 1:2. Im zuschauerlosen Ernst-Happel-Stadion sorgten Katzer bzw. Elyounoussi und Dorsin für die Tore. Zwar hatte Rapid deutlich mehr Spielanteile, fand aber keinen Weg durch die dichten Abwehrreihen der Norweger, obwohl diese markante Lücken aufriss.

Wir haben zwar sehr viel Kontrolle über das Spiel und viel Ballbesitz gehabt, haben aber auch viele einfache Fehler gemacht. Die werden in der Europa League eben sofort bestraft“, resümierte Rapid-Trainer Peter Schöttel – eigentlich ein sehr ausgeleiertes Statement, das in diesem Fall aber zutrifft wie kaum woanders. Mit knapp 70% Ballbesitz dominierte Rapid das Geschehen am Platz, war sowohl in der Schuss- (21:6) als auch Eckenstatistik (7:1) klar vorne. Allerdings zeigten die Hütteldorfer bei den Gegentoren haarsträubende individuelle Fehler. Gescheitert ist man neben diesen aber vor allem an der Ideenlosigkeit im Spielaufbau.

Offensives 4-2-3-1

Schöttel bot seine stärkste Elf auf, die aus der üblichen 4-2-3-1-Grundformation heraus agierte. Diese war aber nur in den seltensten Fällen auch auf dem Rasen erkennbar. Gegen das extrem tiefstehende Rosenborg positionierten sich die beiden Außenverteidiger extrem hoch, während sich die offensive Dreierkette eng zusammenzog. Im Spielaufbau holten sich zunächst Ildiz und in späterer Folge auch Hofmann immer wieder von der hintersten Linie den Ball um den Spielaufbau einzuleiten. Im Großen und Ganzen also genau die Spielphilosophie, die seit Saisonbeginn praktiziert wird.

Defensives 4-4-1-1

Auch aufseiten der Gäste gab es keine Überraschungen. So blieb zum Anpfiff der wendige Chibuike genauso auf der Ersatzbank wie Supertalent Selnaes. Die Grundformation, die Rosenborg-Coach Jan Jönsson wählte, war zwar die gleiche wie jene der Gastgeber, in ihrer Interpretation war sie jedoch sehr unterschiedlich. Die Außenverteidiger hielten sich extrem zurück, Elyounoussi auf der Zehnerposition war eher ein zweiter Angreifer denn Spielgestalter. Von Dockal auf dem rechten Flügel, vor dem Match als gefährlichster RBK-Akteur ausgemacht, gingen wenig Impulse aus. Der Tscheche hatte lediglich 53 Ballkontakte und spielte nur zwei Key Passes.

Einfaches Spiel von Rosenborg

Die Spielanlage der Norweger war sehr einfach gestrickt. Sie legten ihr Hauptaugenmerk auf die Defensive, waren stets mit mindestens zehn Spielern hinter den Ball und zogen ihr Zentrum kompakt zusammen. Die Außenverteidiger, besonders Gamboa auf der rechten Seite, wagten kaum Vorstöße, so dass man auch in eigenem Ballbesitz eine klare drei-zu-eins-Überzahl gegenüber Rapid-Stürmer Boyd hatte. Nach vorne hin schalteten sie schnell um, ohne jedoch spektakuläre Kombinationen aufzuziehen – nur drei Pässe am Stück spielte Rosenborg im Schnitt. Mit geradlinigen Vertikalpässen und vor allem langen Bällen – jeden fünften Pass spielten die Norweger hoch – versuchten sie die Unordnung in Rapids Hintermannschaft nach dem Ballgewinn auszunutzen. Als Taktgeber tat sich besonders Diskerud im defensiven Mittelfeld hervor. Gegen den Ball war er ein klassischer Sechser, stellte Räume und Passwege zu, wodurch er auf starke sieben Interceptions kam, mit ihm lenkte er das Spiel wie oben erwähnt mit hohen, direkten Bällen – fünf der sieben langen Pässe kamen an.

Kein Druck über die Seiten

Der einzige Rosenborg-Spieler, der noch mehr solcher Bälle schlug war Linksverteidiger Dorsin (8). Neben dieser Tatsache und der, dass er das zwischenzeitliche 2:0 erzielte, fiel er besonders durch sein Defensivspiel auf. Zwar positionierte er sich nicht gar so weit an der Seitenlinie wie erwartet, dennoch ergaben sich aufgrund seiner hohen Stellung Räume hinter ihm. Diese wurden von Rapid, vor allem in der ersten Halbzeit, aber kaum attackiert und das obwohl die eigene rechte Seite mit Trimmel und Alar nominell offensiver aufgestellt war als die gegenüberliegende. Zwar schlug der Rechtverteidiger satte zehn Flanken, allerdings meist aus dem Halbfeld, mit denen die kantige norwegische Abwehrreihe keine Probleme hatte. Reginiussen klärte siebenmal, Gamboa und Ronning jeweils sechsmal. Der erfolgreichere Schlüssel wären flache Hereingaben in den Rückraum oder scharf vors Tor, wie in der Nachspielzeit, gewesen. Dass einer der Außenspieler zur Grundlinie durchbrach, war jedoch sehr selten zu sehen – genauso wie schnelle Seitenwechsel, die in der Regel tiefstehende Gegner müdespielen und Lücken öffnen.

Ungenützte Halbräume

Auch auf der anderen Seite gab es einige Freiräume, die von den Rapid-Spielern nicht gesehen bzw. genutzt wurden. Diese kamen jedoch nicht durch eine Fehlstellung des Außenverteidigers zustande kam, sondern in erster Linie durch die intelligenten Laufwege von Burgstaller. Die durchschnittliche Position des 23-Jährigen unterschied sich zwar, wie in obiger Grafik zu sehen, nicht großartig von jener von Alar, sein Bewegungsradius war aber weit größer. Durch seine zentrale Position und Gamboas Verharren auf der Seitenlinie hatte er phasenweise viel Platz in den Halbräumen. Svensson, der nahe Sechser, stand so vor dem Problem ob er nun Burgstaller oder den nachrückenden Ildiz decken sollte. Übernahm er Burgstaller, wurde er von diesem aus der Position gezogen, spielte er auf Ildiz, konnte der Flügelspieler ungestört walten. Diese Konstellationen wurden aber mit fortschreitender Spielzeit immer seltener. Ildiz nahm zunehmend eine defensivere und abwartendere Rolle ein, stieß nicht mehr so energisch vor, während Burgstallers Dynamik nachließ.

Weiters klaffte auch in Rosenborgs linkem Halbraum ein durchaus großes Loch. Die Doppelsechs hatte starken Rechtsdrall, Dorsin stand hoch, was wiederum zur Konsequenz hatte, dass sich Ronning etwas tiefer als sein Nebenmann positionierte um abzusichern. Alar hatte aber nicht nur aufgrund seines verschossenen Elfmeters eine überaus durchwachsene Partie. Nur 49 Ballkontakte, drei Schüsse und eine ausbaufähige Passquote von 76% standen nach dem Spiel beim Steirer zu Buche.

Individuelle Fehlerketten vor Gegentoren

Dass Rosenborg gleich mit dem ersten Gegenschlag zum Erfolg kam, spielte der Jönsson-Truppe selbstverständlich in die Karten – ebenso wie die Vielzahl an Fehlern, die der Rapid Hintermannschaft bei eben jenem Gegentor anzukreiden sind. Zunächst ging Gerson in Hummels-Manier zu überstürzt in den Zweikampf gegen Prica, der dann gegen zwei weitere Rapidler zu einfach durchkommt. Dass Königshofer den Ball gleich zweimal hintereinander nicht festhalten kann, ist angesichts der Tatsache, dass er beide Male von Holm bedrängt wurde noch zu entschuldigen, nicht aber der Querpass von Katzer auf den bedrängten Gerson. Dass dieser trotz schrillender Alarmglocken noch das „Gurkerl“ sucht anstatt den Ball auf die leere Tribüne zu schlagen, ist nur die Draufgabe. Auch beim zweiten Gegentor machte der Brasilianer eine unglückliche Figur, als er unter dem Ball durchsprang. Allerdings darf auch Keeper Königshofer nicht frei von Kritik bleiben, flog der Ball doch in gemächlichem Tempo in den Fünferraum. „Sehr bitter“, so SCR-Kapitän Hofmann. „Wir haben uns viel vorgenommen, aber eine große Chance verpasst, einen guten Start in die Gruppe zu erwischen. Deswegen sind wir natürlich sehr enttäuscht.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem