Nach dem Spiel zwischen dem SK Rapid Wien und dem SK Sturm Graz waren sich die so genannten Experten der heimischen Medienlandschaft nicht sicher,... Mangel an gruppentaktischer Konzentration: Rapid holt gegen Sturm nur ein 1:1


Peter SchöttelNach dem Spiel zwischen dem SK Rapid Wien und dem SK Sturm Graz waren sich die so genannten Experten der heimischen Medienlandschaft nicht sicher, wieso Rapid in der zweiten Halbzeit derart abfiel und den Belagerungszustand in der Sturm-Hälfte nicht aufrechterhalten konnte. Die grundlegenden Probleme des Rekordmeisters zeigten sich jedoch schon in der ersten Halbzeit.

Rapid begann das zweite Heimspiel des Frühjahres druckvoll und verstand es Sturm Graz in der eigenen Hälfte einzuschnüren. Das 1:0 durch Branko Boskovic nach Assist von Markus Katzer (allerdings aus Abseitsposition erzielt) nach 29 Minuten war die logische und überfällige Folge der Rapid-Überlegenheit. Doch auch wenn das Spiel wie auf einer schiefen Ebene anmutete, machte Rapid selbst im Zuge der durchaus guten ersten Halbzeit einige Fehler.

In die Spitze orientieren statt entgegenkommen

Vergebene Torchancen sind eine Sache – die fehlende grün-weiße Effizienz zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison 2012/13 und die vorangegangenen Spielzeiten. Das größere Problem stellt jedoch mangelnde Konzentration im taktischen bzw. stellungstaktischen Bereich dar. Vor allem in der ersten Halbzeit war immer wieder zu erkennen, dass sich die drei offensiven Mittelfeldspieler Rapids viel zu offensiv orientierten. Phasenweise standen sogar bis zu fünf Rapid-Spieler im Spielaufbau auf einer Linie mit der Sturm-Abwehr (Boyd, Alar, Burgstaller, Trimmel, Hofmann). Ein gepflegter Spielaufbau wurde dadurch stark beeinträchtigt.

Weite Bälle statt geduldigem Spielaufbau

Die Innenverteidiger Rapids versuchten das Spiel aufzubauen und suchten als erste Anspielstation den sich weit zurückfallen lassenden Branko Boskovic. Der Montenegriner ist nicht als Spieler für unüberlegte Pässe bekannt und versuchte das Spiel umsichtig aufzubauen. Demnach passte er der Innenverteidigung die Bälle vor allem in der ersten Halbzeit immer wieder zurück, um Sturm ein wenig aus der Reserve zu locken. Rapids Verteidiger machten bei diesem Geduldspiel allerdings nicht mit und spielten immer wieder hohe, weite Bälle in die Spitze. Das markante Loch im zentralen Mittelfeld schien dies unabdingbar zu machen (was jedoch nicht stimmt – Näheres dazu später!).

Viele weite Bälle auf Stürmer – Hochbetrieb bei Boyd und Okotie

Das Spiel von Sturm Graz präsentierte sich ähnlich, aber auf eine noch unkontrolliertere Art und Weise. Die Grazer mussten sich häufig mit weiten Bällen in Richtung Rubin Okotie befreien, weil das Gegenpressing Rapids in der gegnerischen Hälfte enorm hoch vonstatten ging. Dies war auch der Grund dafür, warum Rapid in der ersten Halbzeit sehr viele zweite Bälle erarbeiten konnte bzw. Sturms Konter mit gutem Gegenpressing oft noch vor der Mittellinie abfing. Das Spiel der beiden Teams hatte eine überdurchschnittlich häufige Überbrückung des Mittelfelds zur Folge, was wiederum die beiden Solospitzen enorm strapazierte: Terrence Boyd bestritt 43 Zweikämpfe, was ein äußerst hoher Wert ist. Rubin Okotie überbot den US-Amerikaner jedoch noch und wurde in 58 Zweikämpfe verwickelt – ein rekordverdächtiger Wert!

Gewonnene Zweikämpfe konnten nicht verarbeitet werden

Die beiden Angreifer bestritten zusammen also 101 Zweikämpfe – allerdings spielten sie gemeinsam nur 34 Pässe (Boyd 21, Okotie 13). Eine Statistik, die ebenfalls Bände spricht, da sie besagt, dass die Angreifer ihre Ballgewinne aus gewonnenen Zweikämpfen äußerst selten gezielt an den Mann bringen konnten. Der Hauptgrund dafür: Die Anspielstationen der Angreifer rückten nicht konsequent genug nach – speziell bei Sturm war dies über die gesamte Spieldauer ein Problem.

Schwierige Situationen für Boyd

Bei Rapid wären zwar genug Spieler rund um Terrence Boyd platziert gewesen, allerdings hauptsächlich in der Breite, anstatt in der Tiefe, wie es etwa in Salzburg der Fall war. Boyd hatte grundsätzlich Probleme mit Ballannahme und Weiterverarbeitung (wie so oft) – umso ungünstiger war es für ihn, dass er so gut wie immer in kompliziertere Bewegungen gezwungen wurde. Obwohl er 48,8% seiner Zweikämpfe gewann und den Ball immer wieder solide behaupten konnte, musste er praktisch in die Breite auf „Mitspielersuche“ gehen, anstatt den Ball prallen zu lassen und sich selbst wieder in den freien Bereich bewegen zu können.

Automatismen greifen aufgrund zu hoher Positionsuntreue nicht

Ein damit einhergehendes Problem, das Rapid im Laufe der gesamten Partie schwächte: Burgstaller, Alar und später auch Sabitzer versuchen ihr Spiel zwar fluid anzulegen, spielen allerdings mit derart hoher Positionsuntreue, dass ihre Bewegungen sogar für ihre Mitspieler unberechenbar waren. Somit ist es für Rapid schwer, geordnete Automatismen zu kreieren, wie man sie etwa aktuell bei der Wiener Austria findet. Für den Beobachter wirkt dies dann so, als wäre die Mannschaft unkonzentriert – ist sie auch, aber nicht im Bezug auf einzelne Pässe oder individuelle Fehler, sondern aufgrund der schlampigen mannschafts- und gruppentaktischen Raumaufteilung im Spiel nach vorne.

Boskovic als wichtiger Ordner im Rapid-Spiel

Diesbezüglich muss Rapid geradliniger werden. Fluidität ist gut, wird jedoch zum Problem, wenn die Positionstreue zu gering wird und die Automatismen nicht mehr greifen. Ein Spieler, der für die Findung der richtigen Mischung äußerst wichtig ist, erzielte nicht nur den Rapid-Treffer, sondern war auch sonst einer der stärksten Spieler auf dem Platz. Branko Boskovic überzeugte mit Übersicht, einer großartigen Passquote (95,3% seiner Pässe kamen an den Mann; 61:3) und dem richtigen Gespür, wann es nach vorne und wann es nicht hinten gehen sollte. Boskovic hatte die meisten Ballkontakte aller Spieler, spielte die meisten Pässe und brachte die meisten Pässe (auch prozentuell) an den Mann. Seine fast schon aufreizende Leichtfüßigkeit muss der Montenegriner noch abstellen, seinem Spiel mehr Dynamik einimpfen. Doch schon im zweiten Spiel nach seiner Rückkehr ist offensichtlich, dass Boskovic eine enorm wichtige Personalie für Rapid ist – auch wenn seine jungen Mitspieler seinen Ideen zum Teil noch nicht folgen können.

Sturm platziert sich höher und erleichtert damit das Konterspiel

Die Passsicherheit des Branko Boskovic war mit ein Grund wieso Rapid in der zweiten Halbzeit das Loch im zentral-offensiven Mittelfeld stopfen konnte. Der 32-Jährige spielte dabei vor allem mit Steffen Hofmann und Markus Katzer sehr präzise und sicher zusammen. Der Grund, dass Rapid trotz mehr Ordnung in der Tiefe in der zweiten Halbzeit abfiel: Der SK Sturm Graz platzierte sich mannschaftlich geschlossen um fünf bis zehn Meter höher, ließ sich dadurch nicht mehr um den Sechzehnmeterraum einschnüren und der Weg nach vorne war kürzer als in der ersten Halbzeit. Plötzlich verfügten die Grazer über ein spielendes Mittelfeld – die Versuche das Mittelfeld zu überbrücken gingen zwar weiter, aber da die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen geringer wurden, waren die Wege des Balles nicht mehr so weit, was präziseres Spiel ermöglichte.

Rapid füllt Zwischenräume, kompaktere Sturm-Elf aber schwerer zu knacken

Rapid änderte an der Spielanlage praktisch nichts. Ausnahmen: Hofmann deckte in der zweiten Halbzeit einen höheren Aktionsradius ab und Markus Heikkinen orientierte sich durchschnittlich etwas offensiver. Somit füllte Rapid die Zwischenräume zwischen defensivem Mittelfeld und Stürmer/Flügelspielern. Allerdings wurde Rapid anfälliger auf Grazer Konter, weil das Umschaltspiel der Blackies durch die höhere Feldposition vereinfacht wurde. Die in der zweiten Halbzeit deutlich aggressiveren Grazer entgingen zudem Rapids Gegenpressing und damit einhergehenden Gegenkontern – ein befreiender Aspekt für den Tabellenvierten.

Anfälligkeit bei Standardsituationen

Die bitterste Pille für Rapid war jedoch die Art und Weise, wie Sturm Graz das 1:1 erzielte. Obwohl Sturm aggressiver und stärker wurde, Rapid trotz zerfahrenen Spiels die Probleme in den Mittelfeldzwischenräumen in den Griff bekam, ließ das Team von Peter Schöttel nicht viel zu. Nur bei Standardsituationen brennte der Hut: Nachdem Okotie bereits zweimal knapp scheiterte, war es Nikola Vujadinovic, der für den Ausgleich sorgte. Es war sein sechster Saisontreffer – der fünfte per Kopf. Klar ist der montenegrinische Innenverteidiger aufgrund seiner Robustheit schwer zu verteidigen, aber die Zuteilung passte nicht: Heikkinen war im Duell mit Vujadinovic nicht fordernd genug, ließ sich vom Duell zwischen Gerson und Okotie ablenken. Währenddessen stand Christopher Trimmel, der ebenfalls eingreifen hätte können, nur wenige Meter zu weit vom Geschehen weg – ohne Gegenspieler.

Rapid gegen Sturm um Platz 3

Unterm Strich steht ein für Rapid enttäuschendes 1:1 und Sturm Graz weckte sich selbst mit einer cleveren und kämpferisch guten Leistung in der zweiten Halbzeit wieder auf. Somit scheint klar: Das Duell um den dritten Platz der Bundesligasaison 2012/13 wird zwischen den Teams aus Hütteldorf und Graz-Liebenau stattfinden.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • Markus

    1.März.2013 #1 Author

    Die Auf-/Einteilung bei diesem Standard-Gegentor war doch auch recht seltsam. Wieso steht mit Boyd gerade einer der besten Kopfballspieler an einer der Stangen? Und wieso wird eben nur die eine Stange abgedeckt? Wäre an der zweiten auch ein Rapidler gestanden, hätte der das Gegentor wohl vereiteln können …

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