Sturm Graz konnte mit einem verdienten und über 90 Minuten ungefährdeten Auswärtssieg gegen das Tabellenschlusslicht St. Pölten die Tabellenführung behaupten. Dabei war das Spiel,... Sturm siegt in St. Pölten: Hohe taktische Flexibilität auf beiden Seiten

Sturm Graz konnte mit einem verdienten und über 90 Minuten ungefährdeten Auswärtssieg gegen das Tabellenschlusslicht St. Pölten die Tabellenführung behaupten. Dabei war das Spiel, vor allem dank der Kreativität der beiden Trainer, aus taktischer Sicht äußerst interessant und wechselhaft, wodurch die erste Halbzeit im Zeichen von Systemumstellungen auf beiden Seiten stand. Deshalb lohnt es sich, die erste Hälfte etwas genau unter die Lupe zu nehmen.

Grundordnungen und Personal

Oliver Lederer schickte seine Mannschaft wie schon beim Unentschieden gegen die Admira mit einer 5-3-2 Grundordnung aufs Feld, an der er auch bezüglich der personellen Zusammensetzung nicht allzu viel änderte.
Vor Riegler im Tor bestand die Fünferkette aus den Flügelverteidigern Mehmedovic auf links und Stec auf der rechten Seite. Das Zentrum der Fünferkette wurde von Muhamedbegovic, Petrovic und Diallo gebildet, wobei Petrovic im Aufbauspiel eine interessante Rolle innehatte, auf die wir später noch etwas genauer eingehen werden. Martic gab im Dreier-Mittefeld den zentralen Part, links neben ihm auf der Acht begann Rasner während auf der rechten Achter-Position erneut Bajrami zum Zug kam.
Die Sturmlinie bestand aus Thürauer und Riski.

Auch Franco Foda ging die Partie gegen St. Pölten mit einer leicht veränderten Struktur im Mittefeld an. Meistens hat man in der bisherigen Saison ein flaches 5-4-1 gesehen, welches im Ballbesitz zu einem 3-4-3 wurde. Gegen St. Pölten war es zu Beginn im Spiel gegen den Ball eine 5-3-1-1 Grundordnung, welche im eigenen Aufbauspiel zu einem 3-3-3-1 umfunktioniert wurde.
Gut möglich, dass dies von Foda eine spezifische Anpassung an die Struktur von St. Pölten war. Auf alle Fälle ist in dieser Saison sehr deutlich erkennbar, dass Sturm taktisch äußerst flexibel agieren kann und die Spieler einige Systemvarianten problemlos abrufen können. Dieser Wandel kommt doch ein wenig überraschend, hielt Franco Foda doch über Jahre fast schon dogmatisch an seinem 4-4-2 fest. Diese Flexibilität könnte aber noch ein Trumpf im weiteren Saisonverlauf werden.

Auch personell ist Sturm dank einer klugen Transferpolitik sehr gut aufgestellt, so auch gegen die Niederösterreicher. Vor Siebenhandl bestand die Dreierkette wieder aus Maresic im Zentrum und Schulz links bzw. Koch rechts neben ihm auf den Halbpositionen. Die Flügelverteidigerpositionen bekleideten Lykogiannis auf links und Potzmann auf rechts.
Den alleinigen Sechser gab zu Beginn James Jeggo, während Zulj und Hierländer leicht versetzt vor ihm auf den variablen Achterpositionen spielten.
Ein guter Schachzug von Foda war auch die Aufstellung des schnellen Huspek als vorderste Sturmspitze. Er agierte meist auf Höhe der Abseitslinie und setzte zu vielen tiefen Sprints hinter die Abwehrkette an, wo er aufgrund seiner Schnelligkeit einige gefährliche Situationen herstellen konnte. Deni Alar agierte hinter ihm und bot sich als „Kontrast“ sozusagen für Zuspiele im Zwischenlinienraum an.

Das 5-3-2 von Lederer überlebt nicht lange

Wie bereits erwähnt formierten sich die Niederösterreicher im Spiel gegen den Ball in einer 5-3-2 Systematik. Als aktive Pressingzone wählte man dabei ein moderates Mittelfeldpressing. Riski und Thürauer bewegten sich deshalb meist um den Mittelkreis herum und stellten die Passoptionen für Sturm in den Sechserraum auf Jeggo zu.

Das Mittelfeld agierte so, wie man es standardmäßig aus einem 5-3-2 Pressing kennt. Die Achter Rasner und Bajrami zogen sich mit dem Sechser Martic zusammen, wodurch jeder eine Bahn (Martic das Zentrum, Rasner und Bajrami die Halbräume) zu kontrollieren hatte.

Aktiv wurde der Pressingmechanismus von St. Pölten häufig bei einem Pass der Grazer Halbverteidiger auf die Flügelverteidiger Potzmann und Lykogiannis. In solchen Situationen verließen Stec und Mehmedovic die Fünferkette und schoben mannorientiert auf das Grazer Pendant heraus.
Obwohl der Gedanke natürlich nicht schlecht ist, war das Absicherungsverhalten bei solchen aktiveren Pressingbewegungen nicht gut. Vor allem die restlichen Spieler der Fünferkette schoben häufig nicht sauber genug nach und hatten dadurch keinen Zugriff auf den Raum hinter dem aufgerückten Flügelverteidiger. Das 0:2 von Alar war exemplarisch dafür. Koch führte im rechten Halbraum den Ball und Mehmedovic rückte deshalb (zu) früh aus der Fünferkette heraus um Potzmann zuzustellen. Stefan Hierländer erkannte dies und rückte in den Raum hinter Rasner und Mehmedovic, wo er von Koch angespielt wurde und sich im Anschluss locker aufdrehen konnte und die Vorarbeit zum Tor von Alar geben konnte. Die Restverteidigung von St. Pölten stand irgendwo aber nur nicht dort, wo eine potentielle Gefahrensituation entstehen hätte können und dann auch entstanden ist.
Im grundsätzlich kompakten Mannschaftsverbund von St. Pölten führte dies einfach zu vielen Instabilitäten, welche von Sturm Graz auch sehr gut bespielt worden sind.

In der Grafik sieht man die Strukturen beider Mannschaften, wenn Sturm das Spiel aus der Dreierkette heraus aufbaute. Zulj und Hierländer vor Jeggo auf den Achter-Positionen und Deni Alar als hängende Spitze hinter Huspek, der mit seinen Läufen immer wieder Räume öffnen konnte und Platz für seine Mitspieler schuf.

Die Petrovic-Hybridrolle

Auch wenn das Experiment mit Petrovic nur ca. eine halbe Stunde dauerte ist es zumindest eine Erwähnung wert. Vor allem auch, weil man derart unkonventionelle Maßnahmen ansonsten in der heimischen Bundesliga eher selten zu sehen bekommt.
Petrovic bekam von Lederer die Sonderrolle, bei eigenem Aufbauspiel aus der Dreierkette herauszurücken und ins Mittefeld vorzuschieben. Dadurch entstand in der ersten Aufbaulinie de facto eine gewöhnliche Viererkette mit den beiden Innenverteidigern Muhamedbegovic und Diallo. Petrovic unterstützte mit seiner Rochade das zentrale Mittefeld neben Martic.
Dadurch entstanden im Mittelfeld vereinzelt sogar drei Linien. Die tiefste mit den beiden Sechsern Petrovic und Martic, eine davor mit den Achtern Rasner und Bajrami und die vorderste mit den Stürmern Riski und Thürauer. Die Breite gaben dazu die beiden aufgerückten Außenverteidiger.

Bisher kennt man diese Variante ja unter dem Begriff „abkippende Sechs“, nur genau andersherum. Hier lässt sich der Sechser im eigenen Aufbauspiel zwischen die Innenverteidiger fallen und bildet eine Dreierkette. Petrovic machte aber genau das Gegenteil. Die genau selbe Variante nutzte auch vor einigen Wochen in Deutschland Andre Breitenreiter mit seinen Hannoveranern gegen Schalke 04, welche Tobias Escher in seiner Kolumne auf spielverlagerung.de auch aufgegriffen hat.

Umstellung auf ein konservatives 4-4-2

Nach dem zweiten Gegentreffer sah sich Oliver Lederer gezwungen einzugreifen und das System umzustellen.
Bereits noch vor der Auswechslung von Diallo wechselten Thürauer und Rasner die Positionen und Thürauer übernahm dessen Position im Mittefeld. Bereits zu diesem Zeitpunkt war vermehrt ein klassisches 4-4-2 zu erkennen, Petrovic blieb vermehrt im zentralen Mittefeld neben Martic.

Spätestens nach der Auswechslung von Diallo war die Umstellung endgültig vollzogen. Der Aufenthalt von Petrovic im Mittelfeld war nur von kurzer Dauer, er wechselte wieder zurück in die Innenverteidigung neben Muhamedbegovic. Das zentrale Mittelfeld bestand jetzt aus Martic und Rasner, Bajrami ging auf den rechten Flügel und der eingewechselte Balic ordnete sich auf dem linken Flügel ein. Thürauer und Riski waren nun wieder gemeinsam im Sturm zu finden.

Nach den konfusen ersten 30 Minuten tat sich diese konservative Umstellung wohltuend und stabilisierend auf das Defensivverhalten der Niederösterreicher aus. Die zwei Viererketten positionierten sich in der eigenen Hälfte und fokussierten sich auf passive Verschiebebewegungen. Durch diese Umstellungen änderten sich auch die Zuordnungen auf den Flügeln. Die Außenverteidiger Stec und Mehmedovic blieben nun wesentlicher tiefer und rückte nicht mehr auf die Grazer Flügelverteidiger heraus, was sich ebenfalls stabilisierend auf die eigene Defensive auswirkte. Potzmann und Lykogiannis fielen nun in den Zuständigkeitsbereich der beiden Flügelspieler.

Auch Franco Foda reagiert auf die Umstellung

Aber auch an Franco Foda ging diese Umstellung nicht tatenlos vorbei. Wenige Minuten nach der Umstellung von Lederer beorderte er Huspek von der Sturmspitzte in das rechte Mittelfeld zurück und Stefan Hierländer ging auf den linken Flügel. Zulj und Jeggo bildeten das Sechser-Duo. Dadurch war wieder die gewohnte 5-4-1 Grundordnung im Spiel der Grazer hergestellt.
Auch diese Umstellung war passend und machte Sinn. Im 4-4-2 der St. Pöltener waren die Flügelzonen nun doppelt besetzt, wodurch sich für die Steirer im 5-3-1-1 durchaus ein paar Probleme in Form von Unterzahlsituationen ergeben hätte können. Mit einem flachen Vierer-Mittelfeld konnte man die Breite des Platzes doch wesentlicher stabiler abdecken.

Dazu gab es nach der 2:0 Führung auch schlichtweg nicht mehr die Notwendigkeit, unnötiges Risiko im Pressing einzugehen. Man verlagerte die Pressingzone ebenfalls in die eigene Hälfte und konzentrierte sich auf ein sauberes ballorientiertes Verschieben. St. Pölten bekam dadurch zwar etwas mehr Spielkontrolle, ohne aber wirklich gefährlich vor das Tor der Blackies zu kommen.

Die Strukturen ab ca. der 40. Minute. Von da weg blieb das Bild bis zum Schlusspfiff in etwa gleich.

Fazit

Dieses Spiel war aus taktischer Sicht mit Sicherheit eines der interessantesten in der bisherigen Saison der heimischen Bundesliga. Was beide Mannschaften bezüglich Flexibilität und Anpassungsfähigkeit boten war durchaus Werbung für den oft (zu Unrecht) kritisierten österreichischen Ligafußball.

Sturm Graz hat erneut, vor allem im eigenen Ballbesitzspiel, gezeigt, dass sie in Österreich eine Topmannschaft sind. Sie verfügen über eine gute Raumaufteilung und versuchen konsequent enge Situationen mit ihren pressingresistenten Akteuren spielerisch zu lösen. Neben kleinräumigen Aktionen streuten sie gegen St. Pölten auch immer wieder gute Diagonalpässe in ihr Spiel ein.
Die Entwicklung von St. Pölten wird auch trotz dieser deutlichen und verdienten Führung interessant sein zu beobachten. Zumindest wenn Oliver Lederer auf der Bank sitzt sind unkonventionelle Matchpläne und ein aktives In-Game-Coaching garantiert…

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank

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