Nachdem wir die Vereinsstruktur und die defensiveren Akteure des Rosenborg BK vorstellten, kümmern wir uns nun im dritten und letzten Teil unseres RBK-Spezials um... Ein Klassemann im rechten Mittelfeld und sich ergänzende Spitzen: Mannschaftsanalyse Rosenborg BK (2)

Nachdem wir die Vereinsstruktur und die defensiveren Akteure des Rosenborg BK vorstellten, kümmern wir uns nun im dritten und letzten Teil unseres RBK-Spezials um die Spieler, die für die Tore sorgen sollen. Hier sind die offensiven Mittelfeldspieler, Flügel und Angreifer von Rosenborg Trondheim.

Ewig fightender US-Norweger der „offensivere Sechser“

Die offensivere Position auf der „Doppelsechs“ (die eher eine „Doppelacht“ ist) gehört eindeutig Mikkel Diskerud (21). Der in Oslo geborene US-Amerikaner wechselte vor wenigen Wochen von AA Gent nach Trondheim und stellte sich gegen Legia Warschau gleich mit dem entscheidenden Tor für den Aufstieg in die Gruppenphase bei den Rosenborg-Fans vor. Diskerud, der zwei Länderspiele für die USA auf dem Buckel hat, ist vor allem schussgewaltig, gut im Passspiel und als rechtslastiger Spieler eine große Hilfe für Borek Dockal im rechten Mittelfeld. Diskerud ist ein Spieler, der nicht viel nachdenkt, sondern probiert. Er ist ein unermüdlicher Kämpfer bis zur letzten Minute und bei jedem Spielstand und sollte bereits früh in Zweikämpfe verwickelt werden, ehe er sein flexibles Laufspiel entfalten kann. Er sucht, wie die meisten Spieler im Rosenborg-Mittelfeld schnelle Abschlüsse und man sollte ihn nicht schießen lassen.

Holm am linken Flügel als kleine Schwachstelle

Auf der linken Seite ist aktuell Daniel Holm (27), der auch als Angreifer und im rechten Mittelfeld eingesetzt werden kann, Stammspieler. Er spielt seit Beginn der Saison 2011 bei Rosenborg nachdem er zuvor für Aalborg in Dänemark spielte. 2011 war für ihn eine Schnuppersaison, doch 2012 etablierte er sich in der ersten Elf und erzielte in 27 Pflichtspielen 3 Tore. Trotzdem ist er am ehesten ein Wackelkandidat im RBK-Mittelfeld. Er ist der Spieler, den man im Zweifelsfall am ehesten auswechselt, sein Defensivspiel ist ausbaufähig und er vergibt zu viele Chancen bzw. verliert zu viele Zweikämpfe. Im Gegensatz zu Dockal auf der anderen Seite ist er eher ein Spieler, der zur Grundlinie geht. Wenn er jedoch als inverser Winger fungiert sucht er in klassischer Robben-Manier schnell den Abschluss. Da auch sein Außenverteidiger Dorsin eher offensiv ausgerichtet ist, ist es anzuraten, etwaiges Konterspiel über die nicht selten entblößte linke Abwehrseite Rosenborgs zu fahren.

Sein Ersatzmann ist Jaime Alas (23) aus El Salvador. Der kleine Flügelflitzer wurde aber erst zweimal eingewechselt und weit von einem Platz in der RBK-Startelf entfernt.

Top-Mann im rechten Mittelfeld

Der wahrscheinlich beste Spieler im Team ist Borek Dockal (23). Der Tscheche, ehemaliger Kapitän des U21-Nationalteams, wird eine große Karriere hinlegen – davon sind alle überzeugt. Dockal kam im Jahr 2011 von Slovan Liberec, nachdem er bei der U21-EM in Dänemark einer der besten Spieler war. Er überzeugte schon damals mit seinem schnörkellosen, technisch hochwertigen Spiel, großer Mannschaftsdienlichkeit und Torgefahr. Dockal ist ein enorm guter Dribbler, ein guter Distanzschütze und zudem ein sicherer Elfmeterschütze. Er tritt die Eckbälle und Freistöße für sein Team und zirkelt sie regelmäßig sehr gefährlich vors Tor. Der facettenreiche Mittelfeldspieler ist schwer auszurechnen, zieht oft zur Mitte, geht aber auch zur Grundlinie und ist in Rückwärtsbewegung wieder sehr schnell hinter dem Ball. Im Grunde ist Dockal, der heuer bereits acht Tore in der Liga und sechs im Europacup machte, ein Spieler ohne auffällige Schwächen, der bald in einer großen Liga und im tschechischen Nationalteam unterkommen wird. Auf ihn wird Rapid insgesamt wohl am meisten aufpassen müssen.

Marokkanischer Wirbelwind als hängende Spitze

Nachdem Henriksen nach Alkmaar wechselte (er spielte auch oft auf der Verbindungsposition im 4-4-1-1) ist nun der in Marokko geborene Norweger Tarik Elyounoussi (24) der antizipative Stürmer. Ähnlich wie Dockal dürfte auch Elyounoussi für Rosenborg nicht mehr lange zu halten sein. Der Offensivmann, ein aktueller norwegischer Teamspieler, ist als schlanker, filigraner Spieler zu bezeichnen und gilt aufgrund seiner großen Dribbelstärke und Schnelligkeit als einer der interessantesten Spieler der norwegischen Liga. Er wechselte während der Saison von Fredrikstad zu Rosenborg und absolvierte erst sechs Pflichtspiele für das Team, in denen er sein großes Potential bereits mehrfach bewies. Er entfachte in Norwegen eine Schiedsrichter-Diskussion, da er in der Vergangenheit mehrmals rüde gefoult wurde, wonach die Schiris angehalten wurden, Spieler wie Elyounoussi besser zu schützen. Die Vorgehensweise gegen den 172cm großen Stürmer ist klar: Unbedingt Körperkontakt suchen, immer hie und da ein bisschen anschieben, aber unbedingt Fouls vermeiden. Elyounoussi bewegt sich hauptsächlich auf der Zentralachse und dort sind Freistöße aufgrund der Fähigkeiten von Borek Dockal sehr gefährlich. Der agile Tricksler muss nicht unbedingt permanent den Boden küssen, aber er ist ein Spieler, der unbedingt Gegenspieler spüren muss.

Ebenso wendiger Nigerianer als Ersatzmann

Der Ersatzmann für diese Position ist der Nigerianer John Chibuike (23), der ebenfalls nahe an der Startelf ist. Er kam vor einem Jahr von Häcken aus Schweden und ist eigentlich ein ähnlicher Typ wie Elyounoussi. Die Unterschiede liegen darin, dass sein Spiel weniger flexibel ist. Er ist eher ein Stürmer als eine hängende Spitze und sucht daher schneller den Abschluss und fordert weniger den Ball, sondern bewegt sich intensiver ohne Ball. Chibuike ist jedoch ebenfalls ein sehr guter und schneller Dribbler und ist vor allem für seine Körpertäuschungen und schnelle Richtungsänderungen ohne Ball gefürchtet. Der 23-Jährige ist wahrscheinlich nicht allererste Wahl, aber man darf ihn speziell nach Einwechslungen nicht unterschätzen – Chibuike sollte nicht aus den Augen verloren werden und es ist gerade bei seinen Läufen in die Schnittstellen immer Vorsicht geboten. Allerdings ist er auch ein Spieler, der häufig ins Abseits läuft.

Lernfähiger Knipser als „falscher Target Player“

Klare Sache: Der Einserstürmer ist der Schwede Rade Prica (32). Sowohl in der deutschen Bundesliga bei Hansa Rostock, als auch in der englischen Premier League bei Sunderland konnte er nie Fuß fassen, aber seit 3 ½ Jahren ist er der Knipser des Rosenborg BK. Ursprünglich war Prica ein klassischer Target Player, ein Spieler mit hoher Positionstreue in der offensiven Zentrale. Doch das änderte sich in den letzten drei Jahren und Prica ist nun offensiv ein wichtiger Teamplayer, der Bälle gut behauptet, seinen Schwerpunkt etwas tiefer anlegt und auch im Pressing gemeinsam mit seinen äußeren Mittelfeldspielern gute Figur macht. Einzig in der Abwehr, etwa bei Standardsituationen, ist Prica sehr schwach – man sieht ihm an, dass er diese Aufgaben nicht gerne ausführt. Prica ist in erster Linie ein Vollstrecker mit einem harten Schuss und solider Technik. Er bewegt sich auf den ersten Metern, speziell im Strafraum, sehr gut und man muss stets hellwach sein, um ihn nicht auf den entscheidenden zwei bis drei Metern davonziehen zu lassen. Etwas überschätzt wird Pricas Kopfballspiel und seine Balance in der Luft. Wenn er in Luftduellen einen Gegner spürt, gewinnt er nicht viele dieser Duelle. Was natürlich nicht heißen soll, dass man ihn frei zum Kopfball kommen lassen sollte…

Premier-League-Dino als Super-Sub

Sein Ersatzmann ist der 79-fache norwegische Teamspieler (21 Tore) Steffen Iversen (35). Iversen spielte sieben Jahre für Tottenham, stand auch bei den Wolverhampton Wanderers und Crystal Palace unter Vertrag und kickt seit Beginn der Saison 2012 wieder für Rosenborg Trondheim, wo er einen perfekten Ergänzungsstürmer abgibt. Er weiß natürlich genau, wo er zu stehen hat und wie er sich zu bewegen hat und so ist er, auch wenn er an Schnelligkeit einbüßte, weiterhin brandgefährlich. Was Prica früher klassischerweise war, ist Iversen heute: Ein Target Player. Wenn er kommt, dann um Tore zu schießen und nicht um gruppentaktische Aufgaben in der Defensive zu erfüllen oder aktiv im Spielaufbau zu sein.

Die markantesten Schwächen

Man kann Rosenborg Trondheim auf verschiedene Weisen unter Druck setzen: Die markantesten Probleme liegen wohl im Umschaltspiel von Offensive auf Defensive auf der linken Abwehrseite (Dorsin-Holm), die Lücke auf der rechten Angriffsseite (Gamboa-Dockal), wenn der eine sehr viel nach vorne macht und der andere zu wenig, sowie eine mögliche Schwäche von Reginiussen und Rönning gegen schnelle, wendige Stürmer. Letzteres hängt von der Tagesverfassung der beiden Spieler ab, aber es kann nur von Vorteil sein, wenn Strandberg nicht spielen kann.

Eine weitere Unbekannte im Team von Rosenborg ist die junge Mittelfeldzentrale auf Box-to-Box-Basis. Einen echten Chef gibt es nicht und so besteht immer ein kleines Fragezeichen, ob die gruppentaktischen Automatismen – speziell im gemeinsamen Umschaltspiel – immer greifen.

Andererseits wurde Rosenborg in den letzten Jahren auch wieder flexibler: Zwar sind die Mittelfeldspieler Svensson und Selnaes jung, dafür aber hochveranlagt. Mit Borek Dockal zog man einen Top-Mann an Land und auch Rade Prica durchlebte eine Wandlung im Sinne des modernen Fußballs, die man nicht mehr für möglich hielt. Mit Reginiussen und Strandberg verfügt man über gute Innenverteidiger, mit Dorsin über einen Leader und mit Elyounoussi über eine absolut positive Wundertüte und einen Unruheherd für die gegnerische Abwehr.  Diese Mannschaft ist noch lange nicht fertig, aber der Grundstock hat durchaus Potential.

Einschätzung der Chancen

Es muss nicht betont werden, dass die Spiele gegen Rosenborg BK schwer werden, aber der aktuelle Tabellendritte Norwegens muss auf Augenhöhe sein. Kompaktheit und enge Räume in der Defensive sind gegen das direkte Spiel des norwegischen Rekordmeisters das Um und Auf. Es ist relativ klar, welche Spieler besondere Aufmerksamkeit erfordern (Dockal, Elyounoussi) und welche Spieler vor allem am flächentechnisch erweiterten Radar aufscheinen sollten (Diskerud, Prica, Dorsin). Rapid hat die größere individuelle Klasse und kann Rosenborg in beiden Spielen schlagen, wenn man den Norwegern sein Spiel aufzwingt. Andererseits hat Rosenborg Spielertypen, über die Rapid nicht verfügt (Elyounoussi, Diskerud) und gilt als Mannschaft, die statistisch gesehen schwer zu schlagen ist.

Aufstellung Rosenborgs beim 2:0-Auswärtssieg in Stabaek

 

Aufstellung Rosenborgs beim 3:0 gegen Valerenga Oslo und wahrscheinlichste Aufstellung gegen Rapid

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen