47.500 Zuschauer warteten gestern Abend im Ernst-Happel-Stadion vergeblich auf einen Treffer. Die österreichische Nationalmannschaft konnte gegen eine schwach auftretende türkische Auswahl die letzte Chance... Nullnummer im Ernst-Happel-Stadion – Constantinis letzter Akt?

47.500 Zuschauer warteten gestern Abend im Ernst-Happel-Stadion vergeblich auf einen Treffer. Die österreichische Nationalmannschaft konnte gegen eine schwach auftretende türkische Auswahl die letzte Chance zur EM-Qualifikation nicht nutzen und darf die verbleibenden zwei Spiele als Probelauf für die WM-Qualifikation 2014 verstehen – höchstwahrscheinlich mit einem neuen Trainer, denn die Tage von Teamchef Didi Constantini scheinen gezählt zu sein

Obwohl die österreichische Nationalmannschaft nach elf Monaten endlich wieder kein Tor kassierte, wird sich Didi Constantini einiges an Kritik gefallen lassen müssen. Die türkische Nationalmannschaft hinterließ gestern Abend alles andere als einen guten Eindruck, machte zahlreiche Fehler im Aufbauspiel und setzte Österreich kaum unter Druck. Einsatz und Körpersprache erinnerten an das lasche Auftreten vom knappen 2:1-Sieg gegen Kasachstan. Einerseits fehlten dem türkischen Teamchef Guus Hiddink einige wichtige Leistungsträger, andererseits hatten die Spieler, die in der türkischen Liga tätig sind, keine Spielpraxis, da wegen des Manipulationsskandals die Meisterschaft erst kommendes Wochenende anfängt. Die Voraussetzungen für einen Heimsieg standen im Vorfeld dieser Partie nicht schlecht – nach dem Schlusspfiff durfte sich dennoch die türkische Auswahl als Sieger fühlen, denn die Punkteteilung half Guus Hiddinks Truppe weit mehr. Die Türken befinden sich zwei Partien vor Schluss zwei Punkte vor Belgien und befinden sich auch im Falle eines Punktegleichstands im Play-off, da sie im direkten Duell gegen die Belgier die Nase vorne haben. Österreich hingegen hat nach acht Spielen nur acht Punkte auf dem Konto und spielt am 07. Oktober auswärts gegen Aserbaidschan um den fünften Gruppenplatz.

WARUM DER ÖSTERREICHISCHEN NATIONALMANNSCHAFT KEIN TREFFER GELANG?

Didi Constantini zog Ekrem Dag nach hinten auf die rechte Seite der Viererkette, da er hoffte, dass der Beşiktaş-Spieler Arda Turan besser unter Kontrolle bringen würde als Florian Klein. Daniel Royer wechselte auf den freien Platz im rechten Mittelfeld und David Alaba, der gestern Abend der einzige große Lichtblick war, kam im linken Mittelfeld zum Zug, Paul Scharner kam nach seiner Sperre zurück in die Startaufstellung und spielte zentral neben Julian Baumgartliner. Martin Harnik hing in der Luft und war als hängende Spitze nicht zu gebrauchen. Das System, das der ORF zu Beginn der Partie als eine 4-2-3-1-Formation einblendete, erwies sich als ein 4-4-2-System, wobei David Alaba und Daniel Royer zeitweise auf der gleichen Höhe mit Marko Arnautovic und Martin Harnik agierten, sodass das System mit ein wenig Phantasie an Béla Guttmans 4-2-4-System erinnerte, das er in den 50er-Jahren in Brasilien zum Einsatz brachte. Wenn man die Phantasie wieder ausblendet, dann bleibt ein langweiliges 4-2-2-2-System über, dem es besonders im Zentrum an Kreativität fehlte.

Eine Alternative wäre eine echte 4-2-3-1-Formation gewesen, in der Martin Harnik Daniel Royer ersetzt und ein kreativer Spieler wie Zlatko Junuzovic, oder Andreas Ivanschitz (!!) im zentralen offensiven Mittelfeld Gefahr über die Mitte erzeugen kann. Auf diese Weise hätte die österreichische Nationalmannschaft auch nicht eine 2:3-Unterzahl im zentralen Mittelfeld gehabt. Die Türken konnten diese Überzahl zwar nur selten zur Geltung bringen, gegen andere Mannschaften wären Baumgartlinger und Scharner gestern Abend jedoch weit mehr unter Druck geraten. Gefährlich wurden die Österreicher meist nur über die linke Seite, auf der David Alaba wieder einmal sein großes Talent eindrucksvoll unter Beweis stellte. Technik, Übersicht und Körpersprache hoben ihm von Rest der Truppe deutlich ab.

Auffallend ist wieder einmal, dass einige Legionäre, die bei ihren Vereinen absolute Leistungsträger sind, ihre Klasse im Nationalteam nicht bestätigen können. Man kann zwar immer einen schlechten Tag erwischen, aber Christian Fuchs, vor dessen Karriereentwicklung man ansonsten nur den Hut ziehen kann, erwischte eine schlechte EM-Qualifikation. Dasselbe gilt für Paul Scharner, dessen Leistung vom Einsatz her zwar in Ordnung war, der aber eine Unmenge an technischen Fehlern beging. Scharner ist zwar auch in der Premier League nicht als großer Techniker bekannt, macht aber bei Weitem weniger individuelle Fehler als im Nationalteam. Dass Martin Harnik als hängende Spitze im Zentrum nicht zur Geltung kommt, muss sich der Teamchef ankreiden lassen.

ENTTÄUSCHENDE GASTMANNSCHAFT MIT PUNKT ZUFRIEDEN

Auch bei der türkischen Aufstellung erwies sich die ORF-Einblendung vor Spielgewinn als zu optimistisch. Statt einer offensiven 4-3-3-Formation bekamen die Fans ein vorsichtiges 4-2-3-1-System zu sehen. Guus Hiddink überraschte selbst die türkischen Medien, die mit Mehmet Ekici und Kazim-Kazim in der Startaufstellung rechneten. Stattdessen begannen Toulouse-Legionär Umut Bulut und Galatasaray-Spieler Yekta Kurtulus, der vor dieser Partie insgesamt erst acht Minuten für die Türkei auf dem Platz stand. Innenverteidiger Servet Cetin, auch Bionic-Servet genannt, begann ein wenig überraschend statt Serdar Kesimal. Auch bei den Türken kam erwartungsgemäß mehr über die Außenseiten, wobei insbesondere Burak Yilmaz und Sabri Sarioglu auf der rechten Seite im Laufe der Partie einiges an Druck erzeugten und dem unsicher wirkenden Christian Fuchs große Probleme aufgaben. Arda Turan wiederum war bei Ekrem Dag in guten Händen und konnte nicht die Akzente setzten, die man vom Atlético-Madrid-Stürmer gewohnt ist. Im Gegenzug gelang es Ekrem Dag jedoch auch nicht sich entscheidend in die Offensive einzuschalten, weshalb Daniel Royer ein wenig in der Luft hing und nicht wie gewünscht zur Geltung kam. Am Ende der Partie wurde Arda Turan zur tragischen Figur, da er einen Elfmeter verschoss und anschließend völlig unbedrängt einen Kopfball neben das Tor setzte. Aufgrund der Schlussphase waren die Gäste einem Sieg näher und Österreich könnte sich über diese Punkteteilung freuen, wenn nicht die Ausgangslage diktieren würde, dass dieser Punkt sportlich fast wertlos ist.

FAZIT

Leider hatte man nicht den Eindruck, dass Didi Constantini unbedingt die nötigen drei Punkte holen wollte. Aufgrund der Ausgangslage hätte der Trainer gegen Ende der Partie weit mehr riskieren müssen, denn der eine Punkt hilft uns höchstens im Kampf um Platz vier gegen Aserbaidschan. Symptomatisch war die Einwechslung von Stefan Maierhofer in der 93. Minute, die nur dann einen Sinn macht, wenn man ein wenig Zeit verzögern will, um einen Vorsprung zu halten. Maierhofer hätte in der 67. Minute statt Hoffer kommen sollen, denn der schnelle Konterstürmer kam zu einem Zeitpunkt in die Partie, in der es das Nationalteam hauptsächlich mit hohen Bällen nach vorne versuchen musste. Wieder einmal muss sich Constantini einige kritische Fragen zu seiner Aufstellung gefallen lassen – nicht nur von unbequemen „Kapperl-Journalisten“, sondern auch von ORF-Reportern, die in letzter Zeit zur Abwechslung gezielte Fragen zur Taktik stellen.

Nach der Partie widersprach sich der Teamchef selbst: „“Die Leistung war, glaube ich, in Ordnung. In der ersten Hälfte hatten wir Glück, dass wir keinen Elfer gegen uns bekommen haben, am Ende auch, als Pascal Grünwald den Elfer gehalten hat. Wir sind hinten gut gestanden, sehr konsequent gewesen, das ist nicht so leicht, wenn die Türken zum Spielen anfangen. Das haben sie erst in der letzten Viertelstunde gemacht.“

Wir fassen zusammen: Der Teamchef glaubt, dass er mit der Leistung zufrieden sein kann, obwohl er zugibt, dass wir gegen einen Gegner, der 75 Minuten lang weit unter seinen Möglichkeiten blieb, viel Glück hatten. Da will man sich gar nicht ausmalen was gewesen wäre, wenn die Türkei 75 Minuten lang gut gespielt und das österreichische Team Pech gehabt hätte.

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

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