Der Wiener Austria ist der Pflichtspielauftakt in die Saison 2016/2017 gelungen. In der zweiten Qualifikationsrunde für die Gruppenphase der UEFA Europa League schlugen die... Höhere Flexibilität und mehr Rochaden: Das neue System der Wiener Austria

Thorsten Fink - FK Austria Wien_abseits.atDer Wiener Austria ist der Pflichtspielauftakt in die Saison 2016/2017 gelungen. In der zweiten Qualifikationsrunde für die Gruppenphase der UEFA Europa League schlugen die Veilchen den albanischen Vertreter FK Kukesi mit 1:0. Besonders die neuen Abläufe im Ballbesitzspiel waren dabei interessant und sollen in diesem Artikel erläutert werden.

Im letzten Jahr waren die Spiele der Austria in den Augen vieler sehr langweilig und monoton. Das Problem dabei war allerdings weniger, dass die Veilchen über keine Spieler verfügten, die beschleuningende Pässe spielen könnten, sondern vielmehr, dass oft die entsprechenden Anspielstationen fehlten. Das Risiko war in vielen Szenen zu hoch, sodass meist ein Sicherheitspass folgte und das Spieltempo niedrig blieb.

Holzhausers Abkippen zur Seite

In der Sommerpause dürfte FAK-Coach Thorsten Fink diesem Manko entgegengesteuert haben, denn im Spiel gegen den FK Kueksi sah man eine neue Ordnung im Ballbesitzspiel. Begonnen wurde damit bereits in der ersten Aufbaulinie. Letzte Saison rückte Raphael Holzhauser ausschließlich gerade nach hinten und positionierte sich zwischen den auffächernden Innenverteidigern. Im gestrigen Spiel fand man ihn häufiger halblinks, wie zum Beispiel das nachstehende Bild beweist.

Dieses seitliche Abkippen hat einen großen Vorteil. Oft sieht man mittlerweile eine Manndeckung gegen abkippende Sechser, sodass der primäre Zweck dieser Methode – nämlich den Innenverteidigern den Spielaufbau abzunehmen – simpel verhindert wird. Verfolgt der Gegner den abkippenden Sechser, wenn dieser zur Seite rückt, dann wird damit allerdings die Mitte geöffnet. Die Innenverteidiger haben so mehr Zeit und können trotz ihrer in aller Regel niedrigeren Aufbauqualitäten den Ball nach vorne treiben.

Auch für Holzhauser selbst bringt diese Art des Anbietens Vorteile. Dass er nämlich genau so eng manngedeckt wird, wie oben beschrieben, wird eher die Ausnahme sein. Vielmehr neigen die Stürmer dazu, gewissermaßen eine Zwischenposition einzunehmen. Holzhauser hat dann im defensiven Halbraum mehr Platz und kann seine langen Pässe besser vorbereiten. Gerade wenn er den Ball diagonal spielen will ist das ein wichtiger Faktor. Aber auch bei einem geraden Pass nach vorne spielt ihm die halblinke Position in die Karten, da der Winkel günstiger und die Zahl der zu überspielenden Gegner geringer ist.

Vielseitige Rolle für Außenverteidiger

Ebenfalls im obigen Bild angedeutet ist die Rolle der beiden Außenverteidiger. Schon in der letzten Saison waren sie ein essentieller Bestandsteil des Ballbesitzspiels, da die Austria den Spielaufbau im zweiten Drittel auf sie verlagerte und oft Durchbrüche entlang der Seite suchte. In der kommenden Saison dürften sie eine vielseitigere und weiträumigere Rolle innehaben. Sie bestimmten mit ihren Bewegungen nämlich in welcher Ordnung die Austria am Platz stand.

In diesem Bild stehen Christoph Martschinko und Jens Stryger Larsen in den offensiven Halbräumen, stellen so eine 3-1-3-3-Ordnung her und übernehmen dadurch wichtige Aufgaben im Kombinationsspiel. Sie sind nämlich die Verbindungen zur bzw. Unterstützungen für die Offensivreihe und die erste Instanz im Gegenpressing. Abgesehen von der oben zu sehenden Ordnung sah man bei der Austria auch 3-3-1-3- und asymmetrische 3-2-2-3-Staffelungen, die abhängig von der Positionierung der Außenverteidiger waren.

Sie agierten in ihrer Grundposition variabel: mal boten sie sich kurz an, mal suchten sie mit explosiven Sprints in die Tiefe, mal versuchten man mit ein paar Schritten zur Seite einen Gegenspieler wegzuziehen. Mal positionierten sie sich breit, mal eher zentral.

Martschinko und Larsen eignen sich für diese Rolle durchaus gut, denn beide sind athletisch sowie technisch gut, dynamisch und kombinationsstark. Sie könnten somit die Schlüsselspieler im neuen System von Fink werden.

Zehner und Achter als Unterstützer

Im Mittelfeldzentrum agierte neben Holzhauser zwei junge, unerfahrene Spieler: Tarkan Serbest auf der Achter- und Dominik Prokop auf der Zehnerposition. Auch sie passten durch ihr Spielprofil sehr gut zur neuen Ausrichtung, denn ihre Aufgabe lag weniger darin, das Spiel zu strukturieren, sondern zu balancieren. Serbest diente als Anker für Holzhauser und die eingerückten Außenverteidiger. Er bewegte sich im zweiten Drittel unauffällig, aber sicher.

Prokop bewegte sich sehr flexibel und kleinräumig im Zehnerraum, bot sich immer wieder zwischen den gegnerischen Positionen an und hielt seine Ballbesitzzeiten sehr gering. Verbunden mit den nachstoßenden Mitspielern ergaben sich dadurch immer wieder Möglichkeiten, schnell durch die Schnittstellen zu spielen.

Es wird interessant zu beobachten sein, wir Fink hier personell reagieren wird. Alexander Grünwald und Roi Kehat sind zwar grundsätzlich Spieler, die diese Rolle übernehmen könnten, vom Typ her allerdings deutlich dominanter als die beiden Youngsters.

Offensivreihe mit Sprints in die Tiefe

In der Offensive sind die Rollen wie erwartet klar abgesteckt, denn mit Lary Kayode, Lucas Venuto und Neuzugang Felipe Pires haben die Veilchen drei technisch gute und vor allem blitzschnelle Spieler. Gerade im Umschaltspiel – und damit insbesondere in einer etwaigen Europacup-Gruppenphase – sind die drei somit eine sehr gefährliche Waffe. Beim Siegtor konnte man dies eindrucksvoll sehen, als Kayode und Pires ihren Gegenspieler davonliefen.

Aus dem Positionsspiel heraus agierte das Trio nicht so variabel wie man es eventuell erwartet hätte. Die Flügelspieler blieben meist breit, variierten wenn, dann nur in ihrer Höhe. Sie gingen kaum Kurzpasskombinationen ein, sondern suchten meist den Weg hinter die Abwehr. Gerade gegen tiefstehende Mannschaften wird dadurch der letzte Pass schwierig.

Geheimtipp dank Kontinuität?

Die Erwartungen an die Austria und der Druck auf sie sind vor der kommenden Saison wohl so gering wie schon länger nicht mehr. Red Bull Salzburg hat personell extrem aufgerüstet und Erzrivale SK Rapid sorgt mit seinem neuen Stadion für viel Aufsehen. Die Austria punktete im bisherigen Sommer mit Kontinuität und punktuellen Verstärkungen. In diesem vergleichsweise ruhigen Umfeld hat Trainer Fink zudem offenbar an wichtigen taktischen Stellschrauben gedreht. Entwickelte sich die Wiener Austria damit zu einem Geheimtipp?

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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