Die offensichtlichsten Gründe für das magere 1:1 Rapids gegen den SC Wiener Neustadt sah im Stadion bzw. Fernsehen jeder. Der Rapid-Elf fehlte es an... Rapid, Unausgewogenheit, die falsche zentrale Staffellung und das Problem mit Achter und Neuner…

Die offensichtlichsten Gründe für das magere 1:1 Rapids gegen den SC Wiener Neustadt sah im Stadion bzw. Fernsehen jeder. Der Rapid-Elf fehlte es an Konzentration, Präzision und spielerischem Esprit. Doch nicht nur die schwache Leistung der Mannschaft regt zum Nachdenken an – auch so manche konzeptionelle und planerische Verfehlung.

Rapid fand gegen eine tief und gut gestehende Neustädter Mannschaft kaum Mittel. Der Tabellenvorletzte spielte nicht gut, nahm aber den Kampf kompromisslos an. Als Sinnbild für die Kraftleistung der Niederösterreicher ist Außenverteidiger und Ex-Rapidler Jiri Lenko zu nennen, der mit 58 Ballkontakten die meisten in seinem Team hatte und gleich 27 Zweikämpfe bestritt, von denen er 14 gewann.

Ildiz schwach, aber mit den meisten Ballkontakten

Auf der anderen Seite war Muhammed Ildiz der Mann mit den meisten Ballkontakten. 121-mal berührte der 21-Jährige das Leder und auch seine Zweikampf- und Passquoten lesen sich nicht schlecht. Aber viel stärker wogen die vielen dummen Fehler, die nicht nur Ildiz im Rapid-Mittelfeld fabrizierte. Diese hatten speziell zwei Gründe: Unausgewogenheit auf den Flügeln und eine fehlerhafte Staffelung in der Tiefe. Gehen wir auf die taktischen Fehler und auch deren Ursachen genauer ein.

Selbe Ausrichtung zu Hause gegen Wr.Neustadt wie auswärts in Kharkiv!

Peter Schöttel entschied sich vor der Länderspielpause für ein 4-2-3-1-System, in dem drei etatmäßige Sechser spielten. Ildiz und Heikkinen auf ihren angestammten Positionen, Prager – wie schon in Kharkiv – rechts im Mittelfeld. Rotiert wurde nur „Position für Position“, mit Pichler, Schrammel und Boyd kamen drei Neue ins Team und ersetzten Gerson, Katzer und Alar. Auf der Bank hatte Schöttel etwa Grozurek und Alar gelassen. De facto gab Schöttel oberflächlich betrachtet einen ähnlichen Plan vor wie in Kharkiv. Und das zu Hause gegen einen Abstiegskandidaten der heimischen Liga.

Fehlbesetzter Prager – kein dritter Sechser, aber auch kein rechter Mittelfeldspieler

Dass dieser Plan nicht funktionieren würde, war schnell klar. Das Problem der Unausgewogenheit machte sich bereits nach wenigen Minuten bemerkbar. Der rechte Flügel präsentierte sich fast paradox, denn Außenverteidiger Trimmel war im Durchschnitt (zumindest in der ersten Stunde des Spiels) offensiver als sein vorgelagerter Mittelfeldspieler Prager, der zwar versuchte Box-to-Box zu spielen, aber einmal mehr viel zu körper- und ideenlos agierte, wodurch er in diesem Spiel einer der schwächsten grün-weißen Zweikämpfer war. Und ein spielerischer Antreiber schon gar nicht. Es stellt sich die Frage, wieso ein Spieler wie Prager aus seinem positionstechnischen Naturell gezogen wird und auf dieser fremden Position in einem Heimspiel, in dem Druck gemacht werden muss, das Spiel mitgestalten soll, nachdem er auf derselben Position im Auswärtsspiel in Kharkiv die gesamte zweite Halbzeit sehr schwach spielte.

Linke Seite extrem unsystematisch

Die linke Seite hatten ebenfalls Probleme: Burgstaller, Rapids Bester, rückte stark ein und versuchte sich einmal mehr im Flügelspiel von innen nach außen. Sein Außenverteidiger Thomas Schrammel erwischte jedoch einen rabenschwarzen Tag, spielte feig und undynamisch, wodurch Burgstaller kaum Unterstützung erhielt. Zeitweise war der linke Flügel in Vorwärtsbewegung überhaupt nicht besetzt. Schrammels Grundposition lag gut 5 – 10 Meter hinter der von Trimmel auf der anderen Seite. Burgstaller versuchte im Mittelfeld mehrere Positionen zu bekleiden und der passive Flügel wurde nur selten sinnvoll besetzt, wodurch vertikale Spielverlagerungen nicht möglich waren. Und wenn sie dann doch möglich waren, wurden sie zumeist durch einen unpräzisen Pass im Keim erstickt.

Das Staffellungsproblem im zentralen Mittelfeld

Das zweite Problem bestand in der falschen Staffellung auf zentralen Mittelfeldpositionen. Die Reihenfolge von hinten nach vorne: Ildiz holte sich den Ball, Heikkinen ist erste Anspielstation in der Tiefe, Hofmann versucht davor Löcher zu reißen und sich anzubieten. Doch in dieser Konstellation ist es immer noch schwer den Ball durch die Mitte nach vorne zu treiben. Hier die Gründe:

  • Auch wenn Ildiz diesmal nicht gut spielte und noch mit Inkonstanz zu kämpfen hat, ist er ein technisch guter, ballsicherer Spieler. Er ist der klassische Spieleröffner, der Box-to-Box spielen kann und sich nur sporadisch unmittelbar in den Angriff einschaltet.
  • Heikkinen ist hingegen ein klassischer Sechser und spielt im neuen Rapid-System dennoch in Grundposition vor Ildiz. Auch der Finne bringt ein gewisses Maß an Ballsicherheit mit und wurde zuletzt wieder stärker. Doch Spielwitz oder Mut im Offensivspiel sind für den Routinier Fremdwörter. Er passt praktisch nur vertikal und würde niemals auf die Idee kommen beispielsweise einen Doppelpass mit einer Anspielstation am gegnerischen Strafraum zu suchen und abzuschließen.
  • Wenn nun Hofmann noch vor Heikkinen und Ildiz spielt, liegt es an diesen beiden Spielern, den Kapitän in Szene zu setzen. Der technisch beste Spieler im Team muss also erst von zwei anderen Spielern – einer gut, aber inkonstant, einer routiniert, aber ideenlos – in Szene gesetzt werden, um das Spiel an sich zu reißen.
  • Die Lösung dieses Problems wäre eine Rochade auf der Zentralachse gewesen. Eben so, dass zumindest zeitweise auch Hofmann in die sehr tiefe Ildiz-Rolle schlüpfen sollte. Heikkinen kann durchaus das Bindeglied bleiben, aber wie man in der ersten Hälfte sah, funktionierte der Spielaufbau praktisch nicht. Ganz selten konnte Rapid mit schnellen, kurzen Aktionen über den rechten Flügel Gefahr ausstrahlen. Aber die Mitte wurde von Wiener Neustadt zugemacht und man biss sich aufgrund der eigenen statischen Einstellung ohne Fluktuation auf der Zentralachse die Zähne aus.

Kaum Alternativen auf der Bank

Über den Begriff „Box-to-Box“ und die Vorzüge in modernen Systemen, wenn man gleich zwei oder drei Spieler mit dieser Fähigkeit hat, kann man noch lange diskutieren (bzw. werden wir euch diesbezüglich noch stärker über die Taktiktheorie informieren) – aber die hier begangenen Fehler hatten noch eine weitere Ursache. Normalerweise hätte Peter Schöttel gegen den SC Wiener Neustadt nach 25 oder 30 Minuten wechseln müssen. Die Leistung seines Teams war inferior und dennoch schickte er erst ab der 35.Minute die ersten Spieler zu Aufwärmen. Um den Trainer aber auch in Schutz zu nehmen: Er konnte kaum sinnvoll wechseln!

Nach dem 0:1: Zwei sinnvolle Möglichkeiten – aber keine Spieler dafür

Schimpelsberger, Drazan, Schaub und Prokopic sind verletzt oder rekonvaleszent. Peter Schöttel standen somit inklusive Nachwuchstalent Dobras 16 gesunde Feldspieler zur Verfügung. Es hätte zwei logische Wechselideen gegeben, wenn man die erste halbe Stunde richtig interpretierte: Entweder man bringt einen technisch guten Antreiber fürs zentrale Mittelfeld, also einen „Achter“, der als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive agiert und selbst gefährlich werden kann. Oder man bringt einen „Turm“ für den gegnerischen Sechzehner und probiert es mit der Brechstange und ohne hübsches Ballbesitzspiel im Mittelfeld.

Boskovic und ein Zwei-Meter-Mann

Schöttel hat weder einen boskovic’schen Achter, noch einen nuhiu’schen Brecherstürmer zur Verfügung. Klare Verfehlungen in der Kaderplanung. Dass Nuhiu zu Eskisehirspor abgegeben wurde und Rapid damit nun nur noch zwei echte Stürmer im Kader hat, ist gerade angesichts solcher Spiele wie am Sonntag gegen Wiener Neustadt unverständlich. Dass man sich nie darum kümmerte einen zweiten Mittelfeld-Chef zu holen, der ein Team mitreißen kann und vor allem durch taktische Eigeninitiative auf dem Platz glänzt, ist jedoch eine Verfehlung, die sich bereits seit Sommer 2010 zieht. Während alle anderen Positionen doppelt und gut besetzt sind, sind es die Plätze der Achter und Neuner, die bei Rapid aufzufüllen sind. Und idealerweise nicht nur mit Kaderfüllstoff, sondern mit gestandenen und mutigen Leuten.

Gegen „schwache“ Teams oft schwerer

Das Seltsame an diesen personellen Problemen: Rapid wird sich gegen funktionierende Auswärtsteams mit starken, gut gestaffelten Abwehrformationen (Admira, Wiener Neustadt) womöglich schwerer tun, als gegen direkte Titelkonkurrenten. Anders als andere Mannschaften hat es Rapid sehr schwer einen ungünstigen Spielverlauf mit dem bestehenden Spielermaterial umzudrehen. Das ist einer der Gründe dafür, dass Rapid in der laufenden Ligasaison immer gewann, wenn man in Führung ging und nie gewann, wenn man ein Tor kassierte bzw. in Rückstand geriet.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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