Es war schon eine seltsame Situation, die sich Sonntagabend in Graz-Liebenau abspielte. Sturm Graz qualifizierte sich trotz einer 0:1-Niederlage gegen Rapid für die Europa-League-Qualifikation... Rapid verpasst den Europacup – und hat noch immer nicht dazugelernt…

Es war schon eine seltsame Situation, die sich Sonntagabend in Graz-Liebenau abspielte. Sturm Graz qualifizierte sich trotz einer 0:1-Niederlage gegen Rapid für die Europa-League-Qualifikation und wurde dennoch von den eigenen Fans ausgepfiffen. Die Rapid-Spieler haderten indes mit Schiedsrichter Schörgenhofer und übten sich außerdem in Überheblichkeit.

Das Playoff-Finale war eines, wie es Rapid normalerweise sehr selten passiert. In beiden Spielen gegen Sturm waren die entscheidungsspielerprobten Hütteldorfer die bessere Mannschaft. Verpasst wurde die Europacup-Quali wegen eines Elfmeters, eines Eigentors, der Auswärtstorregel und weil Schiedsrichter Schörgenhofer einen klaren Hand-Torraub von Emeka Eze nach Schwabs Schuss übersah und weiterspielen ließ.

Schlüsselszene ja – aber es ging doch noch über eine halbe Stunde…

Das ist die einfache Erklärung. Rapid hätte allerdings den Schwung der übersehenen Elfmeter- und Rot-Situation auch mitnehmen können, um eine spielerisch tote Sturm-Elf doch noch für ihre Destruktivität zu bestrafen. Kühbauer entschied sich dafür Pavlovic für Badji einzuwechseln und hielt trotz deutlicher Feldüberlegenheit am starren 4-2-3-1 fest, anstatt Risiko zu nehmen.

Hättiwari

Gleichzeitig betone Thomas Murg im Interview nach dem Spiel, dass es „richtig lustig spielen“ war und das Spiel mit einem 2:0 und einer etwaigen roten Karte für Sturm „vielleicht 3:0 oder 4:0 ausgeht“. Das wäre aber nach der nicht geahndeten Eze-Aktion ohnehin noch möglich gewesen – Rapid starb am Ende dennoch wieder in Schönheit. Mit längeren Regenerationszeiten zwischen den letztwöchigen Partien wäre das Pendel wohl auch zugunsten Rapids ausgeschlagen – aber man hatte im Grunddurchgang 22 Partien Zeit, um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, an dieser Terminbredouille teilhaben zu müssen.

„Ich hab‘ mit den Fans noch nicht geredet“

Rapid-Kapitän Stefan Schwab trat nach dem Spiel vor die Sky-Kameras und betonte, dass es Rapid eindeutig verdient hätte, den Europacup zu erreichen. Unter anderem deshalb, weil man im Cup-Finale und in der ersten K.O.-Runde der Europa League stand und die Saison somit teilweise gut war. Auf die Frage von Reporter Jörg Künne, wieso das die Fans – die ihre Mannschaft nach dem Spiel wegschickten –  offenbar anders sehen, leitete Schwab mit „ich weiß nicht, ich hab‘ jetzt mit den Fans noch nicht geredet“ ein…

Über ganze Saison: Gerade der fehlende Nachdruck stößt den Fans sauer auf

Immerhin gestand Schwab den Fans zu, dass sie mit dem siebten Endrang in der Bundesliga unzufrieden sein dürfen. Es gäbe ja zwei Meinungen und manche Fans hätten applaudiert, weil sichtbar war, dass sich Rapid voll reinhaute. Ob da nicht ehrlich gemeinter Applaus mit ein bisschen Häme verwechselt wurde? Dem Rapid-Kapitän sei versichert, dass absolut kein Rapid-Fan mit dem Abschneiden in der Liga und nur die allerwenigsten mit dem gezeigten Einsatz zufrieden sind. Ein Blick in eines der Rapid-Foren reicht, um eine Bestätigung hierfür einzuholen.

Nicht die richtigen Spieler für eine lange Saison

Rapid hat eine lange, schweißtreibende Saison hinter sich – gar keine Frage. 53 Pflichtspiele sind für einen österreichischen Verein keine Selbstverständlichkeit. Der Kader war zwar groß genug, um diese Belastung zu stemmen, aber eindeutig nicht mit den richtigen Spielern bestückt. Es fehlten die „echten Rapidler“…

Glück ist selbstverständlich, Pech wird „gut verkauft“

Am Ende wurden alle nationalen Saisonziele verfehlt. Eine positive Ausnahme stellt das Überwinden der Europa-League-Gruppenphase dar, obwohl man sich danach Inter Mailand zumindest offensiv kampflos ergab, was aber keinen Beinbruch darstellt. Dies schaffte zumindest die wichtige finanzielle Konsolidierung, ohne der die heurige Seuchensaison endgültig zum Super-GAU geworden wäre. Dennoch wird nun – nachdem klar ist, dass das wichtigste Saisonziel verfehlt wurde – immer wieder auf die Errungenschaften in dieser Seuchensaison hingewiesen und mit etwas mehr Glück, also einem Elfer und Rot für Eze, hätte man „ganz sicher“ auch die Hürde Sturm genommen. Stimmt – aber mit etwas weniger Glück scheidet Rapid in Bukarest aus und erreicht nicht mal die Europa-League-Gruppenphase und fliegt im Cup-Halbfinale in Pasching gegen den deutlich stärkeren LASK raus, anstatt im Elferschießen die Finalteilnahme zu fixieren.

Der blutleere Herbst fällt Schwab & Co. auf den Kopf

Glück, Pech, Schiri – wertlose Ausreden… Rapid hat seine Ziele heuer aus ganz anderen Gründen verfehlt. Nämlich unter anderem deswegen, weil genau diejenigen, die sich jetzt vor die Kameras stellen und von Pech und unverdienten Ausgängen reden, bereits in der ersten Saisonhälfte in zahlreichen Spielen keine 100%, sondern häufig nur 70-80% gaben und nicht dorthin gingen, wo es wehtut. Die allerwenigsten Kaderspieler Rapids dürfen sich hier ausnehmen.

Eigeninteressen vor Teaminteressen

Rapid hat die Ziele deshalb verfehlt, weil nahezu alles wichtiger war als das Team. Beinahe jeder schaute auf sich selbst, das Kollektiv trat in den Hintergrund und öffentliche Demut war in vielen Fällen nicht vorhanden. Stattdessen übte man sich in Arroganz, Überheblichkeit und vor allem fehlerhafter Selbstreflexion. Die Trainer seien hier vorerst (!) ausgenommen, weil sie über die mentalen Schwächen dieser Mannschaft Bescheid wissen, aber nicht viel ausrichten konnten. Wie ernst es Kühbauer und Barisic mit der „Mentalitäts-Offensive“ meinen, wird sich erst in den nächsten Wochen weisen, wenn man weiß, wie groß der Umbruch wird.

Teilweise Zustände wie in der Landesliga

Rapid hat seine Ziele auch deshalb verfehlt, weil in manchen Bereichen wohl selbst bei den vielgescholtenen Provinzklubs besser gearbeitet wird. Ob sich bei einem solchen ein Stammspieler am Sonntag vor einer Woche mit drei (!) wichtigen Spielen mit Himbeersturm, Schnitzelsemmel und Bratlfettnbrot zum Heurigen setzt, sei dahingestellt. Es ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, dass Rapid bei seinen Spielern teilweise die falschen Zügel in der Hand hat und, dass die Charakterüberprüfung vor einer Vertragsunterzeichnung noch wesentlich intensiver betrieben werden muss, aber auch die Alltagsabläufe besser durch den Verein vorgegeben werden müssen. Nicht nur im hochprofessionellen Salzburg lacht man sich an dieser Stelle wohl ins Fäustchen…

Dibon übt Kritik zwischen den Zeilen

Klartext ohne Umschweife hörte man eigentlich nur vom „wahren Kapitän“ Christopher Dibon, der auch vorsichtige, aber gerade deshalb berechtigte Kritik an Mitspielern durchklingen ließ. Es gelte nun, eine schlagkräftige Mannschaft für die nächste Saison aufzubauen – und diejenigen, die bei Rapid bleiben dürfen, müssen sich hinterfragen, ob sie wirklich alles dem sportlichen Erfolg untergeordnet haben. Wenn man bedenkt, wie viele ganz normale Menschen alles diesem Verein unterordnen, ist das tatsächlich eine berechtigte Kritik, die man schon mal äußern darf. Weichgespülte Ansagen und Antworten bzw. die fragwürdige Selbstreflexion hat man im Rapid-Universum ohnehin schon satt.

Rapid muss wieder „leiwand“ werden

Der Rapid-Fan ist leidensfähig. Irgendwann wird es aber auch dem eingefleischtesten Fan zu viel. Nicht, weil Titel ausbleiben oder einzelne Ergebnisse enttäuschen, sondern weil die ganze öffentliche Darstellung und das auf dem Platz Dargebotene nicht Rapid-würdig ist. Es gab zu viele Spiele, Interviews und Vorfälle, die schlichtweg nichts damit zu tun haben, wofür Rapid steht. Mit einer ehrlichen, selbstkritischen, aber vor allem kämpferischen Herangehensweise aller Beteiligten wäre man derzeit in Fankreisen schon zufrieden. Dann wäre Rapid wieder „leiwand“ und das würde sich unweigerlich auf die Ränge übertragen, wodurch der Erfolg früher oder später von alleine kommen wird.

Sturm zeigt vor, wie’s geht

Auf der anderen Seite steht der SK Sturm, der nun auf eine hässliche und pragmatische Art und Weise den Europacup erreichte, von den Fans ausgepfiffen wurde und danach trotzdem nicht in Selbstmitleid ob der Reaktion versank, sondern nicht mit Selbstkritik geizte. Sieht man sich Lukas Spendlhofers Reaktion nach dem Spiel an, könnte man meinen, dass Sturm den Europacup knapp verpasste – und nicht Rapid. „Viel schlechter als diese Saison können wir es nicht machen“, betonte der Sturm-Kicker, der sich gerade für den Europacup qualifizierte. Und diese Reaktion kommt vom Spieler einer Mannschaft, die einer wesentlich geringeren Erwartungshaltung unterliegt als Rapid und dennoch ihr Saisonziel erreichte. Im Westen Wiens sollte mal jeder über diese Reaktion nachdenken…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen