Wir schreiben die 90.Minute in Wien-Hütteldorf: Helge Payer pariert einen Kopfball von Ibrahim Sekagya und verhindert damit den Salzburger Anschlusstreffer zum 3:4. Es war... Burgstaller mal 3, zentrales Mittelfeld top – Rapid besiegt Red Bull Salzburg „ohne“ Torhüter mit 4:2!

Wir schreiben die 90.Minute in Wien-Hütteldorf: Helge Payer pariert einen Kopfball von Ibrahim Sekagya und verhindert damit den Salzburger Anschlusstreffer zum 3:4. Es war die erste gute Aktion des Rapid-Schlussmannes in einem Spiel, das Rapid mit überzeugendem Fußball und einem über die volle Spielzeit total dominanten Mittelfeld für sich entscheiden konnte.

Aber alles der Reihe nach: Rapid startete mit einem 4-2-3-1-System, Patocka statt des gesperrten Pichler in der Innenverteidigung und erneut Prager und Heikkinen auf den defensiv-zentralen Positionen ins Spiel. Red Bull Salzburg stellte mehrfach um, brachte Ibrahim Sekagya im defensiven Mittelfeld, was sich im Hanappi-Stadion schon einmal bewährte. Ulmer und Hierländer nahmen die Außenverteidigerpositionen ein, im Mittelfeld wurde oft rochiert und Leonardo war stets auf vielen verschiedenen Positionen zu finden (pfiff allerdings nach den ersten misslungenen Aktionen aufs Spiel). Ricardo Moniz stellte im Laufe der Partie mehrmals um, musste oft die Flexibilität seiner Spieler bis zum Äußersten ausreizen – aber keine Variante war gut bzw. stabil genug, um Rapid in den Griff zu bekommen. Die Rückkehrer Mendes und Douglas saßen zu Beginn des Spiels auf der Bank.

Rapid von Beginn an aggressiver

Von Red Bull Salzburg musste man nach der 0:3-Niederlage in Mattersburg eine Trotzreaktion und veränderte Körpersprache erwarten – damit rechnete auch Rapid, das von der ersten Minute an große Aggressivität und den unbändigen Willen Zweikämpfe zu gewinnen entgegensetzte. Erstmals sichtbar wurde dies in der 5.Minute: Eine verunglückte Ballstafette über Katzer und Drazan landet eigentlich beim Salzburger Außenverteidiger Hierländer – der völlig überforderte 20-Jährige verliert den Ball jedoch am bissigen Steffen Hofmann, der den Ball auf Drazan weiterspielt. Die letzte Station der Aktion ist Markus Katzer, der mit dem schwächeren rechten Fuß abzieht und Gustafsson keine Chance lässt – auch weil sich Franz Schiemer in der Schussbahn des Balles wegduckte. Auch die folgenden 20 Minuten gehörten klar und deutlich dem Rekordmeister, der Red Bull Salzburg zu Hause selten zuvor so beherrschte wie in der Anfangsphase des gestrigen Heimspiels. Über einen 0:2- oder 0:3-Rückstand hätte sich die Moniz-Elf zu diesem Zeitpunkt nicht beschweren dürfen.

Rapid mit hoher Pressingzone

Taktische Gründe für die bis dato deutliche Überlegenheit Rapids: Die Hütteldorfer erschwerten den Salzburgern den Spielaufbau, indem man die Pressingzone in die Hälfte der Bullen verlagerte. So orientierte sich etwa Markus Heikkinen, Rapids defensivster Mittelfeldspieler, nicht selten in Richtung Ibrahim Sekagya, wenn Red Bull Salzburg versuchte das Spiel aus der eigenen Hälfte heraus aufzubauen. Hinter dem aggressiv attackierenden und allgemein deutlich verbesserten Heikkinen machten dann mit Hofmann und Prager zwei Spieler die Zentrale zu, die etwas mit dem Ball anfangen und das Spiel des Gegners lesen können. Diese Variation sah man auch mit anderen Spielern, was wiederum dem Einzelnen Kraft sparte. Die defensive wie offensive Laufstärke der Außenspieler Drazan und Trimmel und die grundsolide Defensivleistung der Außenverteidiger Katzer und Schimpelsberger machten das Mittelfeld komplett dicht. Rapid betrieb als Mannschaft (gruppentaktisch) großen läuferischen Aufwand, ohne, dass die Spieler sich einzeln verausgabten. Die Variante mit Burgstaller als Solospitze kam diesem Konzept ebenfalls gelegen, da er in Rückwärtsbewegung häufig einen offensiven Mittelfeldspieler abgab und Rapid somit spontan auf ein kompaktes 4-6-0-System umstellen konnte. Hinzu kam die große Sicherheit der Grün-Weißen im Passspiel: Der Tabellendritte musste zahlreiche schwierige Bälle behaupten, sich aus kniffligen Situationen befreien, verlor jedoch nie die Nerven und löste den Großteil der technisch anspruchsvollen Aufgaben souverän.

Wallner entschlossener als Payer

Obwohl Salzburg nie richtig ins Spiel kam: Die Elf von Ricardo Moniz ist aufgrund ihrer individuellen Klasse stets für Tore gut. Das bewies die Mannschaft nach 28 Minuten: Nach einer Ecke kommt der Ball über Pasanen glücklich zu Wallner und Schiemer – Ersterer stochert den Ball glücklich zum 1:1 ins Tor. Helge Payer reklamierte umgehend ein Foul bei Schiedsrichter Gangl, sah dafür die gelbe Karte. Das Tor der Salzburger war jedoch regulär: Payer wurde von Wallner und Schiemer – beide nicht im Abseits – behindert, aber nicht gefoult. Payer hatte zwei Möglichkeiten den Ball unter Kontrolle zu bringen, zeigte aber körperlich zu wenig Präsenz und ließ sich auf dem Rücken liegend von Vollblutstürmer Wallner die Schneid abkaufen. Salzburg war wieder im Spiel, wurde aber schon wenige Minuten später erneut kalt geduscht.

Perfekter Freistoßtrick

In der 34.Minute vollendete Rapid einen mustergültigen Freistoßtrick, der erst vor kurzem mit Co-Trainer Thomas Hickersberger einstudiert wurde. Drazan läuft an, nimmt jedoch aktiv nicht am Freistoß teil. Stattdessen passt Hofmann auf Prager, dieser zurück auf Hofmann und dieser ideal in den Lauf von Guido Burgstaller, der sich hinter der Mauer ideal löste und Gustafsson keine Chance ließ. Eines der technisch feinsten Tore der bisherigen Bundesligasaison bringt Rapid das 2:1 und die vor wenigen Minuten neu gemischten Karten lagen nun wieder bei Grün-Weiß. Der Torjubel der erfolgreichen Protagonisten mit Co-Trainer Hickersberger sprach Bände über die neu gefundene Leichtigkeit und gute Stimmung im Team des SK Rapid.

Payer patzt, Katzer rettet

Nach der Pause brachte Salzburg-Coach Ricardo Moniz David Mendes da Silva für den mittlerweile rotgefährdeten Stefan Hierländer und schob die Grundanlage seiner Mannschaft, deren Mittelfeld davor von Ibrahim Sekagya (ab sofort in der Innenverteidigung) organisiert wurde, um einige Meter weiter nach vorne. Kurze Zeit später kam auch noch Stefan Maierhofer (unter den Pfiffen der Rapid-Fans) und Salzburg schien den Anschluss an eine für die Bullen zähe Partie zu finden. Für wenige Minuten drängte man Rapid tiefer in die eigene Hälfte und fand nach etwa einer Stunde die größte Chance auf den Ausgleich vor: Eine Gut-Glück-Flanke von Zárate findet den Weg in den Strafraum, wo Stefan Maierhofer dem Ball mit seiner großen körperlichen Präsenz  entgegen geht. Helge Payer irrt völlig indisponiert und unentschlossen durch den Strafraum und am Ende ist es Markus Katzer, der kurz vor der Linie für seinen geschlagenen Keeper retten muss. Es war erneut eine Aktion, wie man sie von Payer im Laufe der Saison mehrmals sah – und für die so mancher Regionalligatorhüter schon sein Einserleiberl abgeben musste…

Hofmann und Prager leiten Burgstallers Dreierpack ein

Rapid blieb im Mittelfeld dennoch kompakt und beherrschte Salzburg über weite Strecken. Zu Beginn der Rapid-Viertelstunde belohnte man sich für eine engagierte und kreative Leistung: Ideales Zuspiel von Prager auf Hofmann, der legt quer für Burgstaller und es steht 3:1. Nur fünf Minuten später die Krönung: Die überragenden Hofmann und Prager erobern im Mittelfeld neuerlich einen Ball, Kapitän Hofmann schickt Burgstaller auf die Reise, dieser nimmt Sekagya noch einige Meter ab und schließt, vom Selbstvertrauen nach vorne gepeitscht, zum 4:1 ab. Es war Burgstallers viertes Saisontor im sechsten Ligaspiel für Rapid – der 22-jährige Kärntner braucht in der Bundesliga im grün-weißen Dress im Schnitt nur 114 Minuten für ein Tor. Eine Bilanz, die man sich vor dem Spiel noch nicht erträumen konnte, nach so kurzer Zeit aber auch noch keine Jubelstürme zulässt. Ein kleiner Schönheitsfehler bei Burgstallers zweitem Tor: Der bereits verwarnte Offensivmann sprang vor der Westtribüne auf den Zaun um mit den Fans zu feiern. Streng genommen hätte dies Gelb-Rot bedeuten können, wie es in der vergangenen Saison bei Mattersburgs Patrick Bürger in einem Spiel gegen den SK Rapid der Fall war.

Payer und die hohen Bälle

Der Schlusspunkt nur eine Minute später gehörte schließlich noch Red Bull Salzburg – und Helge Payer. Der Rapid-Schlussmann verlor ein Luftduell mit Stefan Maierhofer und entschloss sich in der Folge nicht mehr am Spiel teilzunehmen. Über Sekagya und Pasanen kam der Ball zum eigentlich im Abseits stehenden Stefan Maierhofer, der auf 2:4 aus Sicht der Salzburger verkürzen konnte. Payer muss den Treffer, der aus dem zweiten echten Torschuss der Salzburger resultierte, allerdings auf seine Kappe nehmen: Zuerst verlor er den Zweikampf, danach blieb er noch Sekunden lang am Ort des verlorenen Zweikampfes stehen. Die Schreie von der Tribüne gegen den angezählten Rapid-Keeper werden lauter und stellen einen kleinen schwarzen Punkt an einem (fast) perfekten Fußballnachmittag für Rapid dar. Payer, dessen Vertrag im Juni 2012 ausläuft, muss sich im Frühjahr auf ein schwieriges Duell mit dem Slowaken Jan Novota einstellen und wird eine möglicherweise angestrebte Vertragsverlängerung nur zu deutlich verringerten Bezügen erreichen. Zurecht, denn der einst gefeierte Welser mutierte im Laufe der letzten fünf Jahre zum wohl schlechtesten Torhüter der heimischen Bundesliga…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen