Es ist die eine Frage, die Fußball-Österreich seit Wochen, ja eigentlich Jahren beschäftigt. Doch ist ein Fußball-Nationalstadion wirklich notwendig? Wie und wo könnte ein... Kommentar: Braucht Österreich ein Nationalstadion?

Es ist die eine Frage, die Fußball-Österreich seit Wochen, ja eigentlich Jahren beschäftigt. Doch ist ein Fußball-Nationalstadion wirklich notwendig? Wie und wo könnte ein solches entstehen? Und würde es sich finanziell ausgehen beziehungsweise lohnen?

Der Status-Quo

Die Frage nach einem Fußball-Stadion eigens für die Nationalmannschaft kam in den letzten Wochen wieder vermehrt auf, tatsächlich wird über dieses Thema in Österreich aber bereits seit Jahren heiß diskutiert. Der Wiener Sport-Stadtrat Peter Hacker (SPÖ) schloss ein neues Stadion in Wien erst kürzlich nahezu gänzlich aus, relativierte seine Aussagen gegenüber LAOLA1 aber wieder ein wenig. Nach seiner Meinung müsse man zuallererst prüfen, ob das Ernst-Happel-Stadion im Wiener Prater hinsichtlich der nächsten Jahre baulich in Ordnung sei. Jedenfalls ist er bekanntermaßen nicht bereit, mehrere hundert Millionen Euro in ein Fußball-Stadion zu investieren, welches dann nur ein paar Mal im Jahr genutzt würde.

Was spricht für ein Nationalstadion?

Ein Punkt, der definitiv für ein neues Stadion spricht, ist die Problematik des Ernst-Happel-Stadions. Dieses ist nicht nur aufgrund der Laufbahn und der dadurch weit vom Spielfeld entfernten Rängen ein absoluter Stimmungskiller und folglich nur mäßig für Fußballspiele geeignet, sondern verfügt außerdem nicht mehr über essenzielle moderne Standards, beispielsweise im VIP-Bereich. So eignet es sich nicht für ein etwaiges Europa-League- geschweige denn Champions-League-Finale. Am Rande zu erwähnen ist, dass sich das Happel-Stadion in den vergangenen Jahren gelegentlich als ‚zu klein‘ erwiesen hat. So hätte der ÖFB während der EM-Quali 2016 oder beim Testspiel gegen Brasilien 2014 weit mehr als die 48.500, die ins Happel-Oval passen, verkaufen können. Obwohl die WM-Quali 2018 ernüchternd gezeigt hat, dass es, wenn es für die Nationalmannschaft mal nicht läuft, zuschauertechnisch auch ganz anders aussehen kann, könnte ein modernes Fußballstadion doch einige Fans aus ihren Wohnzimmern locken.

Was spricht gegen ein Nationalstadion?

Der größte Contra-Punkt ist wohl der, nicht zu vernachlässigende, finanzielle Aspekt. Abgesehen von der immensen Summe, die für einen Neubau aufzubringen wäre, würde das Happel-Stadion dadurch weniger genutzt. Trotzdem wird es irgendwann wieder saniert werden müssen, was weitere Kosten, die dann gar nicht in das neue Stadion flößen, verursachen würde. Den hohen Ausgaben, die für die Stadt Wien wohl nicht realisierbar wären, stünde ein vergleichsweise niedriger Nutzungsanteil gegenüber. Schließlich gibt es selbst durch Nations League und WM- beziehungsweise EM-Qualifikation die begrenzte Anzahl von maximal acht Heim-Pflichtspielen pro Jahr. Gerade bei letzterem sind allerdings in Österreichs Fall für gewöhnlich nur ein bis maximal zwei fußballerisch attraktive Gegner dabei, der Rest könnte in der Kragenweite von Lettland, Nordmazedonien und Slowenien sein. Sollte man in ein neues Stadion investieren, wären somit nahezu sämtliche Spiele der Nationalmannschaft gewissermaßen daran gebunden, womit Spiele in Klagenfurt, Salzburg oder Innsbruck zur Seltenheit würden. Schließlich muss garantiert werden, dass das ausgegebene Geld sukzessive regeneriert wird.

Das Happel-Stadion eignet sich immerhin ausgezeichnet für andere Events wie Konzerte und wird darüber hinaus auch für Football oder Leichtathletik genutzt. Dies würde bei einer reinen Fußballarena klarerweise wegfallen. Da die Stadt Wien fürs Erste nicht bereit ist, ausreichend Geld in die Hand zu nehmen, scheint ein Privatinvestor die einzige realistische Lösung darzustellen. Dies könnte sich ohnehin als schwieriges Unterfangen erweisen, zumal erst einmal jemand gefunden werden muss, der bereit ist, ausreichend Geld zu investieren.

Die Ortsfrage

Als Sportstadtrat Hacker in Vertretung der Stadt Wien erklärte, was er von der Finanzierung einer modernen Arena hält und damit indirekt eine Absage erteilte, schalteten sich auch Niederösterreich und das Burgenland ein. Diese dachten die Gemeinden Bruck an der Leitha und Parndorf an. Auch wenn ersteres ohnehin bereits mehr oder weniger aus dem Rennen zu sein scheint – In Wahrheit kommt kein Standort außerhalb Wiens in Frage. Öffentliche Anbindung und Infrastruktur sind hier mit Abstand am besten. Darüber hinaus findet man in einer Millionen-Metropole wie Wien eine ist, schlicht und ergreifend ein wesentlich größeres Fanpotenzial vor, als in den oben genannten Gemeinden. Ganz abgesehen davon würde es sich der ÖFB mit den mehrheitlich in Wien beheimateten Fangruppen, die jetzt schon bei jedem Spiel außerhalb Wiens aufschreien, wohl endgültig verscherzen.

Das Konzept

Vorausgesetzt ein oder mehrere private Investoren steigen bei dem Projekt ein und der ÖFB schafft gemeinsam mit der Stadt Wien die nötigen Rahmenbedingungen, um in der Bundeshauptstadt ein neues Nationalstadion zu errichten, wäre die nächste Frage, wie dieses denn aussehen soll. Das PGE Narodowy in Warschau, welches als Heimat der polnischen Nationalelf fungiert, ist wahrscheinlich das perfekte Beispiel für ein adäquates Nationalstadion. Mit knapp 60.000 Plätzen hat es eine vermutlich ideale Größe. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, es neben dem Fußball nachhaltig zu nutzen (so fand beispielsweise 2013 die Weltklimakonferenz auf dem umfunktionierten Spielfeld statt). Das einfahrbare Dach, das schicke Außendesign und weitere moderne Vorrichtungen haben allerdings auch ihren Preis. Immerhin 465 Millionen Euro wurden in die Arena investiert.

Das wäre wohl trotz noch so potenter Investoren schwer zu stemmen. Ein Stadion dieser Größenordnung hat nun mal seinen Preis. Sollten die finanziellen Hürden jedoch überwunden werden, wären in etwa 60.000 Plätze wohl angebracht. Denn eine Fußballarena mit ebendieser Menge an rot-weiß-roten Fans könnte eine neue zuvor nie gesehene Atmosphäre entfalten, das Stadion der Nationalmannschaft wieder zu einem Hexenkessel und Wien zu einer uneinnehmbaren Festung machen.

Kommentar von Simon Fuchs für abseits.at

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Simon Fuchs