Mit einer 0:1-Auswärtsniederlage beendete der SK Rapid Wien die Herbstsaison 2012. Die Ausbeute nach 20 Bundesligaspielen: 38 Punkte bei 12 Siegen 2 Unentschieden und... Wie abhängig ist Rapid von Steffen Hofmann? – …oder von einem weiteren Kreativspieler?

Mit einer 0:1-Auswärtsniederlage beendete der SK Rapid Wien die Herbstsaison 2012. Die Ausbeute nach 20 Bundesligaspielen: 38 Punkte bei 12 Siegen 2 Unentschieden und 6 Niederlagen – macht unterm Strich Platz drei in der Tabelle. Obwohl sich diese Statistik gar nicht so schlecht liest, bekundeten die Fans in den vergangenen Wochen und Monaten ständig ihren Unmut und forderten neben Strukturänderungen vor allem eine Entlastung für Steffen Hofmann. Doch wie wichtig ist der „Fußballgott“ für sein Team wirklich?

Mit der Einstellung von Helmut Schulte als neuen Sportdirektor steigt die Zuversicht der Anhänger, dass das kreative Loch im Mittelfeld nach zweieinhalb Jahren geschlossen wird. Als aussichtsreicher Kandidat für den vakanten Posten im Mittelfeld zählt mit Branko Boskovic ein alter Bekannter. Der Montenegriner spielt auch in diesem Artikel eine zentrale Rolle, dennoch soll gleich vorneweg erwähnt werden, dass dies kein explizites Plädoyer für den 32-Jährigen ist.

Falsche Ansätze und Einschränkungen

Es ist nicht abzustreiten, dass Steffen Hofmann den SK Rapid und auch die österreichische Bundesliga geprägt hat wie kaum ein anderer Spieler in den letzten Jahren. Der 32-jährige Deutsche ist mehrfacher Fußballer des Jahres, wurde Torschützenkönig und führte sein Team zweimal zum Meistertitel. Dennoch wird häufig der falsche Ansatz gewählt um die Wichtigkeit – oder besser gesagt die Abhängigkeit – des Mittelfeldspielers zu demonstrieren. Man neigt dazu, die Spiele, in denen Hofmann aufgelaufen ist, jenen gegenüberzustellen, in denen er gefehlt hat.

Seitdem er im Sommer 2006 nach seinem unglücklichen Engagement beim TSV 1860 München zurückkehrte holte Rapid im Schnitt 1,96 Punkte wenn er auf dem Platz stand – 0,38 mehr als in seiner Abwesenheit innerhalb desselben Zeitraums. Warum das der falsche Ansatz ist? Zum einen, weil Hofmann zwischen Sommer 2007 und Sommer 2010 nur zwei Spiele fehlte, wodurch sich allfällige Fehlerquellen rauskürzen und er dadurch quasi der Repräsentant des Punkteschnitts des gesamten Teams ist.

Umformulierung des Problems

Der schwerwiegendere Fehler ist jedoch, dass generell die falsche Frage gestellt wird. Steffen Hofmann ist für österreichische Verhältnisse ein Ausnahmekönner und, dass ein Verein ohne seinen herausragenden Akteur schlechter abschneidet, sollte niemanden überraschen. Auch wenn man die Verpflichtung eines entlastenden Spielers damit argumentieren will, ist dies der falsche Ansatz. Statt „Wie abhängig ist Rapid von Steffen Hofmann?“bzw. „Wie gut ist Rapid ohne Steffen Hofmann?“ müsste man also „Wie abhängig ist Rapid von einem zusätzlichen Kreativspieler?“fragen. Genau das soll hier anhand der Spiele in den letzten sechseinhalb Jahren geschehen.

Dabei seien folgende Einschränkungen gegeben: Es werden nur Bundesligaspiele berücksichtigt. Ein Spieler gilt als „eingesetzt“ wenn er im jeweiligen Spiel mindestens 30 Minuten auf dem Rasen stand, wodurch sichergestellt wird, dass er genügend Zeit hatte um es zu beeinflussen. Die jeweilige Spielsituation – Spielstand, Über- bzw. Unterzahl eines Teams etc. – geht jedoch nicht in die Betrachtung mit ein, da angenommen wird, dass diese Dinge über den Zeitraum gerechnet gleichverteilt sind.

Der Einfluss von Boskovic

Wie eingangs erwähnt sehnen sich viele nach einem Neuzugang im Mittelfeld, der den Anforderungen des Box-to-Box-Spielertypen genügt. Branko Boskovic ist so einer und weil er bis vor zweieinhalb Jahren bereits das grün-weiße Trikot trug, liegt im Rahmen dieser Untersuchung ein Vergleich mit seinen damaligen Spielen nahe. Wendet man die einfache „Milchmädchenrechnung“ von oben an, so erhält man ein durchaus überraschendes Ergebnis. Stand Hofmann zwischen Februar 2007 und Mai 2010 – also genau während der letzten Boskovic-Amtszeit – am Platz, holten die Hütteldorfer im Schnitt 1,95 Punkte pro Spiel, während es bei Boskovic marginal mehr waren (1,98).

Fehlte der Montenegriner blieb der Schnitt gleich, war Hofmann hingegen abwesend stieg der Schnitt auf 2,50 Punkte pro Spiel – Rapid holte also ohne seinen Kapitän wesentlich mehr Punkte. Ein Blick auf die Einsatzstatistik klärt den Sachverhalt aber schnell auf und ist auch der Grund dafür, dass man hier mehr in die Tiefe gehen muss um eine zufriedenstellende Korrelation herzustellen. Hofmann verpasste, wie bereits erwähnt, in dieser Phase seiner Karriere kaum ein Spiel. Sieht man sich die wenigen Begegnungen an – Pasching (06/07, 1:0), LASK (08/09, 5:2), Mattersburg (08/09, 2:3), Kapfenberg (08/09, 4:0) – erkennt man, dass die jeweiligen Gegner nicht die großen „Kracher“ waren.

Um eine genauere Aussage über den Einfluss der beiden auf einander und auf das Spiel von Rapid treffen zu können, muss man sich die Partien ansehen, in denen jeweils der andere nicht dabei war. Nachdem Hofmann kaum fehlte, gehen hier vor allem die Daten von Boskovic ein. Das nebenstehende Diagramm zeigt das Ergebnis. Auffällig ist, dass die gelben Balken, die den Punkteschnitt der Spiele, in denen Hofmann spielte und Boskovic nicht, zeigen, jährlich kleiner werden. Viermal wurde die geforderte Bedingung in der Frühjahrsrunde der Saison 2006/07 erfüllt und kein einziges Mal verlor Rapid (drei Siege, ein Unentschieden).

Zur damaligen Zeit hatte der Rekordmeister aber neben Boskovic und Hofmann auch weitere Spieler mit annehmbaren kreativen Anlagen in seinen Reihen, wie etwa Mario Bazina, Veli Kavlak oder Ümit Korkmaz. Zudem kam Boskovic mit großen körperlichen Defiziten in die Bundeshauptstadt, weswegen ein halbes Jahr Anpassungszeit durchaus legitim scheint. Die Wende kam schließlich nach der Meister-Saison 2008, als Boskovic vollständig in die Mannschaft integriert und ein wesentlicher Teil des Aufbauspiels war. Den Höhepunkt fand der Trend in der Saison 2009/10, als Rapid aus Spielen mit Hofmann- und ohne Boskovic-Beteiligung im Schnitt nur 1,44 Punkte mitnahm. Mit einer simplen Manndeckung konnte der Gegner Rapids Nummer elf aus dem Spiel nehmen und damit die Offensivmaschinerie lahmlegen.

Schreckliche Entwicklung seit 2010

Dennoch verließ Boskovic den SK Rapid im Sommer 2010, woraufhin sich aufgrund unzureichender Aktivitäten auf dem Transfermarkt und Fehler in der taktischen Praxis das „27er-Problem“ ergab. Mit Kavlak gaben die Hütteldorfer im Sommer 2011 den letzten verbliebenen Entlastungsspieler aus der Anfangszeit des hier angeführten Betrachtungszeitraums ab, ohne jemals einen Abgang mit einem entsprechenden Spielertypen nachzubesetzen. Die Folgen: Fußballerische Magerkost, die sich vor allem durch ein risikoloses und ideenloses Aufbauspiel darstellte. In der Regel bildeten ein destruktive Doppelsechs und zwei technisch beschränkte Innenverteidiger den zentralen Defensivblock, in dem der Ball hauptsächlich quergespielt wurde.

Zwar erkannten die Verantwortlichen dieses Problem und versuchten mit der Verpflichtung des draufgängerischen Gerson und der Rückholung des hochveranlagten Muhammed Ildiz dieser Entwicklung entgegenzusteuern, mehr Punkte brachte dies aber nicht. So holte Rapid in den vier Spielen, in denen Hofmann fehlte und Ildiz spielte im Schnitt nur 0,75 Punkte. Dem 21-Jährigen fehlt noch die Konstanz um das Spiel seiner Mannschaft dauerhaft lenken zu können. Zudem sind nach dem sehr starken Saisonstart von Ildiz auch die Gegner bemüht ihn zu isolieren, wie es etwa beim 0:2 in der Generali-Arena oder beim letzten Heimspiel 2012 gegen Wacker Innsbruck zu sehen war. Letztgenanntes Spiel zeigte auch, dass sich die spielerischen Aspekte im letzten Drittel zusehendes auf die Flügel verlagern, was gerade in Zeiten des aufkommenden Kollektivpressings ein Problem darstellt.

Zum Abschluss sei nochmals betont, dass diese Absätze nicht auf eine explizite Verpflichtung von Branko Boskovic abzielen, sondern vielmehr als Unterstreichung der Wichtigkeit einer flachen Hierarchie im Spielaufbau verstanden werden sollen.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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